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Iain Pears: "Scipios Traum" (SZ)

Popcorn, Cherry Coke und ein Sandalenepos

Iain Pears inszeniert einen Historienroman im Cinemascope-Format: "Scipios Traum" (SZ, 28.06.03)

Nach einem harten Tag ermüdender Kunstanstrengungen, nach regalübergreifendem hermeneutischen Großeinsatz und vier Trainingseinheiten zur Verfeinerung der ästhetischen Sinnesorgane darf den literarisch interessierten Zeitgenossen schon mal der Wunsch nach buntem Großleinwandspektakel in Dolby-C-Surround überkommen. Am schönsten ist das Vergnügen dann, wenn es in dem Monumentalschinken um bildungshungrige Ästheten, durchtrainierte Hermenteutiker und gebildete Feingeister in bildschöner Ferienlandschaft geht. Provence. Avignon, Vaison la Romaine, Aigues Mortes. Das Unterbewußtsein kramt schon nach dem Ferienhauskatalog. Ah, jetzt noch einen XXL-Sack gesalzenes Popcorn, zwei Kartuschen Pringles Sour-Cream und in jeder Armlehne eine eiskalte Cherry-Diet-Coke. Man versinkt im Plüsch, gemütlich quietscht der rote Samtvorhang zur Seite, noch ein letztes Mal die ewig kneifende Jeans zurechtgezupft, noch ein letzter prüfender Blick, ja, Diet-Coke. Es kann losgehen.

Cave, cavete! Die gallo-romanische Kulturlandschaft Provence wird von unzivilisierten Barbaren in die Zange genommen. Westlich der Rhône lauert der Gote Eurich mit seinen zottigen Mannen, von Osten her droht der ungehobelte Burgunder, den Lavendel zu zertrampeln. In Südfrankreich bröckelt das römische Reich, die allseits beliebte Kultur der granitenen Aphorismen und sauber gemeißelten Grabsprüche scheint dem Untergang gewidmet zu sein. Der römische Aristokrat, Bischof, Gutsherr und Hobbyneoplatoniker Manlius Hippomanes rezitiert am liebsten in seinem thymianduftenden Garten mit Freunden die Klassiker des Goldenen Zeitalters und sieht nur eine Möglichkeit, die geliebte Zivilisation zu retten: Er beschließt, mit den weniger Grobschlächtigen unter den Barbaren zu paktieren. Er überläßt den Burgundern seine Provinz. Aus politischem Kalkül wird er dabei seine Freunde verraten und die jüdische Gemeinde vernichten. Nicht wirklich neoplatonisch, der Hippomanes.

Einige Jahrhunderte später sieht es nicht sehr viel rosiger aus in der Provence: Papst Klemens VI. residiert im korrupten Avignon. Die alte römische Kirchenmacht zerbröckelt, Schismatiker huschen über die kühlen Flure, und die Pest wütet im und um den prachtvollen Papstpalast wie eine Geißel Gottes. Sur le pont d’Avignon kreist die Danse macabre. Horden von hysterischen Flagellanten ziehen durch die Gassen, und die Kirche läuft Gefahr, die Kontrolle über ihre hysterischen Schäflein zu verlieren. Wieder steht eine raffinierte Zivilisation kurz vor dem Untergang. Die Provence stinkt zum Himmel, da hilft kein Lavendelsäckchen und keine Oleander-Duftkerze. Der Kardinal Ceccani sieht nur eine Möglichkeit, die geliebte Zivilisation zu retten: Er konspiriert, um Avignon vollends in den Untergang zu reißen und damit den Papst zur Rückkehr nach Rom zu zwingen. Auch er ist bereit, die Juden für seinen Traum von der wiedererstarkenden römischen Kultur zu opfern. Sein Sekretär, der Dichter Olivier de Noyen, muß sich entscheiden zwischen politischem Verrat oder Menschlichkeit.

Wieder einige Jahrhunderte später, die Zeitmaschine hat noch Sprit, der Weltgeist gibt keine Ruh: Die Nazis breiten sich in Frankreich aus, auch Südfrankreich bleibt nicht verschont. In Les Milles bei Aix-en-Provence wird ein Sammellager für Juden und Regimegegner errichtet, und kurz vor dem Zusammenbruch des Tausendjährigen Reichs liefert die französische Verwaltung immer noch regelmäßig Juden an die Besatzer aus. Der Feingeist Julien Barneuve forscht über die Kopie eines Manuskripts des Neoplatonikers Manlius Hippomanes, angefertigt von dem Dichter Olivier de Noyen: „Scipios Traum“, eine feingeistige philosophische Etüde über tiefe Freundschaft, Ehre, Weisheit und Tugend – eben alles, was der Mann von Welt braucht, um außerhalb der Studierstube zu meucheln, zu brandschatzen und zu betrügen. Die Schicksale fügen sich und erweisen sich als bedeutungsvoll ineinander verwickelt. Denn auch der angesehene Akademiker Julien wird sein Bestes geben, um die geliebte Zivilisation zu retten. Er beschließt, mit den Nazis zu kollaborieren. Besser ein einfühlsamer Zensor, als ein grobschlächtiger. Julien feuert ein paar Juden aus den Redaktionen. Nichts Großes, nur die übliche Kollaboration. Und alles unter dem Vorwand, möglichst viel Troubadoure in den Regalen zu retten.

„Scipios Traum“ erzählt von Entscheidungen zwischen hohen moralischen Idealen und der alltäglichen Menschlichkeit in Krisenzeiten. Und „Scipios Trau“ erzählt das sehr gut. Zu Beginn des Romans verbrennt sich Julien Barneuve in einem reuigen Autodafé inmitten seiner Papiere. Es ist, als zögen all die Schicksale aus den unterschiedlichen Epochen kurz vor seinem Tode noch einmal an seinem inneren Auge vorbei. „Scipios Traum“ ist vielmehr Juliens Alptraum von Männern, deren Ideale von hoher Zivilisation an der Praxis und ihrer eigenen Blindheit gescheitert sind. Ihre wahre Kraft erlangen die Barbaren durch die kooperierenden Feingeister. Iain Pears erweist sich als Meister des würzigen und gut abgehangenen Historienschinkens. Zum Glück verfällt er nicht in die provençalische Touristenschwärmerei eines Peter Mayle, der vor lauter Glück über freundliche, Boule spielende Opis die Nase gar nicht mehr aus dem Pastis bekam. Der Dekor und die geschichtlichen Zusammenhänge sind sorgfältig recherchiert. Mit großer handwerklicher Fertigkeit verschachtelt Pears das Schicksal von weit mehr als zwei Dutzend Hauptfiguren, ohne dabei den Faden zu verlieren. Die Schicksale werden überkreuz und durch drei Epochen miteinander verwoben.

Effektvoll schwären die Pestbeulen unter den Brokatgewändern der Kirchenfürsten, besinnlich knirschen die römischen Sandaletten über den Kies der Landgüter. Genau das Richtige für eine mentale Kurzreise in den Zeiten der leeren Urlaubskassen. Pears ist nicht der geduldige Wortschmied, der lange an originellen Bildern, ausgesuchten Metaphern und pointierten Vergleichen feilt. Er stellt eine einfache Sprache in den Dienst seines komplexen Plots. Seine Fertigkeit liegt in der souveränen dramaturgischen Aufbereitung hervorragend dokumentierter Geschichten aus drei unterschiedlichen Epochen. Die Eleganz des Textes liegt eher in der sauberen Plotführung als in der sprachlichen Ausarbeitung, die konventionell ist, ohne sich dabei allzu oft in Klischees zu verfangen. Das Ergebnis ist ein bißchen sentimental, ein bißchen hollywoodesk, paßt aber ausgezeichnet zu dem gewagten Genre-Mix aus Sandalenepos, Gewissensdrama und Philosophieschmonzette. „Scipios Traum“ ist ein vorzüglicher historischer Unterhaltungsroman ganz in der Tradition des großen Alexandre Dumas. Iain Pears liefert großes Kino. Wen interessiert, ob dabei dann auch große Literatur herauskommt? Hoffentlich produziert sein Atelier noch viele solcher Gesellenstücke der gehobenen Unterhaltungskunst. Dann sollten allerdings auch die Firmen Pringles und Coca-Cola ihre Produktion noch ein bißchen hochfahren.

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Iain Pears: Scipios Traum. Roman.
Aus dem Englischen übersetzt von Klaus Fröba. Droemer, München 2003.
608 Seiten, 22,90 Euro

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