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Hallgrímur Helgason: "101 Reykjavik" (SZ)

Mutter Teresa auf der Babe-Skala

Hallgrímur Helgason schätzt alle Frauen: "101 Reykjavik" (SZ, 05.11.02)

Hlynur Björn ist dreiunddreißig und gern gesehener Dauergast im Wellness-Hotel Mama. Zwischen zwei Hardcore-Pornos klopft seine über alles geliebte Mutti an die dreiunddreißig Jahre alte Kinderzimmertür, um ihm eine Tasse heißen Kakao zu reichen. Kakao tut gut nach einer durchzechten Nacht in den Kaschemmen von Reykjavik. Der Vater ist Alkoholiker, die Mutter lesbisch, und weil Hlynur Björn nicht mit ihr ins Bett kann, schläft er mit ihrer Geliebten. Der isländische Ödipus kopuliert über Bande.

Auch seine Schwester versucht er indirekt zu schwängern: indem er ihr aus seelentiefer Langeweile eine Anti-Baby-Pille aus dem Monatsbriefchen entwendet. Der Mann ist sexbesessen wie eine Schiffsladung voller Wikinger auf Ecstasy. Ständig poliert er seine Galionsfigur. Seine sexuell recht übersichtliche isländische Heimat stimuliert ihn über Gebühr: „Alle haben es schon mit allen getrieben.“ Daß er bei dem nordischen Ringelpiez bislang zu kurz gekommen ist, verdoppelt seinen Hormonüberdruck. Viel zu selten bekommt er Gelegenheit, seine Unterhosen runterzulassen, die ihm seine Mutter im zellophanknisternden Fünferpack aus dem Supermarkt mitbringt. Er taxiert jede Frau, die in seinem lüstern zitternden Fadenkreuz auftaucht und mißt ihr einen Preis in isländischen Kronen zu. Mutter Teresa steht mit 1700 Kronen am unteren Ende der Hlynur-Skala. Die kalifornische Palme der Schöpfung ist Pamela Anderson, noch vor Madonna und der Jungfrau Maria, mit einem unschlagbaren Score von 4 700 000 isländischen Kronen. Nach dem aktuellen Umrechnungskurs wäre Mutter Teresa somit nur ein 20-Euro-Girl auf der nach oben offenen „Babe-Skala“. Insgesamt gilt jedoch: alles Schlampen, außer Mutti.

Hlynurs Psyche ist deformierter als ein bizarr erstarrter Lavabrocken vor der isländischen Küste. Eigentlich ist dieses ödipale Milchgesicht der größte Unsympath im Einzugsgebiet der Postleitzahl 101, dem Innenstadtbereich von Reykjavik. Hallgrímur Helgasons große Kunst besteht darin, seinen monomanen Ich-Erzähler zu einer Figur gestaltet zu haben, der man trotz aller Unsäglichkeiten und Unflätigkeiten über vierhundert Seiten zu folgen bereit ist. Und das sehr gerne, denn der verhätschelte Maniac ist ein wortgewandter und äußerst komischer Dandy. So wandelt sich über die Zeiten das Bild des snobistischen Décadent: verpraßte er in der Vergangenheit die königliche Rente, die seine adeligen Vorfahren verdient hatten, zehrt er heute von der Sozialhilfe, läßt sich die städtische Fernwärme um die Nase spielen und wird feudal bemuttert: “Soll ich dein Bett nicht mal eben neu beziehen?“ Vor der Unzumutbarkeit der Welt flüchtet der Großkotz in offensive Regression. Wie ein moderner Oblomow räkelt sich der Taugeüberhauptnichts in der sozialen Hängematte. Selbstredend ist der fernsehsüchtige Stubenhocker auf der Suche nach wahrer Zuneigung, und natürlich ließe sich Helgasons Roman als bitterböse Abrechnung mit der infantilen Medien-, Wohlfahrts- und Konsumgesellschaft lesen. Aber vor dieser Lesart würde Hlynur Björn auf der Stelle in den nächsten Pornokanal flüchten: Bloß kein Bildungsfernsehen. Hat er alles schon verstanden. Langweilt ihn trotzdem. Gerade das ist sein Drama.

Mit seinem Kinderzimmer-Dandy ist Helgason eine originelle One-Man-Show gelungen. Vielleicht wird sich sein Hlynur als adäquater Prototyp für Prosahelden in den Zeiten der Rezession erweisen. Nach den New-Economy-Yuppies in Prada-Sneakers kommen nun die Arbeitslosen aus Berufung und stoischen Versager in Polyesterunterhosen. Statt seine Aktienoptionen zu verzocken, versäuft man nun mit Anstand die Stütze. Ehrgeiz lohnt sich nicht, denn der Job als Screendesigner ist nicht weniger entwürdigend als die Festanstellung als Leichenwäscher. Die Mär von der Selbstverwirklichung ist systemerhaltende Propaganda. Helgason jedenfalls hat seinen Globalversager so lieb gewonnen, daß er ihm gleich den ganzen Roman gewidmet hat. In Hlynur Björns coolen Tresenrepliken klirrt der isländische Permafrost, die Kalauer des notorischen Sprücheklopfers lassen den heißesten Geysir gefrieren. Der aphoristische Porno-Addict spricht viel Wahres: „Modeschauen haben nur einen Nachteil. Die Klamotten.“ Auch viel Gutes: „Mann ist das Bier nervös! Kaum hat man zwei Schlucke genommen, ist es schon weg.“ Und nicht zuletzt viel Schönes: „Wenn es doch nur für sehen ein ähnliches Wort gäbe wie murmeln.“

Auf eine geradlinige Dramaturgie hat Helgason in seinem Roman keinen großen Wert gelegt. Sein grotesker Held stolpert ziellos von Mamis nestwarmer Matratzengruft zur nächsten muffigen Pornokabine, von Amsterdamer Schwulenkneipe zu isländischem Zeltplatz und folgt dabei jeder Laune, die sein Gemüt und das des Autors streift. Niemals verläßt Hlynur sein Zimmer ohne Fernbedienung, die er wie ein Rettungsanker in seiner Jackentasche umfaßt. Und auch in Helgasons Text herrscht die Ästhetik der Fernbedienung. Der Autor zappt von einer amüsanten Szene zur nächsten. Die Episoden sind so phantasievoll und lustig, mit so viel Liebe zu Slapstick und Comedy erdacht, daß man der etwas willkürlichen Odyssee des Helden bereitwillig folgt. Der Autor arbeitet auch als Comic-Zeichner und Stand-Up-Comedian, und beides hat erfreuliche Spuren in seinem Text hinterlassen. Immer wieder hebt sich Helgasons Stil in luftige Höhen, ohne dabei die lettristische Bodenhaftung zu verlieren: „Obwohl der Wind rückenmarksbetäubend dröhnt, spüre ich die beschuhte Gegenwart von Hólmfriður hinter mir. (Wegen des Sturms darf ich sie jetzt nicht Hófi nennen. Sie braucht alle Buchstäbe ihres Namens, um nicht weggeweht zu werden.“ Wobei ihr der Widerhaken des exotischen Buchstaben „ð“ sicher eine große Hilfe ist.

So lethargisch Hlynurs Leben ist, so experimentierfreudig ist seine überdrehte Rhetorik. Helgason bleibt trotz seiner großen Liebe zu polterndem Slapstick immer ein vortrefflicher und phantasievoller Stilist. Oft entwickelt er ein schnell dahingeworfenes Bon Mot oder eine kurze, kalauernde Replik zu einem poetischen Bild weiter. So schaltet der Autor nach einem satirischen Wortwechsel über Geländewagen sofort einen poetischen Gang höher: „Lustig? Naja, vielleicht. Ich lache. Irgendwo in dem Geländewagenterrain in mir holpert ein Lachen in niedrigem Gang.“ Die fortwährende Nutzung der schnellen Comedy als fruchtbarer Nährboden für komplexere Poesie ist das Originellste an Helgasons Roman. Der Übersetzer Karl-Ludwig Wetzig hat die zahlreichen Wortspiele ohne holpernde Reibungsverluste aus dem isländischen Geländewagenterrain ins Deutsche transportiert. Sensiblen Frauenbeauftragten ist der Roman allerdings nicht zu empfehlen.

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Hallgrímur Helgason: 101 Reykjavik. Roman.
Aus dem Isländischen übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig.
Klett-Cotta, Stuttgart, 2002.
440 Seiten, 22 Euro

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