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Dagmar Leupold: "Alphabet zu Fuß. Essays zur Literatur" (SZ)

Der Tag, als Eva Schuster anrief

Dagmar Leupold verwurstet, was von der Tagung übrigblieb: Alphabet zu Fuß. Essays zur Literatur (SZ, 18.05.06)

„Es war in diesem Literaturhaus“, nein, „es war bei einer Lesung“, ach was, war es nicht „bei einem Seminar für (zukünftige) Romanautoren“, halt, ich glaube, es war doch eher „auf einer Reise nach Darmstadt zum Deutschen Literaturfonds“, nein, stimmt ja gar nicht, jetzt hab’ ich’s, es war der Tag, „als mich Eva Schuster vom Kulturreferat anrief.“ Deutschland, deine Evas, deine Kulturreferate, Literaturhäuser, Autorenseminare und Dichterfonds! Darmstadt, endlich Darmstadt...

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Michael Wallner: "April in Paris" (stern)

Im Räderwerk der Nazi-Geisterbahn

Michael Wallners Historienschmonzette April in Paris (stern, HEFT 16, 12.04.2006)

Frankfurt, Buchmesse 2005: Gähnend zogen die internationalen Literaturagenten ihre Hotelzimmertüren ins Schloß, tauschten Anzug gegen Agentenbademantel und begannen, in einer ins Englische übersetzten Textprobe aus einem deutschsprachigen Historienroman zu blättern. Erst glühten ihre Wangen, dann ihre Handys: Der 80-seitige Teaser zu Michael Wallners Roman „April in Paris“ wurde zum heißesten Ding der Messe. Als die Agentenbademäntel wieder in den Koffern verschwunden waren, war der Roman in 13 Länder und 4 Kontinente verkauft. Jetzt ist er hierzulande erschienen.

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Eric-Emmanuel Schmitt: "Das Evangelium nach Pilatus" (SZ)

Stilblüten aus Nazareth

Eric-Emmanuel Schmitt schreibt ein fünftes Evangelium (SZ, 28.01.06)

2003 fiel der französische Autor Eric-Emmanuel Schmitt erstmals mit seiner herz- und nierenwärmenden Toleranzpredigt „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ unangenehm im deutschen Sprachraum auf. Dieses reine Herzensbalsam aus den kostbaren Ingredienzien Ringparabelblüten, Lebensweisheit und Streetworkerbeseeltheit lehrte uns, daß nicht jeder Muselmann einen Sprengstoffgürtel um seine Hüften trägt. In einfachen Sätzen überzeugte uns die Erbauungsgeschichte von der Weisheit und Güte arabischer Tomatenverkäufer. Schmitts Beitrag zur Völkerverständigung war größer als der zur Literaturgeschichte. Sein sanftmütig parabelnder Roman war ein weiteres Beispiel jener genuin französischen Kitschvariante, die uns seit „Die fabelhafte Welt der Amélie“ regelmäßig die Gauloise aus dem verblüfften Mund fallen läßt.

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Susanne Fröhlich: "Familienpackung" (SZ)

In den Fängen des Gschreibsl-Ichs

Susanne Fröhlich schlachtet verzweifelte Hausweiber aus: "Familienpackung" (SZ, 21.10.05)

Susanne! Mensch! Super schaust aus! Kannst du vielleicht grad mal das Tablett mit dem Pflaumenkuchen hier halten? Habe ich selbst gebacken. Laß dich anschauen. Ist der Lippenstift aus diesem neuen iranischen Mail-Order-Versand da? Super. Frisur ist auch neu, oder? Auf dem Umschlag vom „Moppel-Ich“ sah die noch irgendwie so total völlig ganz anders aus. Kürzer, oder? War damals bei dir nicht noch voll so Bubikopf angesagt? Struppi-Style? Nee? Künast-Verbraucherschutzbürste? Superfrech und Landwirtschaftsministerinnen-kommen-nicht-in-den-Himmel-like? Ich dachte. Oder verwechsle ich das mit dem alten Lindwurm Hera? Nee, sorry, jetzt habe ich’s: Bubikopf ist ja Amelie Fried. Gott, die arme Amelie. Vorgestern auf Gaby Hauptmanns Tupperparty getroffen. Der Amelie ihre superengen Jeansjacken sind ja wohl nur noch peinlich. Manchmal sollte man Frauen einfach verbieten.

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Roger Willemsen: "Kleine Lichter" (FR)

Und ewig blutet der Affenbrotbaum

Roger Willemsen und die Liebe: "Kleine Lichter" (FR, 13.07.05)

Ach Gott, ja, Dings, die, äh, Bums, die Liebe. Bei Roger Willemsen ist Themenabend, und es geht nicht um die Moorfledermaus, sondern um die allseits beliebten, flauschigen Wollmäuse im menschlichen Gefühlshaushalt, das Auf und Ab der Liebe, die Fahrpläne, Starts und Landungen all der Flugzeuge in unserem Bauch, uh yeah, ich bau dir ein Schloß aus Sand.

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Paulo Coelho: "Der Zahir" (SZ)

Paartherapie auf singenden Wanderdünen

Paulo Coelho plündert esoterische Parallelgesellschaften: "Der Zahir" (SZ, 07.06.05)

Gigantisch aber, liebe Gemeinde, ist die Blase des spirituellen Vakuums, die sich um unseren kalten Planeten bläht, die Stratosphäre zurückdrängt und dem Allmächtigen ins Nierenbecken drückt. Schon seit Monaten gibt es keine Offenbarungen mehr von den grell geschminkten Lippen unserer sanftäugigen Uriella; – wurde sie von Uschi Glas’ Gesichtscreme aus der sichtbaren Welt geätzt? Auch die mesmerische Strahlkraft des gesalbten Pastor Fliege läßt sichtlich nach, und im Vatikan waltet nach dem polnischen Popstar nun ein deutscher Dogmatiker mit dem Sex-Appeal einer textkritischen Kant-Gesamtausgabe. Wer soll unseren Jenseits-Hunger stillen? Sogar die heilsbringende Klon-Sekte der tapferen Raelianer ist nun schon seit drei Sonnenfinsternissen verstummt.

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Augusten Burroughs: "Trocken!" (SZ)

Beim nächsten Glas wird alles besser

Leider kein wirklich anonymer Alkoholiker: Augusten Burroughs in "Trocken!" (SZ, 08.04.05)

Hi, ich bin Stephan. Ich bin Kritiker. Mein Vater hat mich immer so böse von der Seite angeguckt. Sein Blick hat mir richtig im Ohr gejuckt. Es ist so schlimm. Ich muß immer all diese Bücher lesen. Egal was. Hauptsache Silben, Wörter, Sätze. Ich habe keinen Bezug zur Welt mehr. Immer dieser Buchstabenwirbel um mich herum. Mir wird schwindelig. Schon als Kind hatte ich keine Freunde. Weil ich immer lesen mußte. Auch jetzt habe ich keine Freunde. Nur in Büchern finde ich Freunde. Von der Liebe will ich erst gar nicht sprechen. Am liebsten hätte ich Schriftstellerfreunde. Aber das geht nicht. Denn ich bin Kritiker. Und Schriftsteller muß ich verreißen. Ich muß ihnen wehtun. Weil sie mir wehtun. Ich hasse sie. Denn sie schreiben immer neue Bücher, die ich dann lesen muß, weshalb ich keine Freunde finde. Es macht mir Angst, daß ich solche Emotionen habe, die so dicht an der Oberfläche liegen. Daß man mich jetzt schon selbst lesen kann wie ein Buch. Aber es tut auch gut, das alles mal auszusprechen. Ich bin Euch so dankbar, daß Ihr mir zuhört. Ihr müßt mir ja zuhören. Ich weiß, wie das ist. Wenn man einmal angefangen hat, etwas zu lesen, kann man nicht mehr aufhören. Irgendwo ist gerade etwas in mir aufgebrochen, wißt Ihr. Es ist so schön, hier bei Euch zu sein. Ich bin Stephan. Ich bin Kritiker. Und ich verdiene es zu leben. Jetzt juckt mein Ohr wieder so.

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Hanns-Josef Ortheil: "Die große Liebe" (SZ)

Eine Frau wie ein Fischsud

Hanns-Josef Ortheil köchelt aus italienischen Essenzen "Die große Liebe" (SZ, 06.10.03)

Ah, bella Italia: Adria, Averna und natürlich: Amore! Hanns-Josef Ortheil hat einen Triple-A-Roman geschrieben. Ein deutscher Fernsehredakteur recherchiert für einen Meeresdokumentarfilm an der italienischen Adria. Dem tumb-deutschen Durchschnittsurlauber sollen endlich einmal die Augen geöffnet werden für die mannigfaltige Schönheit seiner liebsten Badestrände: Qualle, Alge, Koralle. Dafür ist der Ästhet aus München genau der richtige Mann. Der feinsinnige Redakteur spricht Italienisch wie Trappatoni höchstselbst, schätzt eine Flasche kühlen Weißwein nicht weniger als eine Flasche erdigen Rotwein - Hauptsache Flasche voll - und verfügt über magische Sozialkompetenzen: innerhalb von nur wenigen Stunden liebt ihn das halbe Fischerstädtchen San Benedetto, vor allem aber Franca, die zauberhafte Direktorin des meeresbiologischen Instituts.

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Doris Dörrie: "Das blaue Kleid" (SZ)

Homo heult Hete auf die Tiefkühlpizza

Trauerkloß im Hals und im neunten Monat bedeutungsschwanger: Doris Dörris neuer Roman "Das blaue Kleid" (SZ, 07.10.02)

Und dann kommt dieser Satz. Das Leben ist ein überlanges Sommerrätsel, die Liebe ein gezinktes Rubbellos, alle Romanfiguren hocken nägelkauend im Labyrinth des Alltags und wissen weder ein noch aus. In ihren Mündern rollen triste Mantras: Macht das alles einen Sinn? Was ist der Tod? Woher kommen, wohin gehen wir? Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Und dann kommt dieser Satz: „Vielleicht wissen die Mexikaner mehr darüber.“

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Christian Uetz: "Don San Juan" (SZ)

Heidegg-Head

Christian Uetz im Tollhaus der Sprache: "Don San Juan" (SZ, 10.04.02)

Potz Uetz. Ein Kalauerscharmuetzel. Der Leser steht unter Beschuetz. Die Wortspieluetzi steht auf Dauerfeuer: Uetz, uetz, uetz! Eine Sprachveruetzung, uetz, uetz. Alle Mann in die Schuetzengraeben, schtzngrbn, schtzngrbn, schtzngrbn. Chrstn tz! Chrstn tz! Chrstn tz! Tz, tz. So eine Wortgruetz. Wenig erguetzlich.

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