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Erich Maria Remarque/Marlene Dietrich: „Sag mir, daß Du mich liebst...“ (SZ)

Leberwurststullen für den Blauen Engel

Erich Maria Remarques Korrespondenz mit Marlene Dietrich (Süddeutsche Zeitung, 08.12.01)

Am 7. September 1937 sitzt Marlene Dietrich mit Joseph von Sternberg im Lido in Venedig beim Mittagessen. Dogenpalast, Bleikammern, Casanova; - stolz wirft sich San Marco das wehende Cape aufstiebender Taubenschwärme um. Ein Herr mit perfekten Manieren tritt aus dem venezianischen Herbstmittag, stellt sich als Erich Maria Remarque vor, gibt der Dame einen vollendeten Handkuß und wird noch in derselben Nacht ihr Liebhaber. Der erfolgreiche Schriftsteller weiß, wie man mit Blauen Engeln spricht: „Ich muß Ihnen etwas gestehen – ich bin impotent.“ Frau Dietrich ist begeistert.

Zwischen der Schauspielerin und dem Autor, dessen Buch „Im Westen nichts Neues“ nach der Bibel das am häufigsten verkaufte Buch war, entspinnt sich eine glamouröse Interkontinental-Affäre. Marlene Dietrich lebt inmitten der High Society von Beverly Hills, Remarque inmitten seiner treuen Hunde in seiner Luxusvilla am Lago Maggiore. Das Exil ist ein Fest. Zwischen Hollywood und Italien pendeln die Luxusdampfer, rauschen die transatlantischen Telefonkabel und überkreuzt sich die Korrespondenz. Der Literaturkritiker Werner Fuld und der Leiter des Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrums an der Universität Osnabrück Thomas F. Schneider haben nun den Briefwechsel mit viel Sorgfalt, Liebe zum abfotografierten Originaldokument und gut recherchierter Chronologie herausgegeben. Über weite Strecken liest man den schwärmerischen Monolog des verliebten Autors, denn die editorischen Ambitionen von Remarques späterer Ehefrau waren eher bescheiden: Madame Paulette Goddard war so frei, den Großteil von Marlene Dietrichs Briefen zu vernichten.

Erich Maria Remarque ist euphorisch. Der Mann befindet sich im Du-Rausch, seine duduistischen Telegramme vermitteln ein getreues Krankheitsbild: „Stop Du Deiner Ja Dich Dir Allein.“ Die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Kurt Schwitters Anna Blume und Marlene Dietrich bleiben weiterhin ungeklärt. Mit unermüdlicher schriftstellerischer Energie versucht Remarque, das Bild seiner fernen Geliebten an seinem einsam plätschernden Privatstrand heraufzubeschwören, während sich Marlene Dietrich in den Hollywood-Studios zur Projektionsfläche für Millionen verwandelt. Er sieht sie öfter in den Glamour-Blättern als in der Wirklichkeit. Gegen seinen großen Konkurrenten Zelluloid hat er von Anfang an nicht die geringste Chance. Doch der Autor ergötzt sich an seinem Blauen Engel in der Bluebox der Erinnerung. Remarque zieht alle Register: Marlene wird zum mythischen Wesen, zum Sternengeschenk, zur Gottgesandten. Er schmückt sie mit allen verfügbaren Ausrufen: über den Lago Maggiore hallt ein einziges Oh! und Ach! und Weh! Das Leitsymbol seiner Grammatik der Liebe ist das Ausrufezeichen: Mr. Exclamation Remarque.

In seiner anfänglichen Begeisterung flicht Remarque seiner Geliebten manch blumiges Wortkränzchen. Mit Hilfe des Synonymwörterbuches arbeitet er an einer ausführlichen Scholastik des Beschwörens, an einer tautologischen Dialektik des Herzens. Hin und wieder nennt er Marlene „Affenkopp“, und man ist schon sehr dankbar für diese kleine Impertinenz in all dem süßen Wortgeklingel. Ansonsten gibt er ihr den selben Kosenamen wie seinen teuren Sportwagen: Puma. Der Engel mutiert zum Boxenluder. Der Blaue Puma trägt den überdrehten Erich, das hochsensible „Schnupsilein“, in hyperboreische Höhen. In den coelestischen Gefilden der frischen Liebe, im steifen Wind der großen Leidenschaften formuliert Remarque sehr nietzscheanisch: „Das Gesetz des Pumas. Das Gesetz des vollen Lebens. Geist nicht als Bremse am Wagen der tiefen Lust, sondern als stiebendes Dreigespann vor ihnen her.“ Dabei paßt derart tiefer gelegter Zarathustra viel besser zu Zarah Leander.

Schildert Remarque seiner Geliebten einmal ein paar Alltagsszenen, oder berichtet ihr von der Außenwelt, schreibt er sehr originell und humorvoll. So weiß er von einer erfreulichen Pawlowschen Hundekonditionierung zu berichten: „Ich bin tagelang verklärt und ein guter Mensch sogar, wenn ich mit dir gesprochen habe. Sanft geht meine Rede und die Hunde haben glänzende Tage mit Kuchen und Filetbeefsteaks. Seit einiger Zeit haben sie das gemerkt und kläffen fröhlich bei jedem Telefongeklingel.“ Aber ach!, jedoch weh!, der Romancier kommt ja kaum zum Alltag vor lauter Liebe. Und all die unzensierten Live-Schaltungen in die verknallte Dichterseele kommen spürbar aus einem anderen, fernen, fernen Jahrtausend: Hallo Echo! - Hallo Kitsch! Jenseits des Arbeitsfensters schwappt der Lago Maggiore, diesseits schwallt der Dichter.

Zum Jahreswechsel 1938/1939 schreckt Remarque selbst vor einem fundamentalen Jahresrückblick nicht zurück und schüttet der Geliebten seine gesamte philosophische Hausapotheke vor die Füße: Zehn Druckseiten. Der Postbote in Beverly Hills, North Crescent Drive, wird ordentlich geflucht haben vor Marlenes Briefkastenschlitz. Im permanenten Liebesrausch öffnen sich alle Sinne und der Horizont weitet sich enorm. Nicht immer zugunsten des Stils: „Süßer Regenbogen vor dem abziehenden Gewitter meines Lebens!“ Einzig das sonnendurchflirrte Nacktfoto von Marlene Dietrich im zitternden Schattenpaillettenkleid zwei Seiten später vermag für solch ein schmerzhaftes Metapherngerinnsel zu entschädigen.

Insgesamt ist Liebesglück eine denkbar langweilige Lektüre und kann eigentlich nur beim Adressaten oder einem heimlich mitlesenden Betrogenen wirkliches Interesse wecken. Ganz anders hingegen die unglückliche Liebe. Je mehr diese Korrespondenz voranschreitet, desto klarer werden die Machtverhältnisse zwischen dem Puma und seinem Schnupsilein. Immer mehr muß Remarque um seine Geliebte kämpfen, sie zur Liebe überreden, ja darum betteln, sie davon überzeugen, daß er unter den zahllosen Mitbewerbern eigentlich der beste Kandidat ist. Remarques rhetorischen Bemühungen um die Domestizierung des Pumas sind eindrucksvoll. Er wählt die Strategie der Tele-Hypnose durch unerschütterliche Komplimente und simulierte Geduld. Der Autor arbeitet mit professioneller Rhetorik, die Schauspielrein mit professionellem Vampismus. Immer wieder Konfliktstoff: das Geschlecht des Engels. Das eiskalte Flügelwesen verläßt ihn für Millardärinnen und Movie-Stars, kommt wieder zurück, ist mal kühl, mal herzlich. Und wenn sich das Paar einmal besonders heftig das flaumige Herz gerupft hat, essen beide zum Trost gemeinsam Leberwurststullen. Am 27.05.1942 schickt Erich Maria Remarque sogar ein Stück versöhnliche Leberwurst durch Beverly Hills: „Iß und vergiß.“ Deutsche in Hollywood.

Nach 79 Briefen von Remarque liest man endlich den ersten Text von Marlene Dietrich an ihren Geliebten. Es ist ein Telegramm und könnte auch an ihren Lieblingsfrisör gerichtet sein. Ihr einziger langer Brief an Remarque, der noch erhalten ist, wurde vier Jahre später abgeschickt. Marlene war in der Zwischenzeit mit Jean Gabin liiert, Remarque hat die Bändigung des Pumas aufgegeben, hat Gabin so gut wie möglich verunglimpft und sein Verhältnis zum Puma hat sich merklich abgekühlt. Doch dieses einzige erhaltene längere Schreiben der Dietrich an Remarque ist schon die Lektüre der gesamten Korrespondenz wert. Schnörkellos, stilvoll und unendlich traurig wendet sich die Diva nach ihrer zerbrochenen Affäre mit Jean Gabin an ihren ehemaligen Liebhaber. Der Puma ist „zerfetzt“, sehr unglücklich, verliert aber nicht den Humor: „Vielleicht brauche ich Leberwurstbrote, den Trost der Betrübten – und seelische Leberwurstbrote.“ Doch Rache ist Blutwurst und Leberwurst ist Zeuge: Das Kräfteverhältnis hat sich nun umgekehrt, und Remarque macht seiner ehemaligen Geliebten nun den kurzen Prozeß: „Du hast nicht gelebt. Vielleicht war es das. Du hast so entsetzlich nicht gelebt in all diesen Jahren, du warst so weggeworfen in eine tote Bürgerlichkeit.“ Ein Fest. Herrlich.

Die glücklichen Tage seiner Beziehung zu Marlene Dietrich inspirieren Erich Maria Remarque zu wuchernden, blumigen Wortgirlanden. Im Poesiealbum nichts Neues. Doch im Unglück variiert das tapfere, stolze Paar ganz ohne Schwulst die schönen Themen wütende Selbstzerfleischung, glühende Eifersucht und gemeine Lebensanklage, ist irgendwann dann sehr erstaunt, wie darüber die Zeit vergeht und lernt schließlich, sich in den luxuriös ausstaffierten Hotellobbies zwischen New York, Beverly Hills und Paris gemeinsam und ohne Ranküne an die alten Tage zu erinnern. Was als banale Schnulze begann, endet als großes Kino. Marlene Dietrichs letztes Telegramm erreicht Erich Maria Remarque an seinem Sterbebett: „Ich schicke dir mein ganzes Herz.“

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Erich Maria Remarque/Marlene Dietrich: „Sag mir, daß Du mich liebst...“ Zeugnisse einer Leidenschaft
Herausgegeben von Werner Fuld und Thomas F. Schneider
Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2001, 225 S., 38 Mark

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