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Yann Martel: "Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios" (SZ)

Der Scheherazade-Trick

Yann Martel packt Fleisch aufs Erzählskelett: "Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios" (SZ, 11.07.05)

2003 konnte man von Yann Martel den Roman „Schiffbruch mit Tiger“ lesen. Schiffbruch mit was? Tiger? Nicht im Ernst, oder? Die gewagte Konstellation des Romans klingt wie eine übermütige Wette des Autors. Nun verdankt die Literaturgeschichte ihre schönsten Bücher übermütigen Autorenwetten. Wetten, ich interessiere meinen Leser für einen hypersensiblen Pädophilen? „Lolita“. Wetten, ich stopfe einen gut Teil der abendländischen Kultur in einen einzigen Dubliner Werktag? „Ulysses“. Wetten, ich bekomme zwischen Zeugung und Geburt meines Helden mehr als zweihundert Abschweifungen? „Tristram Shandy“.

Es empfiehlt sich, nur sehr gut vorbereitet in solche unmöglichen Wetten zu gehen. In dem kleinen Erzählungsband „Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios“ finden sich vier Beispiele für Martels Vorbereitungen für seine erste große Prosawette. In einem offenen und sympathischen Vorwort berichtet der Autor von seinen literarischen Anfängen. Beherzt erzählt er, wie schlecht seine ersten Texte waren. Und wie sehr ihn alles andere als Schreiben langweilt. Die Schlußlektion dieser kurzen Werkstattauskunft ist, daß es letztlich nur eine einzige Maxime für einen Autor geben kann: Weitermachen. Egal, wie schlecht die ersten Texte sind, egal, wie viel Ablehnung man durch wen auch immer erfährt, egal, wie unerträglich es ist, seine eigenen Texte wiederlesen zu müssen - einfach immer weitermachen: „Aber ich würde mit dem Schreiben weitermachen, bis sich etwas anderes ergab. Es ergab sich nie etwas anderes, bis heute nicht – und ich bin froh darüber.“

Die Stories in diesem Band beobachten allesamt junge Männer beim Erwachsenwerden. Männer mit offenen Sinnen, bereit, sich Abenteuern zu stellen und ihr Gegenüber zu entdecken. Solchen Figuren folgt man gern. Martels junge Helden entdecken den Tod, die Schönheit und die Kraft der Erinnerung. Schon in seinen ersten Texten zeigt sich Martels Vorliebe für forcierte literarische Konstellationen.

In der Titel gebenden Story pflegt ein junger Mann seinen an Aids erkrankten Freund. Beide beschließen, sich abwechselnd Geschichten zu erzählen. Sie versuchen sich an dem alten Scheherazade-Trick: Sie wollen den Tod durch die Kunst des Erzählens bannen. Die Struktur ihrer Erzählungen ist geschult an den Techniken der Oulipo, dem Ouvrage de Littérature Potentielle, jenem literarischen Zirkel, der von der Prämisse ausgeht, daß nur größtmögliche formale Zwänge die Phantasie zu Höchstleistungen beflügeln. So wählen die beiden Freunde historische Ereignisse des 20. Jahrhunderst als Matrix ihrer knappen Erzählungen über die finnische Familie der Roccamatios aus. Martel erzählt nun nicht etwa diese Roccamatio-Chroniken, sondern collagiert in seinen ergreifenden Krankheitsbericht nur die Lexikon-Artikel, die den beiden Freunden als Vorlage und Inspirationsquelle zu ihren lebenserhaltenden Erzählungen dienen. So bewegt sich der Leser durch eine Spiegelflucht von Verweisen: Die Ereignisse des mörderischen Jahrhunderts spiegeln die Geschichten der Roccamatios, die wiederum die unterschiedlichen Stadien der Krankengeschichte spiegeln. Ein Artikel über die Erfindung des Reißverschlusses etwa deutet fast verschämt einen bescheidenen Optimismus des Erkrankten an, Artikel über die großen Dramen des Jahrhunderts verweisen auf seine Hoffnungslosigkeit. Die Verbindungen zwischen der Krankengeschichte und den Lexikonartikeln sind sehr diskret, und aus eben dieser Verhaltenheit beziehen sie ihre Kraft. Die fiktiven Roccamatios bleiben die großen Abwesenden in dieser Erzählung. Ihre Abenteuer sind der Phantasie des Lesers überlassen. So werden sie ein Abbild für all das Unsagbare in diesem langen Abschied von einem Freund, der bald wie ein Bruder wird.

Diese Konstruktion ist äußerst wirkungsvoll: die staubtrockenen Lexikon-Einträge bilden einen ergreifenden Kontrast zu den aufwühlenden Zeugnissen über einen zerfallenden Körper. Hier offenbart sich das Talent des Autors, einer überkonstruierten literarischen Konstellation durch plastische Charaktere und glaubwürdige Schicksale Leben einzuhauchen. In Martels besten Texten setzt ein sehr formalistisches Skelett bald erzählerisches Fleisch an, so daß vor des Lesers Auge ein lebendiges, lockeres, leichtes Prosagebilde entsteht.

In „Spiegel für die Ewigkeit“ findet der Erzähler im Keller seiner Großmutter einen phantastische Maschine, die aus den Zutaten Sand, Silber und Öl unter Beigabe von lebendig erzählten Erinnerungen Spiegel herstellt. Nicht im Ernst, oder? Wieder sticht als erstes die bemüht konstruierte Grundidee des Textes ins Auge. Man muß solche parabelhafte Programmprosa nicht unbedingt mögen. Die allegorischen Zahnrädchen von Martels Spiegelmaschinen knirschen schon ziemlich penetrant, und manchmal schimmert die erbauliche, semi-philosophische Botschaft allzu heilversprechend und naseweis durch den Text. Im vorliegenden Fall lernen wir, daß sich das Selbstbild eines jeden Menschen nur im Spiegel lebendig gehaltener Erinnerungen konstituiert. Wer hätte das gedacht? Doch trotz aller Vorbehalte, die man gegen solche herbeikonstruierten Gleichnisse vorbringen mag, bleibt bewundernswert, wie es dem Autor immer wieder gelingt, noch den sprödesten oder gewagtesten Konstrukten durch versierte Charakterzeichnung Leben einzuhauchen und mit dramaturgischem Talent seine Figuren in interessante Szenen zu schicken.

Wie bei den Roccamatios blendet der Autor auch in seiner Spiegel-Geschichte die eigentliche Geschichte aus. Die großmütterlichen Erinnerungen, die jene wundersame Spiegelmaschine antreiben, werden nur fragmentarisch geliefert. Überhaupt ist auffällig, wie sehr Martel in seinen frühen Texten nur die Hintergründe zu seinen Geschichten beschreibt. In „1096 Arten zu sterben“ imaginiert er die unterschiedlichen Arten, auf die sich die Hinrichtung eines jungen Mannes hätte abspielen können. Das ist ergreifend, denn auch hier wird das Unsagbare vorsichtig umkreist. Doch auch hier wird wieder der Respekt des jungen Autors spürbar, der sich noch nicht wirklich zur eigentlichen Erzählung vorwagt, der die Möglichkeiten eines Textes erkundet, sich an den Abgrund der Geschichte herantastet, ihn manieristisch und mit verspielten Volten umtänzelt, aber noch nicht wirklich zum Sprung ansetzt.

Auf die Dauer möchte der Leser natürlich nicht nur die verspielten Prosa-Prämissen lesen, möchte nicht nur all die lebensrettenden Geschichten erahnen, die all die verrückten Zaubermaschinen nähren, sondern möchte sie bitte schön auch zu lesen bekommen. Schön, daß Martell sich durch nichts hat beirren lassen, daß er weiter, immer weiter gemacht hat, und schließlich nicht nur in aller technischen Finesse die Hintergründe zum Schiffbruch mit Tiger angedeutet hat, sondern es endlich richtig im Schiffsgebälk hat krachen lassen.

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Yann Martel: Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios. Stories.
Aus dem Englischen von Manfred Allié
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2005
191 Seiten, 19,90 Euro

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