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John von Düffel: "Ego" (FR)

Muckibudenzauber

John von Düffels Wellness-Satire "Ego" (FR, 10.10.01)

O.k., Partner, ganz locker schreiben wir jetzt diese Besprechung hier runter. Ich habe das Düffel-Buch gelesen, habe es aus seinem extravaganten Duffle-Cover gepellt und es mir zur behaarten Brust genommen, habe stundenlang immer wieder 8 cm Text mit einem einzigen Blick erfaßt, bin in ruckartigen, energischen Bewegungen durch den Textkorpus gesprungen, schnell, zuverlässig, hochmotiviert. So kennen sie mich. Ich habe gelesen, und jetzt werde ich besprechen. Easy. Dafür bezahlen sie mich. Ich fühle mich gut. Leichte Rezensenteneuphorie. Puls bei 120 BpM, Adrenalin steigt, die Hände etwas feucht, dabei aber kühl, nervös klickt der rechte Zeigefinger auf die linke Maustaste, als hätte er einen direkten Hyperlink zu den Musen gefunden.

Etwas gewagter Einstieg, immerhin ist das hier eine Messebeilage, aber wer wagt, gewinnt. Ich fühle mich immer besser. Cooler Job. Literaturfuzzi con brio. Die Finger fliegen über die Tastatur, kurze Kontrollblicke auf den Bildschirm, ob ich auch nicht nur Bullshit schreibe, und weiter. Bei Zeile 50 werde ich eine kolumbianische High-Energy-Banane pellen, bei Zeile 100 meine optimale Analyseschärfe erreichen, zwischen Zeile 135 und 136 schiebe ich einen Quickie mit der spitzen Nina von nebenan und bei Zeile 150 hat der Düffel den Rüffel seines Lebens oder ist im siebten Himmel. Und ich bin um ein paar fucking Rezensions-Rubel reicher. Yes, yes, yes! Ich bin gut. Ich weiß, daß ich gut bin. Und bald weiß es die ganze Welt.

Philipp ist Unternehmensberater, ein Kraft- und Ekelpaket. Die Maximen der Consulting-Industrie hat der Ego-Warrior zu hundert Prozent verinnerlicht und wendet sie zuallererst auf seinen eigenen Körper an. Der Iron Man arbeitet an maximaler Muskeloptimierung. Kein Heber ist ihm zu versteckt, kein Strecker zu peripher. Bizeps ist ihm zu wenig, unter Trizeps geht bei ihm gar nichts. Und gäbe es einen Muskel im schlackernden Ohrläppchen, Philipp wüßte die optimale Trainingsmethode und das effizienteste Ernährungskonzept für den Knorpelschwenker. Am liebsten redet der Top Performer mit seinem Ego, das er mit sämtlichen Motivations-Mantras der Consulting-Branche aufbaut wie einen besonders pflegebedürftigen Muskel. Den ganzen Tag betreibt er Kurspflege an der Ich-Aktie. Seine Synapsen sind auf Leistung gleichgeschaltet, als wäre ein Berater-Bataillon von McKinsey durch sein Oberstübchen gerauscht. Das Ego ist sein Profit-Center. Im darwinistischen Berufsalltag inszeniert er sein Survival-Training for the fittest. Seine inneren Monologe sind Ego-Anabolika. Seine emphatischen Sätze dopt er mit Ausrufezeichen. Am formulierfreudigsten wird er beim Anblick der körperlichen Mängel seiner Mitmenschen: „Unter dem dünnen, ungestärkten Stoff zeichnet sich deutlich die Zitzenform seiner Brüste ab, die in zwei fingerhutgroßen Schlauchwarzen ausbaumeln.“

Philipp betrachtet seinen Körper als sein Lebenswerk. Er ist ein moderner Pygmalion, ein Self-Made-Adonis, süchtig nach körpereigenen Drogen. Er lebt im Rausch der Gewinn- und Hormonausschüttungen. Sein Geist befindet sich im Dauer-Circle-Training zwischen Business-Plänen und Ernährungskonzepten. Ob Börsengang an den Neuen Markt, ob aktive Konkursverwaltung, für „ein paar einhändige Liegestütze diagonal zur Schreibtischkante“ ist immer Zeit. All sein Streben gilt der Minimierung seiner „Nabeltiefe“ durch Muskelaufbau. Waschbrettbauch vorm Kopf. Sein Ideal wäre wahrscheinlich ein Nabelrund so flach und silhouettengleich skizziert wie das „O“ in „Ego“. Der Narziß beschäftigt sich mit der Dauerspreizung seines Pfauenrades, dessen schmückendstes Auge der perfekte Nabel ist. Doch die Nabelwulst muß weg. Diese Narbe seiner Herkunft muß ihn zu sehr daran erinnern, daß er sich nicht gänzlich selbst erschaffen hat. Fast ebenso drängend wie die Reduzierung der Nabelausstülpung ist die „Brusthaarproblematik“: soll er seiner skulptural modellierten Brustpartie, ja oder nein, die „Frontalrasur“ verabreichen? Generell gefragt: Besteht „Enthaarungsbedarf“?

Geschäfte wickelt Philipp per Handy aus dem Fitness-Studio ab. Oberste Trainingsebene, dort kommt nicht jeder hin. Geht er durch die Flure seines Unternehmens, klingelt im Hintergrund verheißungsvoll der Fahrstuhl in die Chefetage. Dieses Klingeln ist ein Versprechen: Philipp will Junior Consulting-Partner werden. Dieser moderne Mann lebt nach der reformierten 3-K-Regel: Karriere, Körper, Kopulation. Männer sind so. Philipp ist das Prosa gewordene Armani-Model. Er denkt, wie ein Boss-Beau aussieht. In seinem Kopf geht es zu wie im Konferenzraum einer Männermagazin-Redaktion. Der Unwiderstehliche hat Erfolg: im Beruf, doch vor allem bei Frauen, die er mit dem Blick der Fetischisten zergliedert: Von Apfelpo bis Zehenring. Schlüsselreiz Schlüsselbein. Die fragmentierten Frauen danken es dem Beau, indem sie ihn immer wieder in die richtige Position hieven. Der Super-Macho stellt sich sehr bald als manipulierbare Memme heraus, deren Biographie von der Lebensgefährtin Isabell geklöppelt wird. Mütterlich manövriert Isabell Philipp den Schönen die Karriereleiter hoch. Sie ist sein Coach, ohne daß er es merkt. Zusammen sind sie das Dream-Team. Geld haben sie wie Heu und sind dabei nicht mal dumm wie Stroh. Arsch ist Trumpf.

In den letzten Jahren häuft sich in der jungen deutschen Literatur die realistische Aufarbeitung der verheerenden Schubkraft, die der Turbokapitalismus auf die Psyche seiner Protagonisten ausübt. Erwartungsgemäß werden die Global Player als gefühlskalte Egoisten dargestellt. Obwohl die kritische Stoßrichtung von „Ego“ schon auf der ersten Seite deutlich hervortritt, gelingt es John von Düffel erstaunlich gut, sich von den üblichen sozialkritischen Platitüden abzusetzen. Mit Hilfe seines sprachgewandten Ich-Erzählers lotet er sehr amüsant die groteske Psyche eines Turbo-Egoisten im Wellness-, Kontroll- und Karrierewahn aus. Aus dem Thema hätte leicht eine flache Fitness-Satire mit schematischen Charakteren und literarischem Muskelschwund entstehen können. Doch von Düffel erzeugt einen faszinierenden Sog einer Sprache im Ich-Rausch. Die am besten trainierte Körperregion des Erzählers ist sein Sprachzentrum. Immer wieder überrascht er mit originellen Formulierungen seiner Obsessionen: „Außerdem erinnert das Samenkreuz im Bananenmark an die Rillungen im Innern meines Nabels, seit er nur noch fünf Millimeter tief ist.“

Von Düffel ist ein hervorragender Coach. Mit gut durchtrainierten Sätzen kommt der muskelbepackte Erzähler in Nullkommanix auf den Punkt. In entschlacktem Stil treibt er seine Geschichte voran. Der Theater-Dramaturg John von Düffel führt seinen Plot zu immer wieder überraschenden Wendungen. „Ego“ gehört zum seltenen Genre einer rundum gelungenen Gesellschafts-Komödie. Drei Tage aus dem Lebensmarathon eines Business-Athleten. Der Roman dürfte Ähnliches zu sagen haben wie Michel Houellebecqs Texte; nur sagt er es amüsanter. Hoffentlich macht niemand einen Film aus von Düffels lustigem Muckibudenzauber.

Leichtfüßig tänzelt der Text von pointierten Dialogen zu hysterischen Motivations-Monologen, Ego-Ergüssen und anabolischen Aphorismen: „Gerade das Vaterschaftsthema wirkt sich oft negativ auf meine sportliche Motivation aus. Wozu trainieren, wenn man am Ende doch nur Kinderwagen durch die Gegend schiebt und gelegentlich ein paar Kilo Lebendgewicht aus den Windeln hebt?“ „Ego“ arbeitet erfolgreich an der Umsetzung der Ernährungslehre in leistungsfähige Erzählstränge. In tragenden Nebenrollen: Der Stairmaster, der Leg-Curler und die Massagebank. Von Düffel liefert eine umfangreiche Phänomenologie der Fitness-Geräte. Im Fitness-Studio wird das Laufband zum Catwalk durch das Fegefeuer der Eitelkeiten. Doch die Hitze kommt von innen, und verbrannt werden hier nur Kalorien. Bei der After-Work-Balz herrscht Krieg im Kraftraum. Der Wellness-Jargon wird in „Ego“ poetisch verarbeitet und amüsant mit dem hirngewaschenen Slang der Consulting-Manager collagiert.

Daß der Umschlag des Buches entfaltbar ist und auf der Innenseite ein Portrait des freundlich dreinschauenden John von Düffel zeigt, muß nicht unbedingt auf ein krankhaft ausgeprägtes Ego hindeuten. Und falls doch, ist es auch nicht schlimm. Solange von Düffel so unterhaltsame Romane wie „Ego“ schreibt, darf er sein Ego entfalten wie er möchte.

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John von Düffel: Ego. Roman
DuMont Verlag, Köln 2001, 281 S., XX,YY DM

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