Stephan Maus

Ortstermin: Reinhold Messner bei Karstadt (WDR/FAZ)

Mit der U8 an die Achttausender. Reinhold Messner bei Karstadt in Berlin, Neukölln (FAZ, 23.02.02; WDR, „Kritisches Tagebuch“, 22.02.02)

Mit Reinhold Messner kamen die Kälte und der Sturm nach Berlin. Temperaturen um den Gefrierpunkt, eine sternenklare Nacht mit heller Mondsichel: Die idealen Bedingungen für einen Nachtaufstieg in den Himalaja. An diesem Donnerstag führt die U 8 auf die Achttausender. Über die schnelle Nord-Süd-Route, von Wittenau gen Hermannplatz, ohne Schienenersatzverkehr.

Reinhold Messner hat ein neues Buch veröffentlicht. 1970 nahm er mit seinem Bruder Günther an einer Expedition an den Nanga Parbat teil. Sie wollten den Gipfel über die Rupalwand erklimmen, die höchste und steilste Felswand der Welt. Genau das Richtige für die ehrgeizigen jungen Alpinisten. Wider den Willen des Expeditionsleiters bestiegen die Brüder zusammen den Gipfel. Günther wurde höhenkrank und kam bei einem alptraumhaften Abstieg in einer Lawine ums Leben. Jahrelang warf man Messner den Tod seines Bruders vor. Er konnte nicht Stellung nehmen, denn ein restriktiver Vertrag sicherte dem Expeditionsleiter das Exklusivrecht an der Verwertung der Expedition. Dreißig Jahre später veröffentlicht Messner seine Sicht auf die Tragödie.

Großer epischer Stoff: Bruder, Eistod, Konkurrenz am Fels, von Ehrgeiz und Mißgunst zerfressene Expeditionsteilnehmer, Schuld. Und da nach jeder Extremtour über die Gebirgszüge bei Reinhold Messner immer auch die Tour de Force durch die Gesellschaft des Spektakels kommt, hält er nun einen „packenden Vortrag mit Multimedia-Show“ in der Karstadt-Filiale am Hermannplatz: „Himmel, Hölle, Himalaja. Der nackte Berg. Nanga Parbat – Bruder, Tod und Einsamkeit. Unser Parkhaus ist für Sie geöffnet.“

Berlin Neukölln. Himmel, Hölle, Hasenhaide. Der nackte Wahn. Imposant erhebt sich die firnverbrämte Ostflanke des Warenhauses über einen der größten Drogenumschlagplätze der Stadt. Der Aufstieg erfolgt zügig über den Fahrstuhl, der digitale Höhenmesser zeigt 4. Etage. Dachgarten. Outdoor-Club. Eine alternative Route führt über verschachtelte Rolltreppen-Traversen mit einem letzten Höhen-Lager in der Trekking-Abteilung. Den Veranstaltungsort schmücken gemalte Wandfresken in pastoser Karstadt-Manier, die ein Potpourri aus charakteristischen Bauwerken zahlreicher Weltmetropolen zeigen: Notre Dame de Paris, Big Ben, Dom von Florenz und Berliner Fernsehturm.

Messner konferiert auf der Dachterrasse der Welt. Er steht zwischen zwei gigantischen Leinwänden, die im Scheinwerferlicht glitzern wie ein verharschtes Schneefeld. Während er über den Himalaja redet, ragt aus seinem Kopf der Rathausturm von Siena. Der Bergsteiger ist nicht so groß wie er auf Photos oder Filmen erscheint. Er ist kompakt und gedrungen wie ein knorriges Gebüsch etwas oberhalb der Baumgrenze eines Berges. Er hat in etwa die Statur eines Yaks, das ja auch kein Kamel ist. Seine Hände sind eher die eines Shiatsu-Meisters als die eines Eiskletterers. Er trägt ein kleidsames, kamelfarbenes Cashmere-Jackett und ein wulstiges Folklore-Kettchen um den Hals. In seinem üppigen Barthaar glitzert hier und da unser kristallisiertes Fernweh. Er spricht ein wenig wie der frühe Helmuth Kohl, jener Achttausender der deutschen Politik.

Und wenn er spricht, geschieht etwas sehr Erstaunliches. Reinhold Messner ist das Ende der Ironie. Ab einer gewissen Höhe hört der Spaß auf. Die Luft ist wohl zu dünn für Scherze. Der Mann ist Charismatiker. Er verkörpert die Autorität des Großgebirges. Dieser Mensch ist Massiv. Man möchte seinen bedingungslosen Kraxel-Spleen belächeln, seine leicht größenwahnsinnige Grenzgänger-Mythologie veralbern, seine Anflüge von Zarathustra-Gehabe und Bergprediger-Gestus verspotten, allein, es geht nicht. Messner ist zu faszinierend. Eine stiernackige Charme-Attacke. Sobald er seine Shiatsu-Hände ausbreitet und die Stimme erhebt, möchte man all seine Bio-Tech-Aktien abstoßen, um ihm seine nächste Expedition zu finanzieren: Soll er endlich den Wolpertinger zur Strecke bringen, das rätselhafte Urmel enteisen, die DNA des Yetis kartographieren oder den weisen Ratschluß der sieben Zwerge hinter den sieben Bergen für uns einholen. Unnütz? Egal. Hauptsache, spannend. Man kann die Südtiroler Silberzunge auch für Motivationsseminare buchen. Der letzte Kunde war Microsoft Deutschland. Der Gedanke hat etwas Beängstigendes. Es nähme nicht Wunder, zeigte die Benutzeroberfläche des nächsten Betriebssystems die karstige Südflanke des Annapurnas.

In zwei Stunden erzählt Messner die gesamte Besteigungsgeschichte des Himalajas. Spannend, hervorragend dokumentiert, schön bebildert. Von den Anfängen der Engländer, die ihre Kolonialgebiete zum Abenteuerspielplatz umfunktionierten, über die Expeditionen mit schweren Sauerstoffgeräten bis hin zum krönenden Alpinstil, der sich mit einem leichten Rucksack, einem Eispickel, einem Zelt und einem Maxi-Snickers begnügt und zufällig von Reinhold Messner von den heimischen Dolomiten in den Himalaja importiert wurde. Denn am Ende, muß das geschätzte Publikum wissen, kommt immer Reinhold Messner.

Den Tod des Bruders erwähnt er allerdings nur kurz, das wäre wohl zu demotivierend für einen ganzen Abend. Messner schildert das reine Abenteuer und spart sich glücklicherweise alle Ausflüge in die Metaphysik der Berge, an der er in seinen Büchern so gerne doktert und dabei immer ein wenig wie ein Heidegger in Knickerbockern wirkt, der schnaufend aber tapfer gegen den akuten Sauerstoffmangel andenkt. Doch heute abend nichts von nackter Geworfenheit zwischen pompös aufgefalteter Erdkruste und eherner Umlaufbahn der sternstaubigen Planeten.

Beschwörend läßt Messner die talwärts walzenden Eisflüsse krachen, den Gletscher kalben, den Sherpa ächzen, den Sahib schnaufen, die Zeltplane bei minus dreißig Grad reißen und den großen Zeh abfrieren. Er kennt den Himalaja wie unsereins die Dessous-Abteilung von Karstadt. Seine Dias zeigen bunt flatternde Gebetsfahnen, Bergmassive bei jedem Wetter und furchteinflößend grinsende Leichen von Expeditionsopfern. „Komplett erhalten, durch das Eis“, schwärmt der Grenzgänger. „Fettwachsleichen, wie der Fachmann sagt“, sagt der Fachmann. Danach schiebt der funkgesteuerte Projektor blühende Hochalmen über die Leinwand. Wundervoll.

Irgendwann, kurz vor oder nach seiner erfolgreichen Jagd auf den Yeti, muß Messner in einer Eishöhle, einer Gletscherspalte oder unter einem tropfenden Schneeüberhang einen allmächtigen tibetischen Bergdämon aufgespürt haben. Er hat ihm drei Zehen geopfert und dafür die Gabe der faszinierenden Rede erhalten. Messner redet wie in Trance, sein Redefluß strömt dahin wie Schmelzwasser. In seinem Gehirn tauen schockgefrorene Geschichten ab. Seine Zunge wälzt die Geröllfelder des Tiroler Dialekts und ein leiser Luftzug geht über die heruntergefallenen Kinnladen seines Publikums. Es ist der Odem des Dämons.

Messners Kondition ist beängstigend. Er hat einen Tag vollgestopft mit Presseterminen hinter sich, springt nun aufs Podium, klemmt sich das Head-Set wie eine Sauerstoffmaske vor den Mund, fuchtelt kurz mit seinem Laser-Pointer über Notre Dame de Paris, den Dom von Florenz und den Big Ben, knipst diese hypnotisierende Aura eines amerikanischen Telepriesters an, entrollt das Panorama des Himalajas, macht eine Pause, in der er im Akkord Hunderte von Bücher signiert, hakt im Anschluß noch drei Achttausender ohne Sauerstoffgerät ab, nur um dann weiter mit einem Edding seine schwarze Namensspur über das schneeweiße Deckblatt seines neuen Buches zu legen. Wahrscheinlich ist er nach Mitternacht noch über das Blitzeis am Wannseeufer gejoggt.

Das Publikum ist entschieden in den besten Jahren. Es riecht stark nach Haarspray, weil der Himalaja so wetterwendisch ist. Nach einer Stunde wünscht man sich eine Sauerstoffmaske, puristischer Alpinstil hin oder her. Man sieht viel festes Schuhwerk und Multifunktionsjacken mit größerem Stauraum als das Fassungsvermögen der durchschnittlichen menschlichen Seele. Während der Pause kann man nebenan einen Blick in das Fitness-Center „24 Hours Fitness“ werfen und sich schon mal eine grobe Vorstellung vom innersten Kreis der Hölle machen, wo sich die Verdammten rund um die Uhr zu Musik von Brian Adams die Seele aus dem Hals schinden müssen: „Hier trainiert die Welt.“ Für die zweite Hälfte der Messner-Expedition kann man sich am Fitness-Check-In wahlweise mit einem Eiweiß-Power-Drink mit Aminosäuren oder einem leckeren Molke-Trunk eindecken. Yak-Molke? Und während Messner immer heftiger gegen die Entzauberung der Berge polemisiert, gegen die Verdreckung und den Ausverkauf des Himalajas durch kommerzielle Expeditionsanbieter, erklimmt bei „24 Hours Fitness“ die urbane Fit-for-Fun-Generation ihre virtuellen Gebirge auf dem Cross-Stepper.

Gegen Ende der Veranstaltung kräht der Siebenundfünfzigjährige fröhlich ins Publikum, er habe noch sehr viel vor. Er fühle sich einfach noch zu fit, um sich mit einer Bierflasche vor den Fernseher zu legen und sich einen Schmerbauch anzutrainieren. Wir lachen schuldbewußt.


Reinhold Messner: Der nackte Berg. Nanga Parbat – Bruder, Tod und Einsamkeit, Piper Verlag, München 2002, 318 Seiten, XX, YY Euro