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Henning Ahrens: "Lauf Jäger lauf" (SZ)

Zorro im Wunderland

Henning Ahrens verjagt den Zeitgeist: "Lauf Jäger lauf" (SZ, 20.03.02)

Oskar Zorrow jagt im ICE durch die Tiefebene der Wirklichkeit. Vom Bahndamm aus verhext ihn ein Fuchs mit bernsteingelben Augen. Zorrow ist gebannt und muß raus zum Märchenfuchs. Der archaische Jagdtrieb ist stärker als zweitausend DB-PS. Zorrow zieht die Notbremse und verläßt fluchtartig die High-Tech-Welt der Fließquarzanzeigen, Hydrauliktüren und Klimaanlagen. Je weiter er sich von Schienen und Fahrplänen entfernt, desto tiefer taucht er in eine sumpfige Traumwelt ein. Bewaffnete Männer fassen, fesseln und verschleppen ihn. Zorrow gerät in das undurchsichtige Wirken einer skurrilen Logenbruderschaft von zwei Männern und einer dichtenden Frau, die unter der Fuchtel des ungemütlichen Malers John Isegrim Reineke-Schmutz auf einem verfallenen Gutshof als „Widergänger“ konspirieren. Ihre Verschwörung richtet sich vor allem gegen die Tiefebene der Wirklichkeit, denn sie phantasieren äußerst lebhaft in den spukenden Gemäuern des alten Bauernhofs.

Die Widergänger leben in ständiger Furcht vor dem Erz-Rohling Erk Brandstetter, der eine Achse des Bösen durch die schmatzende Moorlandschaft brandschatzt und eine Mischung aus Karlsson vom Dach und Ghost Buster zu sein scheint: „Er hing in der Luft, auf dem Rücken einen Apparat mit ratterndem Propeller und in den Händen ein glühendes Rohr.“ Seine Koteletten sind spitz zulaufend wie Stoßzähne, sein Vernichtungspotential ist schauderhaft. In der morastigen Landschaft um das Widergänger-Gut gärt das Phantastische. Hinter einer dichten Nebelwand ruht das Land des glückseligen Vergessens, das niemand durchqueren kann, denn im Nebel fällt auch der Wunsch der Rückkehr dem Vergessen anheim. Einmal im Nebelparadies, hockt man sich unter eine Kiefer und verhungert. Einzig der Maler Schmutz kann hinter die Nebelwand reisen und kehrt mit Skizzen aus einem paradiesischen Traumland zurück. Im tiefsten Innern ist der Neo-Expressionist ein romantischer Künstler: in seinem Atelier sammeln sich unzählige solcher Orplid-Polaroide.

Der Lyriker Henning Ahrens entwirft in seinem außerordentlich originellen Prosadebüt eine poetisch verdichtete Traumwelt, die sich aus den Traditionen der romantischen Phantastik und der Naturlyrik speist. Wie der Intercity schnurrt der Intertext. Mit viel Humor zitiert der Autor die klassischen Topoi der Schauerromantik. Ahrens zeigt sich spiel- und kombinierfreudig: Er hat seinen sehr lyrisch rhythmisierten Text einen „Roman in sechs Folgen“ genannt und sich von den Motiven des populären Fortsetzungsromans inspirieren lassen. Schreiende Köpfe ragen aus dem Moor, unter einer Augenklappe schwitzt eine blinde Narbe, alte Recken zerlegen, ölen und polieren ihre Luger, und ein Kapitel heißt folgerichtig „Rauchende Colts“.

Auf dem Gutshof der Widergänger sind die Grenzen zwischen Kunst und Realität durchlässig: gegen Ende des Romans steigt eine apokalyptische Engelsschar von einem Deckengemälde und bereitet dem Spuk der Widergänger ein flammendes Ende. Auf dem Programm der Sumpfbrüder steht nicht nur ein Plädoyer für den Erhalt des Konjunktivs und Genitivs: Ihr Kampf gilt dem Zeitgeist. Im Moor scheinen sie ein Naturschutzgebiet für Unzeitgemäßes errichten zu wollen. Ahrens zeichnet sie als groteske, Rührei schlabbernde Kulturpessimisten und sexuell verwirrte Moor-Conspirateure, doch jenseits der ironischen Inszenierung ihrer nebulösen Sumpf-Intrigen gibt sich der Text kämpferisch. Ahrens hat seinen Roman raffiniert gegen alle literarischen Moden konzipiert. Er spielt einen aggressiven Provinzialismus gegen die landläufige Metropolenliteratur aus. Listig wie der magische Fuchs läßt er seinen lethargischen, traumvernebelten Helden auf dem Weg in die lockende Großstadt jenseits aller ICE-Fahrpläne versumpfen und die irrwitzigsten Abenteuer erleben. In Jwd ist die Hölle los. Der spinnenverwebte Heuschober birgt mehr Geheimnisse als die Studenten-WG.

Anstelle von Metropolengeglitzer feiert Ahrens die Natur mit dem überbordenden, präzisen Vokabular eines wortgewandten Oberförsters. Gegen poppigen Szenejargon setzt er fachkundiges Jägerlatein. Plastisch beschreibt er die variablen Geometrien der Mückenwolke, die halluzinogenen Maserungen der Eichenrinde und den scharfschnabeligen Sturz-Vektor des Raubvogels. Ahrens´ Phantastik bezieht ihre bannende Kraft aus einem poetischen Hyperrealismus. Das Nebelland ist ein federn- und blütengewordenes Bestimmungsbuch. Doch dieses Provinzmärchen gaukelt keine falsche Fuchs-und-Hasen-Idylle vor. Seine Modernität besteht nicht in der Thematik, sondern in der Erzähltechnik, die mit schnellen Schnitten heterogene Materialien und Atmosphären, Pulp-Romantik und getragene Retro-Töne zu einem erstaunlich stimmigen Ganzen arrangiert. Es ist, als träfe Mörike auf Schlingensief, ohne daß dabei schrille Albernheit entstünde. Statt Zeugnis von der götzengleichen Wirklichkeit abzulegen, erschafft der Autor ein kunstvolles, poetisches Universum, das wie eine farbig schillernde Märchenblase in die Realität eingeschlossen ist.

Scheint im Text anfangs noch die willkürlich Logik aller in sich gekrümmten Traumwelten zu herrschen, verdichtet er sich nach und nach zu einem fast mathematisch strukturierten Prosagewebe, in dem jeder verlorene Gegenstand nach einigen Kapiteln wieder auftaucht und jedes angeschlagene Motiv sein Echo findet. Alle Objekte schimmern hier mit der surrealen Präzision jener Rose aus dem Coleridge-Gedicht, die ein Erwachender auf seinem Kopfkissen findet als Beweisstück für den geträumten Garten Eden. Und legt man den Roman aus der Hand, leuchtet der Text mit eben diesem Schimmern nach.

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Henning Ahrens: Lauf Jäger lauf. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
256 Seiten, 12 Euro

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