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Leif Davidsen: "Der Fluch der bösen Tat" (FAZ)

Scheherazade und der Schakal

Leif Davidsens Polit-Thriller "Der Fluch der bösen Tat" (FAZ, 22.05.02)

Die bosnischen Serben fühlen sich von Slobodan Milosevic verraten und verkauft. Sie glauben ihre Sache verloren. Der serbische Heckenschütze Vuk erledigt in einem Straßencafé von Zagreb noch einen letzten Auftrag und erschießt einen kroatischen Intellektuellen, der seine Wortmacht in den Dienst nationalistischer Hetzpropaganda stellt: „Speit sie an. Denn sie verdienen nichts anderes als eure Verachtung, ihr wahren Patrioten.“ Doch eigentlich haben die muslimischen Kroaten schon das Terrain in der Krajina übernommen. Der Heckenschütze fühlt sich leer und nutzlos, aber sein Kommandant hat schon neue Pläne: der Iran hat eine Fatwa gegen die Schriftstellerin Sara Santanda ausgesprochen und ein Kopfgeld von vier Millionen Dollar auf die Ungläubige ausgesetzt. Die russische Mafia braucht saubere Konten, um ihr schmutziges Geld zu waschen. Für ein erfolgreiches Attentat auf die Autorin bekäme die vermittelnde Mafia hilfreiche Geldwäsche-Konten im Iran und der Contract-Killer das Kopfgeld.

Der Elite-Sniper Vuk ist die ideale Besetzung für den delikaten Job, denn er ist in Dänemark aufgewachsen, wo Santanda zum ersten Mal nach Jahren an die Öffentlichkeit treten wird, um eine Pressekonferenz zu geben. Vuk ist der „serbische Däne“, wie der Originaltitel von Leif Davidsens Polit-Thriller lautet. Anfangs hat der politisch motivierte Heckenschütze noch Skrupel, nur für Dollars zu töten. Er ist empört über seinen Kommandanten, der ihn ungefragt an die zahlkräftige Russenmafia vermittelt, die ihn mit dem iranischen Geheimdienst zu verkuppeln gedenkt. Doch der Arbeitsmarkt ist keine Benefiz-Veranstaltung, und auch ein Heckenschütze muß sehen, wo er bleibt. Vuk sprengt seinen Kommandanten in die klare Herbstluft des Balkans und reist auf eigene Panzerfaust nach Dänemark. Nach dem Mord an der Vaterfigur kennt der Profi nun wirklich keine Skrupel mehr, und Davidsons Roman stößt sich kraftvoll hinab auf die schwarze Piste des Polit-Thrillers. Der Schakal hat Scheherazades Fährte aufgenommen.

Während Vuk langsam in Tarnfarben durch das brodelnde Mitteleuropa kriecht, bereitet sich die dänische PEN-Vorsitzende und Kulturjournalistin Lise Carlsen auf den Besuch der iranischen Autorin und den Zusammenbruch ihrer bröckeligen Ehe mit dem Psychologen Ole vor. In beidem wird sie tatkräftig unterstützt vom nachrichtendienstlichen Kommissar und Ex-Kampftaucher Per Toftlund, der vom dänischen Geheimdienst für die Sicherheit der iranischen Autorin abkommandiert wird. Der kernige Macho gewöhnt die schöngeistige Lise nach und nach an den verstörenden Anblick von körpernah getragenen Dienstwaffen, beschert ihr schnelle Nachtfahrten durch Kopenhagen im BMW-Sport-Coupé und verführt die Ehebrecherin schließlich in einer konspirativen Wohnung. Der Mann hat ihr das Herz verwanzt.

Psycho-Ole bekommt derweil immer schwärzere Augenringe, wird immer mehr sein eigener Patient, bis ihn der mitleidige Autor schließlich auf dem Schachbrett seiner komplizierten Intrigen ganz opfert. Das eigentliche Duell zwischen Vuk und Sara Santandas Beschützern siedelt Davidsen im effektvollen Dekor einer Festungsinsel im Öresund an. Vermummte Scharfschützen zwischen jahrhundertealten Burgzinnen werfen den Widerschein eines Hollywood-Show-Down auf die Szenerie. Frisch geschrubbte und auf Hochglanz polierte Fischkutter explodieren wie bei John Woo, und Helikopter werfen ihren kugeligen Schatten auf den abtauchenden Bösewicht.

Leif Davidsen hat sein Thriller-Süppchen auf mehreren privaten und politischen Konfliktherden gekocht. Bei der Verknüpfung der unterschiedlichsten Handlungsstränge bewahrt er hochprofessionellen Überblick. Die internationalen Verwicklungen scheinen gut recherchiert und sind kunstvoll miteinander verknüpft. Der Plot ist spannend und bereitet durchaus Vergnügen, hat man einmal die geheimdienstliche Weltsicht akzeptiert, daß alles mit allem zusammenhängt und der ehemalige Klassenkamerad aus der netten serbischen Gastarbeiterfamilie auch schon mal plötzlich unter anderem Namen als vom iranischen Geheimdienst gedungener Profi-Killer vor der Haustür stehen kann: „Janos, alter Gastarbeiter. Lange nicht mehr gesehen! Komm rein. Ich bin allein.“ Berühmte vorletzte Worte.

Davidsen hat als Journalist gearbeitet und zeigt sich weltpolitisch gut informiert. Hin und wieder läßt er Kommissar Zufall einige Sonderschichten fahren, doch das gehört zum Dienstplan des Genres. Leider sind Davidsens Protagonisten nicht schlichtweg eiskalte Profis, sondern zeigen zwischen zwei Scheitelpunkten der Spannungskurve immer wieder ihre menschlichen, allzu menschlichen Gefühle. Diese kontemplativen Erzählpausen sind zwar einer klassischen Vorstellung von Dramaturgie geschuldet, lesen sich allerdings wie abgestandene Selbstfindungs-Ergüsse: „Dann überschreite ich eine Grenze, die ich vorher nie überschritten habe, dann beginnt eine neue Phase in meinem Leben.“ Statt sich einfach nur zu fragen, wo das frische Blut, das Projektil oder der Hartschalenkoffer mit der zusammensetzbaren Präzisionswaffe herkommen, sind diese Thriller-Figuren überflüssigerweise auch noch auf der Suche nach den größeren Zusammenhängen: „Konnten Liebe, Lust und Freude absterben, ohne daß man es merkte?“ Fragen Sie Dr. Sommer.

Davidsen nutzt den erstaunten Blick des Heckenschützen Vuk auf das Land, in dem er seine Jugend verbracht hat, zu zahlreichen kritischen Seitenhieben auf seine Heimat. Der serbische Däne wird zum Vorwand für einen satirischen Kessel Buntes, einen dänischen Witzeleintopf. Diese kraftlosen Sticheleien gegen das moderne Dänemark geraten dem etwas zu meinungsfreudigen Autor recht betulich und sind selten auf höherem Niveau als das morgendliche Nörgeln am Zeitungskiosk. So findet die Verschandelung des Kopenhagener Rathausplatzes durch einen plumpen Parkscheinautomaten in Leif Davidsen ihren wortreichen Kritiker: „Nur den Rathausplatz erkannte er nicht wieder. Es sah aus, als wäre man dabei, nach umfangreichen Straßenarbeiten aufzuräumen. An dem einen Ende erhob sich ein großer, viereckiger schwarzer Kasten. Er glich einer Panzersperre.“ Insgesamt ist wohl etwas faul im Land der klobigen Parkscheinautomaten. Für internationale Leserkreise sind solche allenfalls kabarettistischen Intermezzi von eben jener Belanglosigkeit, unter der laut Davidsen das provinzielle Land zu ersticken droht. Ästhetische Piefigkeit ist in einem Spannungsroman über die Globalisierung fehl am Platz. Leider spricht auch der Kommissar Per Toftlund in seinen besten Momenten nur wie ein fleischgewordenes Lexikon der Jugendsprache und in seinen schlechtesten wie ein Teletubby mit Roman-Noir-Sprachmodul: „Ins Land mit dem Baby. Pressekonferenz. Wieder raus. Operation Ende.“

Doch insgesamt schildert der Roman spannend, wie die internationale Gewalt unbemerkt unter die dänische Käseglocke kriecht und dort effektvoll explodiert. Davidsen scheint mit seinem Roman an die internationale Verantwortung eines jeden Landes appellieren zu wollen; liegt der Heckenschütze erst hinter dem Liguster zwischen den Gartenzwergen im Vorgarten, ist der Fluch der bösen Tat fast unabwendbar. Der deutsche Titel dieses Skandinavien-Thrillers ist allerdings der Fluch eines bösen Lektors.

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Leif Davidsen: Der Fluch der bösen Tat. Roman
Aus dem Dänischen von Peter Urban Halle
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2001
340 Seiten, XX, YY Euro

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