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Christa Wolf: "Leibhaftig" (FR)

Kassandra im Kernspintomographen

Christa Wolfs Erzählung "Leibhaftig" (FR, 20.03.02)

DDR, 1988. Eine namenlose Frau ist sehr krank. Kurz vor Mauer- erleidet sie einen Blinddarmdurchbruch. Doch die Krankheit entpuppt sich als weitaus spektakulärer. Im „Bauchraum“ geht es mysteriös zu. Im Zentrum dieser Ich-Erzählerin, in ihrer anatomischen Mitte scheint ein bösartiges Geschwür zu nisten, sich Zelle um Zelle das Böse an sich zu teilen. Irgendwie, denn bei Christa Wolf leidet die Präzision der medizinischen Diagnose unter der Schwammigkeit des metaphorischen Geraunes.

Ärzte mit allen erdenklichen Dienstgraden doktern an der erzählenden Patientin herum, operieren sie mehrmals – die geteilte Bauchdecke -, versuchen, die Geschwulst zu entfernen, doch das körpereigene Abwehrsystem ist zu schwach. In ihrem Krankenbett dämmert sie in den verschiedensten Bewußtseinszuständen vor sich hin. Immer wieder wird sie in den Operationssaal geschoben, der ihr Vorzimmer zur Unterwelt wird. In der Vollnarkose durchschwebt die Kranke die Topographie ihrer Vergangenheit in Begleitung einer Trost und Betäubungsmittel spendenden Anästhesistin. Das Traumdouble der jungen Ärztin wird zur Flugbegleiterin einer Seele im Limbus. Die Kranke lebt zwischen den Welten: In ihren Wachphasen nimmt sie den Krankenhausbetrieb und die Besuche ihres Partners wahr, in ihren Narkosen erlebt sie noch einmal Szenen aus ihrer Kindheit und aus ihrer jüngeren Vergangenheit als sensible Künstlerin im Sozialismus.

Gleich auf der ersten Seite ihrer Erzählung formuliert Christa Wolf eine programmatische literarische Wette: „Wohin es sie jetzt treibt, dahin reichen die Worte nicht.“ Das ist als ein rhetorischer Trick und eine diskrete Capatatio benevolentiae zu verstehen. Denn natürlich geht es von nun an darum, dennoch Zeugnis abzulegen von einer Reise in das Reich des Unsagbaren. Christa Wolf stellt sich die Aufgabe, das schwer Formulierbare zu benennen und lädt damit auch den Leser ein, sie an diesem Anspruch zu messen.

„Leibhaftig“ überblendet zwei Schicksale. Vordergründig geht es um die Chronik einer Krankheit. Die namenlose Ich-Erzählerin schildert den Kampf gegen ihre Krankheit. Erst als sich die Patientin mit aller Kraft entscheidet, selbst diesen Kampf mitzuführen und ihn nicht nur den behandelnden Ärzten zu überlassen, wird sie langsam wieder gesund. Am Ende blinkt die Sonne ins Krankenzimmer. Neben dieser persönlichen Krankenakte schwingt der fortschreitende Niedergang der DDR mit. In „Leibhaftig“ krankt nicht nur ein menschlicher Körper, sondern ein ganzer Staatskörper. Man muß es nicht mehr originell finden, eine persönliche Krankengeschichte als Symbol für den Zustand eines ganzen Staates abzuhandeln. Man kann es sogar für Hybris halten, ein erzählendes Ich im Mitleiden mit dem krankenden Staatsgebilde zu zeigen. Der simultane Verfall von Körper und Staatskörper resümiert sich in einem leicht größenwahnsinnigen „L´Etat, c´est moi“. So erzählt Christa Wolf unterschwellig, aber leider doch deutlich hörbar die Märtyrergeschichte einer Frau, die wortwörtlich und jesusgleich an ihrer Zeit krankt, so stark leidet, daß ihr der Zeit-, vielleicht sogar der Weltgeist und seine Assistenz-Dschinns ein Geschwür unters Bauchfell hexen. Die schärfsten Attacken gegen das Immunsystem kommen mit den täglichen Katastrophennachrichten aus dem Radio neben dem Krankenbett. Man muß Wolfs Reise durch die Körperwelten wohl oder übel als Hagiographie einer übersensiblen Künstlerseele lesen. Leider. Mit diesem Text zerschlägt sich auch die leise Hoffnung, daß die zeitgenössische deutsche Literatur endgültig den blutigen Metaphernfundus voller Geschwüre, Zysten, Metastasen, Wundrändern, Narben und frischer Heilhaut endgültig ausgeschöpft hat. Die Morgue und ihre Nebenräume sind einfach zu verführerisch für den schreibenden Organspender: Also auf, Brüder, zur Sonne, „zum Eiterherd, dorthin, wo der glühende Kern der Wahrheit mit dem Kern der Lüge zusammenfällt.“

Der ästhetische Motor von Wolfs Erzählung beruht auf der Annahme, daß eine Annäherung an das Unsagbare qua wundersamer Alchimie ermöglicht wird, indem man die Wörter ganz unkompliziert beim Wort nimmt. Dies führt zu einer verarmten Sprache voller kalauernder Wortklaubereien: „Total ist nur der Krieg. Allerdings auch total überflüssig. Was ist Menschenglück heute?“ Und was ist Leseglück? Christa Wolfs Expedition ins Niemandsland der Wortlosigkeit führt sie ins Jedermannsland der Stereotype. Doch das ist keine angemessene Umsetzung jener Herausforderung, das Unsagbare zu formulieren. Entweder hat man Wort und schreibt sie nieder. Oder man hat nichts zu sagen und läßt es bleiben. Banalitäten mit einer vermeintlichen Unzulänglichkeit der Sprache a priori zu entschuldigen, zählt ab einem gewissen künstlerischen Niveau nicht mehr. Mit Wittgenstein möchte man seufzen: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ Mag der Ausflug in den Hades noch so schwer in Worte zu fassen sein, so ist er sicher kein schlendriger Sonntagsspaziergang über Gemeinplätze. In den Grenzgebieten der Erfahrung erstreckt sich in Wolfs Erzählung das Geröllfeld der letzten Wahrheiten, die allesamt ebenso richtig sind wie ihr Gegenteil: „Mein Körper geht durch. Gleichnishaft. Alles Vergängliche ist Gleichnis.“ Oder umgekehrt. Das Festklammern an rudimentär gemeißelten Wahrheiten mag zum labilen Zustand einer Patientenpsyche passen – origineller werden Wolfs Arbeiter- und Bauernweisheiten dadurch nicht. Da hat der selige Sozialismus nun seine gesamte pädagogische Energie in die Ausbildung eines geschärften Geschichtsbewußtseins gesteckt, und was kommt dabei heraus? „Wir sitzen auf einmal auf den Stufen zum Palast der Republik. Ein Steinhaufen auch er, denke ich, Glas und Beton, gebaut, um unterzugehen.“ Für diese Erkenntnis hat sich Marx nicht jahrelang grüblerisch den Vollbart gekrault. Wolf scheut selbst für solche Nullweisheiten nicht den hohen Ton einer alttestamentarischen Predigerin. Im Osten nichts Neues.

Die Autorin schenkt ihrer kranken Ich-Erzählerin keinen ungehörten Ton, keine neuen Bilder oder zündenden Metaphern. Bei Wolf herrscht sprachliche Mangelwirtschaft. Jeder außergewöhnliche Zustand des Körpers oder des Bewußtseins wird mit dem gewöhnlichsten Begriff abgehakt. Der Herzschlag „entgleist“. Und wie schlägt dann das Herz? „So schlägt das Herz. Im Galopp.“ Und die Syntax hoppelt. Hinterher. In Wolfs aseptischem Reich der Parataxen regnet es Punkte. Die künstliche Nahrung aus dem Tropf ist „Elixir. Lebenselixir“ - das Bild wird auch durch die nachtröpfelnde Wiederholung nicht sehr viel interessanter. In der Krankenhaus-Misere herrscht Rohrbruch. Die Leitmetapher für den Zustand des kranken Körpers ist das Wasser. Im Text ist ein einziges Abtauchen, Sinken, Treiben, Dahinfließen. Als läse man Jacques Coustauds Stream of Consciousness im Rausch der Tiefe. Bei todesnahen Fieberfantasien erwartet man doch Bilder im Stile von Hieronymus Bosch, dem Zündkerzenvertreter der Hölle, der polychrome Funken sprühen läßt. Und nicht ein abgegriffenes Daumenkino, das die immergleichen Alptraumklischees von Labyrinthgängen und verschachtelten Gewölben zeigt. In ihren Fieberträumen schwebt die Erzählerin so uninspiriert durch Berlin wie in einer Low-Budget-Adaptation von Michaïl Bulgakovs „Meister und Margarita“. Nur Chagall im Schwarz-Weiß-Fernseher ist trister.

Die Schilderungen des Intellektuellen-Milieus und der Kader-Intrigen in der DDR sind so schematisch, daß es sich auch um eine Darstellung der Personalrochaden bei der Arbeiter-Wohlfahrt in Wanne-Eickel handeln könnte. Nicht mal als Zeitdokument kann die Erzählung überzeugen. Die Rollen in Wolfs Krankenhaus sind klassisch verteilt: Die Karbonmäuse haben hohen Wohlfühlfaktor und stehen für mütterliche Betreuung der hochintellektuell Verzärtelten. Wenn sie Glück haben, ist ihr Temperament mit Witz gesegnet: „Prost Mahlzeit, sagt Schwester Thea, die nicht ohne Humor ist.“ Na immerhin. Die fachkundige Ärzteschaft hingegen eignet sich ab einem bestimmten Dienstgrad vorzüglich zum Debattieren von letzten und vorletzten Fragen. Manchmal trägt es diesen Debattierclub aus der Kurve, woraufhin alle Diskutierenden in die Reifenwand des gespielten Aphorismus krachen: „Aber wir Menschen sind blind, und das ist unser Glück. Und sie machen die Blinden gehend, sagte sie, und er: Sehr richtig, Madame. Was Nützlicheres ist mir nicht eingefallen. Sie aber, scheint mir, wollen die Blinden sehend machen. Kein Wunder, daß es Ihnen manchmal die Beine weghaut.“ In dieser Passage schimmert unverhohlen Christa Wolfs Selbstbild hindurch: Die Künstlerin als Kassandra. Diesmal steckt sie bis zum Hals im Kernspintomographen. Die versammelten Spezialisten des Krankenhauses tun sich sehr schwer mit der Diagnose. Dabei weisen alle Symptome auf eine eindeutige Krankheit: Hier leidet jemand an chronischer Nabelschau. Morbus omphalos.

Wolf simuliert das vermeintlich Unsagbare durch offensives Stammeln. Passagen, die den Übergang von der bewußten Welt in die unbewußte behandeln, sind in kargem Nominalstil verfaßt. Stetig tröpfelt durch den Text das Betäubungsmittel der Sprachlähmung. Die Entfremdung des Ichs durch die Krankheit unterstreicht Wolf durch einen stetigen Wechsel in der Erzählperspektive, die in einem einzigen Satz zwischen auktorialer Erzählinstanz und Ich-Erzählung wechseln kann. Der eigene Körper wird zum Fremdkörper. Besonderes Pathos erzeugt die Autorin mit dem chronisch hintangestellten Adverb: „Etwas klagt, wertlos.“ Dieses nachklappernde Adverb wirkt wie ein kräftiger, abschließender Tritt aufs Orgelpedal, um dem Satz noch einmal einen volleren, bleischwer getragenen Klang zu geben. Dieser rhetorische Kniff muß sich über die Jahre zur Masche in Wolfs Stilmuster entwickelt haben. Keine Ausnahme. Nirgends. Oftmals sind diese Adverbien auch noch redundant. Solche adverbialen Nachzügler bedeuten dann genau wie im Romantitel „Kein Ort. Nirgends“ schlichtweg nichts mehr. Gar nichts. Überhaupt nichts. Überhaupt ganz und gar nichts. Hier herrscht das Füllsel. Rhetorische Fassade, pathetischer Bombast, postponiertes Potemkinsches Schwulstornament. Zähes Abtauchen in die Welten des Fiebertraums und des Unbewußten schildert die Autorin als gemäßigten Leerlauf des Sprachzentrums: „Die Ahnung verblaßt. Bleicht aus. Bleiches Gefilde. Gespensterhaft. Eulenhaft. Traumhaft. Geh, sag ich zu dir. Bitte geh. Schemenhaft. Schauderhaft. Scheusalhaft.“ In der Tat. Der Text bewegt sich in seitlichen Krebsgang der zähen Wortwiederholung voran. Meist vollzieht sich der Weg in die Unterwelt im Rösselsprung durchs Synonymwörterbuch.

All diese Stilmittel gehören zum eselsohrigen, kleinen, sehr, sehr kleinen ABC der Prosakunst. Am erstaunlichsten aber ist die Tatsache, daß Christa Wolf über weite Strecken ihres Textes selbst dieses kleine ABC einfach auf dem Nachttischchen ablegt und in einem ungekämmten Plauderton daherparliert, als müßte nun wirklich jede Stations-Causerie ihren Weg in die Druckerpresse finden. Viele Szenen sind so uninspiriert geschrieben wie der Beipackzettel zu einem Sedativum. Dabei scheut Wolf selbst vor albernen Modevokabeln und unkontrolliertem Trendjargon nicht zurück. Hier „zieht“ einer „dienstrangmäßig“ an seinem Konkurrenten „vorbei“, wartet dann aber wieder „kollegialerweise“ auf seine Kollegin, dort „tigert“ wer über den Stationsflur, während im Fieberwahn „höllenmäßiges Geschrei“ zu hören ist. Kommt es ganz hart, trifft es die Patientin „wie ein Schlag“. Ist das nun Christa Wolf oder Alexa von Henning-Lange? Es drängt sich der Verdacht auf, daß es schlicht keinen Unterschied gibt. Hin und wieder verschwindet die Kunst der Sprachbeherrschung dann vollends vom hektisch fiependen Monitor, und es „setzt ein ohrenzerreißendes Getöse ein“. Entweder ohrenbetäubend oder trommelfellzerreißend. Aber „ohrenzerreißend“ wollen wir nur „Iron“ Mike Tyson nennen.

Christa Wolf verliert ihre Eingangswette auf allen Ebenen: Ihre Worte reichen tatsächlich nicht dorthin, wohin sie vorgibt zu reisen. Und selbst für den Check-In-Bereich langt es nicht. Nach nur wenigen Seiten fühlt sich der Leser ausgelaugter als die erzählende Patientin. Diese zusammengestümperte Chronik phantasieloser Wehleidigkeit ist ein überdosiertes Anästhetikum. Der mythische Unterwelttourist Orpheus zeigt exemplarisch, wie man aus dem Reich des Unsagbaren unbeschadet wieder herauskommt: Er singt. Christa Wolf käut wieder. Das macht ihre Erzählung „Leibhaftig“ unverdaulich.

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Christa Wolf: Leibhaftig. Erzählung.
Luchterhand Verlag, München 2002.
192 Seiten, 18 Euro

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