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Carlos Fuentes: "Das gläserne Siegel" (SZ)

Don Carlos und sein CD-Player

Carlos Fuentes spuckt große Töne: "Das gläserne Siegel" (SZ. 20.04.02)

Carlos Fuentes hat seinen CD-Player eingeschaltet, die „Damnation de Faust“ von Hector Berlioz eingelegt, das Gerät auf Repeat gestellt, die Lautstärke hochgedreht, einen Pakt mit Mephisto abgeschlossen und im Rhythmus der Musik munter drauf losgeschrieben. Den wogenden Klängen ist die Figur des faustischen Dirigenten Gabriel Atlan-Ferrara entstiegen. Gabriel, der Klanggeborene.

Im Alter von dreiundneunzig Jahren wird der alte Maestro Atlan-Ferrara in Salzburg ein letztes Mal Berlioz´ “Damnation de Faust“ dirigieren. Die Zeit vor dem Auftritt verkürzt er sich mit beschwörendem Manipulieren einer Kristallkugel, in der seine Vergangenheit und insbesondere seine Liebe zu der Opernsängerin Inez Prada ruhen wie Insekten im Bernstein. In der magischen Glaskugel sieht der alte Dirigent die Stationen einer großen Liebe Revue passieren: Berlioz pflasterte ihren Weg. Bei einer „Faust“-Probe unter deutschem Bombenhagel, während Hitlers Blitzkrieg gegen London, verliebt sich der Dirigent in den lodernden Feuerschopf der mexikanischen Sopranistin. Schon bei ihrer ersten Begegnung wird das dominierende Tempo dieser Leidenschaft angeschlagen: Molto furioso. Der Orchesterchef lädt die Sängerin in sein Landhaus, doch umsonst, die junge Frau will vorerst Jungfrau bleiben. Immerhin schenkt sie ihm ein gläsernes Siegel, an dessen kristallinem Molekülgitter des Maestros Leidenschaft lebenslänglich rütteln wird.

Noch zwei Mal treffen die Ausnahme-Künstler aufeinander, um gemeinsam den „Faust“ zu geben: 1949 in Mexiko und 1967 in London. Beide Vorstellungen geraten zu beispielloser, himmelsstürmender Tonkunst, doch die dauerhafte, große Liebe soll nicht sein. Das Glück ist nur in der Kunst. Nach einem sexuell-konzertanten Vorspiel und der nachfolgenden orgiastischen Musikaufführung in Mexiko gehen beide Künstler wieder getrennte Wege und widmen sich ihren Solokarrieren. Am Ende des Londoner Konzerts verschwindet die Sopranistin gar vollends von der Bildfläche. Während seines letzten Salzburger Konzerts überwindet der beziehungsgestörte Dirigent endlich seine wehmütige Leidenschaft zu der mexikanischen Diva, legt sich ins Greisenbett und spielt in der Salzburger Dunkelheit zufrieden auf einer Elfenbeinflöte. Natürlich eine Melodie aus dem „Faust“: „Mit großer Zärtlichkeit.“

Fuentes zeichnet seinen französischen Chef d´orchestre Atlan-Ferrara als famosen Podest-Zampano und unbesiegbaren Musikanten-Cyborg, den er aus Versatzstücken von genialischen Superhelden zusammenklittert. Wild wuchert dem Maestro die schwarze Zigeunermähne aus dem Schädel, als zöge sie aus dem fermentierenden Humus seines dunklen Genies reichhaltige Nährstoffe und schuppenhemmendes Pflegebalsam zugleich. Seine struppigen Augenbrauen brechen durch die hohe Cäsaren-Stirn wie ein Überschuß an ungezähmten Gedanken und fabulösen Inszenierungseinfällen. Sein imperialer Blick ist aus purem Asbest: „Atlan-Ferrara (ließ) die wildesten Feuer der Schöpfung durch seinen Blick flackern.“

Dieser feuerfeste Pult-Paganini ist originell vom markanten Charakterkopf bis zur seismographischen Fußsohle: „Das traurige war, daß er unter seinen Fußsohlen die Wunde der Erde spürte.“ Dieser genialische Faustcharakter mit den einfühlsamen Füßen findet in der mexikanischen Sopranistin ein launisches Latino-Gretchen. Auch sie ist voller anatomischer Herrlichkeiten: „Perlmutt mit roter Mähne.“ Insgesamt ist das Goldkehlchen elektrisierend. Durch leichtes Reiben ihrer flaumigen Oberschenkel entzündet die Dame ihre magnetische Aura: „Sie rieb die geröteten Finger unauffällig in Höhe des Schenkels am Rock. Die aufsteigende Sonne schien voller Neid mit der Aureole des Mädchens zu sprechen.“

Ein feuriges Dream-Team, wie geschaffen für die Hervorbringung großer Kunst – durch Reibung oder Fußauflegen, je nachdem. Es steht zu befürchten, daß der alternde Großdichter und mexikanische Nationalepiker Carlos Fuentes der Versuchung nicht hat widerstehen können, sich lustvoll in dem dirigierenden Supermann Atlan-Ferrara zu spiegeln und zu sonnen. Unverdient, denn was der mexikanische Maestro in seinem neuesten Roman liefert, ist kakophonischer Klamauk.

Der größte Teil des albernen Musikantenstadels setzt sich aus schwadronierenden Dithyramben auf die reine Klangkunst zusammen, die sich allesamt auf dem Niveau einer Schulorchester-Besprechung in einem lokalen Werbekäseblatt bewegen. Wo die Musik aufhört, fängt bei Fuentes der Kitsch an. Monologisierend steht Gabriel, der großmäulige Pult-Virtuose, vor seinem eingeschüchterten Orchester, und seine philosophischen Ergüsse feiern die Geburt des Wortgeklingels aus dem Geiste des CD-Booklet-Textes. Der esoterische und mesmerisch leicht verwirrte Maestro dirigiert mit bloßer Hand, denn den Taktstock hält er für einen überflüssigen Genie-Ableiter. Hundert Jahre Peinlichkeit. Fuentes schwelgt in einem rauschenden Röhricht törichter Binsenweisheiten über die leuchtende Transparenz des Klanges und die jenseitige Strahlkraft aller wahren Musik. Die Musiktheorie seines Dirigenten scheint sich vor allem auf die gedankliche Maximal-Durchdringung der Bremer Stadtmusikanten zu stützen: „Wenn der Musiker will, daß der Esel schreit, muß er ihn zum Singen bringen.“

Weh und Leid des kompliziert verzickten Liebespaares dekliniert der Autor in nervenaufreibenden Je-t´aime-moi-non-plus-Dialogen durch. Ist man anfangs noch gerne bereit, beide Augen angesichts von Fuentes´ Großmachts-Fantasien über die totale Kunst zuzudrücken, kommt man bei seinen verschmockten Altherren-Träumereien über die absolute Liebe vor lauter zugedrückten Augen schon bald nicht mehr zum Lesen. Diese Liebe in den Zeiten der Orchesterproben ist ein künstliches Produkt jenes schwer vergreisten Schürzenjägerlateins, das auch Gabriel Garcia Marquez´ erotische Schwärmereien vom sinnenraubenden Hüftschwung des Latino-Starlets Shakira kennzeichnet. Und was der ehemalige Botschafter von Mexiko über seine Heimat zu sagen hat, dürfte nicht einmal für einen sehr diplomatischen Small-Talk auf einem Sektempfang reichen: „Mexiko: nicht einmal ein Stück Brot in der Hand, aber den Kopf voller Träume.“

In vereinzelten Traumsequenzen zeigt Fuentes, was in ihm steckt. Hier schildert er in leuchtenden Farben und ganz ohne Pathos eine sehr schöne – nun ja - Steinzeitliebe. In kunstvoll bemalten Höhlen, zwischen ausgebleichten Säbelzahntigerknochen, Werkzeugen aus Feuerstein und gräßlichen Stammesriten finden die Urmenschen a-nel und ne-el zu einer mythisch grundierten Liebe. In ihren prähistorischen Traumgesichtern offenbart die Sopranistin Inez Prada ihre tiefe Sehnsucht nach einer verschwisterten Seele. Klingt scheußlich, ist aber sehr gelungen und vor allem in einer weniger getragenen, nicht mehr nur genialischen Tonart komponiert: „Dann wird ne-el seiner Tochter lachend in den Po beißen.“ Reines Vaterglück. Fuentes hätte diese originellen, phantasievollen Seiten als plastisches, schillerndes Erzähl-Poem veröffentlichen und den Rest seines Romans in der Schublade lassen sollen. Denn der Text jenseits dieser lyrischen Trauminseln ist schriller, gellender Unsinn, der jede halbwegs zuverlässige Zauberkugel vor Mißbilligung und Entsetzen zerspringen lassen würde.

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Carlos Fuentes: Das gläserne Siegel. Roman.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart München 2001.
207 Seiten, 19,90 Euro

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