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Leander Scholz: "Fünfzehn falsche Sekunden" (FR)

Der alte Klo-Trick

Uaahhh! Shocking: "Fünfzehn falsche Sekunden" von Leander Scholz (FR-Literaturbeilage, 18.03.05)

Dabei ist die Sachlage erst einmal klar: Celeste ist für ein Jahr als Austauschstudentin in San Francisco, wo sie an so etwas wie einer Philosophie der Angst arbeitet. Während ihres Studienjahres stirbt erst ihre Mutter, dann ihr Vater. Das Verhältnis zu ihrer Schwester ist schwierig. Die junge Frau befindet sich in emotionalem Ausnahmezustand. Sie verliebt sich in ihren Nachbarn Christopher. Gemeinsam machen sie einen Ausflug in die Sierra, wo sie an einer heißen Quelle von unangenehmen Stechinsekten überfallen werden. Anschließend verschwindet Christopher spurlos. Die junge Frau macht sich auf die Suche nach ihrem Nachbarn, wobei ihre Nachforschungen von Anfang an eher passiv bleiben. Schon bald ist Celeste mehr Spielfigur in einem perfiden Komplott als eine Person, die noch fähig ist, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Ziellos läßt sie sich durch die immer rasanter werdenden Ereignisse treiben und wird dabei immer tiefer in rätselhafte medizinische Experimente mit dem menschlichen Bewußtsein verstrickt. Lakonisch schluckt sie alle Medikamente, die man ihr anbietet: „Ich bin gut im Schlucken von Tabletten.“

Celestes Odyssee wird zu einem Leidensweg, in dem ihr Körper und ihr Bewußtsein immer mehr an Konturen verlieren. Jeder Hügel von San Francisco ein Golgotha. Celeste wird geschlagen, stürzt auf den Kopf und weicht langsam in der Badewanne auf. Schließlich fallen ihr die Haare büschelweise aus. In ihren ziellosen Ermittlungen nach dem verschwundenen Christopher erinnert sie an ein ziemlich dekonstruiertes Privat Eye, das immer mehr Hiebe abbekommt und dessen Bewußtsein immer zersetzenderen Drogen ausgesetzt wird. Celeste ist eine groteske Synthese aus Sam Spade und dem nasenbeinramponierten Jack Nicholson aus „Chinatown“. Und ähnlich unbesiegbar wie in Polanskis großem Film über den kalifornischen Sündenpfuhl sind auch hier die Kräfte des Bösen, die unter der unbarmherzigen Sonne ihre scharfen Schatten werfen. Celeste gerät in die Fänge von Paradise Engineering, ein Labor, das natürlich eher an der Realisierung der Hölle auf Erden als an einer Verwirklichung Paradieses arbeitet. Mehr soll nicht verraten werden, denn dieser bewußtseinszergliedernde Thriller ist einfach zu spannend.

In Leander Scholz’ zweitem Roman stehen die Dreh- und Wendepunkte der Handlung so klar und deutlich vor dem Auge des Lesers wie ein grell leuchtendes Cable Car an einem strahlenden Morgen. Und doch verschwimmt der Text in jeder Zeile zu einem faszinierenden halluzinogenen Alptraumgebilde, so wie der strahlendste kalifornische Nachmittagshimmel plötzlich die dichtesten Nebelbänke destilliert. Mit seiner Erzählerin Celeste zeichnet der Autor sehr sorgfältig das Bild eines Bewußtseins, das sich langsam immer mehr von dem Körper entfremdet, der es beherbergt. Mit bewundernswerter Meisterschaft läßt Scholz diese Auflösung in jeden von Celestes konzisen, manchmal charmant schnoddrigen Sätzen diffundieren. Es ist, als durchdränge der korrosive Nebel von San Francisco osmotisch jeden Absatz dieses Textes. Beinahe jedes Bild, jeder Vergleich, jede Metapher zeugt mit klinischem Horror von Celestes langsamer Selbstentfremdung: „Mein gesamtes Gesicht fühlte sich dermaßen schlaff an, als könnte es mir jederzeit von den Knochen tropfen.“ Im Prisma dieses zerlaufenden Bewußtseins sind selbst die Gegenstände infiziert von Entfremdung: „Der Schlaf war so plötzlich gekommen, daß sich niemand mehr darauf vorbereiten konnte. Selbst die Silhouetten der Häuser wirkten überrascht. Sie hatten es sich nicht einmal mehr gemütlich machen können auf ihren Fundamenten.“ Den Text zeichnet eine perfekte Kongruenz von Stil und Sujet aus.

Es ist sehr selten, daß sich ein zeitgenössischer deutschsprachiger Autor mit solcher stilistischen Sicherheit dem phantastischen Genre und seinen spiralförmigen, labyrinthischen Strukturen verpflichtet. Ähnlich vertrackte Traum- und Gegenwelten hat man das letzte Mal wohl in Marcus Brauns wunderbarem Debütroman „Delhi“ aus dem Jahre 1999 lesen dürfen. In Scholz’ Text spürt man jene kühle, onirische Eleganz, die auch die Filme nach den Scripts des amerikanischen Drehbuchautors Charlie Kaufman auszeichnen. Souverän spielt Scholz mit den Topoi der Genre-Literatur, die er allein schon durch seine Kapitelüberschriften ironisch bricht. So heißt ein Kapitel, in dem der Bösewicht durch ein Toilettenfenster entkommt: „Theater im Theater oder Der alte Klo-Trick.“ Der Thriller-Plot nimmt dank eines perfekten Timings immer wieder überraschende Wendungen. Von den ersten Seiten an zieht Scholz seinen Leser in ein rätselhaftes Universum von kühlem Schrecken. Ein Wüstenausflug wird sehr bald zum Horrortrip: „Bei genauerem Hinsehen konnten wir erkennen, daß um das heiße Wasser fast unsichtbare Löcher auf dem planen Sand angeordnet waren, an den Rändern von kleinen schwarzen Körpern gesäumt, die gerade einen womöglich riesigen, unterirdischen Höhlenbau verließen.“ Die Wüste lebt, und was unter ihrer Sandkruste krabbelt, meint es nicht gut mit den Menschen. Unter der gleißenden Oberfläche erstreckt sich das labyrinthische Reich feindlich gesonnener Kreaturen, aus deren Klauen sich die Figuren bald nicht mehr befreien können.

Scholz verwebt sein alptraumhaftes Universum mit einem dichten Netz von Leitmotiven und Echos. Die netzartige Struktur des Textes spiegelt die Paranoia der Erzählerin, die sich in immer engmaschigere Verstrickungen involviert sieht. Dieser dichte, poetische Text wird bevölkert vom Stammpersonal der Phantastik: Hinter weiß strahlenden Laborwänden ziehen die Mad Scientists die klebrigen Fäden ihrer Intrigen und werden dabei assistiert von ziemlich sexy Laborgehilfinnen. Im finsteren Kellergewölbe lauert ein blinder Minotaurus, von dem sich erst spät herausstellen wird, ob er nun Gott oder Teufel ist. Und der schulterklopfende Buddy kann sich im nebligen Showdown auf der Golden Gate-Bridge schnell als bedrohlicher Gegner entpuppen. Die Kulissen dieses Romans sind heterogene Labyrinthe. Die Erzählerin torkelt durch Räume, die sich einander ähneln oder stößt orientierungslos gegen die Wände von abgedunkelten Zimmern. Der Raum schnurrt zusammen, und manchmal öffnet sich eine Tür direkt auf ein eigentlich kilometerweit entferntes Zimmer. Im diesem labyrinthischen Höhlenbau der dunklen Seite der Macht herrschen die Gesetze einer unbekannten Dimension, die durch das changierende Hologramm neuer Medikamente verzerrt wird.

Es ist ein schönes Paradox, daß Scholz das kontinuierliche Verschwimmen der Realität mit äußerster Präzision beschreibt. Das Sujet wird nicht in ausufernden Perioden ertränkt, sondern in knappen Sätzen vorgetragen, die durch ihre Prägnanz noch an Suggestivität gewinnen. Scholz’ Stil oszilliert dabei zwischen der sympathischen Laxheit seiner jugendlichen Erzählerin und ihrem mikroskopischem Blick für jede noch so feine Bewußtseinsregung. Für die übersensiblen Empfindungen und Halluzinationen der medikamentendurchtränkten Celeste findet der Autor originelle Bilder und Vergleiche: „Während der gesamten Dauer wurde das Atmen in meiner Nähe weder leise noch lauter. Es blieb seinem Rhythmus treu und strahlte eine vollendete Ruhe aus, wie eine überschaubare Anzahl von Kühen, die träge auf einer Wiese herumstehen und grasen.“ Konzentriert folgt Scholz der Geburt, dem kurzen Leben und dem Tod von Celestes Gefühlsregungen und glänzt immer wieder mit präzisen psychologischen Beobachtungen: „Christophers Stimme hörte sich nun seltsam gerührt an, so wie man nachts kurz vor dem Einschlafen mit jemandem spricht, wenn man meint, endlich die Wahrheit sagen zu können, und von diesem Gefühl selbst ein wenig ergriffen ist.“

Mit bewundernswerter Diskretion läßt Scholz den allmählich sich zuschnürenden Knoten einer kalten Horror-Geschichte durch den deformierenden Filter eines langsam sich auflösenden Bewußtseins schimmern. Der Leser sieht den schemenhaften Schrecken wie hinter der Milchglasscheibe eines grauenvollen Operationssaales immer näher kommen. Die ganze Qualität dieses Romans zeigt sich an seinem Schluß, der den Horror nicht mit platter Wucht serviert. Sehr geschickt hält der Autor seinen Text auf den letzten Seiten in der Schwebe. Nach Vollendung der Lektüre schwingt die Fabel im Bewußtsein des Lesers nach, bläht sich auf und zieht sich zusammen wie der Medusenkopf einer Alge in der Meeresbrandung, und irgendwann, unter der Dusche, beim Geschirrspülen oder Teigausrollen glotzt einem plötzlich eine gräßliche Schreckensfratze entgegen. Das böse Ende kommt nicht, wenn man das Buch zuklappt. Die Überraschung läßt etwas länger auf sich warten als fünfzehn falsche Sekunden. Dafür kommt sie dann mit doppelter Wucht. Scholz’ Roman erzählt von perfiden Bewußtseinsexperimenten. Bedrohlich ist dabei vor allem, welch diabolisches Experiment der Autor mit dem Bewußtsein seiner Leser veranstaltet. Über ein quadratisches Zimmer heißt es in dem Text, es ähnele einem Zauberwürfel. So verhält es sich auch mit diesem ebenmäßigen, eleganten Schocker, dessen Auflösung man ganz dem Leser überlassen sollte. Schon der Klappentext gibt zu viele schöne Überraschungen preis. So kann man abschließend nur empfehlen, den Umschlag sofort nach dem Buchkauf ungelesen ins Gemüsefach des heimischen Kühlschranks zu legen. Gemüsefach ist dabei sehr wichtig. Sie werden schon sehen.

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Leander Scholz: Fünfzehn falsche Sekunden. Roman
Carl Hanser Verlag, München Wien 2005
264 S., XX, YY Euro

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