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Hans-Ulrich Treichel: "Menschenflug" (SZ)

König Zufall und seine Staatsstreiche

Hans-Ulrich Treichel verwässert ein Flüchtlingsdrama: "Menschenflug" (SZ, 19.08.05)

Stephan ist knapp über fünfzig, Akademischer Rat und in der Midlife Crisis – großer epischer Stoff. Sein Herz stolpert und damit auch sein Leben. Er nimmt ein Sabbatical von seiner Familie, der intelligenten Psychotherapeutin Helen und ihren zwei hübschen, kühlen Töchtern aus erster Ehe. So gerne hätte Stephan einen Satz eigener Töchter, aber in seinem Leben sind selbst die Kinder aus zweiter Hand. In seiner einsiedlerischen Selbstfindungsklause über den Dächern von Berlin Steglitz besinnt sich der leidenschaftslose Mann aus dem akademischen Mittelbau auf das Ursprüngliche zurück: Woher komme, wohin gehe ich?

Die Antwort auf die letzte Frage liegt in unmittelbarer Sichtweite: Da Stephan in das Alter kommt, in dem sein Vater an einem Herzinfarkt starb, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, daß er schon bald die Kardiologie des Benjamin Franklin-Klinikums von innen kennenlernen wird. Schon jetzt kreist der Rettungshubschrauber wie ein knatternd Menetekel über seine Jogging-Strecke am Teltow-Kanal, die ihn vorbeiführt an ein Denkmal für Otto Lilienthal, dem Erfinder des Menschenflugs. Ach könnte man doch nur abheben, heiter durch die Lüfte gleiten, in himmlischer Leichtigkeit! Aber meist reicht es ja doch nur wieder zu einem Flug mit dem Rettungshubschrauber auf Krankenkassenkosten.

Die Antwort auf die Frage nach seiner Herkunft zwingt unseren Akademischen Rat zur Beschäftigung mit einem lange verdrängten Familientrauma. Stephans Eltern waren Wolhyniendeutsche. Bei ihrer Flucht aus der heutigen Ukraine haben sie ihren ältesten Sohn auf einem Wagen des Flüchtlingstrecks zurückgelassen, als sie vor russischen Truppen in den polnischen Wald flüchteten. Dieser verlorene Sohn war die traumatische Leerstelle, um die herum Stephans Familie organisiert war. Die fünfköpfige Familie wurde vor allem durch einen Schuldkomplex zusammengehalten. Darüber hat Stephan einen Roman geschrieben. Genau wie Hans-Ulrich Treichel, der in seinem Roman „Der Verlorene“ eben dieses Thema behandelt hat.

Nun hat Treichel das Sequel zu seinem 1998 erschienenen Porträt der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft geschrieben. Sein akademischer Rat tastet sich linkisch an den verlorenen älteren Bruder heran. Lieblos, ohne wirkliches Engagement, weil gerade sowieso nichts anderes zu tun ist in seiner Steglitzer Selbstfindungsklause, macht er sich auf die Suche nach Findelkind 2307. An dieser Halbherzigkeit krankt nun auch Treichels Roman, der lustlos zwischen Vertriebenendrama und Midlife-Crisis-Klamauk schwankt. In drei stilistisch farblos dahererzählten Teilen mischt Treichel deutsche Vergangenheitsbewältigung (geht immer) mit den menschlichen, allzu menschlichen Betrachtungen eines Mannes von fünfzig Jahren. Zwischendurch gibt es eine Runde Sex in Ägypten mit dekorativ vor sich hinbröselnden Pyramiden und aufreizend durch den Pool kraulenden Damen aus dem akademischen Oberbau.

Sowieso, Ägypten! Ein Drittel dieses Vertriebenen-Romans spielt nicht etwa am Dnjepr, sondern am Nildelta, was Treichel Gelegenheit gibt, eine Grabkammer voller lebloser Reiseeindrücke in seinem Text abzuladen. Sechzig Seiten TUI-Prosa in einem Flüchtlingsdrama. Und das Kamel und die Feluke und der Bettelbub. Natürlich soll das irgendwie Stephans Flucht vor der eigenen bedrohlichen Vergangenheit in die unverfängliche Menschheitsvergangenheit zeigen. Aber diese unmotivierte Urlaubsprosa zeigt nicht viel mehr als die seitenschinderische Flucht des Romanciers vor seinem eigentlichen Thema. So bekommt das Genre Flüchtlingsdrama eine ganz neue Bedeutung.

Stephans hervorstechendste Eigenschaft ist seine Unkündbarkeit. Er ist rundum abgesichert, nichts kann ihn wirklich berühren. Seine Nachforschungen stellt er eher aus Langweile als aus einer obsessiven Notwendigkeit heraus an. Nur die Panik vor einem drohenden Herzinfarkt vermag diesem vollimprägnierten Charakter noch zwei, drei Extrasystolen zu entlocken. Nun ist ein solch Unkündbarer, der dem Leben selbst schon gekündigt hat, nicht per se eine uninteressante Figur. Im Gegenteil. Doch Treichel beschreibt das Schicksal seines desillusionierten Mittelbau-Menschen leider in einer blassen und zu scherzhaftem Geplänkel neigenden Sprache, die in ihren besten Momenten allenfalls Leitartikel-Niveau erreicht. Seite um Seite unterfordert der Autor seine Leser mit all den vermeintlich heiteren, aber leider nur faden psychischen und physischen Midlife-Crisis-Zipperlein eines Übersättigten. So interessiert es auch nicht mehr, daß Stephan auf der letzten Seite zu seinem definitiv letzten Menschenflug abhebt. Der Leser hat diesem Unkündbaren schon lange gekündigt.

Treichel ist bemüht, seine Belanglosigkeiten durch forcierte dramaturgische Konstruktionen einigermaßen zusammenzuhalten und ihnen durch gezwungene motivische Verklammerung einen pseudo-literarischen Anstrich zu geben. So gerät Stephan am Ende seiner Suche zufällig in ein Wolhyniertreffen in Uelzen. Wie das? Weil Uelzen gleich neben Celle ist, wo Stephan das Findelkind 2307 ausfindig gemacht hat, und der dortige Hunderwasserbahnhof den Helden an die wolhynischen Erdhütten erinnert. Man kommt aus dem Schmunzeln über so viel heiter-luftige Ironie nicht mehr heraus. Ach könnte der „Menschenflug“ doch nur fliegen! All die wenig überraschenden Überraschungen und mal großen, mal kleinen Staatsstreiche von König Zufall lassen diesen vermeintlich heiteren Roman endgültig in pure Albernheit umkippen.

Das Porträt von Stephans Gefühlswelt beschränkt sich auf stereotype Vulgärpsychologie. Der Mann hat ein Mutterproblem, so viel steht fest: „Vielleicht hatte sie ihn ein wenig zu fest in die Arme geschlossen. Zumindest manchmal. Dann aber so fest, daß er keine Luft mehr bekam.“ Die Mutter wollte nämlich den verlorenen Sohn aus dem verbliebenen herauspressen. So aber bekam Stephan Asthma und jenes fatale Herzdrücken, das ihn eines Tages noch in die kardiologische Notaufnahme bringen wird. Das Psycho-Consulting-Team der Lindenstraße schmiedet plausiblere Neurosen. Bei Treichel wird Familientherapie zur Herzvorsorge. Lustig ist das Therapeutenleben. Als Stephan nach überwundenem Familientrauma schließlich mit seiner psychotherapierenden Gattin zum Knutschen auf die Freudianische Couch klettert, wohnt der kopfschüttelnde Leser der Geburt eines neuen Genres bei: das tiefenpsychologische Vertriebenen-Vaudeville.

Stephans halbherzige Nachforschungen nach seinem älteren Bruder vermögen seinem blassen Charakter keine Tiefe zu geben. Treichel hat mit der kardiologisch bedingten Lebenskrise und dem Midlife Crisis-Geplänkel seines Anti-Helden ein durchaus tragfähiges Flüchtlingsdrama verwässert, was allerdings nicht weiter tragisch ist, denn schließlich hat er es schon in dem „Verlorenen“ erschöpfend abgehandelt. Das Thema hat seine Dringlichkeit verloren. Man kann sich des Verdachtes nicht erwehren, Treichel habe mit diesem Sequel nur auf die sichere Bank setzen und noch einmal an den Erfolg seines „Verlorenen“ anknüpfen wollen. Stephans Überlegungen zu seinem Roman legen eine solche Vermutung nahe: „Das Buch hatte seine Leser gefunden, es war in mehrere Sprachen übersetzt und sogar zum Prüfungsstoff für die Sprachexamina der Goethe-Institute ausgewählt worden.“ Hans-Ulrich Treichel ist sogar zum Professor für das Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig ausgewählt worden. So geht das in diesem Land, wenn man als Autor vor allem Arbeitsmaterial für den vergangenheitsbewältigenden Deutschunterricht produziert.

Treichels neuer Roman ist exakt die Art von Text, die man aus dem akademischen Oberbau eines Literaturinstituts erwartet: Ohne jede Dringlichkeit, satt, abgesichert, voller akademischer Formalismen und hanebüchener dramaturgischer Kniffe, lächerlich überkonstruiert – irgendwie unkündbar.

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Hans-Ulrich Treichel: Menschenflug. Roman
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2005
234 S., 17,80 Euro

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