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Hermann Kant: "Kino" (SZ)

Noch radikaler als Münte

Hermann Kant betreibt in "Kino" Kapitalismuskritik (SZ, 12.05.05)

Auf, auf, bürgerliche Presse, der neue Hermann Kant! Was hat uns Kants letzter autobiographischer Roman „Okarina“ gut gefallen! Wie haben wir damals unsere Begeisterung in die bürgerlichste aller bürgerlichen Pressen getrötet! Welch eine Fülle von interessanten Geschichten aus dem turbulenten Herzen der Geschichte es in diesem reichen Roman zu lesen gab! Und jetzt soll also die Geschichte vorbei sein? Posthistoire, ick hör dir trapsen.

Ein alter Mann mit stark biographischen Anklängen an den Autor Hermann Kant leiht sich den High-Tech-Schlafsack seines Großneffen und legt sich zu Sinnstudien in die Hamburger Fußgängerzone. Warum das? Weil er empathisch erfahren möchte, wie es ist, am Rande der Gesellschaft zu liegen. Der Herr hüllt sich in NASA-Materialien und will Treibgut sein. Gut, also ein moderner Diogenes. Warum nicht? Die Position des Erzählers ist gut gewählt, denn an welchem Platz offenbart sich unsere moderne H&M Hast & Marktschrei-Gesellschaft deutlicher als in der Fußgängerzone, einer der traurigsten Errungenschaften unserer unwirtlichen Städte? Der Erzähler liegt auf der verkommenen und ausverkauften Agora der BRD. Sein einzige Trost ist eine legendäre Fischbraterei, die appetitliche Dunstwolken zu ihm herübersendet. Auch der Kartoffelsalat soll dort ganz toll sein. Schreibt Kant zumindest auf jeder zweiten Seite.

Die originelle Beobachtungsposition des Erzählers birgt natürlich die Gefahr, unverbindlich über alles loszuplaudern, was an dem Polyamidbeutel so vorüberzieht. Kant erliegt dieser Verführung mit Wollust. Schnell überschreitet die Beliebigkeit seines uninspirierten Glossierens über Gott und die Welt die zulässige Euronorm. Der Fußgängerzonentrubel bietet dem geschwätzigen Diogenes Gelegenheit, zu allem und jedem seinen Senf abzugeben, und der ist Kant diesmal leider nicht besonders scharf geraten. Nicht einmal mittelscharf. Das Traurige an diesem Buch ist, daß Kant nicht mehr Löwensenf feilbietet, sondern allenfalls so etwas wie achtfach wiedergekäuten und doppelt vorverdauten Stubentigersenf. Kants Auslassungen zu unserer Fußgängerzonenrepublik haben nicht mal mehr Kleinstkunstbühnenreife. Hier bekommt der flanierende Feuilletonist Fritz J. Raddatz sein Fett ab, dort wird mit Everybody’s Kuschelbär Harry Rowohlt geshakert, oder es werden ein paar lobende Schnurren über den Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremlitza vom Stapel gelassen. Fade Insider-Späßchen. Nach hundert Seiten ist man fast so weit, das Buch auf den Weg aller grauenhaften Rezensionsexemplare in die Elektrobucht zu schicken.

Doch sanft und langsam, ganz, ganz langsam formt sich unter all dem eitel Wortgeklingel tatsächlich, kaum zu glauben, so etwas wie ein Plot. Hurra! Im Geiste klickt man noch einmal das Ebay-Einstellungsformular weg, führt noch einmal den zähen Roman (ein allzu großes Wort in diesem traurigen Falle) ans müde brennende Auge, doch Weh und Schande: Lug, Trug, Niedertracht! Das konzeptlose Bramarisieren geht einfach weiter, und tänzelt selbstverliebt und eitel um eine lieblos hingeschluderte Plotparodie. Nein, bitte nicht auch noch Parodie! Es langt doch nicht mal zu lockerer Gesellschaftssatire. Wie soll da eine halbwegs erträgliche Thriller-Parodie gelingen? Und schon nimmt die Vaudeville-Posse ihren einschläfernden Lauf.

Immer wieder hat Kant Anspielungen an das große Hollywood-Kino in seinen Text eingestreut. Irgendwann muß ihm dann eingefallen sein, daß „Kino“ vielleicht nicht nur das Spektakel der vorüberziehenden Passanten sein könnte, zu dem ihm gerade sowieso nichts einfallen will, sondern daß er den langweiligen bundesrepublikanischen Einkaufsalltag noch ein bißchen mit Action aufhübschen könnte. Also tritt ein Mafioso an den Diogenes heran, gähn, eine von Staatsbeamten infiltrierte Heilsarmee umzingelt ihn, nick weg, und plötzlich wird auch das Ordnungsamt und der Bundesgrenzschutz vorstellig, schnarch.

Warum das ganze Theater? Ähm, ja: Weil eine nepalesische Software-Sultanin beim legendären Fischbräter fritierten Kabeljau essen und auch mal von dem tollen Kartoffelsalat kosten will, weshalb der deutsche Staat halb kirre wird, nur um gutes Investitionsklima zu schaffen. Aber jetzt das Beste: Die High-Tech-Prinzessin hat einfach mal knallweg ein ganzes Gebäude gekauft und H&M und eine Legofiliale drin einrichten lassen, nur um ihre beiden Kinder dort abzugeben und in Ruhe Fisch essen zu können. Irre! Groteske Globalisierungskritik! Fast noch radikaler als bei Münte! Das ist nur eine der unzähligen Dösigkeiten, mit der Kant sich seinen Rentneralltag versüßt und seine Leserschaft malträtiert.

All diese albernen Unsinnigkeiten kreiseln um das einzige Anliegen dieser konturlosen Farce: Kritik am kriecherischen Kotau des Staatsapparates vor dem Kapital. Darüber ließe sich diskutieren. Aber bitte nicht in diesem manieristischen Parlando, dem vor lauter verkrampftem Ulkigkeitszwang und gar drolliger Formulierkoketterie nicht ein einziger gerader Satz mehr von den blöde brabbelnden Lippen kommen will. All diese Kalauer! All diese ungestalten Ausgeburten aus den schlimmsten Folterkammern der Wortspielhölle! All diese drolligen Substantivmonster! „Zu Bildblickwinklelsbehufen“ schreibt Kant hin und kringelt sich vor Kichern. Sex? Geht so: „Auch bei einer Persönlichkeit im Arbeitskleid der Deutschen Volkspolizei gab es ein Reimwort auf Verzehr.“ Nach so was vergeht einem für sieben Tage der Appetit auf Geschlechtsverzehr. Hier hält eiernd ein Aufzug: „Doch erfolgte anstelle des erwogenen der bestellte Förderkorbhalt.“

Oh allmächtige Redaktionsgottheiten: Bitte niemals wieder Kantscher Rezensionsexemplarserhalt! Kant kann keiner noch so blöden Assonanz widerstehen, kommt an keiner giggelnden Alliteration vorbei. Seine verschwurbelten Endlosphrasen lesen sich wie die IM-Akte eines konterrevolutionären Derwisches, dem das hechelnde Observierungspersonal nicht hinterherkommt und trotzdem immer wieder versucht, ihm mit erbarmungslos zugrunde verwaltetem Deutsch auf den Fersen zu bleiben. Man täusche sich nicht und halte diesen quakenden Quatsch für stilistische Virtuosität. Kreiselnd wirft der Autor das überlange Lasso seiner Schachtelsätze in die Lüfte und bekommt doch niemals irgend etwas von Belang zu fassen.

Kant liebt seinen Microsoft Textcomputer. Bedenklich unaufgeklärt für einen bekennenden Kommunisten. Die Welt läßt er sich gerne von Bill Gates’ Enzyklopädiesimulation „Encarta“ erklären, die er wörtlich zitiert. Man muß sich das auf der Zunge zergehen lassen: Einer der leidenschaftlichsten Kapitalismuskritiker benutzt das Klick-Bilderbuch des weltgrößten Kapitalisten als Referenzwerk. Microsofts vollintegrierte Arbeitsumgebung ist ja auch zu bequem. Stilistisch am bedenklichsten aber ist, daß Kant via rechter Maustaste jedes seiner redundanten Alberworte anklickt und noch die letzten Synonyme aus dem hintersten Winkel seines gottverlassenen Thesaurus’ herauskitzelt, die dann allesamt auch noch in den sowieso schon integral verquasten Text hineinkopiert werden müssen.

Man könnte den Roman auf ein Zwanzigstel eindampfen, ohne etwas an Informationsgehalt oder gar ästhetischem Mehrwert einzubüßen. Ach was, Zwanzigstel! Der Autor verkommt zum Dirigenten einer in seinen Textprozessor implementierten Phrasendreschmaschine. Während sich im nebligen Hintergrund der Fabel der Besuch einer Software-Königin aus Nepal vorbereitet, zappelt Kant im Klammergriff seines Rechtschreibprogramms und veranstaltet den Großen Eiertanz der Synonyme, die allesamt um nicht, nichts und wirklich wieder nichts kreiseln.

„Kino“ ist ein nervenzehrend langweiliges Buch. Eine mit Nichtigkeiten farcierte und öligen Banalitäten einbalsamierte Laberschwarte. Als sympathisierender Hobby-Kommunist wäre man ja durchaus noch bereit gewesen, ein bißchen ohrenknackende Langeweile im Tausch gegen handfeste Gesellschaftskritik zu ertragen. Eine haarkleine Anatomie der bundesdeutschen Fußgängerzone hätte man ja gerne gelesen. Aber diese verquaste, schon tausendfach runtergenudelte Kritik staatlicher Wirtschaftshörigkeit ist einfach nicht zum Aushalten. Das Leben in einem restlos ausverkauften und verramschten Staat kann nicht wirklich schlimmer sein als die Lektüre von Büchern, deren Stil ermüdender ist als alle automatisch aus dem Taiwanesischen übersetzten Gebrauchsanweisungen aus dem Geiz-ist-geil-Markt. Das nächste Mal möge sich bitte Rem Kolhaas in die Fußgängerzone legen und protokollieren, was er sieht. Er dürfte wenigstens über die richtigen Worte und Bilder verfügen, dieses schauerliche Phänomen so zu analysieren, wie es sich für einen wahren Aufklärer gehört.

Es ist beinahe empörend, wie Kant hier den ulkigen Schelm gibt und seine Chance auf eine scharfe Analyse labernd verschenkt. Zwanzig Seiten über einen OBI-Kassen-Bon! Weil da „Schrauben Dreher“ statt „Schraubenzieher“ draufsteht! Wahrscheinlich ist alles viel unkomplizierter, und die doofe DDR ist einfach an solch dämlicher Haarspalterei zugrunde gegangen. Wann schreibt Kant die große epische Abrechnung mit der konterrevolutionären Rechtschreibreform? Wann einen beißenden Schelmen – Jaaahhh! Schelmen! – roman über die skandalöse Umbenennung von „Raider“ in „Twix“? „Kino“ ist die Bankrotterklärung des kritischen Geistes, der sich der belanglosen, manieristischen Hohlschwafelei hingibt. Wenigstens wissen wir jetzt von einem zweiten Kategorischen Imperativ nach Kant: Je weniger du zu sagen hast, desto wilder wirf mit Worthülsen um dich.

Mit diesem Roman wird der Leser Zeuge eines wirklich traurigen Schauspiels: Die großen gesellschaftlichen Gegenentwürfe haben bald all ihre Anhänger verloren, und ein alter, durchaus ehrbarer Kommunist liegt mit ausgestreckten Flossen zwischen H&M und Legofiliale vor einer Hamburger Fischbräterei und brabbelt vor sich hin, weil grad sowieso nichts anderes zu tun ist. Kants barockes Erzähltemperament lungert nutzlos in unseren kalten Ladenpassagen herum und kreiselt nur noch um sich selbst, wie die spärlichen Münzen, die hin und wieder in Richtung des NASA-Schlafsacks geworfen werden. Dabei bestanden die einzigen halbwegs klar formulierten Worte dieses Diogenes’ in der ausdrücklichen Bitte, nichts zu spenden. Wohl in weiser Voraussicht: Denn spenden können wir diesmal auch beim allerbesten Willen nichts.

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Hermann Kant: Kino. Roman
Aufbau Verlag, Berlin 2005
203 Seiten, 17,90 Euro

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