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Emmanuel Carrère: "Amok" (FAZ)

Chronik eines fünffachen Mordes

Emmanuel Carrères rekonstruiert ein Verbrechen: "Amok" (FAZ, 07.01.02)

In den frühen Morgenstunden des 9. Januar 1993 erschießt Jean-Claude Romand seine Frau Florence im gemeinsamen Schlafzimmer. Danach bereitet er seinen Kindern Antoine und Caroline ihr Frühstück aus Schokopops und Milch zu, schaut mit ihnen ein Leihvideo - die drei kleinen Schweinchen und der böse Wolf - führt sie dann unter dem Vorwand, Fiber messen zu müssen, hintereinander ins Kinderzimmer, legt sie in ihren Betten auf den Bauch und erschießt sie. Anschließend fährt er zu seinen Eltern in das Nachbardorf, ißt mit ihnen zu Mittag und schießt seinem Vater in den Rücken. Seine Mutter erschießt er von Angesicht zu Angesicht.

Nach diesen Verbrechen fährt Romand von dem kleinen französischen Dorf nahe der Schweizer Grenze nach Paris, wo ihm der Mord an seiner Geliebten mißlingt. Er fährt zurück, steckt das Haus mit den vier Toten im ersten Geschoß an und versucht sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Doch er überlebt die Tabletten und den Brand und wird zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

Leider ist das Buch von Emmanuel Carrère kein Roman. Doch das Leben des Jean-Claude Romand war eine einzige Fiktion, die mit seinem mehrfachen Verbrechen brutal in sich zusammenbrach. Zwischen Roman und Realität steht nur ein tödliches „d“. Siebzehn Jahre vor seinem fünffachen Mord fühlt sich der junge Medizinstudent Romand psychisch nicht bereit für eine Klausur und beschließt, in seiner Studentenbude zu bleiben. Von diesem Moment an beginnt sein unfaßbares Doppelleben. Romand gibt vor, weiterhin Medizin zu studieren, ohne jemals auch nur eine einzige Prüfung abzulegen. Er täuscht seinen Freundeskreis, heiratet seine Kommilitonin Florence, die bis zu ihrem grausamen Ende nichts von der Scheinexistenz ihres Gatten ahnt. Der Blender erschafft die fiktive Figur des angesehenen Docteur Jean-Claude Romand, eines renommierten Forschers bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf. Jeden Morgen gibt Romand vor, in sein Genfer Büro der internationalen Behörde zu fahren. Er simuliert Dienstreisen, Ministerfreundschaften, Forschungsaufträge und Gastvorlesungen an Universitäten. Seine Tage verschlendert der falsche Arzt mit grüblerischen Waldspaziergängen durch die geliebten Berge und Täler des Jura-Gebirges, intensiver Zeitungslektüre und zum Schluß mit einer Affäre in Paris. Seine Geliebte Corinne ist Psychologin, doch auch sie durchschaut den Hochstapler nicht. Nur zu gerne läßt sie sich von dem Forscher in elegante Luxusrestaurants einladen.

Das Geld für den kostspieligen Lebenswandel eines Spitzenbeamten erschleicht sich Romand von Verwandten und Freunden. Das Renommee eines angesehenen Forschers schafft Vertrauen, und der ehrbare Mediziner lockt mit finanziellen Sonderkonditionen für Schweizer WHO-Beamte. Freunde und Verwandte wollen allesamt in den Genuß von vermeintlichen 18% Zinsen einer Genfer Bank kommen. Im Schweizer Privat Banking ist alles möglich. Reicht das erschwindelte Geld nicht mehr, verkauft Romand Placebo-Ampullen an befreundete Krebskranke. Über die Jahre gibt Jean-Claude Millionen von ergaunerten Francs aus, ohne daß ihn jemals jemand ernsthaft zur Rechenschaft ziehen würde. Nur sein Schwiegervater kommt unter rätselhaften Umständen im Treppenhaus um. Der einzige Zeuge des Todes behauptet, es sei ein Unfall gewesen. Es ist Dr. Romand, dem immer noch jeder Vertrauen schenkt. Im Schatten des Voltaire-Schlosses betreibt Romand erfolgreich seine antiaufklärerischen Verdunkelungs- und Vertuschungsmanöver. Zum Schluß wird ein banaler Streit auf einem Elternabend dem Placebo-Mediziner zum Verhängnis. Sein Amoklauf hat eine siebzehnjährige Vorgeschichte. Siebzehn Jahre Lügen. Der Mörder kam aus einer Nebenwelt.

Sehr sorgfältig hat Emmanuel Carrère diese Vorgeschichte und auch die Taten des mörderischen Hochstaplers recherchiert. Er hat sich mit allen Freunden, Bekannten und Verwandten des falschen Arztes unterhalten, hat mit Romand selbst noch während dessen Prozeß Briefkontakt aufgenommen, ihm von seinem Buchprojekt erzählt und erwartungsgemäß in dem chronischen Mythomanen einen detailfreudigen Beichtenden gefunden. Für das französische Wochenmagazin Le Nouvel Observateur hat Carrère die Gerichtsverhandlungen beobachtet und darüber berichtet. Der Fall des Jean-Claude Romand ist so atemberaubend, daß er nur in distanziertem Stil vorgetragen werden konnte. Jede rhetorische Ausschmückung wäre zu plumper Effekthascherei verdammt gewesen. In den besten Passagen seines Buches gelingt Carrère ein kühler, schnörkelloser Vortrag der immer irrsinnigeren Verstrickungen des Mörders. Carrère mißbraucht sein Sujet nicht, um moralische Überlegenheit zu demonstrieren, was in diesem Falle auch nicht besonders schwierig wäre. Während selbst so seriöse Chronisten des Falles wie ein Kommentator der Pariser Tageszeitung Le Monde in Romand nur „die Fratze des Teufels“ erblicken, bemüht sich der Autor um psychologische Einfühlung. Carrère überläßt es seinem Leser, sich sein eigenes Urteil über den Fall Romand zu bilden. Nicht nur der provinzielle Dekor der Verbrechen mit seinen kleinbürgerlichen Honoratioren, den mühselig gewahrten Fassaden, dem dörflichen Apotheker und den Sonntagsmessen erinnert an Flaubert, sondern auch die meist nüchterne Ungerührtheit des Autors.

Doch hätte es wohl allzu viel stilistischer Selbstdisziplin erfordert, angesichts der Verbrechen gänzlich unbeteiligt zu wirken. „Amok“ ist nicht „Kaltblütig“. Leider drängelt sich das Ich des Autors immer wieder in den Vordergrund und schreckt nicht einmal vor altklugen Pro-Familia-Binsenweisheiten zurück: „Ein befriedigendes Sexualleben ist zweifellos auch im Rahmen der Ehe möglich; es gibt sehr glückliche erotische Beziehungen zwischen Menschen, die einander ihr Leben lang treu sind.“ Hin und wieder vergleicht der Autor seine eigene Familie mit der von Romand und bekommt zwiespältige Gefühle; doch die hat man als Leser auch, da braucht man nicht auch noch die des Autors. Zu oft berichtet Carrère von seinen scholastischen Zweifeln, ob er ein so schreckliches Verbrechen überhaupt zum Gegenstand eines Buches machen darf. Diese ästhetischen Sophistereien und geflissentlichen Seufzer aus der Werkstatt eines skrupulösen Schriftstellers wirken angesichts der ungeheuren Taten sehr selbstgefällig. Es scheint, als bräuchte auch der Zeuge dieser namenlosen Verbrechen sein kleines persönliches Gewissensdrama. Ebenso unpassend wie solche Haarspaltereien lesen sich die Versuche sowohl des Autors als auch des Verbrechers, irgendeinen Sinn in den Morden zu erblicken. Carrère ist sich dessen durchaus bewußt und ist so fair, die verständliche wütende Entrüstung einer Journalistin stellvertretend für alle Einwände gegen sein verständnissuchendes Porträt eines mehrfachen Mörders unkommentiert zu zitieren: „Er ist bestimmt begeistert, daß du ein Buch über ihn schreibst, hab ich Recht? Davon hat er doch sein Leben lang geträumt. Im Grunde konnte er doch überhaupt nichts Besseres tun, als seine Familie abzumurksen, denn auf diese Weise sind seine kühnsten Träume in Erfüllung gegangen. Man spricht von ihm, er kommt ins Fernsehen, jemand schreibt seine Biographie, und jetzt ist er sogar auf dem besten Weg, heilig gesprochen zu werden.“

Überflüssigerweise erfährt der Mörder in seiner Zelle eine religiöse Erleuchtung und verfaßt von diesem Moment an christliche Erweckungsprosa, die in ihrem egozentrischen, geschwätzigen Leidenspathos vollends obszön wirkt: in einer theologisch schwer nachvollziehbaren Volte widmet der Mörder all seine Leiden und Gewissensqualen auf Erden seinen Opfern im Jenseits. Des Mörders perverse Tendenz zu theologischer Verbrämung seiner Taten scheint ansteckend auf den Autor gewirkt zu haben. So ließe sich über den letzten Satz des Buches sicher streiten: „Und ich dachte, daß diese Geschichte niederzuschreiben nur ein Verbrechen sein kann oder ein Gebet.“ Das ist eine allzu pathetische Ambition. „Amok“ ist eine solide recherchierte und psychologisch einleuchtend gestaltete Chronik eines fünffachen Mordes und seiner irrwitzigen Vorgeschichte. Nicht mehr und auch nicht weniger. Verbrechen und Gebete gab es im Fall des mörderischen Hochstaplers Jean-Claude Romand genug.

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Emmanuel Carrère: Amok
Aus dem Französischen von Irmengard Gabler
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2001, 186 S., XX,YY DM

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