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Juli Zeh: "Adler und Engel" (FR)

Im Rahmen des Lehrplans

Juli Zehs staatlich geprüftes Roman-Debüt "Adler und Engel" (FR, 08.09.01)

Maximum Max, Max the Maximal, ist aufstrebender Jurist mit Kernkompetenz im undurchsichtigen Fachgebiet der Osterweiterung. Eines Tages unterbricht seine Freundin Jessie seinen 12-Stunden-Tag mit einem Anruf, es tut einen Knall im Hörer, und von da an hat Max ein Pfeifen im Ohr und ein Loch im Herzen. Jessie hat sich zum Ortstarif erschossen. Seit Jahren schon hat der Jurist sein Hirn zu maximalem Koksgenuß verdonnert. Nach Jessies Tod versinkt er nun vollends in Drogenwahn und Todessehnsucht und versucht sich das Hirn so taub zu schnupfen wie sein rechtes Ohr. Er zieht sich seine armlangen Lines auf jedem Klodeckel, darunter lauert schon der Orkus, in den er hinabzurauschen droht ohne Wiederkehr, der Deathsperado. Der Jura-Yuppie kokst sich die Hirnrinde wellig, bis sich darunter die Borkenkäfer des Wahnsinns und der Paranoia light einnisten.

Bei all der Trauer verliert der Schwarzromantiker so sehr die Kontrolle über sein Leben, daß er in der Hörer-Talk-Sendung der Mitternachts-Plaudertasche Clara sein Leid dem gleichgültig schwingenden Äther klagt. Er entsorgt das Elend durch denselben Hörer, durch den es zu ihm kam. Clara ist hauptberuflich UkW-Zynikerin, studiert nebenberuflich Psychologie und verfaßt ihre Diplomarbeit. Max wird ihr zur willkommenen Fallstudie: „Du wärst ein Thema für meine Diplomarbeit.“ So beginnt eine therapeutische Beziehung, in der er ihr seine Vergangenheit mit Jessie erzählt, während sie ihn wissenschaftlich vampirisiert. Immer wieder muß sich Clara Maxens Abenteuererzählung von ihrem Professor absegnen lassen: „Er will mehr von der Hintergrundgeschichte. Fräulein Müller, sagte er, Sie sind auf dem richtigen Weg.“ Groß ist in „Adler und Engel“ die Aura der akademischen Leitbilder und das Charisma der Professoren. Die koks-coole Revolte vollzieht sich unter dem wachsamen Adlerauge der Vaterfiguren. Die Grundstimmung ist studentische Folgsamkeit.

Juli Zeh ist 1974 geboren und hat Europa- und Völkerrecht studiert. Wenn Stendhal auch im fortgeschrittenen Alter noch regelmäßig den napoleonischen Code Civil als Stilübung lesen mußte, hat Zeh ihre Lektion schon früh gelernt: Ihre Sätze sind kurz, präzise und klar. Ihren Roman hat sie in gleichmäßige Kapitel zergliedert. Jedes davon ist wiederum in kurze Textportionen aufgeteilt, die jeweils sauber durch eine Leerzeile voneinander abgegrenzt werden. So soll noch jedem Absatz eine bedeutungsvolle Schwere verliehen werden, die oftmals in einem atmosphärischen Orgelpunkt am Ende jedes Absatzes ausklingt. Es entsteht der Eindruck, Zeh wollte jeden Moment im Leben ihres Erzählers mit der Intensität eines Paragraphen aus einem kosmischen Gesetzbuch versehen. Das verleiht ihrem Roman manchmal den wichtigtuerischen Gestus einer Prosa, die wegen maximaler Einarbeitung von holzfreien Weißflächen eigentlich als Poesie begriffen werden möchte.

Dabei hat der Roman das gar nicht nötig. „Adler und Engel“ ist ein perfekt gebauter, spannungsgeladener Schmöker. Noch flotter erzählt, und du stirbst. Die schnell voranschreitenden Handlung umspült lyrische Inseln, die Zeh mit ihrem bilderreichen Stil in den Erzählstrom setzt. Die am häufigsten verwendete rhetorische Figur ist dabei der Vergleich. Das obsessive Tertium Comparationis ist der tragende Pfeiler dieser Prosa. Wenn das Wörtchen „wie“ nicht wäre, würden „Adler und Engel“ abstürzen wie, wie, wie... Ikarus? Verglühende Meteoriten? Ein schief gezimmerter Vergleich? Der Vergleich wird zu einer Art poetischem Generator, der sehr viel originelle und komplexe Visionen aus dem unermeßlichen Raum hinter der weißen Seite hervorschaufelt. Beim nächsten Roman sollte die vergleichswütige Juli Zeh jedoch die rhetorische Effektpedale vielleicht um ein, zwei Zusatzmodule erweitern.

Trotz aller lyrischen Qualität poetelt es manchmal gar sehr in der Bilderwelt des Ich-Erzählers Max. Etwas zu oft greift er nach den Sternen, dem Mond und der Sonne, wodurch sich der Text zu astrologischer Dimension bläht, die ihn geradewegs in die verheerende Umlaufbahn des Kitschplaneten katapultiert. In dem geschürzten Textgewebe häufen sich zu viele inflationäre Sterntaler aus Ziggy Stardusts interstellarem Poesiealbum. Eine wahre Springflut von Vergleichen zieht die poetische Gravitationskraft des Mondes an. Der launige Erdentrabant erscheint insgesamt als putziger Nachtgeselle: „ Der Mond ist jetzt ganz verschwunden, hat das Laken geglättet und es sich über den Kopf gezogen.“ Was Max die Kokssucht, ist Zeh die Mondsucht. Viele Vergleiche sind im neunten Monat bedeutungsschwanger und erstarren zu nach Gänsehaut schielenden Symbolen.

Das Leitgestirn der Erzählung ist Max´ Geliebte Jessie mit ihrem „unordentlich abstehenden gelben Haarkranz außen herum, der sie wie eine kleine Sonne aussehen ließ.“ Die Lebensbeichte von Max führt in die Abgründe eines Drogenringes mit Verflechtungen in die internationale Anwaltsszene und die UNO. Man bekommt den Eindruck, das Medellìn-Kartell sei Kofi Annans Hoflieferant. Jessie ist die sympathisch verhaltensgestörte Tochter eines Drogenbosses, läuft am liebsten barfuß über den kochend heißen Asphalt des apokalyptisch brodelnden Wiens, transportiert mit schlafwandlerischer Unschuld zentnerweise synthetischen Flügelstaub aus dem zusammenbrechenden Albanien über die aufgewühlte Adria, betreibt mit Engelszungen Pendeldiplomatie für Arkan, den serbischen Säuberungs-Tiger, und wird dabei wahnsinniger und wahnsinniger. Sie versammelt immer mehr Traumata in ihrem kranken Oberstübchen, wo sie die ganze Zeit über als potentielle Suizidkandidatin in einem spinnenverwebten Winkel steht, unter dem schräg einfallenden Strahl der schwarzen Sonne der Melancholie, in der Linken eine Schlinge, in der Rechten einen wackeligen Stuhl.

Zeh gestaltet ihren Roman nach den erprobten Erzählmustern des Spannungsromans. Wird eine Rückblende adrenalinausschüttend inmitten einer Action-Szene plaziert, schimmern diese Tricks der Thriller-Kunst etwas zu stark durch die Romantextur. Doch insgesamt verflicht die Autorin Maxens therapeutisch-kathartischen Abstieg in die eigene Vergangenheit sehr geschickt mit einer Jagd nach einem echten Hitchcockschen McGuffin: Nach Jessies Tod hat der orientierungslos taumelnde Ich-Erzähler das gesamte Kartell an den Hacken. Während der rauschhaften Odyssee ihrer Protagonisten verliert die Autorin jedoch niemals die Kontrolle über ihr beachtliches Textvolumen. Ihr Personalmanagement ist vorzüglich und ökonomisch. Noch jede Nebenfigur hat eine plotstützende Funktion. Symmetrisch gruppiert sich der Plot um das Beziehungsdreieck Max, Jessie und den gemeinsamen Freund Shershah, den schönen Perser: Max liebt Jessie, die dem Prinzen aus dem Orient verfallen ist, der im Höchstfall nur sich selbst ertragen kann. Die Figuren springen prall vor Leben zwischen den Zeilen hervor, die meisten mit Faustfeuerwaffen im Schulterhalfter, alle strotzend vor krimineller Energie und akneinduziertem Nihilismus. Sorgfältig verwebt Zeh ihre Leitmotive zu einer schußsicheren, dichten Prosa. Die Dialoge sind mit sicherem Gehör dem aktuellen Gerede abgehorcht und zu pointierter Schlagfertigkeit gedrechselt. Nur hin und wieder kippen sie in allzu besinnliche Aphorismen um.

Jessie ist der Engel inmitten all der Adler und muß den ganzen Dreck der Welt auf ihren schmalen, beflügelten Schultern tragen. Max kämpft einen verzweifelten Kampf gegen ihren wachsenden Wahnsinn, der sich am besten mit verrückten und ein bißchen rührseligen Gedankenspielen besänftigen läßt, deren kindsköpfige Poesie etwas zu sehr an die skurrilen Geschichtchen von Janosch erinnern. Putzigkeit ist ihr Seelenvitamin. Zeh kokettiert mit dem süß-tragischen Irrsinn der Kleinen.

Max weht in einem ständigen Koksnebel durch all die Intrigen des organisierten Verbrechens, versteht nur sehr wenig von den Schachzügen des Kartells, kommt aber trotz wachsender Todessehnsucht niemals zuschaden, als beschützte ihn die Drogenprinzessin auch noch nach ihrem Tod als Schutzengel. Zeh verarbeitet in den Verflechtungen der organisierten Kriminalität mindestens so viele zeitkritische Themen wie alle öffentlich-rechtlichen Fernsehspiele in einem Sendejahr. Das ist nicht schlimm. Nur eben ziemlich öffentlich-rechtlich.

Juli Zeh hat am Leipziger Institut für Literatur studiert, in dem arrivierte Schriftsteller ein krisensicheres Standbein als Schreiblehrkräfte gefunden haben. In „Adler und Engel“ setzt sie alle in Leipzig wohl jemals formulierten Fabuliertheorien meisterhaft in die Praxis um. Dabei hat Zeh sich nicht vorgenommen, das Roman-Genre zu revolutionieren, sondern es für die makellose Umsetzung ihrer Storyline zu nutzen. Besonders mutig ist das nicht. Aber sehr lesbar. „Adler und Engel“ ist ein handwerklich perfekter Spannungsroman mit poetischen Verschnaufpausen, der dem ästhetischen Prinzip der formalen Risikominimierung gehorcht. Genau aus diesem Grund hat er das Zeug zum Bestseller.

Und in Leipzig scheint man zu wissen, wie sie produziert werden. Hier können sich literaturbegeisterte Schulabgänger nach den für den EU-Binnenmarkt adaptierten Maximen der amerikanischen Creative-Writing-Bewegung unterrichten lassen, deren kategorischer Imperativ meist lautet: Keine Experimente! Und immer an den Leser denken. Die wenigsten dieser diplomierten Autoren werden also überraschen. Willig studiert man bei einer Handvoll literarischer Platzhirsche, folgt dozil dem Dozenten, fabuliert über das zerfressene, unangepaßte Koksgehirn am bröckeligen Rande der Gesellschaft, lernt dabei die verbraucherfreundlichen Kniffe des Metiers, greift in die Trickkiste der „Suspense-Meister“ und lernt so „eine möglichst professionelle Schreibkompetenz“, wie es in einer Instituts-Verlautbarung im Internet heißt. Die begabteren Content-Provider werden von ihren Professoren, Tutoren oder Gastdozenten an die Hand genommen und umstandslos in die Lektorate geführt. Wenn sie nicht schon auf dem Weg zur großen Pause im Flur über einen Trendscout, Agenten oder Lektor auf Außentermin stolpern. Das Leipziger Institut ist einer der Windkanäle für den boomenden deutschen Prosamarkt. Die besten Produkte haben einen besonders leserfreundlichen cw-Wert und rauschen widerstandslos durchs Bewußtsein. „Aufgrund der bestandenen Abschlußprüfung wird das ´Diplom des Deutschen Literaturinstitutes Leipzig´ vergeben.“

Am Ende von „Engel und Adler“ erhält die Vulgärpsychologin Clara ihre akademischen Weihen: Die Abenteuer von Max und Jessie waren überzeugend. Die schlagfertige, dialoggewandte Heldin dürfte ihre Diplomprüfung summa cum laude bestanden haben. Juli Zeh ihr Leipziger Diplom wohl auch. Im Wintersemester 2001/2002 ist sie Gastdozentin im Deutschen Literaturinstitut Leipzig, wo sie ein studienbegleitendes Werkstattseminar zu dem unübersichtlichen Themenkonnex Textintention und Erzählperspektive veranstaltet. Adler oder Engel? Engel.

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Juli Zeh: Adler und Engel. Roman
Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2001
445 S., XX, YY DM

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