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Hans Pleschinski: "Bildnis eines Unsichtbaren" (NZZ)

Die Maske des schleichenden Todes

Hans Pleschinski verbindet Totenklage und Bildungsroman: "Bildnis eines Unsichtbaren" (NZZ, 12.04.03)

Das Leben sollte ein Fest werden. Barocke Fülle sollte regieren. Versaille, Hofkonzerte, Goldstickereien. Champagner, Gemälde, Causerien. Im Spiegelsaal wogte die Festgesellschaft unter Lüstern. Jeder sollte als Sonnenkönig im strahlenden Zentrum seiner eigenen Existenz regieren. Pracht, Überfluß und Sinnlichkeit sollten herrschen. Vor allem Sinnlichkeit. Doch dann kam Aids. Nun galt es, Contenance zu bewahren.

Hans Pleschinskis Roman „Bildnis eines Unsichtbaren“ ist ein autobiographischer Text. Der Ich-Erzähler „H. P.“ verfaßt die Totenklage auf seinen langjährigen Lebensgefährten Volker. Der Münchner Galerist Volker Kinnius und sein jüngerer Schriftsteller-Freund haben bis zum Ausbruch des Virus ein erfülltes westdeutsches Bohème-Leben geführt. Nach Volkers Tod erzählt Hans die Geschichte des Paares, läßt eine ganze Epoche wiederauferstehen und bezeugt zugleich den langsamen Zerfall seines Freundes. Als junger Mann war Hans nach Paris gereist, wo er mit einem französischen Liebhaber Versaille besichtigte. Hans hat die opulente Königsresidenz zur Utopie seines Lebens erhöht. Der regelmäßige Besuch im Schloß des Sonnenkönigs wird sein biographisches Leitmotiv. Er berauscht sich an den Spiegelsälen, Boudoirs und Salons, durch die ehemals die königliche Gesellschaft flanierte. Hier porträtierte der Herzog Saint-Simon den gesamten Hofstaat: „Wer in Frankreich Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ zuende gelesen hat und sich wieder in einem Labyrinth verlieren möchte, greift oftmals später zu den Erinnerungen des buckligen Herrn. Es existiert wohl kein Gefühl, keine Tollheit, keine Art von Kummer oder Euphorie, die Saint-Simon nicht in seine Zeilen gebannt hätte.“

Der französische Herzog ist der heimliche Pate dieser Totenklage, dieser Suche nach der verlorenen Zeit. Pleschinski erweist sich als vorzüglicher Chronist der schwulen Bohème. Es ist eine Freude, dem stilvollen und gebildeten Erzähler zu folgen. Mit preziöser, hin und wieder leicht gespreizter Feder, mit viel Witz und Charme skizziert er eine Fülle von originellen Charakteren, die alle der unbedingte Drang nach existentieller Freiheit kennzeichnet. Pleschinski verfügt über ein großes Geschichtsbewußtsein. Er entwirft plastische Biographien von zahllosen Nebenfiguren, die er sorgfältig in die anekdotenreiche Freske einer Epoche einbettet, in der er viele poetische Atome kreisen läßt: „Unter der Alarmanlage hatten sich die Staubpartikel gedreht.“ Durch einen mysteriösen Magnetismus zieht der Erzähler immer wieder interessante Menschen an. All diese Libertins verspüren einen fast unstillbaren Kulturhunger, der schnell auf den Leser überspringt. Ligeti hören, Barockdichter lesen, Präraphaeliten studieren, Madame Pompadours Briefe übersetzen!

Fasziniert liest man ein unvergleichliches Panorama einer kultivierten Gesellschaft, die antike Skulpturen über den Atlantik verschickt, mit der Lupe Händels Notensystem entschlüsselt und morgens um halb vier in einer Dachwohnung mit herrlichem Blick auf München Rotwein über ein frisch ausgedrucktes Essay-Manuskript kippt. Ihre Bildungslücken interessieren diese Menschen mehr als ihre Versorgungslücken. Pleschinskis Totenklage verflicht sich mit einem Entwicklungsroman. Manchmal schimmert vielleicht ein etwas emphatischer Kulturbegriff durch die spirituellen Abenteuer all der sympathischen Freigeister. Wehklagen über ewige Musikberieselung, MTV-Formate und generell aufziehende Geistesverkommenheit sind nicht sehr originell. Doch Pleschinskis feine Ironie weiß den drohenden Bildungspathos schnell wieder abzufedern: „Ingeborg Bachmann will Dein Leben kaputtmachen?“ Nur seine gelegentlichen Ausflüge in die groß angelegte bundesrepublikanische Gesellschaftsanalyse geraten dem Autor ziemlich oberflächlich, und die Kurzinterpretationen von Bildern, Skulpturen und Theateraufführungen übersteigen leider selten das Niveau von eilig hingehuschten Katalogtexten.

Doch dem Erzähler geht es nicht um das fein Ziselierte. Der Text gewinnt seinen Reiz durch eine fast schon trotzig zur Schau gestellte Authentizität. Angesichts des Virus, der seinen Partner und die schillernde homosexuelle Szene zerstört, möchte der Erzähler auf alle Schnörkel verzichten: „Nach dem Kunstfertigen steht mir nicht der Sinn. Ich habe keine Wahl. Leben und Tod muß ich verbinden.“ Und eben darin liegt die außerordentliche Kraft dieses Romans. Ohne Larmoyanz verfaßt der Erzähler eine bewegende Hommage an seinen verstorbenen Freund, der wie die Inkarnation einer befreiten Epoche erscheint. Man spürt deutlich, wie gerne der barocke Geist Pleschinski manieristischer Portraitmaler im prächtigen Sonnenstaat einer glücklichen Bohème geworden wäre. Doch der tödliche Virus hat ihn zu einem seltenen und würdigen Zeitzeugen einer untergegangenen Gegenkultur gemacht. Die Spiegel in Versaille sind zerbrochen. Über die Festgesellschaft hat sich die Maske des schleichenden Todes gelegt.

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Hans Pleschinski: Bildnis eines Unsichtbaren. Roman.
Carl Hanser Verlag, München, Wien, 2002.
271 S., Fr. XX,YY

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