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Michael Wildenhain: "Russisch Brot" (SZ)

Hänsel, Gretel und die Teerpappe

Michael Wildenhain erzählt von der Liebe in den Zeiten der Passierscheine: "Russisch Brot" (SZ, 04.03.05)

Eine Westberliner Kindheit in den 60ern auf dem Abenteuerspielplatz der Weltgeschichte: Grenzübergänge, tote S-Bahnstationen, bröckelnde Bunker. Doch nicht nur vor der Tür wartet das Abenteuer. Auch die eigenen vier Wände beben vor Geschichte.

Familie Rößler führt ein Leben im Grenzland der Beziehungen. Mutter Inka hat ihre ganze Familie, ihre Freunde, und wer weiß, vielleicht auch ihren Liebhaber, drüben in der DDR. So lange die Grenze noch offen ist, trifft man sich regelmäßig in Großvaters Datsche im Ostberliner Schöneweide. Meist gehen nur Mutter und Sohn über die Grenze, denn der Vater ahnt, daß ihn dort drüben zwischen Nutz- und Blumenbeet vermintes Gebiet erwartet. Vater Rößler leidet an Bombensplittern aus dem Zweiten Weltkrieg, die ihm langsam aus dem Rücken wachsen. Mutter Rößler leidet am Dolch ihrer Jugenderinnerungen, der ihr langsam inwendig ins Herz wächst. Insgesamt gebärdet sie sich seltsam. Stellt rätselhafte Fotos auf ihren Nachttisch. Lacht an den falschen Stellen. Fällt plötzlich vor ihrem Bett auf die Knie und rezitiert Verse von fragwürdiger poetischer Qualität, die aber bis in die letzte Silbe aufgeladen sind mit sehnsüchtigen Anklängen an eine ferne Zeit. Schnell wird klar: Die Frau hat ein Geheimnis. Und von klein auf wird ihr Sohn Joachim diesem Geheimnis nachspüren.

In der Erzählung des spurensuchenden Joachim entsteht das plastische Portrait eines beinahe schon bukolischen Berlin voller verborgener, magischer Orte. In den Kleingärten blüht Holunder, dessen vergorene Beeren den spielenden Kindern ihren ersten Rausch bescheren, im Gleisbett des Betriebsbahnhofs Schöneweide sprießt das Unkraut, und im Westberliner Hinterhof flirren Birken und lassen die gegenüberliegende Brandmauer verschwimmen wie eine Fata Morgana. Doch die Metropole als grüne Oase der Kindheit ist ein Trugbild. Unter dem gnädig wuchernden Wildwuchs liegen verstreut die scharfkantigen Trümmer der Geschichte. Nach und nach trägt Joachim die fragmentarische Geschichte seiner Mutter zusammen. Es wird für ihn schnell eine Fahndung nach der eigenen Herkunft und die Suche nach dem leiblichen Vater. Neben dem geliebten Erziehungsberechtigten Rößler kommt noch ein gewisser Günter Hoppe in Frage, ein blasser, Modellautos sammelnder Charakter und Inkas Jugendfreund, der hin und wieder in Großvaters Datsche auftaucht und Inka küßt, wenn wieder mal ein Kaffeeklatsch ansteht. Aber Inkas Beziehung zu Günter bleibt für Joachim so verschwommen wie die Brandmauer hinter der flirrenden Birke. Sollte dieser fade Mann etwa sein Vater sein? Und warum behandelt der Großvater diesen Hoppe wie seinen eigenen Sohn?

Inka Rößlers Geheimnis ist spannend. Nach und nach fügt Joachim die Erzählung von einer Jugendliebe zusammen, die in den Kriegswirren auseinander bricht und deren Trümmer für den Rest des Lebens sperrig in jedem Tag- und Nachttraum herumstehen. Inkas Geschichte ist rührend, traurig, und sie ist tragisch. Tragisch vor allem, weil sich Wildenhain nicht auf sie verläßt. Auf den ersten hundert Seiten seines Romans läßt er seinen Erzähler Joachim über Alben brüten, in Dokumentenmappen und Haushaltsbüchern forschen und blasse Notizen auf der Rückseite alter Fotos wiederkäuen. Der Leser quält sich durch die zähen Beschreibungen eines Skulpturengartens voller Menschen in erstarrten Posen, die unbedingt rätselhaft sein sollen. Der Autor biegt seinen Figuren das Rückgrat zu einem Fragezeichen. Schließlich muß Vater Rößler auch noch verkannter Schriftsteller werden, damit sich sein Sohn in regelmäßigen Abständen den – man ahnt es: rätselhaften! - Nachlaß aus dem Anorak ziehen kann, um darin dem Geheimnis seiner Mutter auf die Spur zu kommen. Diese Schnipseljagd will und will nicht richtig in Gang kommen.

Immerhin atmet der Leser etwas auf, wenn wenigstens ein bißchen Schwung in die Erzählung kommt und Joachim sich vom minderjährigen Archivar zum abenteuernden Spion wandelt: Durch Astlöcher, siebenachtel offenstehende Türen, dünne Sperrholzwände oder spinnverwebte Bunkerfensterchen observiert der Junge seine Mutter und versucht, ihre absurden Gesten und ihr seltsames Gebaren zu entziffern. Doch allzu mühsam versucht Wildenhain, mit Hilfe der polternden Trickkiste des Vaudevilles ein Geheimnis heraufzubeschwören. Dabei ist das Geheimnis aller Geheimnisse leider, daß sie um so langweiliger werden, je intensiver man sie beschwört. Oedipus verlangt auch nicht in jedem zweiten Vers einen Vaterschaftstest. Der geheimniskrämerische Budenzauber der Exposition liest sich sehr zäh. Wildenhains gewöhnungsbedürftige Syntax voller Einschübe an den unmöglichsten Stellen fördert den Erzählfluß dabei nicht. Anfangs hält man diesen tastenden Schachtelsatzbau noch für ein kontrolliert eingesetztes Stilmerkmal, das ein vorsichtiges Herantasten des Erzählers an seine Wahrheit spiegeln soll. Aber selbst in der direkten Rede aller restlichen Figuren stehen die Einschübe so sperrig im Satz wie die Bunkertrümmer im Berliner Brachland.

Doch nachdem Wildenhain diese sehr statischen Fundamente seiner Erzählung gelegt hat, erhebt sie sich endlich zu einer gelungenen, melancholischen Beschwörung einer Jugendliebe, die keine Chance bekam erwachsen zu werden. Inkas Liebesgeschichte wird schließlich gedoppelt von Joachims aufblühender Liebe zu seiner wundervollen, gerne auch rattenmordenden Ost-Cousine Doris. In einer Art ödipalen Verschiebung wiederholt Joachim ansatzweise Inkas Liebesgeschichte. Von nun an flirrt Opas Kleingartenkolonie so magisch wie Hänsel und Gretels Märchenwald. Und als Cousin West mit Cousine Ost zusammen zu Serge Gainsbourgs „Je t’aime“ unterm sommerlich dahinschmelzenden Teerpappendach der Datsche tanzen, ist endlich der sinnliche Siedepunkt des Romans erreicht. Auch wenn die Spiegelung der Liebesgeschichten von Mutter und Sohn recht konstruiert anmuten mag, führt die Verzauberung Joachims durch den Wildfang Doris schließlich zu den gelungensten Kapiteln dieses Romans, dessen strukturelles Skelett so artifiziell wirkt und der doch immer wieder so plastische und anmutige Formen annimmt. Dieser verstörende Kontrast zwischen gezwungener Konstruktion und poetischer Realisierung des forcierten Erzählprogramms ist das charakteristischste Strukturmerkmal von Wildenhains Text.

Schließlich aber wiegen die originell und lebendig gezeichneten Figuren und die lyrisch heraufbeschworenen Kulissen die artifizielle Struktur und die allzu theatralisch inszenierten Szenen auf. Die beiden parallel geführten Liebesgeschichten von Mutter und Sohn entwickeln doch noch so viel Sog, daß sie den Leser selbst durch die lästigen Einschübe von penetranten Übercodierungen aller Art mitreißen. Obwohl der Leser immer um den Text bangen muß, wenn der Erzähler an einem gerahmten Foto, einer Kommode oder einem Sekretär vorübergeht: Hoffentlich, so denkt man, bleibt der Bub jetzt nicht wieder stehen und fummelt noch so ein aufschlußreiches Dokument über die deutsche Vergangenheit zutage. Hätte Wildenhain einfach einen Kiesel einen Kiesel sein lassen, statt ihn sofort zu einem Symbol zu überhöhen, würde er nicht zwanghaft jeden unschuldigen Wasserflecken im Bad zu einem raunenden Menetekel stilisieren, hätte er einfach nur der Kraft seiner wirklich guten Geschichte und seinem großen Talent als konzentrierter, detailgenauer und lyrischer Romancier vertraut, dann könnte man seinen Text bedingungslos genießen. Doch leider hat er sein „Russisch Brot“ mit zu vielen pseudo-literarischen Rosinen gespickt.

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Michael Wildenhain: Russisch Brot. Roman
Klett-Cotta, Stuttgart 2005
272 S., XX,YY Euro

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