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Michael G. Stephens: "Brooklyns Totenbuch" (SZ)

Die Flasche meines Vaters

Michael G. Stephens hält eine irische Totenwache: "Brooklyns Totenbuch" (SZ, 04.12.02)

Der Kniff aller gewöhnlichen Familiensagas besteht darin, den Leser im Eilverfahren und ohne große bürokratischen Umstände zu adoptieren. Nach den ersten fünfzig Seiten kann er den Namen der neuen Eltern schon im Schlaf hersagen, nach weiteren zwei Kapiteln hat er sich auch an die kleine Schwester mit der quengeligen Stimme gewöhnt. Der Leser fühlt sich pudelwohl in seiner Wahlfamilie. Von den griechischen Götterdynastien über die Buddenbrooks bis hin zu den drolligen Waltons und Simpsons ist das Identifikationsmuster immer dasselbe. Doch die rauhbeinige irische Einwanderer-Familie Coole aus Brooklyn, die Michael G. Stephens in seiner Familienchronik porträtiert, zeichnet sich durch eine etwas kühlere Gastlichkeit aus.

Der Zollinspektor und Alkoholiker Jack Coole ist gestorben. „Er ist tot. Der Alte ist tot. Armes altes Arschloch.“ Die ersten drei Sätze des Romans geben seine Tonart an. Der Text ist nicht gerade in getragenem Trauermoll komponiert. Crazy Jack hatte so viele Kinder, daß selbst der Autor mit ihrer genauen Anzahl bisweilen etwas durcheinanderkommt. Von insgesamt fünfzehn Brüdern und Schwestern spricht er, doch der aufmerksame Leser zählt siebzehn. Aber auf die beiden kommt es dann auch nicht mehr an. Diese Brooklynbrooks sind ein unmöglicher Haufen. Unter der tyrannischen Fuchtel ihres Vaters haben sich alle Mitglieder zum sozialen Problemfall entwickelt. Sie sind heillos zerstritten, versoffen und verdrogt. Sie fristen ihre kaputte Existenz als heruntergekommene Caddies auf Golfplätzen oder in einem Zeugenschutzprogramm der Regierung. Ihre chronischen Kommunikationsstörungen überwinden sie nur kurzzeitig durch konvulsivische Fluchausbrüche. Sie schaffen im Höchstfall sechs bis sieben Repliken in einem Dialog, danach zerfranst er wieder und verliert sich in den verschlungenen Sackgassen ihrer alkoholisierten Gehirne. Gewalt, Alkoholismus und Inzest haben diese Familie in einen kollektiven Alptraum verwandelt.

Der alte Jack kannte seine Pappenheimer, und weil der notorische Säufer schon zu Lebzeiten ein übler Scherzbold war, hat er sich in seinem Testament einen posthumen Gag erlaubt: Nicht etwa in seinem wohlverdienten Rentnerparadies Florida möchte er beerdigt werden, sondern in der heimatlichen Hölle von Brooklyn. Begrabt meine Leber an der Biegung des Hudson. Alle Kinder mögen doch noch einmal im Ghetto von East New York zur traditionellen irischen Totenwache zusammenkommen. Zurück nach Brooklyn, dorthin, von wo sie mit aller Kraft versucht haben wegzukommen. So kommt die ganze Familie noch einmal am Sarg des Familientyrannen zusammen. Siebzehn Mann um des toten Mannes Kiste und ne Buddel voll Whiskey. Keiner der irisch-amerikanischen Crack-Waltons steht das Begräbnis des Vaters ohne Drogen durch. Die traditionelle Technik der Trauerarbeit durch Alkoholkonsum ergänzen sie durch modernere Trauertechniken wie Koksen und Kiffen. In den rissigen Straßen von Brooklyn findet sich immer noch eine Prise Crack für einen kurzen, leuchtenden Höhenflug um Papas Sarg.

Michael G. Stephens vertraut den Leser dem assoziativen Erinnerungsstrom der unterschiedlichen Familienmitglieder an. Es ist faszinierend zu lesen, wie sich die Familiengeschichte langsam in den Erinnerungen der Kinder zusammensetzt, wie sie sich über Details streiten und wütend ihre Vergangenheit aufarbeiten. Die einzige Dramaturgie des Textes besteht im verzögerten Eintrudeln der Brüder und Schwestern. Zuerst treffen die ältesten Brüder ein. Sie haben den alten Coole noch als jungen Raufbold kennengelernt. Der Vater hat ausschließlich blaue Flecken in der Erinnerung der Älteren hinterlassen. Die Erinnerungen der Schwestern sind schon versöhnlicher, wobei eine Tracht Prügel ohne darauffolgende Ohnmacht hier schon eine gute Erinnerung ist. Erst einer der jüngsten Söhne kann sich dazu durchringen, in seinem Vater nicht nur einen Unhold zu sehen und nimmt ihn in seine Gebete auf: „Laß ihn ein bißchen an deiner Gnade teilhaben, denn obwohl er ein verkommener Bastard war, verdient er nicht, ewig in der Hölle zu schmoren.“

Wie Henry Roths genialer Roman “Call it sleep” beschwört Stephens noch einmal das alte East New York herauf. Den Straßennamen wohnt hier eine alte Magie inne: Brooklyn Avenue, Broadway, die Myrtle, Kosciusko, Gates, Halsey und Chauncey, „die Namen mehr Totems als Straßenbezeichnungen.“ In seinen schönsten Passagen schwingt sich der Text zu wütend vibrierenden, weit schwingenden Satzperioden auf, die von den läppischen Machenschaften der Hipster und Prankster, der kleinen Ganoven und Wiseguys erzählen als wären es große Epen. Stephens zeichnet Brooklyn im Wandel der Zeit. Die harten irischen Burschen sind in ihrem alten Ghetto gefallene Könige. Gangs haben den Platz des irischen Klans eingenommen. Das war noch eine schöne Zeit, als man nur ein Messer zwischen die Rippen bekam und nicht gleich eine Kugel in den Rücken. Die irischen Trauergäste werden von Latino-Gangs durch die Straßenschluchten getrieben, und obwohl sie trotz ihrer Schrumpfleber noch immer einen effektiven Leberhaken plazieren können, haben sie große Mühe, einigermaßen unbeschadet zur Beerdigung ihres Vaters zu kommen. Dabei hat er sie ihre ganze Jugend lang täglich in der Kunst der Prügelei unterwiesen und sie dabei grün und blau geschlagen. In der Hinterhofrauferei, dem Straßenkampf und der Kneipenschlacht schlummerte für Inspektor Coole der letzte Rest Poesie inmitten einer verkommenen Welt: „Nach der Geraden zum Kopf den Leberhaken zu schlagen, das ist die reinste Poesie.“ Eine Poesie, die Stephens professionell einzufangen weiß, denn neben seiner Karriere als Dichter, Romancier, Essayist und Dramatiker war er auch schon Boxberichterstatter für die New York Times.

Die impressionistische Chronik dieser irischen Einwandererfamilie verfällt niemals in weinerlichen Miserabilismus. Die ungehobelte Totenwache der Cooles verströmt einen sehr vitalen Humor. Stephens süffiger Roman ist nicht so salonfähig wie Frank McCourts Erinnerungsbücher. Stephens hat eine Ganoven-Version der „Asche meiner Mutter“ verfaßt. Sein rauher, aber einfühlsamer Roman geht eher in die Richtung „Die Flasche meines Vaters.“ Sympathisch ist in diesem Roman keiner, dafür sind all diese Freaks sehr lebendig gezeichnete Charaktere. Am lebendigsten ist der Tote. Noch einmal entfaltet der unverwüstliche Kotzbrocken Coole so viel Kraft, daß er sogar seine heillos zerrüttete Familie ein letztes Mal zusammenführen kann. Trotz all des Elends, der eingesteckten Prügel und der Erziehung zum Drogenkonsum lieben die Cooles ihr Brooklyn, das Kreischen der Hochbahn, die unvorhersehbaren Launen der Straßen und das babylonische Stimmengewirr der unterschiedlichen Einwanderer. Und es ist das Verdienst eines armen alten Arschloches, diesen abgebrühten Brooklyn Crooks noch einmal klargemacht zu haben, woran ihr Herz wirklich hängt.

Heike Küster hat dieses liebevoll gestaltete Totenbuch mit angemessen ungehobelten, sehr schönen Holzschnitten illustriert. Es wäre an der Zeit, daß eine bibliophile Jury dem feinen Kleinverlag Achilla Presse bald eine Auszeichnung für sein tapferes und stilsicheres Engagement in der Buchdruckkunst verleiht.

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Michael G. Stephens: Brooklyns Totenbuch.
Aus dem Amerikanischen übertragen von Gunter Blank.
Illustriert mit farbigen Holzschnitten von Heike Küster.
Achilla Presse Verlagsbuchhandlung, Hamburg, 2002.
282 Seiten, 24 Eur

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