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Jochen Missfeldt: "Steilküste" (FR)

Ein Nistplatz im Leitz-Ordner

Jochen Missfeldts manieristische Aufarbeitung eines Kriegsverbrechens: "Steilküste" (FR, 18.08.05)

Deutschland, deine Soldaten. Der Krieg ist verloren, Hitler ist tot. Großadmiral Karl Dönitz ist noch für 23 Tage Reichspräsident. Als Kommandeur und Gerichtsherr über die Schnellbootflotte fungiert ein pflichtbewußter Kommodore. Kein Nazi, sondern stolzer Marinesoldat in preußisch-christlicher Tradition. Mehr preußisch als christlich allerdings, aber wie soll das auch gehen, preußisch-christlich? Am 5. Mai 1945 haben die deutschen Truppen die Waffen niederzulegen.

Der Krieg ist aus, wir gehen nach Haus’, denken sich die beiden jungen Marinesoldaten Ehrmann und Fredy und entfernen sich unerlaubt von der Truppe. Sie werden gefaßt und einen Tag nach der bedingungslosen Kapitulation zum Tode verurteilt. Am 10. Mai 1945 werden sie auf Befehl des Kommodore auf dem Deck des Schnellbootbegleitschiffes Buéa in der Geltinger Bucht durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Vor den Augen ihrer Kameraden. Nichts haßt die deutsche Kriegsmarine mehr als Chaos und Disziplinlosigkeit. Nie wieder Matrosenaufstand wie im November 1918. Nachher kommt noch so etwas wie Demokratie. Ordnung muß sein. Auch im Untergang.

Die Romanfiguren Fredy und Ehrmann sind synthetische Charaktere. Missfeldt hat in ihnen die authentische Biographie von drei Marinesoldaten verschmolzen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges wegen Fahnenflucht hingerichtet wurden. Er hat Verwandte befragt, Originaltagebücher, Briefe und Gerichtsakten verarbeitet. Er hat die historischen Fälle gewissenhaft recherchiert und versteht es, mit Hilfe von fiktiven Figuren Historie lebendig werden zu lassen. Missfeldt erweist sich dabei als guter Landschaftsmaler. Er beschwört die Geltinger Bucht, ihre Fossilien, Pflanzen, Bäche und Mythen als plastische Bühne eines traurigen Kriegsdramas.

Der Fall wird aus mehreren Perspektiven beleuchtet, wobei die des verantwortlichen Gerichtsherren die weitaus interessanteste ist. Prägnant zeichnet Missfeldt den Kommodore als Soldatenchristen, der alle Menschlichkeit dem Fetisch der militärischen Pflicht opfert. Hier zeigt sich, warum Preußen- und Christentum unvereinbar sind: Christentum bedeutet Gnade, Preußentum gnadenlose Prinzipientreue. Es bedarf nicht des Nationalsozialismus’, um Soldaten zu Mördern werden zu lassen. Militärische Sekundärtugenden reichen. Man darf also erst einmal dankbar sein für die lebendige Darstellung eines traurigen Kapitels der deutschen Vergangenheit, auch wenn dieser Roman wie ein weiteres, etwas zu kalkuliert plaziertes Rädchen in der allgegenwärtig klappernden Weltkriegsgedenkmaschinerie wirkt.

Leider hat sich Missfeldt nicht mit der plastisch-kühlen Rekonstruktion eines besonders empörenden Falles militärischer Unmenschlichkeit begnügt. Der Untertitel „Ein See- und Nachtstück“ deutet schon an, daß der Autor seinen authentischen Fall auf Teufel komm raus zu einem Stück lyrisch verdichteter Prosa transzendieren wollte. Solche Ambitionen laufen bei ihm dann im schlimmsten Fall auf handfeste Stilblüten heraus: „Ein Zipfel vom Mantel Gottes fächelt Atemluft durch den todesblassen Wehrmachtsäther.“

Missfeldt bettet das Schicksal der fahnenflüchtigen Marinesoldaten in eine fiktive Rahmenerzählung, die den alten Herbergsvater Hans Hörgebar in Szene setzt. Hörgebar ist ein gar knorrig Original voller Lebensweisheit und Herzensgüte. Sein Herbergsvaterhumor ist warm und weich wie der tropfende Zwieback, den seine Jungs zum Frühstück aus dem Kakao ziehen. Er leitet das „Kinderschiff“, ein Jugendheim an der Steilküste über der Geltinger Bucht, in der nach Kriegsende alle verbleibenden Schiffe der deutschen Marine zusammenkommen. Bei Hörgebar haben sich Ehrmann und Fredy kennengelernt, bevor sie sich bei der Marine verpflichteten, Fredy ist sogar mit Hörgebars Adoptivtochter Paula verlobt. Auch der jüngere Erzähler hat einige Zeit im „Kinderschiff“ verbracht und recherchiert nun den Fall der beiden jungen Männer, die denselben Herbergsvater wie er hatten. Im Erzählakt findet die große Herbergsverbrüderung statt.

An der Steilküste laufen alle Erzählfäden zusammen. Von hier nahm alles seinen Ausgang, hier ist der ideale Aussichtspunkt, um die letzten Tage des tausendjährigen Reiches zu beobachten. So verständlich der Wunsch des Erzählers nach Empathie mit den Opfern des deutschen Kadavergehorsams ist, so sehr ist die Einbettung des authentischen Falles in die menschelnde Idylle des „Kinderschiffes“ ein literarischer Unglücksfall. An der bröckelnden Steilküste geht das handfeste historische Material über in die luftig versponnene Welt des Romanhaften. Und genau an dieser Absturzkante kippt Missfeldts Text in die Untiefen des gezwungenen Lyrismus’.

An der Steilküste steht nicht nur das Kinderschiff, sondern hier lebt auch der Eisvogel, den der ehemalige Bundeswehrpilot Missfeldt immer wieder zu penetranten lyrischen Höhenflügen benutzt, um in gezwungener Symbolhaftigkeit leitmotivisch Erzähler und Erzähltes, Leben und Tod und noch so einiges Andere zu verklammern. Missfeldts Eisvogel ist der Bote zwischen Realität und Fiktion, vor allem aber ein Symbol für die unglücklichen Ambitionen dieses Romans. Der Autor hat dem überforderten Eisvogel einen Nistplatz in seinem Leitz-Ordner mit dem historischen Quellenmaterial eingerichtet, damit er für ein bißchen schillernde Poesie im Dickicht der Aktenzeichen sorgt.

Die pseudo-lyrische Ausschmückung des tragischen Militärfalles mit allerlei rhetorischem Firlefanz, wellenplapperndem Animismus, Stabgereimtem, Geisterschiffen, fantastischen Visionen, surrealen Nachtflügen und manieristisch verzwirbelten Arabesken tut dem Text nicht gut. Auch wenn all das märchenhaft Schillernde noch einmal den zauberhaften Reichtum des wild wuchernden Lebens feiern soll, das hier einer verknöcherten Prinzipientreue geopfert wird, liest sich Vieles des vermeintlich Poetischen zu onkelhaft. Passagenweise gerät der Roman zu alberner Spökenkiekerei, in der sich Missfeldt als sensibles Träumerle geriert. Viele Dialoge versprühen nur noch Niedlichkeit. Manche Repliken klingen nach den naiven Naseweisheiten des Urahnen aller Militärphilosophen mit leichtem Marschgepäck, dem kleinen Prinzen: „ - Gehen jetzt alle vom Krieg nach Hause? – Ja, nur die Eisvögel bleiben hier. Die sind schon zu Hause. – Aber die sterben auch. – Jeder muß mal sterben. Du auch.“

Durch Missfeldts unbedingten Willen zur literarischen Überhöhung seines gewissenhaft recherchierten Aktenmaterials tänzelt sein Text an vielen Stellen allzu putzig und kalauerverliebt voran: „Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist das Kriegsgericht.“ Seit seinem Fliegerroman „Gespiegelter Himmel“ gilt Missfeldt als einer der stilistisch interessanteren deutschsprachigen Autoren. Doch gerade in der Verwandlung des authentischen Materials zur forcierten Stilübung mißlingt dieser Text. Im Bemühen, seinem Ruf als origineller Stilist treu zu bleiben, vergreift sich der Autor im Ton. Von den kühlen dokumentarischen Techniken eines Walter Kempowski hätte er lernen können, daß die souverän ausgebreitete Aktenlage genügend literarische Kraft birgt und keiner effektheischender, eisvogelbunter Ausschmückungen bedarf.

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Jochen Missfeldt: Steilküste. Roman
Rowohlt Verlag, Reinbek 2005
283 Seiten, 19,90 Euro

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