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Burkhard Spinnen: "Der schwarze Grat" (NZZ)

Outsourcing einer Biographie

Burkhard Spinnen schreibt die Geschichte des Unternehmers Walter Lindenmaier aus Laupheim: "Der schwarze Grat" (NZZ, 20.05.03)

Burkhard Spinnens neues Buch wurde mit einer PR-CD an die Buchhändler verschickt, auf der der Autor mit sonorer Stimme die Verkäufer für ihr Geschick lobt, sein letztes Buch „Belgische Riesen“ an den Mann gebracht zu haben: „Sie hingegen haben es offenbar verstanden, das Buch dem Lesepublikum richtig vorzustellen, sonst wäre es ja wohl nicht ein solcher Erfolg geworden.“ Spinnen tritt als suggestiver Kleinunternehmer auf. Erfolg, Verkaufsstrategien, Ökonomie: Das sind die Themen, die Spinnen im „Schwarzen Grat“ beschäftigen.

Während einer Hochzeitsfeier macht der Schriftsteller an der Bar Bekanntschaft mit dem schwäbischen Industriellen Walter Lindenmaier. Nach wenigen Höflichkeitsfloskeln bietet der Unternehmer dem Autor an, die Geschichte seines Familienbetriebs zu schreiben. Spinnen ist von den vielen Managern auf der Hochzeitsgesellschaft recht eingeschüchtert. Eine spitze Bemerkung des Bräutigams bringt ihn fast aus dem Lebenskonzept. Man bekommt das Gefühl, die Versammlung von Krawatten- und Anzugträgern habe nicht zum geringsten Teil seine Entscheidung beeinflußt, die Geschichte des schwäbischen Familienunternehmers aufzuzeichnen. Der Autor verspürt die lästigen Komplexe des freischaffenden Künstlers gegenüber der Riege hochbezahlter Bosse. Durch literarische Aneignung ihres Universums scheint Spinnen ihre Anerkennung zu suchen. Immer wieder verweist der Autor auf seinen eigenen Vater, der in ihm nichts als ein Taugenichts sah. So liest sich seine dokumentarische Chronik auch als eine verspätete Erfüllung der väterlichen Erwartungen. Der Schriftsteller Spinnen kämpft in diesem Buch um seine Bürgerlichkeit; es geht um Embourgeoisement.

Auch in Walter Lindenmaiers Geschichte wird schnell klar, daß er in seiner unternehmerische Laufbahn davon angetrieben wurde, den Ansprüchen seines Großvaters gerecht zu werden. Sein ganzes Leben kämpft er mit der Bürde des reichen Mannes und versucht, den Erwartungen gerecht zu werden, die der Firmengründer in ihn gesetzt hat. So ist „Der schwarze Grat“ ein Buch über Männer unter dem machtvollen Gesetz ihrer Väter und Ahnen. Spinnen umreißt sein literarisches Spezialgebiet folgendermaßen: „Ich bin als Schriftsteller eigentlich mehr fürs Scheitern zuständig.“ Das gelingt. Spinnen scheitert an seiner Wirtschaftschronik, und auch Walter Lindenmaiers Lebensgeschichte ist von Niederlagen durchsetzt.

In mehreren Gesprächssitzungen hat Spinnen die Geschichte des metallverarbeitenden Unternehmens auf Band aufgezeichnet. Sorgfältig hat der Autor alle ökonomischen Zusammenhänge rekonstruiert. Er hat sich vorgenommen, sich einzig für die Fakten, Fakten, Fakten der Wirtschaft zu interessieren. Dabei gerät ihm seine Prosa so flach, banal und naiv wie eine zusammengestoppelte Jubiläumsfestschrift eines mittelständischen Unternehmens. Distanzlos referiert er die Entscheidungen des gehobenen Managements, macht sich zum unkritischen Hofschreiber der Wirtschaftskapitäne und übernimmt in unselig erlebter Rede ihre Sicht-, Denk- und Ausdrucksweise. So betrieb man vor 70 Jahren Geschichtsschreibung. Mit Brecht möchte man fragen: wo war der Dreher, als Walter Lindenmaier das phantastische Hochdruckventil auf dem Markt durchsetzte, das so vielen Autofahrern das Leben retten wird.

Daß sich ein Autor zum Buch-Promoter degradieren läßt, mag noch verständlich sein; daß er damit Vorlieb nimmt, sich zum PR-Referenten eines schwäbischen Metallunternehmens zu machen, enttäuscht. In harmlosen Momenten ist Spinnens Stil lax und salopp, in seinen wirklich schlechten banal und abgegriffen. Er schreckt vor den größten Klischees nicht zurück. Großzügig, doch ungefragt gibt er seine Schriftstellererfahrungen weiter: „Liegen lassen und fremd werden lassen – vielleicht ist das überhaupt das einzige poetische Verfahren, das ich immer und jedem empfehlen könnte.“ Am besten zuerst sich selbst. Spinnens Text ist so schlecht überarbeitet, so achtlos redigiert, daß man unzählige Male dieselben Klischees wiederlesen muß. Zyklisch läßt die Not „zu jedem Strohhalm greifen“, die Zahlen verströmen ihren legendären „kalten Glanz“, und auch sonst betreibt Spinnen die große Sprachinflation und drischt Phrasen. Auf der Prosatenne bleiben leere Worthülsen zurück.

Am erstaunlichsten ist, mit welch bunkerbrechender Naivität der Autor der Wirtschaft gegenübertritt. So klingen Höhepunkte seines analytischen Urteils: „Überall, also auch im Geschäftsleben, regieren mehr noch als die Zahlen menschliche Schwäche, Neid, Geltungssucht und Rechthaberei.“ Man möchte Spinnen empfehlen, statt der nächsten staatlich geförderten Stipendiatenstelle in einem Waldschlößchen, statt der nächsten Gastprofessur in irgendeinem literarischen Bahnwärterhäuschen oder Elfenbeinturmzimmerchen einfach mal ein Praktikum in einem örtlichen Unternehmen zu absolvieren. Vielleicht darf man dann demnächst von ihm originellere Gesellschaftsanalysen als die folgende lesen: „Unzweifelhaft gehören Unternehmer zu den Besserverdienenden.“ Spinnens ökonomischen Betrachtungen übersteigen niemals das Smalltalk-Niveau einer Hochzeitsfeier. Angesichts angehenden Eheglücks mag das erträglich sein, zwischen zwei Buchdeckeln erwartet man mehr.

Ernst-Wilhelm Händler hat mit seinem Roman „Wenn wir sterben“ eindrucksvoll gezeigt, wie man die Wirtschaftswelt künstlerisch durchdringen und welche Poetik man ihren Entfremdungstendenzen entgegensetzen kann. Während Händler auf avantgardistische High-Tech-Prosa und raffinierten Formalismus setzt, verharrt Spinnen bei anspruchslosem Konfektionsstil. Sein seichter Text ist ein Massenprodukt aus der sprachverarbeitende Industrie. Spinnen ist in seiner Distanzlosigkeit und seiner Naivität der Unternehmung schlichtweg nicht gewachsen. Staunend steht dieser Märchenonkel vor Wirtschaftswundern wie Bilanzen, Vergleichen und Fusionen und verbreitet abgedroschene Management-Weisheiten, bis er sich gegen Ende schließlich als Kaizen-Guru verdingt. In geliehener Sprache schreibt er über ein ihm fremdes Thema. Und benutzt dabei viel zu viele Ausrufezeichen. Als traute er der Zugkraft seiner Chronik nicht, interpunktiert er jede Kleinigkeit mit marktschreierischer Emphase. Die einzigen plastischen Passagen sind die Beschreibung von Bahnfahrten und Schilderungen des örtlichen Bahnhofs in der Heimatstadt des Unternehmers. Das mag an Spinnen Begeisterung für Modelleisenbahnen liegen, über die er parallel zu dieser einfältigen Wirtschaftschronik ein Buch verfaßt hat.

Großzügig flicht der Autor Zeugnisse aus seiner Künstlerwerkstatt ein und geriert sich insgesamt sehr großschriftstellernd. Gastdozent Spinnen liebt die Bauernweisheit: „Ja, der rote Faden – in der Literatur ist er meistens gut zu erkennen, aber im wirklichen Leben ist er oft so dünn, daß man ihn gar nicht sieht.“ So ist das mit dem roten Faden, jenem launisch flatternden Lesebändchen im Buch des Lebens. Trotz solcher ästhetischen Belanglosigkeit hat es Spinnen im Literaturbetrieb weit gebracht. Er kann es scheinbar selbst kaum fassen und ist sichtlich stolz auf all seine Positionen und Pöstchen. Wie in einem Bewerbungsschreiben an die abgebrühte Wirtschaftswelt verweist er wiederholt auf seine Gastdozentur am Leipziger Literaturinstitut, seine republikweiten Lesetouren und all die anderen unsäglichen Gschaftlhubereien der proseccoschlürfenden Literaturszene. Spinnen hat in seinem Buch nur Spott für Vertretertypen. Dabei gehört er selbst zu den Hausierern der jüngeren deutschsprachigen Literatur.

Walter Lindenmaier aus Laupheim hat den Münsteraner Filialleiter des bundesdeutschen Kulturbetriebs als Ghostwriter eingestellt. Sein ganzes Leben über hatte der Unternehmer mit großen Fehlern in Personalentscheidungen zu kämpfen. Nun hat er sich auch beim Outsourcing seiner Memoiren verkalkuliert. Nichtsdestotrotz erscheint er als mutiger, unkonventioneller Mann. Die Geschichte des verblüffenden Wechselbades seiner Karriere ist so erstaunlich und so stark, daß sie selbst durch Spinnens enttäuschende Bearbeitung noch hindurchleuchtet und fasziniert. Und das sehr ergreifende Nachwort aus Lindenmaiers Feder läßt ahnen, daß der Unternehmer diesen Schreibjob besser selbst hätte erledigen sollen.

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Burkhard Spinnen: Der schwarze Grat.
Die Geschichte des Unternehmers Walter Lindenmaier aus Laupheinm.
Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung, Frankfurt a. M. 2003.
305 S., Fr. XX,YY

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