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Daniel Spoerri: "Topographie des Zufalls" (junge Welt)

20 000 Meilen unter Hempels Sofa

Die Edition Nautilus gibt Daniel Spoerris Topographie des Zufalls neu heraus (junge Welt, 02.02.99)

Lascaux, 15.000 v. J.C.: Dort liegt ein Auerochse, die Eingeweide quellen hervor, hier stehe ich, den Faustkeil in der Linken, Feuer, Lanze, Herdentiere.

Memphis, 2500 v. J.C.: Nur noch sieben Kühe (mager), sieben Weizenähren (widerborstig) und ein Schlauch Wasser (leck) in den Lagerräumen des Pharaos.

17. Oktober 1961, Zimmer Nr. 13, 4. Stock, Hotel Carcassonne, 24 rue Mouffetard, Paris 5e: Daniel Spoerri lauscht nicht einfach nur gut gekämmt der Musik des Zufalls, sondern packt den Auerochs bei den Hörnern und macht eine Inventur all der Gegenstände, die sich auf einem blauen Tisch in seinem Hotelzimmer befinden. Auf dem Tisch hat wie üblich der Zufall gewütet, die Objekte quellen hervor, Spoerri zeichnet ihren Umriß auf ein Blatt, numeriert die Figuren durch, beschreibt jeden Gegenstand und erzählt seine Geschichte. Die alte Prozedur: Wer bin ich, wo komme ich her, was wird aus mir? Diesmal auf Streichhölzer, Schrauben und Plastikstöpsel angewandt. Aus Stöpseln beispielsweise kann man Türvorhänge machen. Aber: „Was man alles saufen muß, bis man so einen Vorhang machen kann.“ Wer am roten Kettfaden zieht, hat plötzlich viel in der Hand: „ich war schon damals davon ausgegangen, daß anhand eines Hosenknopfes die ganze Welt aufzudröseln wäre.“

Spoerri ist der Erfinder des Fallenbildes (Tableau-Piège): Liegt irgendwo ein Sammelsurium von irgendwas allzu arglos auf irgendwas, klebt Spoerri eins auf´s andere, stellt´s weg, hängt´s auf oder verschickt´s. „Man kennt den Gast, der zum Essen kam und monatelang blieb. Aber wer kennt den Künstler, der zum Essen kommt und, wenn er geht, den Tisch mitnimmt - und nicht nur mitnimmt, sondern auch ausstellt.“ (Emmet Williams) Mit Pattex ist das ganze Jahr Frühjahrsputz. Das berühmteste Fallenobjekt der Geschichte ist Pompeji. Hier war der Alleskleber Lava. Vor einem solchen Hintergrund bekommt ein Schreibtisch plötzlich eine andere Dimension.

Spoerris Ästhetik steht ganz in Pipi Langstrumpfs Tradition des nachmittäglichen Sachensuchens, bzw. folgt dem gesungenen Manifest der rothaarigen Sommersprossendadaistin: „Ich hab´ ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd.“ Archäologie des Alltags, Kramologie & Krimsographie. Das Prinzip Fliegenpapier regiert die Topographie des Zufalls. Das Buch sollte ein „Abfalleimer alles Menschlichen“ werden. Entstanden ist ein witziges Kuriositätenkabinett, eine spannende Reise in 80 Objekten um die Welt eines Künstlers. Und ein schönes Dokument langer Freundschaften. Spoerri gibt einen kurzen Steckbrief der Gegenstände, erzählt dann seinem guten und französisch mitschreibenden Freund Robert Filliou mehr oder weniger dazugehörige Geschichten und ergänzt diese Anekdoten über die Jahre hinweg immer wieder mit neuen Fußnoten. Was einem halt so einfällt zu blauem Toilettenpapier und vierblättrigem Klee. Der gute Freund Emmet Williams übersetzt den Text ins Englische, aber auch er hat gelebt, also Fußnote. Der gute Freund Dieter Roth übersetzt nun das Französische, das Englische, alles, einfach alles, alles ins Deutsche, wobei er auch noch was weiß. „Fußnoten sind Musik.“ Und was dabei herauskommt wußte schon die Leim- und Klebstoffibel von 1958: „Dichtungsmasse EG 750. Diese Dichtung wurde speziell entwickelt zur absoluten Dichtung von Fugen ... gegen Druckverlust im Inneren bei Höhenflügen.“

Spoerri und Williams sind für´s Anekdotische zuständig, Roth macht in Stil und Hans-guck-in-die-Luft. Er ist der Fliegende Robert ohne große Bodenhaftung, kein Leim könnte den Herrn halten: „Am Rande z.B. ist der Tisch tischiger als unter der Autominiatur, weil er unter der Miniatur eher eine Straße ist: MUTTER ERDE in Gestalt einer Straße. Das macht den Tisch zur Straße!“ Das Team rückt dem Zufall mit wissenschaftlicher Archivierungsakribie zu Leibe, und der gute Freund Roland Topor toporgraphiert die „Topographie“, indem er sie mit eleganten Zeichnungen versieht. Schraffur, Schattenwurf und alles. Die fünf Freunde und der blaue Tisch.

Paris ist ein Fest, die Gassen sind steil, und die internationale Bohème trinkt Rotwein und amüsiert sich nicht schlecht. Mit Kondom: „Vor Gebrauch stopfte er es mit ein paar Rosinen, und das ungewohnt Knollige des Gliedes erregte seine Partnerin nicht schlecht.“ Man ist zu Scherzen aufgelegt und hat Interessantes aus der Welt der bildenden Künste zu erzählen. Hier Robert Filliou: „Ich habe Dinge mit Maßeinheiten gemessen, die mir die Laune des Augenblicks zugespielt hat. Ich bin z.B. ungefähr 60 Tomaten hoch und 111225 Reisen von Kopenhagen nach Paris alt.“ Und hier Emmet Williams: „Ich hatte das Aquarium schon (...) aufgetrieben und auch das Hauptproblem - die Alphabetisierung lebender Karpfen - gelöst.“ Gerne wäre ich dabeigewesen, war aber leider ein noch nicht alphabetisierter Dreikäsehoch.

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Daniel Spoerri: Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls
Edition Nautilus, Hamburg 1999
256 S., 68 DM

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