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Sibylle Berg: "Ende gut" (SZ)

Madame Berserker singt den Blues

Von Anfang an gut: "Ende gut" von Sibylle Berg (SZ, 14.02.05)

Es steht nicht gut um dieses Land. Harz IV? Gefährlicher Rentnerüberhang? Daisys Trauer um Mooshammer? Zwangseinführung der Gen-Datei für wildpinkelnde Königspudel? Kinkerlitzchen! In Chemnitz grassiert Ebola. Erfurt hustet Blut. In Weimar brechen Pusteln auf. Das hätte es in der DDR nicht gegeben. In Dings, Gießen oder was, geht die Pest um. Durch Schwabing stakst die Vogelgrippe. Oder ist’s Sabine Christiansen? Hamburg steht bis zum Hals unter Wasser. Sofas mit komischen Dreiecken auf den Bezügen stoßen gegen die rostenden Kirchturmglocken. Links gibt’s nicht mehr. Oben bröckelt. Unten kippelt. Rechts schmilzt ab. Und nicht nur in Deutschland. Auch rheinaufwärts ist die Hölle los. Die Schweiz? Pfeift aus dem letzten Käseloch. Holland ist gestern Mittag um halb eins für immer weggepoldert. Neuseeland ist abhanden gekommen, man weiß nichts Genaues. Wir vermuten, ein Schwarm fall-out-mutierter Kiwis hat die ganze Insel ins Schlepptau genommen und den strudelnden Styx hinuntergezogen, last exit Hades und auf Nimmerwiedersehen. Vorausgesetzt, diese verdammten Kiwis können überhaupt schwimmen. Ornithologie hat uns noch nie interessiert.

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Gerhard Henschel: "Die Liebenden" (SZ)

Die Liebe in den Zeiten der Märklin-Kataloge

Gerhard Henschel präsentiert einen Trumm aus dem Steinbruch der Geschichte: "Die Liebenden" (SZ, 07.03.03)

Anfang des Jahres 2000 besuchte der Satiriker Gerhard Henschel eines jener Literaturseminare, die der Schriftsteller Walter Kempowski regelmäßig in seinem Landhaus „Kreienhoop“ bei Hamburg veranstaltet. Das Seminar beim geduldigen Archivar am Echolot muß ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein, denn zwei Jahre später gibt Henschel eine überwältigende Archäologie der deutschen Nachkriegszeit heraus. Seine großartige Familiensaga in bearbeiteten Originalbriefen steht ganz in der Tradition der dokumentarischen Collagen Kempowskis.

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Henning Ahrens: "Lauf Jäger lauf" (SZ)

Zorro im Wunderland

Henning Ahrens verjagt den Zeitgeist: "Lauf Jäger lauf" (SZ, 20.03.02)

Oskar Zorrow jagt im ICE durch die Tiefebene der Wirklichkeit. Vom Bahndamm aus verhext ihn ein Fuchs mit bernsteingelben Augen. Zorrow ist gebannt und muß raus zum Märchenfuchs. Der archaische Jagdtrieb ist stärker als zweitausend DB-PS. Zorrow zieht die Notbremse und verläßt fluchtartig die High-Tech-Welt der Fließquarzanzeigen, Hydrauliktüren und Klimaanlagen. Je weiter er sich von Schienen und Fahrplänen entfernt, desto tiefer taucht er in eine sumpfige Traumwelt ein. Bewaffnete Männer fassen, fesseln und verschleppen ihn. Zorrow gerät in das undurchsichtige Wirken einer skurrilen Logenbruderschaft von zwei Männern und einer dichtenden Frau, die unter der Fuchtel des ungemütlichen Malers John Isegrim Reineke-Schmutz auf einem verfallenen Gutshof als „Widergänger“ konspirieren. Ihre Verschwörung richtet sich vor allem gegen die Tiefebene der Wirklichkeit, denn sie phantasieren äußerst lebhaft in den spukenden Gemäuern des alten Bauernhofs.

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Frank Schulz: "Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien" (SZ)

Per Asbach ad astra

Frank Schulz leidet an der schönsten Krankheit der Saison: "Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien" (SZ, 14.11.01)

Bodo Morten, genannt Mufti, ist achtunddreißig Jahre alt und der ewige Dilettant. Er ist abgebrochener Geisteswissenschaftler, mal einfacher Redakteur, mal stellvertretender Chefredakteur eines Hamburger Anzeigenkäseblattes und halbherziger Ehebrecher. Ein halbes Herz schlägt, ach, in dieser Brust. Selbst die Karate-Karriereleiter hat Morten auf der orangefarbenen Stufe mit einem technisch sicherlich wenig überzeugenden Sprung verlassen. Der ganze Mann ist insgesamt sehr abgebrochen. Unbedingte Hingabe kennt er nur auf einem einzigen Gebiet: Er ist leidenschaftlicher, lodernder und lallender Laienpriester in einem Kult um die heilige Dreifaltigkeit der legalen Rauschmittel Alkohol, Nikotin und Sex.

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John von Düffel: "Ego" (FR)

Muckibudenzauber

John von Düffels Wellness-Satire "Ego" (FR, 10.10.01)

O.k., Partner, ganz locker schreiben wir jetzt diese Besprechung hier runter. Ich habe das Düffel-Buch gelesen, habe es aus seinem extravaganten Duffle-Cover gepellt und es mir zur behaarten Brust genommen, habe stundenlang immer wieder 8 cm Text mit einem einzigen Blick erfaßt, bin in ruckartigen, energischen Bewegungen durch den Textkorpus gesprungen, schnell, zuverlässig, hochmotiviert. So kennen sie mich. Ich habe gelesen, und jetzt werde ich besprechen. Easy. Dafür bezahlen sie mich. Ich fühle mich gut. Leichte Rezensenteneuphorie. Puls bei 120 BpM, Adrenalin steigt, die Hände etwas feucht, dabei aber kühl, nervös klickt der rechte Zeigefinger auf die linke Maustaste, als hätte er einen direkten Hyperlink zu den Musen gefunden.

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Marcus Braun: "Delhi" (Hessischer Rundfunk)

Kippfigur

Marcus Brauns Roman "Delhi" (Hessischer Rundfunk, 14.04.99)

Der angehende Architekt Goester bekommt von seiner Mutter zum Abschluß seines Studiums eine Reise nach Indien geschenkt. Schon während des Fluges nach Delhi bemerkt er eine hübsche Frau, Sophie, die eben noch in einer europäischen Hauptstadt einen indischen Baulöwen erschossen hat. Oder auch nicht. Denn Goester ist ein Freund des Gedankenspiels, besonders angesichts hübscher Frauen: „Als Kind hatte er lange Abende damit verbracht, Filme im Kopf nachzuspielen, mit sich in der Haupt- oder, wenn die Helden zu alt waren, in einer glänzend ausgebauten Nebenrolle. Erst wenn er Herz und Busen der Dame erobert hatte, gelang es ihm, einzuschlafen.“

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