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Nicholas Christopher: "Franklin Flyer" (SZ)

Peng! Wusch! Attacke!

Nicholas Christophers Breitwandpulp: "Franklin Flyer" (SZ, 31.03.04)

Tim und Struppi sind vom vielen Lesen schon ganz strubbelig. Die Pfade auf Robert Louis Stevensons Schatzinseln sind nach den zahllosen Urlaubsbesuchen mittlerweile arg ausgetreten. Bei aller Liebe zum Pulp: Jerry Cotton will einfach nicht rein. Karl May ist eine einzige Bully Parade, Jules Verne liest sich nach all den Jahren wie ein veraltetes Geographie-Buch. Die phantastischen Kupferstichillustrationen in den alten Hetzel-Ausgaben könnten allenfalls noch als kostbares Rohmaterial für die wunderbaren Collagen des genialen Abenteuer-Dadaisten Ror Wolf gelten. Was soll der Liebhaber gehobener Abenteuerliteratur heute lesen?

Franklin Flyer kennt seinen Vater nicht. Erste Voraussetzung für den genuinen Pulp-Helden. Kein Hüter des Gesetzes an der Wiege, kein gequälter Brief an den Vater, keine übergroßen Fußstapfen auf Schritt und Tritt: gesetzlos und unberührt liegen die Schatzinseln dieser Welt vor dem jungen Mann. Das Abenteuer kann beginnen. Flyer wird in einer entgleisenden Eisenbahn geboren, was sein Leben von Anbeginn auf das richtige Gleis setzt: Geschwindigkeit, Katastrophen, Glück im Unglück. Von nun an geht es mit Volldampf voraus. Seine Geschichte spannt sich vom Schwarzen Freitag 1929 bis zu einem freundlichen Maitag 2007. Zeit genug, um ein paar Mal die Welt zu retten.

Vom Tramp wird Flyer zum genialischen Erfinder, baut ein Medienimperium auf, schlägt den Mantelkragen hoch, um als Geheimagent das kriegsgeschüttelte Europa zu durchwandern, erfindet in der Kaffeepause schnell den Fernseher oder einen schußsicheren Autoreifen. Immer mit von der Partie: mindestens eine Frau mit glühenden Augen und kaum entschlüsselbaren Geheimnis unter der hohen Sphinxstirn. Doch beständiger als die problematische Liebe ist die Freundschaft Flyers zu seinem Kater Archimedes, genannt Archie. Gib Archie einen Fixpunkt, und er hebelt Dir die Welt aus den Angeln. Zumindest aber wird er keine Sekunde zögern, seinem Herrchen mit gesträubtem Nackenhaar und krummsäbligen Klauen das Leben zu retten. Danach gibt’s ein geräuchertes Makrelenfilet. Neun Leben hat die Katze und Franklin Flyer hat nicht sehr viel weniger. Ein guter Kumpel hilft Flyer dabei, umsichtig mit seinen Reserveleben hauszuhalten: Joey the Knife, der ungarischer Mafioso, ist prompt zur Stelle, wenn es gilt, einen üblen Eindringling mit dem Bowie-Messer an die Schrankwand zu heften.

Flyers erste Erfindung ist eine Farbmischmaschine. Diese Maschine macht Flyer zu einem reichen Mann und seinen Autor zu einem hervorragenden Unterhaltungsschriftsteller. Mit Verve und Eleganz mischt Nicholas Christopher alle Ingredienzien der modernen Massenunterhaltung zu einem vierhundertseitigen Breitwandspektakel in Multicolor. Der Roman erfüllt alle Ansprüche, die man an intelligente Unterhaltungsliteratur stellen kann. Christophers Stil gehorcht den Notwendigkeiten des Genres: die Sprache ist der Treibstoff für das schnell vorantreibende Abenteuer. Zu viel Zierat würde den Brennwert nur verdünnen und das Tempo verlangsamen. Schließlich heißt der Held Flyer und nicht Creeper.

Diese stilistische Zurückhaltung bewahrt den Autor vor den giftig leuchtenden Stilblüten, die gewöhnlich aus dem gärenden Humus der Unterhaltungsliteratur sprießen wie magisch schillerndes Hexenkraut, das die unbegabteren Pulp-Autoren bei ihrem Sabbat der Albernheit qualmend abbrennen. Statt Stilblüten liest man bei Christopher ein sauber vernähtes Patchwork aus den bekannten Standardsituationen der Abenteuerliteratur: lakonisch schiebt sich die Nebelwand über den Highway, souverän versinkt die lange Silbernadel der ägyptischen Brosche im Herzen des Feindes. New York City dampft dekorativ aus allen Gullydeckeln, und in LA liegen die Pools im Mondlicht wie formschöne Plastikplättchen aus dem Mengenlehren-Übungs-Set, Grundschule, 4. Klasse. Und zwischen all dem führt Franklin Flyer seinen hellen Filzhut spazieren, schwenkt das zuckerkrustige Cocktailglas, küßt Rita Hayworth auf den salzkrustigen Mund, besucht Josephine Baker in ihrer Garderobe und feuert Kugeln in die Feinde der freien Welt. In seinen besten Momenten beschert Christopher seinen Lesern mythisch grundierte Indiana-Jones-Bilder: „Mit Persephone hatte er eine Frau gefunden, die unschwer aus dem bernsteingelben Licht eines Grabgemäldes in Luxor hätte hervortreten können.“

Unnötig kulturkritisch gesonnene Leser könnten in Christophers Roman vielleicht einem etwas naiven Hurra-Patriotismus nachspüren, der nach dem Trauma des 11. September noch einmal die Wehrhaftigkeit des freien Westens demonstrieren und den amerikanischen Traum noch einmal in seinen schillerndsten Farben inszenieren möchte. Aber wer möchte ernsthaft einen Batman auf sein Weltbild hin durchleuchten? Entweder setzt man sich freudig auf den Beifahrersitz des windschnittigen Batmobils mit den schußsicheren Reifen und dreht zwei, drei vergnügliche Runden um den Block, oder man zieht sich zurück in die Bibliothek von Gotham City und versauert bei Cultural Studies.

Nicholas Christoper ist in Besitz des wahren Pulp-Geheimnisses: Er ironisiert nicht über die Erzählstrukturen und formalen Bausteine der Unterhaltungskultur, sondern schöpft ihre ganze Vielfalt mit Spielfreude und Ernsthaftigkeit aus. Bei schönem, wahrem und gutem Pulp sieht man den Autor mit Buster Keaton-Mine am Schreibtisch sitzen. Bei der Auswahl seines Romanmilieus bewies der Autor Raffinesse: Flyer macht Karriere in eben jenen Welten, deren Gesetze auch seine Abenteuer beherrschen. Als Erfinder treibt er jene Entwicklungen voran, die der Massenunterhaltung entscheidende Impulse gegeben haben. Dieser sympathische Protagonist einer überhasteten Abenteuerliteratur werkelt in seinen Erfinderlabors an der Beschleunigung der Welt und hetzt nach Feierabend mit Hochgeschwindigkeit durch die geschrumpfte Weltgeschichte: Flugzeug, Eisenbahn und Cabriolet transportieren ihn zuverlässig von Kästchen zu Kästchen in diesem schnell geschnittenen Prosa-Comic. Aus dieser Deckungsgleichheit von Form und Inhalt resultiert der größte Teil des Lesegenusses.

Als junger Mann verdient Flyer sein Geld als Zeichner von Comic-Serien, die in den zwanziger Jahren ihren Siegeszug durch die Magazine und Zeitungen antraten. Tag für Tag schickt der junge Flyer seine schnell gezeichneten Serienhelden in eine ereignisgeladene Welt hinaus und ist da selbst schon lange zum flinken Abenteurer geworden. Er ist in die Comic-Welt übergewechselt. Nicholas Christopher ist mit „Franklin Flyer“ eine schöne Hommage an jene Zeit gelungen, in der die Massenunterhaltung noch auf 100% holzhaltiges Papier gedruckt war und den Lesern noch die Finger schmutzig machte.

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Nicholas Christopher: Franklin Flyer. Roman
Klett-Cotta, Stuttgart 2004
394 S., 24,00 Euro

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