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William Boyd: "Eines Menschen Herz" (SZ)

Der gelüftete Panamahut

William Boyds altmodischer Roman über die Moderne: "Eines Menschen Herz" (SZ, 09.08.05)

Allein schon dieser Titel! Eines Menschen Herz. Der Mensch hat kein Herz. Jedenfalls nicht diese Wellness-Kammer, die sich seit fünfhundert Jahren auf Schmerz reimt. Wenn der Mensch Glück hat, knarrt in seinem Kopf ein interessantes Kaleidoskop. Und kaleidoskopisch ist sein Ich. Und die Moderne hat uns gelehrt, daß dieses Ich ein Anderer ist. Deswegen fordern wir kaleidoskopische Romane mit einer changierenden, sich ständig in Frage stellenden, sich Absatz um Absatz neu erfindenden Sprache, die es sich niemals behäbig im schnurrenden Märchenton unserer Urgroßväter bequem macht. Wir fordern Romane, die wissen, woher sie kommen, und was sie der Tradition hinzuzufügen haben. Deswegen haben wir zum ersten Mal in unserem Leben an die Zurechnungsfähigkeit der akademischen Perückenträger geglaubt, als Elfriede Jelinek den Nobelpreis bekam und Brigitte Kronauer den Bremer Literaturpreis. Es war, als würden endlich einmal alle aufwachen.

Und dann kommt wieder einer von diesen gestriegelten Engländern und wirft noch einmal die ganz große Illusionsmaschinerie an. Holt Onkel Dickens’ Schreibpult aus der Rumpelkammer, füllt Tusche in Tante Mansfields Füllfederhalter, bügelt Opa Thackerays Löschpapier glatt, nippt am handwarmen Sherry, schaut noch einmal über sein whiskeyfarbenes Clubmobiliar und hebt an zu schreiben. Fünfhundert Seiten süffig fabulierte Tagebücher des fiktiven Autors Logan Mountstuart. Das Panorama eines ganzen Jahrhunderts im Trompe l’Oeil-Verfahren. Keine Ironie, kein Verfremdungseffekt, kein Formenlaboratorium, keine Zersplitterung der Perspektive, keine postmoderne Demontage des Genres.

Dieser Roman des 1952 geborenen englischen Autors ist nicht einmal postmodern, sondern ganz klar prämodern. Und das Verwirrendste: Er ist ganz und gar phantastisch. Dieser Roman hat keinen anderen Anspruch, als einen Menschen aus Fleisch und Blut zu erschaffen und uns das Breitwandspektakel des Lebens vorzuführen. Ganz klassisch. Und diesen Anspruch löst Boyd meisterhaft ein. Virtuos spielt er auf der Klaviatur des Tagebuchs. Die Illusion ist perfekt. Nach fünfzig Seiten haben wir alle Kaleidoskope vergessen und uns mitten im Herzen des sympathischen, großartigen und intelligenten Logan Mountstuart eingerichtet. Boyd präsentiert eine hochinteressanten Charaktermischung: Mountstuart ist Gentleman, Lebemann und zweitrangiger Schriftsteller. Der Leser begleitet ihn von seiner Jugend bis zu seinem Tod und beerdigt ihn mit Wehmut.

Was ein Leben! Jugend in Uruguay, College-Jahre in Cambridge, Schriftsteller-Bohème in den Londoner Clubs und Salons der Zwanzigerjahre, Virginia Woolf ist unausstehlich, Evelyn Waugh versucht, Logan zu küssen, aber weiter, keine Zeit für Evelyn, andere Liebschaften rufen, die Frauen sind ja auch zu schön, der Martini ist zu köstlich, doch da ruft schon Ihre Majestät, Logan wird Spion, spielt Golf mit dem Herzog von Wales, aber dieser Herzog ist eine Natter, er zieht Mountstuart in eine gräßliche Intrige, egal, Martini, Spanischer Bürgerkrieg, Logan bringt Ian Fleming zum Schreiben, Hemingway klopft ihm auf die Schulter, James Joyce stiehlt ihm ein Bon Mot, ein spanischer Anarchist überreicht ihm Gemälde von Mirò, die praktischerweise niemandem gehören, Logan wird reich, er wird Kunsthändler, Paris ist ein Fest, New York eine Orgie, flirrend brechen sich die Sonnenstrahlen im morgendlichen Dampf, der träge aus den Gullydeckeln steigt, aber es hilft nicht, das Leben, der alte Lump, geht weiter, Logan muß die Kunst des stilvollen Verarmens erlernen, er verfeinert seine Hundefuttermahlzeiten mit Curry und gerät in das konspirative Umfeld der Roten Armee Fraktion.

Ja, Mountstuart und die RAF! Mehr davon, bitte weiter, zum Glück sind es fünfhundert engbedruckte, großformatige Seiten, wir wollen immer mehr, wir sind süchtig, wir wollen plötzlich gar keine kaleidoskopischen Jelineks mehr, wir wollen nur noch diesen geschmeidigen James Bond mit dem ästhetischen Sensorium eines Marcel Proust, wir wollen diese perfekte englische Klassik, die eine gepflegte Partie Bridge mit dem modernen Abenteuerroman spielt. Und plötzlich erschrecken wir fürchterlich und denken an das grausame Diktum, daß Avantgarde den Autoren mehr Spaß als den Lesern macht.

Es ist erstaunlich, mit welcher Suggestivkraft Boyd dieses an Handlung und Empfindungen so reiche Leben inszeniert. Listigerweise läßt er seinen so unzeitgemäßen Helden in New York und Paris mit zeitgenössischer Kunst handeln. Dabei defiliert noch einmal das ganze Personal der Moderne durch das Tagebuch. Rauschenbach, de Kooning und Rothko wirken in diesem altmodischen Text in etwa so, als fläzte sich ein absinthberauschter Rimbaud in Spitzwegs uriger Dichterklause unterm Regenschirm. Vielleicht ist gerade das die subversive Dialektik dieses erstaunlichen Textes, vielleicht liegt sein provokativer Reiz gerade darin, daß er mit ganz klassischen Mitteln die zersplitterte, mit sich selbst ringende Moderne porträtiert.

En passant zeichnet Boyd dabei mit knappen Strichen prägnante Charakterporträts. Seine locker dahingeworfenen psychologischen Beobachtungen wären eines französischen Moralisten würdig: „Seltsam, diese sinnlichen Fingerabdrücke, die an einem haftenbleiben und erst viel später zutage treten. Wie Geheimtinte, die nur über einer Glühbirne oder Kerzenflamme lesbar ist. Was genau an Katrin war es, was sich in mein Sexualarchiv eingeschlichen hatte.“

Auf zwanzig Seiten wirft er beiläufig einen kleinen Kriminalroman aufs Blatt, danach zeichnet er in kühlen Farben ein kurze existentialistische Allegorie, und der Leser genießt die Vielseitigkeit und den Einfallsreichtum des Autors in vollen Zügen. Dieser Roman der großen Gefühle ist ohne jeden Schwulst. Die sinnlichen Notizen von Boyds erotomanem Lebemann machen dem Untertitel „Die intimen Tagebücher des Logan Mountstuart“ alle Ehre. Souverän ordnet der Autor die Chronologie von 85 Lebensjahren und setzt gekonnt die dramaturgische Kraft von Ellipsen ein. Ein mehrjähriges Schweigen des Tagebuchschreibers unterstreicht effektvoll sein seelisches Leid, während erhöhte Produktivität von glücklichen Zeiten zeugt. Boyd ist ein ausgezeichneter Manager seiner erzählten Zeit. Und der seiner Leser: Langeweile wird rigoros wegrationalisiert.

Mit ruhiger Eleganz schildert Boyd seine wilde Jagd über die Achterbahn des letzten Jahrhunderts. Er ist ein großartiger Stilist. Aber er ist nicht der eitle Pfau, der preziös changierende Räder schlägt. Hier drängt sich kein Satz in den Vordergrund, aber es bleibt auch keiner zurück. Neben dem perfekt ausbalancierten, nüchternen Chronistensatz stendhalscher Prägung beherrscht Boyd auch das zündende lyrische Bild: „(Ich sah) eine riesige Schar von Staren, die – wie ein Schwarm kleiner Fische – hin und her schossen, eine kollektive Masse, die sich ständig wandelte und verformte, als würden die vielen Vogelhirne von einer einzigen Macht gesteuert.“ Dieser präzise, prägnante, niemals profilneurotisch herumkaspernde Stil paßt Mountstuart so perfekt wie seine maßgeschneiderten englischen Anzüge.

Bei der Lektüre von Nabokovs „Ada“ macht sich der altersweise Schriftsteller folgende Notizen: „Diese gekünstelte Opulenz, das Ornament um des Ornaments willen, führt schnell zur Ermüdung, und man sehnt sich nach einem einfachen, eleganten, fließenden Satz.“ Mit der Kritik an Nabokov hat sich Boyd geschickt einen Virtuosen vorgenommen, der am genau entgegengesetzten Pol stilistischer Brillanz siedelt. Erstaunlicherweise sind sich Mountstuart und Nabokovs Van Veen in ihrer dandyesken Sensibilität recht nahe. Beide gehen sie als Jäger der glücklichen Erinnerung durch ein bewegtes Leben. Nur notieren sie ihre erbeuteten Glücksmomente auf unterschiedliche Weise. Dabei sind beide höchst zuverlässige Fachkräfte für Leseglück.

Boyds unmoderner Roman über die Moderne hat ein klares ästhetisches Vorbild. Früh begeistert sich der Lebemann Logan Mountstuart für die französischen Schriftsteller Valery Larbaud und Léon-Paul Fargue, den artistischsten Flaneur Frankreichs. Über diesen Dichterkreis verfaßt er ein Buch mit dem Titel „Die Kosmopoliten“. Seine Überlegungen zu ihrer Ästhetik lesen sich wie die Poetik von Boyds Roman. Während Expressionisten und Futuristen in gehetztem Stakkato die Maschinen feierten und die Sprache ins Walzwerk der Moderne schoben, setzten sich die Kosmopoliten ihren Panama-Hut auf, quartierten sich in der ersten Klasse der Luxusdampfer ein, unterlegten den tropischen Sonnenuntergang mit dem leisen Klirren der Eiswürfel in ihren Drinks und bewunderten in ruhig atmenden Satzperioden das Weben der Sonnenreflexe im Pool. Logan Mountstuart ist einer dieser hochbegabten Flaneure, die immer auf der Suche nach dem mot juste für den moment juste sind.

Natürlich kennt Boyd den Einwand, den man gegen den Rückgriff auf eine über hundert Jahre alte Ästhetik haben kann. Vorsichtshalber trägt er ihn auf Französisch vor: „‚Les Cosmopolites sont ...’ Lange Pause. ‚... un peu vieux jeu’, sagte er mit verständnisheischendem Schulterzucken.“ Schon recht: Wie altbacken ist doch dieser kosmopolitische Roman. Und wie wunderbar.

Sollten sich nun tatsächlich demnächst die säuerlich hängenden Gesichtszüge der Reaktion über den Bundesadler legen, dann haben wir noch einen allerletzten Wunsch vor dem Gang ins innere Exil: Orientierungslose Konservative dieses Landes, lest den herrlich altbackenen Boyd und nicht mehr Eure vulgären Anleitungen zum stilvollen Verarmen. Eine Reaktion mit so viel Stil und Eleganz, wie sie Boyds großartigem Roman innewohnen, wollen wir dann gerne mit einem kühlen Martini in der Hand erdulden.

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William Boyd: Eines Menschen Herz. Roman
Aus dem Englischen von Chris Hirte
Carl Hanser Verlag, München Wien 2005
512 Seiten, 24,50 Euro

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