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Flann O’Brien: "Aus Dalkeys Archiven" (SZ)

James Joyce vs. Dr. No

Flann O’Brien pflückt ein welkes Sträußlein "Aus Dalkeys Archiven" (SZ, 11.12.03)

Der Beamte Mick Saughnessy und der Juwelier Hackett treffen in einer kleinen Badebucht der irischen Küstenstadt Dalkey auf den skurrilen Gelehrten De Selby. De Selby ist ein Mad Professor. Er hat eine Substanz erfunden, die die Zeit anhält, zurückstellt oder abschafft, die genauen Details unterliegen noch dem Forschergeheimnis. De Selbys Experimente untermauern seine Arbeitshypothese, daß die Zeit eine an Sauerstoff gebundene Illusion ist. Durch Sauerstoffextraktion entsteht ein Zeitvakuum, was das Atmen in der Ewigkeit allerdings spürbar erschwert. Setzt de Selby seine Substanz in einem abgeschlossenen Raum frei, entsteht eine nagelneue Dimension, in der gerne Abgesandte aus der Vergangenheit vorbeischauen und von ihren Abenteuern im Jenseits plaudern.

So verwandelt De Selby eine Grotte in der irischen Badebucht zur plätschernden Zeitmaschine und führt Mick und Hackett nach einem Tauchgang den heiligen Augustinus vor. Der Kirchenvater ist leider ein rechter Schwafler. De Selby ist nicht nur ein freundlicher Reiseleiter in der vierten Dimension, sondern hegt auch ambitionierte Vernichtungspläne. Er hält die Welt für so verkommen, daß er alles Leben mit Hilfe seiner sauerstoffextrahierenden Substanz DMP auslöschen möchte. Sowieso egal, wenn man genauso gut gemütlich im transluziden Aspik der Ewigkeit herumschwabbeln kann. Also wird sich der kleine Staatsbeamte Mick aufmachen, dem klassischen McGuffin DMP hinterher zu jagen und die Welt zu retten. Dabei trifft er auch auf James Joyce, der wider Erwarten doch noch lebt und zurückgezogen in einer Fischerpinte einer Nachbarstadt als Barkeeper arbeitet. Seine Romane sind ihm eher peinlich, und er hat nur einen Wunsch: den Jesuiten beizutreten.

Das klingt alles recht lustig. Ist es aber nur sehr begrenzt. Flann O’Briens Mannschaftsaufstellung darf noch als gelungen bezeichnet werden. Sie erinnert an all die tapferen Heldenduos, die gegen eine groteske Welt zu Felde ziehen. Würdevoll und einander zuprostend stolzieren Mick und sein Sidekick Hackett durch ein Labyrinth der kruden Absurditäten, ganz so wie Don Quijote und Sancho Pansa, Stan und Olly, Bouvard und Pécuchet oder Wladimir und Estragon. Dem verrückten Gelehrten De Selby stellt Flann O’Brien den ziemlich verwirrten James Joyce als Double gegenüber. Als Anreiz und Lohn für die Rettung der Welt fungiert Mary, die vor allem Mick bezaubert: „Sie lungerte verlockend an den Rändern seiner Seele herum.“ Solche Formulierungen machen Appetit auf mehr, und auch die Personenkonstellation ist hervorragend austariert für ein wunderbares Welterrettungsdrama mit abschließender Hochzeit und Schwangerschaft. In einem sehr lichten Moment beschließt Mick noch, James Joyce gegen De Selby auszuspielen, und das wäre wahrlich ein literarischer Geniestreich gewesen. Literarische Parodie im Gewand eines Wettlaufs gegen die globale Apokalypse. Der Gigant der Moderne als Gegenspieler eines Geistes, der stets verneint. James Joyce vs. Dr. No.

Doch leider kommt es nie zu der Konfrontation. All die Handlungsfäden verheddern sich zu einem wirren Knäuel, das der Autor lieblos herumschubst. Nachdem Flann O’Brien seinen Strukturplan endlich fertig hatte, muß ihn die Lust und auch die Kondition verlassen haben. All diese wunderbaren dramaturgischen Einfälle werden leider nur zur unverbindlichen Matrix einer hingeschluderten Nummernrevue, in der nur die allerwenigsten Stücke wirklich überzeugen. Nach gut der Hälfte dümpelt der Text dahin wie ein langer Abend in einer kleinen Fischerpinte, wenn alle Witze gemacht, alle Anekdoten erzählt sind, der Kiefer schon vom Gähnen schmerzt, doch der Whisky einfach nicht alle werden will. Ist es wirklich ein so köstlicher Scherz, daß sich Joyce bei den Jesuiten um die Priesterunterwäsche kümmern soll?

Seinem Verleger hat Flann O’Brien seinen Text weniger als Roman denn als „eine Studie im Gebiet des Spotts“ angepriesen, „wobei die Rolle der im Käfig gefangenen Ratten verschiedenen Schriftstellern und deren stilistischen Eigenheiten sowie allerlei sonstige Moden, Haltungen und Kulten zugewiesen ist.“ Das wäre ein ehrenwertes literarischen Unterfangen gewesen, nur lacht man eben bei Spott auch ab und an ganz gerne. Lächeln wäre auch schon nett. Doch Flann O’Brien verfällt in genau dieselben Marotten, denen sein ganzer – enttäuschend lahmer – Spott gilt. Er veranstaltet einen knarzenden Stapellauf von akademischen Insiderscherzchen. O’Brien stellt sich in die Tradition der parodistischen Enzyklopädien. Hackett und Mick machen sich auf den Spuren von Flauberts grotesken Gelehrten Bouvard und Pécuchet auf die Reise in das Land der absurden Theorien. Doch O’Briens Panorama der absurden Wissenschaften ist lieblos gestaltet und willkürlich aneinandergeklittert. Diese strukturelle Willkür vermittelt nicht etwa den Eindruck couragierter Dekonstruktion lächerlich veralteter Erzählkonventionen, sondern bedeutet einfach nur Bequemlichkeit in Fragen der dramaturgischen Ausgestaltung. Flann O’Brien ist in diesem Roman sehr weit entfernt von Laurence Sternes inspirierter Kunst der Abschweifung oder Flauberts systematischer Parodie der Universalbibliothek.

Es ist ein beliebtes Exerzitium bibliophiler Schlaumeier, den Iren Flann O’Brien gegen James Joyce auszuspielen und zum Kultautor für Kenner hoch zu stilisieren. Er wird gerne als der wahrhaft originelle, weil wirklich lustige Vertreter einer Literatur der zerfasernden Formen gesehen. Diese liebenswerte literarische Kauzigkeit soll von dem Label „Harry Rowohlt“ garantiert werden, das auch nicht mehr ist, was es mal war. Everybody’s Brummel- und Translation-Darling Harry „The Puh“ Rowohlt prangt auf dem Cover auch dieser Ausgabe wie ein anspruchsvoller literarischer Qualitätsfilter. Doch nicht überall, wo Rowohlt drauf steht, ist auch geistvolle Widzischkeit drin. Ein Bonmot der Verfechter einer vermeintlich fröhlichen Avantgarde lautet, James Joyce hätte wie O’Brien geschrieben, wäre er nicht so bescheuert gewesen. In Wirklichkeit schreibt O’Brien in diesem Roman exakt wie Joyce in seinen bescheuertsten Momenten. O’Briens akademische Stilscherzchen und pseudo-parodistischen Theorien ziehen sich so zäh in die Länge wie die ödesten Shakespeare-Debatten in „Ulysses“. „Dalkeys Archive“ sind ein krauses Kuriositätenkabinett für Liebhaber des schelmisch augenzwinkernden Akademikerscherzes. So, so, De Selbys Badebucht mitsamt ihrer Zeitmaschine liegt in der Vico-Road? Derselbe Vico wie auf der ersten Seite von Joyces „Finnegan’s Wake“? Die kurvige Straße als Symbol einer zyklischen Zeit? Wie hochamüsant.

Eine der ganz wenigen wirklich komischen Passagen dieses Romans schildert die absurde Molekül-Theorie des Polizisten Fottrell. In rhetorischer Vollendung und exquisiter manieristischer Prunksucht erläutert der geschwätzige Sergeant, daß Menschen und Fahrräder, stehen sie durch regelmäßiges Radfahren in engstem Kontakt, ihre Moleküle austauschen. Schließlich muß sich der eisenhaltige Mensch überall anlehnen, weil er schon fast zum Fahrrad mutiert ist und kaum noch Stehkraft hat. Wie sein gesamtes Buch hätte Flann O’Brien auch diese Theorie eine Spur ernster nehmen sollen: Er scheint sich so lange satirisch an den Marotten seines großen Feindes Joyce gerieben zu haben, daß er schließlich selbst schreibt wie der große Antagonist in seinen scheußlichsten Passagen. Aus eigener Kraft scheint O’Brien schon kaum mehr stehen zu können. „Aus Dalkeys Archiven“ ist besonders enttäuschend, wenn man es mit Flann O’Briens komischem Meisterwerk „Auf-Schwimmen-Zwei-Vögel“ vergleicht.

Im Gedächtnis bleiben nur wenige poetische oder komische Kabinettstückchen, die sich hervorragend für eine launige Irland-Anthologie eignen. Harry Rowohlt kann ja ein Hörbuch draus machen.

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Flann O’Brien: Aus Dalkeys Archiven. Roman
Aus dem Englischen von Harry Rowohlt
Kein & Aber, Zürich 2003
255 S., 18 Euro

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