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Raymond Chandler: "The Big Sleep" (Einführung in die SZ-Krimi-Bibliothek)

Hirn statt Wumme

Die Große Fuge des Kriminalromans: "The Big Sleep" von Raymond Chandler (Einführung zu Band 24 der SZ-Kriminalbibliothek)

Auf den ersten Blick erscheinen Raymond Chandler und sein Held Philip Marlowe als verdammte Profis. Bevor Chandler mit „The Big Sleep“ seinen ersten Roman schrieb, erlernte er als Full-time Writer von Kurzgeschichten für das legendäre Pulp Magazine „The Black Mask“ das harte Handwerk der Genre-Literatur. Nach sechs Jahren hinter der schwarzen Maske kannte er jeden Kniff des Metiers und war mit Plot Point und Cliff Hanger so vertraut wie Phil Marlowe mit allen Raffinessen der Mobster. Chandlers und Marlowes Tagessatz dürften gleich hoch gewesen sein: 25 $ pro Tag plus Spesen.

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Friedrich Ani: "Gottes Tochter" (SZ)

Harry, hol schon mal den Hölderlin

Friedrich Ani schickt Kommissar Süden in den Osten: "Gottes Tochter" (SZ, 31.10.03)

Wie viele Telephonbücher und Taufregister Friedrich Ani wohl wälzen mußte, bevor er einen geeigneten Namen für seinen Münchner Hauptkommissar aus der Vermißtenstelle des Münchner Kriminaldezernats 11 fand? Es hat sich gelohnt: Tabor Süden. Ein exotischer Vorname neben dem klar strahlenden Nachnamen, und beide tragen eine Sehnsucht in sich nach Gefilden, wo Zitronen blühen und nicht die Stockflecken muffeliger deutscher Amtsstuben. Der Nachname des Kommissars ist einer der ganz wenigen Orte in diesem Krimi, wo noch die Sonne scheint.

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Andrew Vachss: "Born Bad. Stories" (SZ)

Wegpusten!

Der Anwalt Andrew Vachss greift in seiner Freizeit gern zur abgesägten Schrotflinte: "Born Bad" (SZ, 28.11.02)

Andrew Vachss ist Anwalt und ein Satansbraten. Zumindest inszeniert er sich gerne als ein solcher. Auf Fotos posiert er mit hechelnden Kampfhunden. Er selbst trägt schwarzen Anzug, Krawatte, weißes Hemd und blickt drein wie der Fürst der Unterwelt in Begleitung eines seiner Lieblingshöllenhunde. Auf seiner Website erzählt er die Geschichte all seiner adoptierten Hunde. Er liebt sie testosterongesättigt und ab einer Bißkraft von mindestens einer Tonne pro Fangzahn. Ausgesetzte Welpen rettet er von der städtischen Müllkippe. Das gibt ihm Ghetto-Credibility. Vachss erinnert an den gut gekleideten Vollstrecker mit der alttestamentarischen Gerechtigkeitsauffassung aus Quentin Tarrantinos Film „Pulp Fiction“. In Vachss´ Büchern herrscht das Gesetz des Talion: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Höllenhunde zeigen die Zähne und Vachss selbst trägt eine Augenklappe, womit er signalisieren möchte: Ein Auge habe ich bei dem harten Kampf da draußen schon verloren. Das wird mich und meine Hunde aber nicht davon abhalten, weiter zu kämpfen. Vachss hat die Psyche eines Terminators mit Helfersyndrom.

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Liza Marklund: "Paradies" (Literaturen)

Fahrtenschwimmer durchs Tal der Tränen

Liza Marklunds Krimi "Paradies" (LITERATUREN, 7-8/2002)

Also noch ein schwedischer Krimi. Bald wird man eine ganze Ladung zusammen mit dem Regal Billy zum Aktionspreis bei Ikea kaufen können. Annika Bengtzon ist Journalistin beim Stockholmer Abendblatt, einer Tageszeitung mit bedrohlicher Nähe zum Boulevard. Sie kämpft sich durch Nachtschichten und aus dem Takt geratenen Biorhythmus und wartet auf die große Story, die sie zur anerkannten Reporterin machen wird. Die Story läßt nicht lange auf sich warten und macht Annika zur Reporterin und Liza Marklund zur neuen schwedischen Bestseller-Autorin.

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Leif Davidsen: "Der Fluch der bösen Tat" (FAZ)

Scheherazade und der Schakal

Leif Davidsens Polit-Thriller "Der Fluch der bösen Tat" (FAZ, 22.05.02)

Die bosnischen Serben fühlen sich von Slobodan Milosevic verraten und verkauft. Sie glauben ihre Sache verloren. Der serbische Heckenschütze Vuk erledigt in einem Straßencafé von Zagreb noch einen letzten Auftrag und erschießt einen kroatischen Intellektuellen, der seine Wortmacht in den Dienst nationalistischer Hetzpropaganda stellt: „Speit sie an. Denn sie verdienen nichts anderes als eure Verachtung, ihr wahren Patrioten.“ Doch eigentlich haben die muslimischen Kroaten schon das Terrain in der Krajina übernommen. Der Heckenschütze fühlt sich leer und nutzlos, aber sein Kommandant hat schon neue Pläne: der Iran hat eine Fatwa gegen die Schriftstellerin Sara Santanda ausgesprochen und ein Kopfgeld von vier Millionen Dollar auf die Ungläubige ausgesetzt. Die russische Mafia braucht saubere Konten, um ihr schmutziges Geld zu waschen. Für ein erfolgreiches Attentat auf die Autorin bekäme die vermittelnde Mafia hilfreiche Geldwäsche-Konten im Iran und der Contract-Killer das Kopfgeld.

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Donna Leon: "In Sachen Signora Brunetti" (FAZ)

Großtante of Crime

Donna Leons achter Krimi "In Sachen Signora Brunetti" (FAZ, 23.09.00)

Der venezianische Commissario Guido Brunetti ist glücklich verheiratet mit seiner Paola, einer reichen, gebildeten Adeligen. Einerseits ist Venedig eine der schönsten Städte der Welt, andererseits gibt es in der Dritten Welt Kinderprostitution und Sextourismus. Das kann Paola dank ihrer noblesse du coeur nicht ungesühnt lassen, verläßt das gemütliche Ehebett und wirft in einem nächtlichen Gerechtigkeitsschub einen Stein in die Schaufensterscheibe eines Reisebüros, das Sexreisen in die Dritte Welt anbietet. Und beschlösse der Herrgott dereinst, die große Hure Venedig zu richten, und stieße er auch nur auf eine einzige Frau wie Paola Brunetti, er müßte die ganze dekadente Lagunenstadt verschonen: „´Sextourismus´, hatte sie gezischt und die Zähne dabei so zusammengepreßt, daß Brunetti die Sehnen an ihrem Hals hervortreten sah.“ An ihren Halssehnen sollt Ihr sie erkennen.

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