Stephan Maus

Kathrin Schmidt: ‘Koenigs Kinder’ (SZ)

Familienaufstellung im Speckgürtel - Kathrin Schmidt konstruiert ein dynastisches Puzzle: “Koenigs Kinder” (SZ, 18.03.03)

Kehlkopf-Schlitzer flickt sein Opfer!

Der Rechtsanwalt Marl findet an einer Tankstelle im Osten Berlins ein ausgesetztes Mädchen, dem die Kehle durchgeschnitten und wieder zusammengenäht wurde. Was gewöhnlich Stoff für Boulevardschlagzeilen ist, benutzt Kathrin Schmidt in ihrem neuen Roman als Anlaß zu einem großen Tableau komplexer, überkreuz konstruierter Psychostudien. Eine derart gewalttätige Romaneröffnung wirkt wie eine literarische Wette: Die Autorin engagiert sich, einen besonders gewagten Stoff einfühlsam zu gestalten. Kathrin Schmidt gewinnt diese Wette mit Bravour.

Eine Tankstelle ist ein passender Fundort für die „kleine Janina“, wie das Opfer schnell von den Medien genannt wird: Das Mädchen wird zum emotionalen Katalysator für vier ganz unterschiedliche Familien, die auf den ersten Blick und den ersten hundert Seiten keine tiefer gehenden Bindungen zueinander haben. Das Schicksal des verletzten Mädchens führt ihnen allen die eigenen Kindheitsverletzungen und ihr gestörtes Verhältnis zu Kindern vor Augen. So leidet die homosexuelle Beziehung zwischen dem Anwalt Marl und seinem Lebensgefährten Frieling an Marls obsessivem Kinderwunsch. Marl versteht sich bald als Anwalt des mißhandelten Kindes, und sein Adoptionsbegehr droht, sich in eine immer verfänglichere Liebe zu dem Mädchen zu verwandeln. Die Lehrerin Lioba Zeplin hat ihren Mann und ihre Tochter verlassen, weil sie unfähig zu Mutterliebe war; - von sexuellem Begehren ganz zu schweigen. Regelmäßig erblüht Lioba in psychosomatischem Nesselfieber und vereinsamt still rauchend auf dem heimischen Balkon und kalt transpirierend vor ihrer lernunfähigen Klasse, wobei der wackelige Pisa-Turm der Ostberliner Schulbildung in immer bedrohlichere Schieflage gerät. Die kasachischen Aussiedler Edward, Walja und Waljas Großmutter Ida fremdeln im Berliner Speckgürtel und erleben die Fremdenfeindlichkeit hautnah. Walja kompensiert ihre Fremdheit mit einer Puppe, die sie „Janina“ tauft.

Zwischen diesen drei Familien oder Rumpffamilien zirkuliert die geistig leicht zurückgebliebene Frau Koenig. Sie arbeitet als Putzfrau in Marls Anwaltskanzlei, im Aussiedlerheim und bei der Lehrerin. Unter der liebevollen, aber sehr nachdrücklichen Führung ihres Vaters führt Frau Koenig die drei Personengruppen immer mehr zusammen. Jedes Mitglied dieser unterschiedlichen Familienmodelle laboriert an einer zerfransenden Psyche. Bei dem einen starrt der Vaterkomplex schon vor dem Frühstück aus dem Rasierspiegel, bei dem anderen spült die Nacht mehr Traumata als Träume übers Kopfkissen. Hinter den Drehständern aller Dessous-Abteilung sämtlicher tristen Berliner Shopping-Malls lauert Verdrängtes und Sublimiertes. Angesichts solcher psychischen Nahkampfzonen liest sich der Titel des Romans erst einmal ironisch. Die Figuren mit all ihren Neurosen und verstörten Kindheiten sind eher ein Haufen beziehungsgestörter Halbwaisen und Stiefkinder als eine glamouröse Dynastie von Königskindern.

Mit ungeheuerer Detailfülle breitet die Diplompsychologin Schmidt ein gutes Dutzend Biographien vor dem Leser aus. In schnell wechselnder Perspektive fügt sie die biographischen Short Cuts zu einem großen Puzzle, in dem sich die Lebensläufe der Figuren immer besser ineinanderfügen, bis sie schließlich eine große Familie bilden. Schmidt variiert ihre Motive aus unterschiedlichen Perspektiven. Ihre hochorganisierte Prosa ist eine Art psychologische Fuge. Leitmotive und Parallelträume verschränken die unterschiedlichen Sehnsüchte der Figuren. Neben dem formalen Reichtum beeindruckt die Fülle an fein schattierten Empfindungen und Gefühlsregungen, an Komplexen in originellsten Ausformungen und Neurosen in allen Spektralfarben. Schmidt staffiert jede Figur mit einem rhizomartig verästelten Innenleben aus. Sie zergliedert jedes Gefühl in all seine Regungsatome. Die Empfindungsinstrumente jeder Person sind in einer ganz eigenen Tonlage gestimmt und werden in einer charakteristischen Sprache artikuliert. Schmidt schreibt in Zungen. Sie orchestriert ein polyphones Wahrnehmungsorchester.

Es gelingt der Autorin, ihre verschachtelte Erkundung der unterschiedlichsten Psychen so spannend wie ein Thriller zu gestalten, wodurch sie eben jenes Genre transponiert, das sie durch die Gewalttat am Anfang des Textes herbeizitiert hat. Mit wachsender Neugier beobachtet der Leser, wie diese so unterschiedlichen Biographien sorgfältig zueinander in Beziehung gesetzt werden. Ein Resümee des verschachtelten Figurenstammbaums nähme dem Roman einen Großteil seiner Spannung. Im Laufe des Textes dreht Kathrin Schmidt die Erzählstränge immer enger ineinander, bis sie den Roman zum Schluß zu einem straffen gordischen Knoten geschürzt hat. Die Familien, die anfangs noch so weit voneinander entfernt schienen, sind durch die deutsche Geschichte erstaunlich eng miteinander verwoben. Die Zeitgeschichte wird hier zum launischsten aller Dramaturgen.

Das präzise Vokabular der psychologischen Analyse verbindet sich in diesem Roman mit einem bild- und metaphernreichen Stil zu einem sehr originellen Tonfall. Kathrin Schmidt ist eine eindrucksvolle Stilistin. Es ist verblüffend, wie es ihr gelingt, mit diesem analytischen Text nicht in den klappernden Sprachduktus der spröden Seeelenklempnerei zu fallen. Die ausufernden Schilderungen all der seelischen Irrungen und Wirrungen bleiben farbig und schillernd und kippen niemals in den Jargon der Analyse. Kein einziges Mal bemüht die Autortin Hempels durchgesessenes Psychiater-Sofa. Obwohl es einzig um mal mehr, mal weniger intensiv vibrierende Gefühlsregungen geht, wird der Text nirgends sentimental. In ausschweifenden Erinnerungspassagen gewinnen alle Personen eine plastische Biographie. Unter Schmidts Prosamikroskop wird noch die kleinste Geste, die diskreteste Übersprungshandlung sichtbar.

Bei aller mikroskopischen Konzentration auf komplexe Innenwelten entsteht nebenher auch ein äußerst intensives Bild der deutschen Suburbia. In den Randgebieten der Stadt erkundet Schmidt die seelischen Außenbezirke. Man kann die triste Topographie des Romans auch als Abbild zersiedelter Psychen lesen. Eindringlich schildert die Autorin die schäbige Vorstadtwelt der Industriebrachen, Eurasia-Imbisbuden, Tankstellen-Shops und Stadtring-Center. Die eng miteinander verstrickten Biographien haben alle im Osten ihre Ursprünge. Mit der Aussiedlerfamilie reichen die Wurzeln gar bis in die kasachische Steppe. Der Kern aller Neurosen liegt in den Wirren der deutschen Geschichte. So ist dieser auf den ersten Blick so intimistisch anmutende Roman auch ein sehr politischer Text.

Im Grunde kreist Kathrin Schmidts Roman auf jeder Seite um eine stumme, sehr kapriziöse und oftmals leider auch sehr abwesende Hauptperson, die in einem Refrain immer wieder beschworen wird: „die Liebe, die Hur“. Dieser Refrain steht jedes Mal in Kursivbuchstaben, als wehte das Schicksal gerade in diesen Passagen leicht von links durch die Textzeilen und beugte sanft die Buchstaben. Dieser windigen Liebe, der Hur mit all ihren unberechenbaren Bocksprüngen, ihrem monatelangen Winterschlaf und ihren plötzlichen Frontalattacken verdanken wir diese sehr poetische und originelle Familienaufstellung im Speckgürtel.


Kathrin Schmidt: Koenigs Kinder. Roman, Kiepenheuer und Witsch, Köln, 344 Seiten, 22,90 Euro