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Jan Böhmermanns #varoufake: Anatomie einer Hysterie

In Griechenland ist ein Viertel der Bevölkerung von Armut bedroht. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 61,4 Prozent. Die Kindersterblichkeit hat sich seit 2008 um 40 Prozent erhöht, weil unter dem eisernen Regiment der Troika das Gesundheitssystem zusammengestrichen wurde. Und was machen wir? Das Land, das seit Jahren am meisten Druck auf Griechenland ausübt? Wir echauffieren uns eine Woche lang über den Mittelfinger des griechischen Finanzministers.

Dieser Mittelfinger ist Symptom einer tiefen Medienkrise. An Fingergate lässt sich ablesen, wie unsere Erregungsgesellschaft funktioniert. Immer schwerer fällt es den Medien, die großen Zusammenhänge darzustellen. Sie fokussieren auf Details, um Emotionen zu schüren. Erregung produziert Auflage und Klicks.

Zeit für nüchterne Analyse: Wie kam es zu der Medienhysterie? Wie funktioniert die Empörungsmaschinerie?

Am 14. Und 15. Mai 2013 besuchte Yanis Varoufakis das 6. Subversive-Festival in Zagreb. Zu der Zeit war er noch Wirtschaftswissenschaftler. Finanzminister wurde er erst am 27. Januar 2015 unter der Linksregierung von Alexis Tsipras. Am 14. Mai 2013 hielt er einen Vortrag mit dem Titel „Confessions of an Erratic Marxist“. Das Video davon stand wenige Tage später auf Youtube.

Am 15. Mai 2013 sprach Varoufakis über sein Buch „The Global Minotaur: America, Europe and the Future of the Global Economy“. In dem 2011 erschienenen Werk erklärt er die Finanzkrise von 2008. Nicht Gier, Globalisierung und fehlende Regulierung hätten die Wirtschaft in Schieflage gebracht, sondern strukturelle Probleme. Laut Varoufakis sind die Exportüberschüsse von China, Japan und Deutschland in die USA geflossen, haben den Minotaurus Wallstreet genährt und damit die fatale Verschuldung und schließlich die Implosion der US-Wirtschaft erst ermöglicht. Wissenschaftler Varoufakis analysiert die großen Zusammenhänge. Context is King!

Auf dem Podium in Zagreb erläuterte der Wirtschaftswissenschaftler noch einmal, wie Griechenland im Januar 2010 seiner Meinung nach die Finanzkrise hätte bewältigen können. 2010 hatte Griechenland noch keine Finanzhilfe von der EU beantragt. Es war die Zeit vor dem ersten Hilfskredit. Es waren noch keine europäischen Steuergelder an Griechenland geflossen. Wie viele andere Länder auch hatte Griechenland schlicht Schulden bei europäischen Banken.

Varoufakis erinnerte noch einmal daran, was er in dieser Situation vorgeschlagen hatte: „Mein Vorschlag war, dass Griechenland im Januar 2010 innerhalb des Euros einfach seine Zahlungsunfähigkeit hätte erklären sollen – so wie es Argentinien gemacht hat – und dann Deutschland den Finger hätte zeigen können und sagen können: 'Also jetzt könnt ihr dieses Problem alleine lösen.'“

Er verdeutlichte diesen Vorschlag, indem er seinen Mittelfinger in die Höhe reckte. Diese Geste ist auch auf einem 57-minütigen Video zu sehen, das die Veranstalter des Festivals von seinem Vortrag gedreht haben. Das Bild von seinem Mittelfinger auf diesem Video ist nicht manipuliert.

Die Veranstalter Sre?ko Horvat und Igor Štiks erklären auf der Facebook-Seite des Subversiv-Festivals: „Varoufakis hat nicht Deutschland oder den Deutschen den Finger gezeigt. Er bezog sich auf eine hypothetische Situation im Januar 2010, als Griechenland seiner Meinung nach seine Zahlungsunfähigkeit hätte erklären sollen, ohne dabei aus dem Euro auszutreten. ‚Deutschland den Finger zeigen“ heißt in diesem Zusammenhang nicht Deutschland als Staat oder Volk, sondern der deutschen Regierung, die damals der Hauptvertreter der desaströsen Austeritätspolitik war – und es heute auch noch ist.“

Varoufakis war 2010 der Meinung, deutsche Banken hätten Griechenland zu leichtfertig Kredite gegeben. Diese Kredite hatten damals nicht bedient werden können. Die Banken hatten sich verspekuliert. Und da es ein Finanzpoker gewesen war, der die Banken in Schwierigkeiten gebracht hatte, hätte eben der deutsche Staat einspringen müssen, wenn er diese Banken für systemrelevant hielt. Diese Kredite seien damals nicht Griechenlands Problem gewesen.

Erst am 12. Februar 2015, über zwei Jahre nach dem Auftritt und etwas über zwei Wochen nach Ernennung von Varoufakis zum Finanzminister, stellten die Festival-Veranstalter das Video online. Am 20.02.2015 fand sich dann der erste kurze Finger-Ausschnitt auf Youtube. Am 25.02.2015 griff der Nachrichtendienst Yahoo die Geste auf und titelte: „Mittelfinger-Alarm beim griechischen Finanzminister.“

Ebenfalls am 25.02.2015 erschien ein Musikvideo des Comedian Jan Böhmermann, in dem er deutsche und griechische Klischees persiflierte und auch den wachsenden Nationalismus in beiden Ländern. Zum ersten Mal verspottete Böhmermann hier die Dämonisierung von Varoufakis. Als Schlussszene dieses Clips verwendete er die Stinkefinger-Szene aus dem zwei Wochen zuvor veröffentlichten Festival-Video.

Am 15.03.2015 ist Varoufakis dann zu Gast bei Günter Jauchs wöchentlicher Sonntagsrunde, Deutschlands größter Polit-Talkshow. Die Sendung wird angekündigt mit der Boulevard-Schlagzeile „Der Euro-Schreck stellt sich – Varoufakis bei Günter Jauch.“ Jauchs erste Sätze in der Sendung lauten: „Die einen sehen in ihm den italienischen Bruce Willis. Sie bewundern ihn, weil er wie ein Löwe für Griechenland kämpft.“ Nur Jauch weiß, warum nun ausgerechnet ein italienischer Bruce Willis wie ein Löwe für Griechenland kämpfen soll. Dieses Niveau hält Jauch etwa 20 Minuten, dann lässt er ein filmisches Kurzporträt des Finanzministers einspielen. Und genau wie Böhmermanns satirisches Musikvideo endet nun auch Jauchs journalistisches Politikerporträt mit der isolierten Mittelfingerszene aus dem Festival-Video. Jauch und Böhmermann arbeiten mit den gleichen manipulativen Schnitt-Techniken. Doch Jauchs Manipulation ist perfider. Denn sie kommt im Mantel eines seriösen Journalismus’ daher.

In Jauchs Einspieler sieht man Varoufakis auf der Bühne in Zagreb stehen. Eine Einblendung oben rechts im Bild ist der einzige Hinweis auf den Kontext der Szene. Dort steht nichts als die Jahreszahl 2013. Der Sprecher sagt aus dem Off: „Varoufakis will den Griechen neues Selbstvertrauen geben...“ Im Untertitel des Festival-Videos liest man die Übersetzung von Varoufakis Worten: „Griechenland sollte einfach verkünden, dass es nicht mehr zahlen kann.“ Dann sagt der Sprecher aus dem Off: „...und steht für klare Botschaften. Besonders an Deutschland.“ Nun sieht man, wie Varoufakis den Mittelfinger zeigt. Im Untertitel liest man seine Worte: „...und Deutschland den Finger zeigen und sagen: Jetzt könnt ihr das Problem alleine lösen.“

Jauchs manipulierte Videobotschaft ist klar: Der griechische Finanzminister will seine Schulden nicht zahlen und zeigt uns Deutschen den Mittelfinger. Jauch befeuert den nationalistischen Stammtisch. Kein Wort davon, dass Varoufakis ein fiktives Szenario aus dem Jahre 2010 wiedergibt. Später räumt der für Jauch zuständige NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz auf Twitter ein, man hätte den Kontext erwähnen sollen: „Dass er sich auf 2010 bezog, hätte man allerdings sagen sollen.“

Martin Bevos, einer der Filmemacher, der das Varoufakis-Video von dem Zagreber Festival drehte, sieht in diesem Vorgang ein Symptom unserer Mediengesellschaft. Er kommentiert Jauchs Vorgehen mit den Worten: „Die Tatsache, dass nur ein kleiner Ausschnitt dieses Videos aus dem Debattenkontext genommen wurde und im deutschen Fernsehen gezeigt wurde, ist ein Zeichen dafür, dass gewissen Mainstream-Medien und Mainstream-Politiker nicht mehr fähig sind, komplexe Narrative wie jenes, das Varoufakis auf dieser Veranstaltung vorgestellt hatte, zu analysieren.“

Doch es kommt noch schlimmer. Nicht nur Jauchs Video-Porträt verkürzt in polemischer Absicht, sondern auch Jauchs erste Frage nach dem Einspieler. Mit folgernden Worten leitete er zur nächsten Talk-Runde über: „Der Stinkefinger für Deutschland, Herr Minister. Die Deutschen zahlen am meisten und werden dafür mit Abstand am stärksten kritisiert. Wie passt das zusammen?“ Nun, es passt überhaupt nicht zusammen. Denn Jauchs Redaktion hat es nur deshalb so zusammen montiert, um zu suggerieren, der aktuelle Finanzminister wolle seine Hilfskredite nicht zurückzahlen.

Deswegen windet sich Varoufakis vor Empörung in seinem Stuhl, als er anhebt und sagt: „Dieses Video wurde manipuliert. Ich habe diesen Finger niemals gezeigt. Nie und nimmer habe ich diesen Finger gezeigt.“ Der Professor drückt sich missverständlich aus. Aber er hat vollkommen Recht: Diesen Stinkefinger, den Jauch suggeriert, einen „Stinkefinger gegen Deutschland“, einen Stinkefinger gegen ein Land, das mit den Steuergeldern seiner Bürger Griechenland hilft, den hat es nie gegeben.

Varoufakis hatte 2013 einen ganz anderen Stinkefinger im Kopf: Er hatte damals dafür plädiert, dass man 2010 einen Stinkefinger gegen eine deutsche Regierung richtet, indem man die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands erklärt hätte. Aber auch diesen Stinkefinger hat es in Wahrheit nie gegeben. Denn diese Zahlungsunfähigkeit wurde nicht erklärt. Und der Stinkefinger, den Varoufakis damals reckte, war nicht mehr als ein gestisches Symbol für diese Zahlungsunfähigkeitserklärung. Auch dieser Finger war fiktiv. Ein Stinkefinger im Konjunktiv.

Das alles war nun etwas zu kompliziert für die deutschen Medien. Das Verständnis wurde dann noch durch einen Übersetzungsfehler erschwert. In seiner weiteren Verteidigung sagte Varoufakis: „Das da, der Finger, war manipuliert.“ War er auch. Denn Jauch hatte ihn durch Schnitttechnik und demagogisches Fragen zu einem anderen Finger gemacht.

Der Dolmetscher aber übersetzte: „Der Finger ist hineinmontiert worden“ Große Hysterie! Videoexperten und Netzforensiker untersuchten das Video. Man war sich einig: Niemand kann solch ein Video derart manipulieren. Varoufakis galt als Lügner. Am 16.03.2015 verwies Varoufakis auf Twitter auf das ungekürzte Festival-Video mit den Worten: „Hier ist das Video, das nicht von den skrupellosen Medien manipuliert wurde.“ Aber Überraschung: Auch hier war der Mittelfinger zu sehen! Wie seltsam! Nein, nicht seltsam: Für Varoufakis hieß „manipuliert“ immer: „verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissen“. Für die Medien aber hieß es: „hineinmontierter Finger“.

Wie sagt das chinesische Sprichwort? „Wenn der Weise auf den Mond zeigt, sieht der Idiot nur den Finger.“ Es war an der Zeit, dass ein Weiser endlich wieder den Mond ins Spiel brachte. Diese Rolle übernahm Jan Böhmermann. Am späten Abend des 18.03.15 stellte er als Vorankündigung seiner Sendung „Neo Magazin Royal“ vorab ein Video ins Netz, in dem er behauptete, er sei es gewesen, der Varoufakis’ Mittelfinger in das Video hineinmontiert habe. Hat er natürlich nicht. Sondern mit den satirischen Mitteln der Übertreibung und der Zuspitzung formulierte der ehemalige Journalist Böhmermann Kritik an Jauchs journalistischer Arbeit.

In dem Video fasst er seine kritische Absicht in klaren Worten zusammen: „Liebe Redaktion von Günther Jauch. Yanis Varoufakis hat unrecht. Ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt einfach das Video nur aus dem Zusammenhang gerissen und einen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen. Damit sich Mutti und Vati abends nach dem Tatort noch mal schön aufregen können: 'Der Ausländer! Raus aus Europa mit dem! Er ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg. Das gibt's ja wohl gar nicht. Wir sind hier die Chefs! So!' Das habt ihr gemacht.“

Diese Botschaft war deutlich. Nur wollte sie in der Aufregung keiner hören. Das Internet brummte und wütete vor sich hin, und die Redaktionen wollten das Phänomen irgendwie begleiten. Alle starrten auf den Mittelfinger, niemand sah den Mond. Den klaren Mond der Aufklärung. Von nun an sollte von FAZ bis Tagesschau 12 Stunden lang totale Verwirrung herrschen. Jeder traute allen alles zu. 12 Stunden lang totale Medienfinsternis.

Auch Medienjournalist Stefan Niggemeier, der sein halbes Leben vor TV und Internet verbracht hat, hatte die Orientierung verloren. Auf seinem Blog schrieb er: „Ich habe mir zu sehr gewünscht, dass die Geschichte stimmt, dass Jan Böhmermann und sein ‚Neo Magazin Royale’-Team die ganze Welt verladen haben und das Video, aus dem ‚Bild’ und ‚Günther Jauch’ und alle die ganze absurde Aufregung gesaugt haben, gefälscht haben. Es passte mir zu sehr in den Kram, meine Schadenfreude war zu groß, und den ein oder anderen Tweet von letzter Nacht hätte ich im Nachhinein lieber nicht abgesetzt.“ Niggemeier zog folgende Lektion: „Böhmermann zeigt, wie bereitwillig wir Dinge glauben, die wir glauben wollen, und das betrifft im konkreten Fall auch: mich.“

Böhmermann befeuerte die allgemeine Verunsicherung noch einmal am Morgen des 19.3.15 mit einer Stellungnahme, in der er erklärt: „Niemals würden wir die notwendige journalistische Debatte über einen zwei Jahre alten aus dem Zusammenhang gerissenen Stinkefinger derart skrupellos der Lächerlichkeit preisgeben.“ Hier hätte nun auch dem letzten Netzanalphabeten klar werden müssen, dass der Comedian ein Moralist im Gewande des Narren ist. Doch noch immer zweifelten die Medien, ob der Mittelfinger echt war oder nicht. Erst um 11:30 des 19.3.15 beendete das ZDF alle Spekulationen mit einer offiziellen Mitteilung. Über Twitter verbreitete der Sender: „Wir erwägen künftig bei allen @neomagazin-Ausstrahlungen den Warnhinweis ‚Vorsicht Satire!’ zu platzieren.“

Jan Böhmermann hat sich die unzulässige journalistische Arbeitsweise von Jauch zu eigen gemacht und auf die Spitze getrieben. So hat er gezeigt, wohin manipulierender Journalismus führt: In vollständige Unglaubwürdigkeit. Böhmermann zog den gesamten Medien für 12 Stunden lang den Boden unter den Füßen weg. Alle verschwanden im Strudel des Fakes.

Mit seiner brillanten Satire hat Böhmermann gezeigt, dass heute keinem Bild mehr zu trauen ist. Egal, wie viele „Netzforensiker“ man auf jedes Einzelbild ansetzt, kein Fake lässt sich endgültig enttarnen. Im digitalen Zeitalter lassen sich die Bilder leichter und schneller bearbeiten als je zuvor. Und von diesen Möglichkeiten wird auch ausgiebig Gebrauch gemacht. So wurde beim „World Press Award 2015“ jedes fünfte Bild, das es in die letzte Auswahlrunde geschafft hatte, wegen digitaler Nachbearbeitung von der Jury aussortiert. Durch die rasend schnelle Verbreitung in den sozialen Netzwerken ist die Macht der Bilder größer als je zuvor.

Unzähligen Bildern ist der Mediennutzer heute im Fernsehen, in sozialen Netzwerken und auf Nachrichtenseiten ausgesetzt. Minütlich erneuert sich das Karussell. Der Live-Ticker blinkt und flackert. Keines dieser Bilder ist per se glaubwürdig. Alle sind manipulierbar Das hat Böhmermann eindrucksvoll und in schwindelerregender Schnittfolge gezeigt: Varoufakis mit Finger, ohne Finger, beides gleich glaubwürdig, beides gleich unglaubwürdig. Ihre Glaubwürdigkeit können Bilder nur erlangen, indem die Institution, die sie präsentieren, glaubwürdig ist. Wie diese Institutionen nun allerdings ihre Glaubwürdigkeit verspielen, das hat Jauch gezeigt, als er in polemischer Absicht Passagen aus ihrem Kontext gerissen hat.

Die Medien haben inzwischen immer mehr an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Immer wieder kommt die Frage auf, wie sachlich über die Ukraine- oder Griechenland-Krise berichtet wird. Seit Monaten wird in den meisten Medien Griechenland polemisch als Sündenbock der EU dargestellt. Die vierte Gewalt arbeitet zu oft wie die Presseabteilung von Europas großen Schuldeneintreibern Merkel und Co. Nur ganz selten finden sich auf versteckten Sendeplätzen noch Versuche, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Zuletzt gelang dies vorbildlich Harald Schumanns ARD-Dokumentation „Die Spur der Troika“.

Günter Jauch hatte die große Chance, Varoufakis’ Diskussionsbereitschaft dazu zu nutzen, den Kontext der Finanzkrise und der aktuellen Situation in Griechenland einem breiten Publikum zu erklären. Er hatte 5,22 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 18,4 Prozent. Von den jüngeren Zuschauern erreichte er 8,5 %. Eine gute Gelegenheit, sie für ernsthafte politische Diskussion zu gewinnen. Doch der sich immer so seriös gebende Jauch, für viele Bundespräsident der Herzen, hat seine Chance verspielt, indem er verkürzte, polemisierte und zuspitzte. Sein Talk war reine Stimmungsmache. Der Kameramann des Subversiv-Festivals Martin Bevos analysiert Jauchs journalistisches Debakel mit den Worten: „Die ernste politische und ökonomische Situation, mit der wir in Europa konfrontiert sind, wird präsentiert, als wäre sie reduzierbar auf Gesten und Posen.“

Das allerdings ist nicht nur ein Problem von Günter Jauch. In Zeiten schwindender Auflagen und digitalen Wandels gieren die Medien nach ikonischen Bildern und exemplarischen Drei-Wort-Sätzen, die maximale Emotion generieren. Journalismus verkommt zu oft zur Jagd nach Belegbildern für die Vorurteile des Stammtisches. Auflage und Klicks sind nur noch mit starken Emotionen zu generieren. Die beste Emotion ist Empörung. Denken kann hier nicht mithalten. Wir wollen politische Zusammenhänge nicht mehr verstehen, sondern erfühlen. Erfühlen heißt, uns zu empören. Die Medien drohen, zur bloßen Erregungs- und Verblödungsmaschinerie zu verkommen. Je bereitwilliger sie das tun, desto eher schaffen sie sich ab. Und solche Medien verdienten nicht eine einzige Abschiedsträne.

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