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W. Somerset Maugham: "Der Magier" (Einführung SZ-Bibliothek)

Der Zauberfleischberg

W. Somerset Maugham und das Große Werk: "Der Magier" (Einführung zu Band 34 der SZ-Bibliothek. Erscheinungsdatum: 06.11.04)

„Mr. Crowley, what went on in your head / Mr. Crowley, did you talk to the dead?“ meditiert der sagenhafte Ozzy Osbourne in einem Heavy-Metal-Song über den skandalösen Satanisten Aleister Crowley. Ähnlichen Fragen geht W. Somerset Maugham in seinem Roman „Der Magier“ nach. Maugham traf Mr. Crowley Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Paris. Paris, eine Schwarze Messe fürs Leben! Crowley und Maugham wurden flüchtige Bekannte und frequentierten dieselbe feine Gesellschaft. Jahre später erreichte Maugham in London ein Telegramm Crowleys: „Bitte sofort fünfundzwanzig Pfund senden. Muttergottes und ich verhungern. Aleister Crowley.“ Maugham schickte keinen Penny. Weder an Crowley, noch an die Muttergottes. Dafür veröffentlichte er 1908 einen Roman über den schillernden Magier und Scharlatan.

Die bildhübsche Margaret verbringt vor ihrer Hochzeit noch ein Jahr bei einer Künstlerfreundin in Paris. Schonzeit in der Ville lumière. Ebendort besucht sie ihr zukünftiger Gatte Arthur Burdon, junger Arzt, strenger Rationalist und Pragmatiker. Mr. Five-o'Clock-Tea himself. In der Bohème treffen sie auf den mysteriösen Oliver Haddo, in dem korrosivere Säfte brodeln. Diesem manischen Aufschneider werden magische Fähigkeiten nachgesagt - vor allem von ihm selbst. Darüber kann der kühle Arthur Burdon nur lächeln. Allerdings nicht sehr lange. Der Magier Haddo wird dem Arzt Burdon die Jungfrau Margaret abspenstig machen. Denn nichts können häßliche Magier besser gebrauchen als bildhübsche Jungfrauen.

Maughams Bohèmegesellschaft spiegelt eine Epoche am Rande des Nervenzusammenbruches wider. In der Dekade vor dem Ersten Weltkrieg stauen sich sämtliche Dämonen düsterer Urzeiten unter dem Klarlack der besten Gesellschaft an, bis die schimmernde Oberfläche reißt und den modrigen Dunst mittelalterlicher Hexenmoore und schwefliger Alchimistenklausen verströmt. In dieser Zeit reist Madame Blavatsky entlang ihrer schwindelerregenden Ahnenspirale und rückt jeden Tisch, an den sie geladen wird. Der satanische Georg Gurdjew vollführt zur selben Zeit in der Pariser Salle Pleyel seine Derwischtänze aus versteckten Seitentälern des Kaukasus. Und niemand weiß genau, welche Lebewesen Aleister Crowley in seinen ständig wechselnden Hotelzimmern opfert. Die Gesellschaft mag noch so sehr in die Moderne streben, in charismatischen Persönlichkeiten ballen sich die altertümlichen Dämonen.

An dieser überspannten Atmosphäre hat sich Somerset Maughams lebhaftes Erzähltemperament entzündet. Der stetig wachsende, schwitzende und schnaufende Fleischberg Oliver Haddo ist die massige Verkörperung aller bösen Geister, die in den kommenden Jahren noch ihren grausigen Sabbat abhalten werden. Das zwanzigste Jahrhundert ist zwar schon angebrochen, doch im Grunde steckt die Gesellschaft noch tief in der Agonie des ausklingenden Jahrhunderts. „Der Magier“ ist ein giftig schillerndes Prachtexemplar phantastischer Décadence-Literatur.

Hier diskutieren die Künstler über die morbiden Visionen eines Gustave Moreau, phantasieren über das abgetrennte Haupt von Johannes dem Täufer, und die kostbaren Kleider der Frauen rascheln so üppig wie Maughams Adjektive. Der Zauberer Haddo murmelt zwischen Glühbirne und Telegrafenmast noch einmal sämtliche mittelalterliche Hexensprüche, und der Magier Maugham beschwört noch ein letztes Mal den gesammelten Formelsatz aus den phantastischen Romanen des neunzehnten Jahrhunderts. Bevor die Moderne endgültig ihr Formenlaboratorium explodieren läßt, gibt sich Maugham noch einmal mit schwelgerischem Herzen der großen schwarzen Erzählkunst hin. Und die beherrscht er meisterhaft. Erst viele Jahrzehnte später, in der Postmoderne, wird man eine vergleichbare Faszination für das präzise Räderwerk der Genreliteratur wiederfinden. Maugham holt alles aus der sagenhaften Figur des charmanten Satanisten heraus. Man möchte diesem Haddo sofort seine kleine Schwester anvertrauen. In Gesellschaft spricht er wie eine Figur Shakespeares, zuhause stiert er mit dem wahnsinnigen Blick eines Dr. Frankensteins in die bullernden Öfen seines Zauberlaboratoriums.

Alles Streben des Hexenmeisters Haddo gilt der Erschaffung von Homunculi in der Tradition des Erzzauberers und Oberalchimisten Paracelsus. In den mannshohen Reagenzgläsern in Haddos Labor kauert eine schaurige Gesellschaft von monströsen Fleischklößen, die allesamt wirken wie dämonische Abspaltungen von Haddos mächtiger Körperfülle. Gierig nähren sich all diese Homunculi von den Lebensgeistern der anfänglich so reinen Margaret. Ach Margaret, wo ist deine Unschuld hin? Zu viel Milch im Tee war bisher die einzige Gefahr, die du kanntest.

Mit Oliver Haddo hat der Erzählmagier Maugham einen fleischigen, vitalen Prosahomunculus balzacschen Ausmaßes erschaffen, der sich von Aleister Crowleys verwirrten Lebensgeistern nährt. In seinem „Magier“ lädt W. Somerset Maugham zu einem atemberaubenden Parforceritt durch die grotesken Seelenlandschaften der Gothic-Literatur. Oder noch einmal mit Ozzys Zauberworten: „Mr. Crowley, won't you ride my white horse?”

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