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Doris Dörrie: "Das blaue Kleid" (SZ)

Homo heult Hete auf die Tiefkühlpizza

Trauerkloß im Hals und im neunten Monat bedeutungsschwanger: Doris Dörris neuer Roman "Das blaue Kleid" (SZ, 07.10.02)

Und dann kommt dieser Satz. Das Leben ist ein überlanges Sommerrätsel, die Liebe ein gezinktes Rubbellos, alle Romanfiguren hocken nägelkauend im Labyrinth des Alltags und wissen weder ein noch aus. In ihren Mündern rollen triste Mantras: Macht das alles einen Sinn? Was ist der Tod? Woher kommen, wohin gehen wir? Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Und dann kommt dieser Satz: „Vielleicht wissen die Mexikaner mehr darüber.“

Die Geschenkpapierdesignerin Babette ist Witwe. Ihr guter Fritz ist in Bali totgefahren worden. Linksverkehr, „tourists not look“, tourist dead. Der Anästhesist Thomas ist Scheidungsopfer und joggt sich auf einem Münchner Friedhof den Liebeskummer aus der Seele. Dabei knickt er um, die trauernde Babette hievt ihn auf eine Bank, in die jemand „Liebe“ geschnitzt hat. Hoffentlich kommt jetzt ein Werbeblock, denkt der Leser, damit ich mir wenigstens ein paar Bier und eine Flasche Schnaps holen kann, aber es ist ja ein Dörrie-Buch, kein Dörrie-Film, und es geht gleich weiter. Um sich für Thomas schick zu machen, kauft sich Babette ein blaues Kleid bei den schwulen Modedesignern Alfred und Florian. Wie der Zufall namens Doris es so will, ist Florian bald auch Witwer. Sein guter Alfred wird vom Krebs aufgefressen. Florian möchte ihn mit einer Modenschau ehren und braucht dafür Babettes blaues Kleid. Um das Organza-Kleid organisiert sich ein Beziehungsdreieck aus drei Trauerklößen.

Babettes blaues Kleid ist aus eben dem Stoff, aus dem auch Fritz´ und Alfreds neue Heimat ist: „Das Kleid fällt über sie wie ein Stück Himmel.“ Das verbindet. Und weil im deutschen Amüsierbetrieb der Schwule vor allem dazu da ist, mit Dackelblick kostengünstig den Therapeuten zu ersetzen, wird Florian im Handumdrehen Babettes bester Kumpel. Beide machen all das, was einem für immer die Lust auf einen besten Kumpel vergrault: Sie heulen sich gegenseitig auf die Tiefkühlpizza, kuscheln sich sexfrei aufs Ikea-Sofa, stochern gegenseitig in ihren unappetitlich banalen Biographien herum und hängen mit Gurkenscheiben auf ihren stupiden Gesichtern vor der Glotze, wahrscheinlich um irgendeine geistverlassene deutsche Beziehungskomödie zu gucken. Babette übernimmt den Laberpart in dieser geschlechterübergreifenden Trauer-WG. In Gesellschaft dieses geschwätzigen Klageweibes sehnt man sich nach der Unfähigkeit zu trauern. Dauernd greint Babette von der Last der Liebe in den Zeiten der Totenwache und von Thomas´ Erektionsschwierigkeiten. Der Arzt kann ohne Pillen nicht in sie dringen. Der beziehungsgeschädigte Anästhesist lebt unter Vollnarkose. Die Geschenkpapierdesignerin braucht die gesamte Romanlänge, bis sie endlich das Präsent einer neuen Liebe auspacken kann. Ungelenk hangelt sich Dörries einfältige Romanmechanik an solchen forciert symbolischen Biographien entlang.

Nachdem diese öde Therapiegruppe ausgiebig ihre Vergangenheit wiedergekäut hat, reisen Babette und Florian zum Totenfest nach Mexiko, was Dörrie dazu nutzt, aus ihren Reiseführern abzuschreiben. In dieses Baedeker-Patchwork baut sie noch zwei, drei Romanfiguren ein, als Dank dafür, daß sie ihr eine steuerlich absetzbare Recherchereise nach Lateinamerika beschert haben. In Mexiko wollen Babette und Florian den Teufel mit Beelzebub austreiben und sich endlich von ihren Toten befreien. Doch die Gespenster von Fritz und Alfred hocken als blinde Passagiere im Lastenraum der DC 10. Die Hete und der Homo werden sehr viel Salsa, Rumba und Merengue tanzen müssen, um langsam wieder zu ein bißchen Lebenslust zu finden. Doch alles wird gut, die tolle Latino-Laune ist bekanntlich hochansteckend: Dörrie hext Florian einen knackigen Mexikaner in die Arme, und Thomas erwacht endlich aus seiner existentiellen Vollnarkose und reist Babette hinterher. Kuß, Abspann, Träne im Knopfloch. Endlich Schnaps und Bier.

Doris Dörrie ist eine böse Frau. Sie mordet den netten Fritz und den lieben Alfred, nur um nach Herzenslust ihren ungeheuren Karneval voller rührselig inszenierter Trauerrituale und konzeptlosem Existenzgequatsche zu veranstalten. Auf dem mexikanischen Totenfest finden sich Babette und Florian zwischen zahllosen Touristen mit Videokameras wieder. Genauso fühlt sich der Leser dieses Romans: Er hockt in der Trauertourifalle. Doris Dörrie hat nicht das schlechte Image von Hera Lind und anderen Zauberweibern, die Prosecco trinken. Zu Unrecht. Sie arbeitet mit den billigsten Effekten. Aber was heißt arbeitet? Lieblos kramt Tante Kummerkasten in ihrem Baukasten voller dramaturgischer Förmchen und schludert sie in ihren Text. Sie hat eine verhängnisvolle Vorliebe für offensichtliche Symbole und vulgärpsychologisch aufgeladene Handlungen. Ihre Romanfiguren lecken allegorisch an Totenköpfen aus Zuckerguß, zermatschen Taubeneier, weil sie das Frühjahrsgeturtel vorm Küchenfenster nicht ertragen und irren vielsagend durch Maisfeldlabyrinthe, weil das Leben bekanntlich ein rauschendes Maisfeld ist, das Doris Dörrie Jahr um Jahr für ihr hohles Kino-Popcorn aberntet.

Jeder Absatz eine Filmsequenz, der Produzent hat wahrscheinlich schon den Scheck unterschrieben. Ab und an eine Prise köstlichen Humors made in Hannover. Dörries einzige Stilfigur ist die Ironie des Schicksals. Jede Seite ist im neunten Monat bedeutungsschwanger. Der Text ist so gezwungen konstruiert wie die erste Hausarbeit eines Filmhochschülers. Die Leitmetapher in diesem Text ist der Schalter. Schaltbrett vorm Kopf. Alles wird hier „angeknipst“: das Lächeln, die Sterne und die gesamte Gefühlswelt der Personen. Das ist symptomatisch für Dörries mechanisches Weltbild: Es gibt für alles einen Zentralschalter, und an dem sitzt Doris Dörrie. Der Stilschalter hingegen steht in der Off-Position.

Sprachlich unterscheidet sich dieser Roman-Ersatz in nichts von der tranigen Lebensbeichte, die in einem tussigen Szene-Italiener vom Nachbartisch herüberweht. Geschichten, wie sie das Leben schreibt. Bleibt die Frage, wozu man dann Schriftsteller braucht. Dörries Sprache reicht vielleicht für die Script-Rohfassung zu einem Kurzfilm oder einem rührseligen Spot für Darmkrebsvorsorge. Einen ganzen Roman trägt sie nicht. Manche Sätze allerdings sähe man gerne von Roberto Blanco vertont: „Er nahm Viagra, dann konnte es keine Liebe sein.“ Kann denn Viagra Sünde sein? Die wertvollste Erkenntnis dieses Romans schlummert in dem erektionsfördernden Tip, die Fellatio einmal mit Pfefferminzbonbons der Marke „Altoids“ in der saugenden Maultasche zu probieren. Doch dieser einzige praktische Mehrwert kommt dann auch noch aus einem Frauenmagazin, wie Dörrie bekennt: „Gott segne alle Frauenzeitschriften.“ Ja, segne er sie. Aber danach schicke er alle Verantwortlichen in Balis Linksverkehr.

Das Empörendste an solcher Literatur ist ihre Feigheit. Dörrie könnte es sich erlauben, etwas Neues zu wagen. Es müßte nicht einmal das große literarische Wagnis sein, sondern einfach nur eine tastende Erzählhaltung, eine künstlerische Form, die sie noch nie ausprobiert hat. Statt dessen reitet sie einfach ihren abgelatschten, unverfänglichen Entertainmentstiefel voller sympathischer Schwuler, melancholischer, aber grundsätzlich lebensfroher Tussen, rührender Softies mit Pediküre-Abo und durchgelegenen Ikea-Sofas weiter. Diese Literatur ist so piefig wie das kleinbürgerliche Leben, das Dörries Figuren unbedingt vermeiden wollen. Die Autorin hat ihren großen Feind erkannt. Es gelingt ihr nur nicht, ihm zu entkommen.

Einer der ganz wenigen Lichtblicke in diesem wehenden Humbug aus reinem Organza ist eine handwerklich recht adrett gestrickte, am Rande etwas ausgefranste Genitiv-Metapher: „Der Pullover meines Lebens hatte am Saum ein sehr wirres unregelmäßiges Muster, dafür war das letzte große Stück glatt rechts gestrickt, schön regelmäßig und ohne Fehler.“ Vielleicht will uns dieser Roman voller gewickelter, geschnürter und geraffter Textilien sagen, daß Doris Dörries eigentliches Talent im Entwerfen passabler Schnitt- und Strickmusterchen liegt. Dann sollte sie es nicht mit Bücherschreiben verschwenden. Wenn sie schon die Lichtspielhäuser mit Konsenskitsch füllen muß, warum dann auch noch die Buchhandlungen? Vielleicht wissen die Mexikaner mehr darüber.

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Doris Dörrie: Das blaue Kleid. Roman.
Diogenes Verlag, Zürich, 2002.
177 Seiten, 16,90 Euro

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