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Aris Alexandrou: "Die Kiste" (SZ)

Wahrheit, Version 6.1

Aris Alexandrous komplexer Roman über den griechischen Bürgerkrieg: "Die Kiste" (SZ, 04.07.02)

Im griechischen Bürgerkrieg von 1946 bis 1949 kämpfen die kommunistischen Partisanen nun nicht mehr gegen die deutsche Besatzungsmacht, sondern gegen die Armee der rechtsgerichteten Regierung und der ehemaligen Kollaborateure. Der Untergrundkampf geht weiter, doch der Feind kommt aus dem eigenen Land. Die Konspiration nimmt kein Ende. Das Oberkommando der Partisanen stellt aus Freiwilligen ein hochgeheimes Selbstmordkommando zusammen, das die entscheidende Wende im Kampf gegen die Regierungstruppen herbeiführen soll. Vierzig Mann werden als Bauern verkleidet - Drillichhosen und Schnabelschuhe aus Schweinsleder - und auf geheime Mission geschickt.

Eine Kiste ist zu transportieren, oberste Priorität, koste es, was es wolle. Wer im Kampf verletzt wird, sich den Fuß verstaucht oder auf andere Weise den reibungslosen Kistentransport behindert, muß sich erst sein eigenes Grab schaufeln und dann am Grabesrand Zyankali nehmen. Täglich gibt das Hauptquartier den weiteren Verlauf der Marschroute verschlüsselt über Funk durch, der revolutionäre Anführer dekodiert die Nachricht mit Hilfe des Neuen Testaments, meldet seinen Vorgesetzten den Zustand der Kiste und gibt den aktuellen Marschbefehl an seine Truppe weiter. Man marschiert Tag und Nacht, geschlafen wird in rotierenden Schichten im doppelten Boden eines Heuwagens, dem rollenden „Keller“ des revolutionären Bauerntrecks.

Die Funksprüche des Hauptquartiers erweisen sich als kapriziöse Orakelsprüche einer ätherischen Sibylle: Die Truppe marschiert wochenlang im Kreis, kommt nicht vorwärts, der Partisanenkampf ist eine Odyssee ohne roten Faden. Handgranaten, Dolche, Sumpffieber, Skorpione, Zeitbomben, korrosiv vor sich hinqualmende Kalkgruben: nacheinander sterben beinahe alle Beteiligten des Todeskommandos. Nur ein einziger Partisan überlebt und kehrt schließlich an den Ausgangspunkt der Irrfahrt zurück. Kommando tot, es lebe die Kiste. Die zuständigen Behörden des bewaffneten Widerstandes öffnen siegesgewiß den verschweißten Metallbehälter, doch der ist leer.

Der Überbringer der leeren Kiste wird von seinen Genossen festgenommen und in eine Einzelzelle gesperrt. Hier erhält er vom „Genossen Untersuchungsrichter“ jeden Tag offiziell abgestempeltes, durchnumeriertes Papier, auf das er seine Erzählung von der Irrfahrt mit dem McGuffin des Widerstandes niederschreibt. „Kafkaesk“ lautet zweifelsohne die Parole zu Aris Alexandrous Roman aus dem Jahre 1972, der zu Recht als ein Klassiker der griechischen Moderne gilt. Es liegt nahe, die Erzählung des inhaftierten Partisanen als Allegorie über die Entfremdung des autonomen Subjekts durch die Abhängigkeit von einer willkürlichen militärischen Gewalt zu lesen. Die groteske Mission Kiste erscheint als Parabel über sinnentleerte Auswüchse politischer Ideologien. Weitet man den Lektürehorizont noch etwas, läßt sich „Die Kiste“ als ein Stück absurdes Theater lesen. Der Genosse Untersuchungsrichter, der sich niemals offenbart, wandelt sich zum Genossen Godot. Die Revolution verschaukelt ihre Kinder.

Doch letztlich scheint „Die Kiste“ der große, formal sehr anspruchsvolle Roman einer Befreiung durch die Sprache zu sein. Im ersten Drittel des Textes liest man die spröde, knöcherne Apologie eines Verurteilten, der über den Grund seiner Inhaftierung nur Vermutungen anstellen kann. In ständigen Wiederholungen immer derselben Szenen tastet sich der Ich-Erzähler an die Aufarbeitung einer völlig sinnlosen Mission heran. Er spricht die hölzerne Sprache der Partei, um die Ranghöheren von seiner Unschuld am konterrevolutionären Kistenvakuum zu überzeugen. Es wäre unsinnig, dem Übersetzer des Romans einen steifen Stil anzukreiden, denn zu Beginn seines Textes schreibt Alexandrou bewußt bürokratische Parteiprosa. Haarspalterisch wird der Hergang der Ereignisse referiert, als bereitete sich der Angeklagte auf einen großen Schauprozeß vor. Die ersten hundert Seiten sind ein detailsüchtiges Protokoll, das den Geist aller grauen Kasernenflure atmet.

Der Inhaftierte dekliniert die militärischen Hierarchien durch, referiert sämtliche Personalrochaden in seiner Bauernkompanie, stellt hilflose Vermutungen über parteiinterne Kämpfe an, erstellt verwirrende Strömungslehren über die aktuelle Parteilinie, diskutiert, vergleicht und bewertet Auszeichnungen und Orden. Der Ich-Erzähler kauert in seiner Isolationszelle, zeichnet zittrige Marschrouten auf seine abgestempelten Blätter und füttert den Genossen Untersuchungsrichter mit allen Details des Kommandos Kiste. Er versucht, das leere Behältnis mit Sinn zu füllen. Seine Erzählung entpuppt sich nach und nach als eine mühevolle Prozedur der Selbstkritik. Zuallererst macht sich hier der Angeklagte selbst den Prozeß, enttarnt peu à peu seine vertrackten Verteidigungsstrategien, korrigiert sich immer wieder, liefert ständig neue Versionen derselben Ereignisse, bezichtigt sich selbst der Lüge, überführt sich der Geschichtsfälschung, erst, um dem Untersuchungsrichter zu gefallen, schließlich, um immer weiter zur Wahrheit vorzudringen. Aris Alexandrou liefert in diesen Passagen eine gnadenlose Autopsie der Parteisprache, des gefallsüchtigen, entfremdeten Diskurses im furchteinflößenden Angesicht einer willkürlichen Macht. Die Sprache ist in diesem Teil des Romans so hohl und entkernt wie die revolutionäre Kiste. Die Apologie kippt um in eine Groteske über Ideologien: „All dies führe ich auf, um nachzuweisen, wie unbedacht in der Pferdeangelegenheit sowohl die Dogmatiker als auch die Leninisten handelten.“ Der Autor kennt sich aus, denn während der deutschen Besatzung trat er vorübergehend selbst in die kommunistische Partei ein und kämpfte im Widerstand. In den Wirren des Bürgerkrieges verbrachte er wegen seiner politischen Überzeugungen über zehn Jahre in Verbannung und Haft.

Doch „Die Kiste“ ist mehr als ein engagierter historischer Roman über die vernichtende Gewalt der Ideologien. Im Laufe der Erzählung befreit sich der Partisane von der Perspektive seiner Partei. Er lehnt sich gegen seine Situation auf, versucht, den Untersuchungsrichter zu provozieren, erwägt kurz, das schriftliche Verhör zu boykottieren und läßt vor allem immer detailliertere, persönlichere Erinnerungen in seinen Rapport einfließen. So löst sich langsam aus der strengen Parteiprosa die plastische Biographie eines Menschen, der sein ganzes Denken und Handeln erst dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer und dann gegen die Regierungsarmee gewidmet hat. Das spröde Protokoll wandelt sich zu szenischer Prosa. Im monotonen Gang der verwalteten Sprache leuchten nun immer mehr revolutionäre Textzellen voller Poesie auf.

Die eigentliche Spannung der Erzählung rührt von der schonungslosen Enthüllung persönlicher Schuld gegenüber Mitkämpfern und ehemaligen Freunden. Im Resonanzraum der hohlen Kiste gewinnt die Stimme des Ich-Erzählers immer persönlichere Klangfarben. Die Erzählung verläuft in ähnlichen Kreisen wie die Marschroute des Todeskommandos, doch in dieser Kreisbewegung variiert der Erzähler immer dieselben Szenen, um ihnen jedes Mal eine neue, für ihn immer unvorteilhaftere Bedeutung zu geben. Spiralförmig dringt er so zur Wahrheit vor und findet letztlich zu sich selbst und einer eigenen Sprache. Die letzten vierzig Seiten bestehen aus einem einzigen, rauschhaften Satz, in dem der Erzähler alle Hierarchien abwirft - auch die syntaktischen. Aus poetischem Ungehorsam heraus macht er nun seiner Partei den Prozeß, klagt sie wütend an, auch auf die Gefahr hin, erschossen zu werden. Seine Erzählung endet stolz und trotzig: „Wenn Sie also glauben, daß die Kiste mit meiner Leiche voll wird, worauf warten Sie dann und stellen mich nicht an die Wand, oder besser: an das zweiflügelige Eisentor.“

Auch wenn zum Schluß vielleicht die leere Kiste auf den Leichnam des hingerichteten Partisanen wartet, ist es ihm dank seiner komplex gewobenen Erzählung gelungen, aus dem Sarkophag einer verwalteten Sprache und eines diktierten Denkens zu klettern.

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Aris Alexandrou: Die Kiste. Roman
Aus dem Griechischen von Gerhard Blümlein
Verlag Antje Kunstmann, München 2001
303 Seiten, 42,80 Mark

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