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Will Self: "Wie Tote leben" (SZ)

Im Hades ist die Hölle los

Will Self flucht aus dem Jenseits: "Wie Tote leben" (SZ, 24.10.02)

Lily Bloom ist Zynikerin, Kettenraucherin und tot. Aber das stört sie nicht weiter, denn das Leben ist nicht nur eine Plage, sondern auch nicht tot zu kriegen. Lily ist im Alter von sechsundsechzig Jahren an Krebs verstorben. Aber was heißt schon verstorben? Nach dem Tod geht eigentlich alles so weiter wie gehabt. Sartre irrte, das Spiel ist niemals aus. Das Totenreich erweist sich als ein grauer Londoner Vorort, in den man direkt vom Totenbett in einem Taxi chauffiert wird. Der Hades ist Suburbia, wo Spießer ihren shampoonierten Zerberus Gassi führen und sich nicht die Bohne dafür interessieren, ob sie selbst oder der neue Nachbar überhaupt noch leben. Beste Wohnlage für Zombies. Und das Schönste: Man kann nach dem Krebstod gleich weiterrauchen.

Das Jenseits ist so bürokratisch wie ein Einwohnermeldeamt. Die verwaltete Welt der Toten heißt Todokratie, riecht nach ranzigem Prittstift, muffigen Stempelkissen, kaltem Beamtenkaffee und äonenaltem Staub auf Gummibaumblättern. Hier gibt es Wartesäle mit Nummern und wahrscheinlich auch noch einen Pirelli-Kalender aus dem Paläolithikum. Das Jenseits ist ein verflixtes Büro. Die Toten werden von mystischen Fachkräften in ihr neues Zuhause zwischen neonbleicher Nachttankstelle und Asia-Markt eingewiesen. Diese Totenführer sind verstorbene religiöse Zeremonienmeister besonders ursprünglicher Zivilisationen: Schamanen, Derwische oder Voodoo-Priester – Damen und Herren mit traditionell guten Beziehungen zur Geisterwelt.

Lilys Psychopomp ist der australische Aborigine Pha Lap, der über eine stattliche Kollektion von Zauberstäben und Bumerangs verfügt und der frisch Verstorbenen gezischte Weisheiten ohne rechte Bodenhaftung vermittelt. Wenn dieser australische Hermes und Traumpfadfinder nicht gerade an Lilys kompletter jenseitiger Desorientierung arbeitet, eröffnet er ethnologische Themen-Restaurants für Londoner Yuppies auf der Suche nach dem letzten Schrei, den sie beim Anblick von huschenden Echsen und gegrillten Heuschrecken dann auch begeistert ausstoßen.

Mit Lilys wütendem inneren Monolog aus dem Jenseits ist dem englischen Autor Will Self eine sehr komische, phantasiereiche und verdrehte Groteske gelungen. Selfs Humor ist so schwarz wie Lilys Raucherlunge. Das Diesseits bricht sich im Zerrspiegel des Jenseits, und was man sieht, ist nicht schön, aber lustig. In ihrer existentiellen Wut, ihrer Empörung über ihr schmerzhaftes Krebsleiden und ihrem tiefen Ekel vor dem brodelnden Schwachsinn der Welt steigert sich die Erzählerin in eine inspirierte Hysterie, vor der nichts und niemand sicher ist. Lily Blooms innerer Monolog ist eine zeitgenössische Version von Molly Blooms Gedankenstrom in James Joyces „Ulysses“. Doch was bei Molly eher Ballade ist, gerät Lily zu bissigem, rotzigem Punk. Diese biestige Tote ist beseelt vom polemischen Furor. Sie gehört zu jenen Toten, denen man die große Klappe extra totschlagen muß. Mit ihrer apokalyptischen Suada scheint sie alle gottverdammten Teletubbies, Handy-Klingeltöne, Nike-Air-Turnschuhe, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und vorläufige Steuerbescheide, alle Seitenairbags, anatomische Fußbetten und Mundduschen ein für alle mal gen Orkus spülen zu wollen. Und sowieso: Ein Leben, in dem es Platz für den Tod gibt, kann nur Mist sein. Der Zynismus wuchert wie die Zyste.

Miss Bloom selig putzt sie alle runter: Ihre Ex-Männer waren Schlappschwänze, und sie meint es genau, wie sie es sagt. Dabei hätte sie sich immer so sehr anzüglichen Sex gewünscht. Aber Gott, sie war ja so fett. Ihre steinreiche Schwester Esther ist ein Aas, Bill Clinton ein aalglatter Hurensohn und Tony Blair ein glubschäugiger Bastard und segelohriger Kriegstreiber. Auch die Juden sind so grauenhaft. Und das Schlimmste: Lily ist selber Jüdin. Der Selbsthaß ist noch gefräßiger als jeder Krebs.

Auch ihre eigenen Töchter sind nicht zum Aushalten: Charlotte wird immer reicher und ist emotional so zugeknöpft wie ein hochgeschlossenes Priestergewand. Natty ist ein sexy Junkie-Vamp, der Männerherzen ausdrückt wie Heroin-Kanülen und genau so selbstzerstörerisch wie die Mutter ist. Diese Drücker-Braut ist eine unerträgliche Schlampe, die für jeden die Beine breit macht und für ihren nächsten Schuß auch noch das letzte bißchen Selbstachtung verscherbelt. Lily übergießt sie mit Sarkasmus, doch vor allem, vor allem liebt Lily ihre Natty wie nichts anderes auf dieser Welt. Denn natürlich steckt in diesem nikotin- und haßverklebten Biest von Lily eine schöne und empfindsame Seele. Aber das darf keiner wissen.

Will Self schreibt nicht einfach nur eine flotte Satire über Gott und die Welt. Niemals mißbraucht er eine Figur als Notnagel für eine kabarettistische Nummernrevue, sondern erschafft das pulsierende Universum einer bewegenden menschlichen Komödie. Alle Figuren haben ein lebendiges Profil. Am lebendigsten sind die Toten. Wer Lily nicht liebt, ist schon lange im Suburbia der Zombies angekommen. Nun könnte man meinen, daß Will Self mit seiner ironischen und sarkastischen Verve, seiner genialisch überhitzten dramaturgischen Phantasie und seinem respektlosen Temperament mit ausreichend literarischen Talenten gesegnet sei. Doch damit nicht genug. Der Autor verfügt auch noch über ein unerschöpfliches Reservoir an originellen Bildern, blitzenden Wendungen, brillanten Formulierungen, sarkastischen Aphorismen und Bon Mots. Es ist, als bräche der Äther des Jenseits Lilys Blick auf die Welt wie ein Prisma und verliehe ihrer Sprache eine besonders schillernde Perspektive.

Will Selfs ruhelosen Seelen erinnern ein wenig an die lebenden Toten in Thomas Pynchons großartigem Roman „Vineland“. Und auch Selfs Sprachbilder vibrieren zuweilen recht pynchonesk: „Ich lehne an einem General-Electric-Kühlschrank von einer so surrenden, wummernden, aerodynamischen Art, daß er, würde ich die gummisaugenden Tür aufziehe, hineinklettern und es mir zwischen Schüsseln mit gehackter Leber, Päckchen mit Würstchen und schrumpeligen Salatköpfen bequem machen, durchaus abheben könnte zum Verbotenen Planeten.“ Ein echtes V2-Bild.

In Selfs Roman regiert die gekrümmte, gefältelte und dreifach geloopte Raum-Zeit aller metaphysischen Imperien. So erleben Lilys Töchter Szenen aus der Jugend ihrer Mutter, und Leitmotive wandern durch den Text wie treibende Inseln. Ein besonders schönes variiert das Bild eines Jungen, der selbstversunken Plastikspielzeuge aufeinandertürmt: „Er probierte Auto auf Kuh auf Harmonika, dann Harmonika auf Kuh auf Auto, als erforschte er die Möglichkeiten neuer Hindukosmologien.“ Dieses Bild taucht mehrmals in dem Text auf, als erforschte Self die Möglichkeiten der motivischen Wiedergeburt in seinem literarischen Kosmos der Seelenwanderungen.

Dieser poetische, fauchende und röchelnde Text ist in einen originellen Erzählrahmen gebettet: Irgendwann hat Lily genug vom Tod. Ihr Lebenshunger ist unstillbar. Bei der Todokratie stellt sie einen Antrag auf Wiedergeburt. Der wird gerne bewilligt, nur dauert so etwas immer ein bißchen. Lily sitzt also nach Weihnachten, zwischen den Jahren, im Wartezimmer zwischen Leben und Tod und verkürzt sich die Zeit mit der Erzählung ihrer Lebensgeschichte. Schließlich wird sie wiedergeboren. Als Tochter ihrer Lieblingstochter Natty.

Der Text ist gespickt mit solch überdrehten Einfällen. Will Self hat das Jenseits mit viel Liebe zum absurden und schrecklichen Detail ausstaffiert. Zwar ist der Hades nur ein schäbiger Londoner Vorort, doch scheinen hier Hieronymus Bosch, Bill Burroughs und Steven Spielberg Karneval zu feiern. Lily wird ständig begleitet von Lithy, dem Lithopädion, einem versteinerten, aber trotzdem irgendwie kregel hampelnden Embryo, das jahrein, jahraus in Lillys Unterleib überwintert hat und ihr beim Eintritt ins Reich der Toten aus den Rockschößen fällt. Lithy singt ständig die Hits aus den Siebzigern, die er durch die Riesenmembran von Lilys Bauchfell hat dudeln hören. In Lilys Souterrain-Wohnung im Londoner Jenseits schwabbeln außerdem noch „die Fetten“, zwei augenlose, gehässige Zwillingswesen, die aus allen Pfunden bestehen, die Lily jemals zu- oder abgenommen hat. Am vorlautesten aber ist Lilys wiederauferstandener Sohn, der damals auf der Flucht vor seiner wütenden Mutter vom Lastwagen überfahren wurde und ihr nun als inkarniertes schlechtes Gewissen den Tod zur Hölle macht. Ab und an klopfen noch die Totgeburten ihrer Tochter Charlotte an die Kellerfenster. Und das ist erst Lilys nähere Verwandtschaft... Sollte Pluton je einen ideenreichen Innenausstatter für sein Totenreich suchen, kann man ihm nur empfehlen, sich an Will Self zu wenden.

Bei Lilys Rundumschlag gegen die Welt bekommt auch die Literatur ihr Fett weg: „In Frankreich schrieb ein armer Vollgelähmter einen ganzen Roman mit einem Augenlid. Und es heißt immer, der Roman sei tot.“ Oh nein, solange die Toten aus dem Jenseits noch so lebendig über das Diesseits granteln, ist um den Roman nicht zu bangen. Die letzten drei Worte inklusive der letzten zwei Satzzeichen des Textes resümieren noch einmal Lilys breites psychische Spektrum zwischen Selbsthaß und Liebeshunger: „Vergiß mich. Nicht.“ Werden wir. Niemals.

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Will Self: Wie Tote leben. Roman.
Aus dem Englischen von Klaus Berr.
Luchterhand Literaturverlag, München 2002.
447 Seiten, 24,50 Euro

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