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Christa Wolf: "Leibhaftig" (FR)

Kassandra im Kernspintomographen

Christa Wolfs Erzählung "Leibhaftig" (FR, 20.03.02)

DDR, 1988. Eine namenlose Frau ist sehr krank. Kurz vor Mauer- erleidet sie einen Blinddarmdurchbruch. Doch die Krankheit entpuppt sich als weitaus spektakulärer. Im „Bauchraum“ geht es mysteriös zu. Im Zentrum dieser Ich-Erzählerin, in ihrer anatomischen Mitte scheint ein bösartiges Geschwür zu nisten, sich Zelle um Zelle das Böse an sich zu teilen. Irgendwie, denn bei Christa Wolf leidet die Präzision der medizinischen Diagnose unter der Schwammigkeit des metaphorischen Geraunes.

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Jorgi Jatromanolakis: "Erotikon" (SZ)

Brunftgesänge eines überhitzten Lesegrottenolms

Jorgi Jatromanolakis' Schwellkörperkompendium "Erotikon" (SZ, 10.10.01)

Griechenland ist Buchmessenschwerpunktthema 2001, Sex ist Menschheitsschwerpunktthema seit Alphabetisierung des Primaten. Da konnte die fruchtbare Schwerpunktkombination nicht lange auf sich warten lassen. Jorgi Jatromanolakis ist 61 Jahre alt, Professor für Klassische Philologie an der Universität von Athen und bebt offensichtlich im auratischen Spannungsfeld von mighty Aphrodite. In seinem „Erotikon“ hat er allerlei Zeugnisse über das Steigen und Sinken der Körpersäfte kompendiert und persifliert. Das hätte nun das fröhliche Wissenschaftsprodukt eines honorablen Akademikers werden können, der mit Sachkenntnis und Forscherdrang im Laufe seiner Lehrjahre seine Klassiker durchgeht, immer wieder auf eine frivole Stelle stößt und diese sachkundig in die Evolution der Liebeskunst einordnet, kommentiert und zu einer lehrreichen, skurrilen Anthologie bündelt.

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Donna Leon: "In Sachen Signora Brunetti" (FAZ)

Großtante of Crime

Donna Leons achter Krimi "In Sachen Signora Brunetti" (FAZ, 23.09.00)

Der venezianische Commissario Guido Brunetti ist glücklich verheiratet mit seiner Paola, einer reichen, gebildeten Adeligen. Einerseits ist Venedig eine der schönsten Städte der Welt, andererseits gibt es in der Dritten Welt Kinderprostitution und Sextourismus. Das kann Paola dank ihrer noblesse du coeur nicht ungesühnt lassen, verläßt das gemütliche Ehebett und wirft in einem nächtlichen Gerechtigkeitsschub einen Stein in die Schaufensterscheibe eines Reisebüros, das Sexreisen in die Dritte Welt anbietet. Und beschlösse der Herrgott dereinst, die große Hure Venedig zu richten, und stieße er auch nur auf eine einzige Frau wie Paola Brunetti, er müßte die ganze dekadente Lagunenstadt verschonen: „´Sextourismus´, hatte sie gezischt und die Zähne dabei so zusammengepreßt, daß Brunetti die Sehnen an ihrem Hals hervortreten sah.“ An ihren Halssehnen sollt Ihr sie erkennen.

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