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Bruno Richard: "Desaster" (SZ)

Die Floppy der Pandora

Bruno Richard hat Jahrtausendprobleme: "Desaster" (SZ, 16.07.02)

In der Regel thrillt die deutsche Literatur nicht besonders. Hier der halbherzige Tod eines seit Jahren überflüssigen Kritikers, dort ein experimentelles Muttersterben. Aber keine wirklich ernsthaften Bemühungen um effizientes Spannungsmanagement, glühende Wangen und feuchte Hände. Was fehlt, sind zum Beispiel gut ausgebildete Profikiller aus der ehemaligen russischen Eliteeinheit Speznaz, die mit sibirischem Permafrost im graublauen Blick ihre matt schillernden Präzisionsgewehre auf zugigen Parkdecks zusammenstecken, um obskuren Mittelsmännern das Monogramm in der Brusttasche des gestärkten Oberhemds sauber zu perforieren. Es wird zu wenig professionell gemordet in deutschen Romanen.

Man sollte also für jeden Gehversuch im Thrillergenre grundsätzlich erst einmal dankbar sein. Der Autor des apokalyptischen Berlin-Thrillers „Desaster“ operiert für seine literarische Mission unter einem Decknamen. Hinter dem Pseudonym Bruno Richard verbirgt sich der ehemalige Chefredakteur des Berliner Stadtmagazins zitty, Bruno Preisendörfer. Der Undercover-Literat hat beschlossen, alle Register zu ziehen.

Seit Jahren lebt Rudolf Laimer mit dem Traum, Schriftsteller zu werden. Doch er hat es nur zum Dokumentar gebracht, der Dossiers für anonyme Auftraggeber in Form bringt. Er leistet sauber recherchierte Schützenhilfe für Mobbingstrategen, Karrierekiller und sonstige Erpresser. Ein Kreuzberger Schreibtischtäter, der sich mit seiner Frau Eva und den Kindern Lara und Benny so durchwurstelt. Zum Jahrtausendwechsel arbeitet er an einem besonders heißen Dossier über Diamantenschwarzhandel. Die unumgängliche Russenmafia versucht, den Handel neu zu organisieren, ein Händler aus Idar-Oberstein möchte sich mit Hilfe seiner verstreuten Aufzeichnungen etwas mehr Klarheit verschaffen, und Laimer erhält über Mittelsmänner eine Diskette mit Geheimmaterial zur Sichtung. Dieser Datenträger ist der klassische McGuffin, hinter dem bald alle her sind. Laimer besitzt die Floppy der Pandora.

In der apokalyptischen Atmosphäre des Jahrtausendwechsels steuern alle Personen auf die größtmögliche Katastrophe zu. Das brisante Dossier und die Machenschaften der Halbwelt stülpen das Innenfutter von Laimers typischem Kreuzberger Wurschtelleben um. Durch den kristallinen Fokus der 18-Karäter werden schnell die kleinen und großen Lebenslügen und der alltägliche Schwarzhandel der Gefühle sichtbar. Die Halbwelt überschattet Laimers Kreuzberger Kanalidyll, und seine Beziehung zu Eva bekommt den Millennium-Bug.

Bruno Richard weiß seine Handlungsstränge geschickt miteinander zu verknüpfen. Souverän entwickelt er die Biographien von einem guten Dutzend Figuren und führt ihre Schicksale gekonnt zusammen, wobei ungefähr die Hälfte mit dem Leben davonkommt. Richard hat den Diamantenschwarzhandel ebensogut recherchiert wie das Hackermilieu und eine apokalyptische Internetsekte, die den Roman mit der nötigen Endzeitstimmung grundiert. Auch wenn es auf den ersten Blick gewagt erscheint, läßt der Autor diese Halbwelten glaubwürdig in das Leben künstlerisch ambitionierter Forty-Somethings überlappen. Es liest sich spannend, wie die notorischen Altbaubewohner plötzlich statt zum Elternabend im multikulturellen Kinderladen zum Rendezvous mit dem russischen Auftragskiller müssen. Und irgendwann versickert Blut in den abgezogenen Dielen. Papi, wer ist der tote Mann neben dem Funktelefon?

Der Ex-Chefredakteur des gemäßigt alternativen Stadtmagazins zitty arbeitet sehr viel Berliner Lokalkolorit in seinen Thriller ein. Ewig grüßt der Fernsehturm. Die Orte der Handlung wirken leider manchmal, als wären sie von einem trendbewußten Location Scout aus der Hipster-Kartei der Hauptstadt zusammengesucht worden. In den schlechtesten Passagen dieses Thrillers grüßt der ehemalige Kulturredakteur Preisendörfer allzu penetrant zwischen den Zeilen des Debüt-Romanciers Richard. Noch jede Falafel-Bräterei wird mit einer hochtrabenden kulturkritischen Randglosse versehen. Der Autor neigt zu aufdringlicher Reiseführerprosa, und hin und wieder wechselt der Thriller das Genre und wird zum geschwätzigen Szene-Guide: „der Flammkuchen ist spitze!“ Zu oft findet man auch unverarbeitete Anekdoten und Schnurren aus der Tages- und Lokalpresse in dem Roman wieder. Mittlerweile müßte jeder mitbekommen haben, in welchem Restaurant Bill Clinton mit Gerhard Schröder abgestiegen ist und wo es die besten Brownies am Hackeschen Markt gibt. Und der Hackesche Markt selbst? „Renommierprojekt kapitalstolzer Investoren mit Kulturanspruch.“ Ähnliches gilt für solche Sätze: Renommierobjekte rhetorikstolzer Autoren mit Kulturanspruch. Doch von solchen Ausfällen in Richtung geschwollener Kunstprosa abgesehen, thrillt dieser Roman überdurchschnittlich.

„Desaster“ erzählt auch die Verwirklichung einer Berufung. Zu Beginn wird der Ghostwriter Laimer von den Geistern seiner Lebensträume heimgesucht: „Er schämte sich vor dem Schriftsteller, der er nicht geworden war.“ Nach nervenaufreibenden Abenteuern hängt Laimer seine Existenz als Dokumentar an den Nagel und versucht, all die blutigen Erlebnisse aufzuschreiben, um sie zu bewältigen. Dieses Mal schickt er sich an, sein ganz persönliches Dossier zu ordnen. Und das ist bekanntlich die brisanteste Floppy Disk. Mit „Desaster“ hat sich der Kulturredakteur Preisendörfer den Traum vom eigenen Roman erfüllt. Er braucht sich nicht zu schämen vor dem Schriftsteller, der er geworden ist. Sein Thriller ist gelungen. Am besten ist er dort, wo Richard unbehelligt von Preisendörfer seiner literarischen Mission nachgehen darf.

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Bruno Richard: Desaster. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
380 Seiten, 19,90 Euro

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