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Anne Weber: "Erste Person" (SZ)

Ego-Trip all inclusive

Anne Weber verschwindet in ihrem Bauchnabel: "Erste Person" (SZ, 01.07.03)

Am interessantesten bin immer noch ich. Hat sich Anne Weber gesagt und eine Pauschalreise ins Innere der ersten Person unternommen. Die erste Person Singular ist der Notnagel aller lose über den Schreibtisch hinwegassoziierten Feierabend-Causerien. Geht gar nichts mehr, geht immer noch ich. Es ist null Uhr null in der Schreibklause des erzählenden Ich. Die Querfeldein-Meditation über Identität, Sprache, Literatur und die Beschaffenheit der filigranen Ameisenflügeltextur setzt zur Geisterstunde ein und endet zur selben Zeit. „Erste Person“ ist ein Phantomtext. Die beiden Nullen diesseits und jenseits des kristallinen Fließquartzdoppelpunktes bespiegeln sich wie die Erzählerin.

Webers Problem ist ein altes: Wie dringt man mittels der Sprache zum wesentlichen Kern eines Phänomens vor, das sich nur durch die Sprache manifestiert? Was liegt hinter den Sprachmasken des Ich? Die Autorin versucht, dieses rekursive Rätsel mit Hilfe eines bunten Metaphernstraußes zu illustrieren. Es bleibt ihr nur die Bebilderung, denn lösen läßt sich das Problem nicht. Die Reise selbst ist das Ziel. Es geht dezidiert um den heißen Brei, der auf niedriger Flamme im eigenen Bauchnabel vor sich hinbrodelt. Der Text selbst legt vulkanische Bilder nahe, denn Webers Erzählung wird dominiert vom Metaphernfeld einer anatomischen Reise zum Mittelpunkt des Egos. Man hat den Eindruck, die Erzählerin tauche in Begleitung des Reiseleiters Jules Verne in ihre Innenwelt ab. Das liest sich wie die Abenteuer von Karius und Baktus, die ihre kurios-kariösen Aktivitäten vom pflegebedürftigen Mundraum auf den gesamten Körper ausweiten.

Anne Weber hat einen Hang zu putzigem Animismus. Vor der Tür zu niedlichen Innenwelten liegt der Janosch-Fußabtreter. Die Erzählerin hat die Tigerente im Tank. Sie ist per Du mit Hirnlappen und Zirbeldrüse, steht auf bestem Fuße mit Kapillargefäß und Zellkern. In langen Passagen vulgarisiert sie mehr oder weniger gefestigte Erkenntnisse aus der Neurobiologie und liefert eine gemäßigt literarisierte Form einer Saison biomorphen FAZ-Feuilletons. Mit schelmischer Naivität und simulierter Unschuld präsentiert sie die Neurobiologie als possierlichen Zeichentrickfilm. Der Text möchte sich den übermächtigen Gegnern Tod und Vergessen entgegenstellen. Doch das hieße in diesem Falle, den Kanonen einen Spatzen vorzusetzen.

Eine bilderreiche Expedition ins Reich der inneren Landschaften könnte durchaus inspirierend zu lesen sein. Aber wer möchte nach gut dreißig Jahren Selbstfindungsliteratur wirklich noch gleich im ersten Absatz von „unseren von Hornhaut umgebenen Seelen“ lesen? Solche Formulierungen gehören mittlerweile zu den ersten Ausscheidungskriterien eines jeden avancierten Kontaktanzeigenlesers. Wer möchte sich nicht auf die hinteren Ränge flüchten, wenn er von kulleräugigen Auswilderungsbegehren liest: „Aber die Tränen drängen sich hinter meine Lider und fordern ihre Freilassung.“ Der Ausflug in die innere Welt endet schon mal in geflüsterter Selbsthypnose aus dem bewußtseinserweiternden Tanzworkshop: „(...) oder enden die Wolken in mir? Ich tanze inmitten der zerfasernden Wolken.“

Wo das Psychovokabular versiegt, poltern die Metaphern aus der Rumpelkammer der französischen Romantik: unterirdische Sonnen, klaffende Abgründe, mentale Krater, Sterne hinter der Stirn. Baudelaire, Nerval und kein Ende. Um den beklemmenden Fahrstuhl zu den unteren Etagen der Psyche perspektivisch etwas zu öffnen, hustet die Autorin hin und wieder eine Prise semi-lyrischen Sternenstaub zwischen ihre Zeilen. Ihre poetischen Satelliten übertragen allzu oft animistische Niedlichkeiten: „Die Meteoriten leben ihr Leuchtkäferleben und kehren alsdann in die Anonymität zurück.“ Das Ich pendelt zwischen innerem Mikro- und universellem Makrokosmos und geriert sich insgesamt recht kosmisch.

Als genügte der selbstverliebte Kult um die eigene Psyche nicht, verbrämt die Erzählerin die Niederschrift ihres egozentrischen Impromptus auch noch als heiliges Mysterium im strengen Priesterdienst der Kunst. Seit vielen Jahren lebt Anne Weber in Frankreich. An der Sorbonne hat sie französische Literatur studiert. Dieses kulturelle Umfeld kann nicht ganz unschuldig an ihrer weihevollen Verkitschung des Schreibprozesses gewesen sein. Ähnlich mechanisch wie die Creative-Writing-Tricks im angelsächsischen Kulturraum funktioniert die andächtige Meditation über den Akt des Schreibens in Frankreich. Seit Gustave Flaubert sich als heiligen Antonius im normannischen Schreibrefugium und Hohepriester des frappant gesetzten Semikolons mit anschließendem Gedankenstrich inszenierte, seit feu Roland Barthes über die écriture der ausgekochten Lauchstreifen im liquiden Text der japanischen Miso-Suppe semiologisierte, kann man in jedem französischen Literaturseminar ohne große Mühen mit dem feierlichen Diskurs über den literarischen Schöpfungsakt Eindruck schinden: „Vor meinem Heft und später vor den Flüssigkristallen der modernen leeren Seiten verharrte ich im Gebet, kniend in einer stillen Kapelle, den Blick vom Nichts weggesaugt, und wartete auf die Worte, die da kommen würden.“

Geheimnisvoll sind die Koagulationen der Flüssigkristalle, erschreckend die Weiten der weißen Seite. Horror vacui, selbst dem SMS-Tippser graut vor dir. Wer wüßte das nicht? Aber warum soll man es dann noch mal lesen? Alle zehn Seiten muß sich die Autorin Mut zureden, daß ihr Buch schon eine tolle Wundertüte sei. Wenig Freude bereitet ein Autor, der weite Strecken darüber quengelt, wie hart und entsagungsvoll sein Job ist, daß die Worte eben doch nicht so leicht kommen, wie man sich das als Laie da draußen immer vorstellt. Man möchte einfach nicht wissen, um wieviel Uhr der Bäcker aufsteht, will nicht das Röntgenbild des Müllmannrückens sehen und nicht lesender Zeuge der zähen Tarifverhandlungen mit den Musen werden. Sing, Grille, hör auf zu jammern! Oder werde Referatsleiter bei Verdi.

Eigentlich wagte man zu hoffen, daß die Postmoderne ein für alle Mal sämtliche literarischen Meta-Parlandos und unverbindlichen Shakereien mit der vertrackten Autorenrolle abgehakt hätte. Aber „Erste Person“ wirbelt noch einmal alle Themenkomplexe um Ich-Facetten, Ego-Maskeraden, Sprachtheorie, Literatur und Persönlichkeit auf hundert Seiten im Schnellwaschgang durcheinander. Leider mißt die Autorin dem Kaulauer dabei höheres Erkenntnispotential bei. Neunmalkluge Aphorismen möchte man eigentlich nur noch in klassischen Dünndruckausgaben mit Lesebändchen und Ledereinband lesen. Mitunter verfällt die Autorin auch noch in den Verkündigungstonfall einer Evangelistin, die mit der Entdeckung ihrer irrsinnig künstlerischen ersten Person endlich, endlich die Offenbarung des Neuen Menschen erwartet. Spätestens dann hat man genug von diesem Ego-Evangelium. Ein stolzer Satz steht zu Beginn dieser Suada: „Ich werde niemanden erfinden, denn ich berge die Welt.“ Das klingt nach Profilneurose. Hoffentlich denkt diese raunende Beschwörerin der Personalpronomen beim nächsten Buch wieder etwas mehr an die zweite Person, den Adressaten ihrer Texte.

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Anne Weber: Erste Person.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
116 Seiten, 10,90 Euro

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