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Portrait: Roberto Saviano (stern)

Allein gegen die Mafia

Blick über Neapel auf Vesuv (Foto: Maus)

Seitdem Roberto Saviano mit seinem Doku-Roman "Gomorrha" die Machenschaften der neapolitanischen Mafia, der Camorra, einem breiten Publikum bekannt gemacht hat, ist sein Leben in Gefahr. Nach mehreren Todesdrohungen steht er unter Polizeischutz.

Mein Gespräch mit dem untergetauchten Schriftsteller fand in Neapel statt. Die Vorbereitungen zu dem Treffen waren so konspirativ, dass ich immer paranoider wurde. Nach der Lektüre des Romans und der Dokumentation denkt man, die Camorra würde einem bei Aldi auflauern, nur um das Interview mit ihrem größten Feind zu verhindern.

Am Flughafen von Neapel scheint mir dann jeder Taxifahrer ein gedungener Camorra-Killer zu sein. Einmal auf der Autobahn Richtung Innenstadt, warte ich nur darauf, daß mein Fahrer eine Ausfahrt ins Niemandsland nimmt, wo ich dann zwischen Bauschutt im Staub niederknien muss. In meinem Kopf laufen Szenen ab wie aus Matteo Garrones ausgezeichneter Verfilmung von Savianos Buch.

Ich bin mit Saviano in einem alten Palazzo verabredet, der zurückgezogen hinter der ersten Häuserreihe einer engen Gasse in der Altstadt liegt. Innenhof, Pflanzen, Ruhe. Neben dem düsteren Durchgang zu dem Palazzo befindet sich ein Café.

Während ich in der Gasse auf Savianos Ankunft warte, laden drei muskulöse Jungs Vorräte aus einem kleinen Renault in die Vorratskammer des Cafés, von der aus eine Hintertür in den Innenhof des Palazzos geht. Warum laden diese Burschen den Wagen bloß so langsam aus? Die laden doch gar nicht aus. Die lungern da doch nur rum. Mustern hinter dunklen Sonnenbrillen die Straße. Scheinen auch zu warten. Was ist wirklich in dem Kofferraum?

Mit zwanzig minütiger Verspätung biegt endlich langsam ein silberner Jaguar um die Ecke. Verspiegelte Scheiben. Dann ein zweiter. Dasselbe Modell. Niemand soll wissen, in welchem Saviano sitzt. Tief hängen die zwei gepanzerten Wagen in ihrer Federung. Die Türen öffnen sich. Spätestens in diesem Moment schaltet mein Gehirn auf Zeitlupen-Wahrnehmung um. Geschmeidig steigen drei Bodyguards aus. Auf der engen Gasse stehen sich die drei Café-Jungs und die drei Spezial-Carabinieris gegenüber. Schließlich steigt Saviano aus, klein, schmächtig, verletzlich.

Plötzlich sehe ich aus den Augenwinkeln, wie einer der drei muskulösen Café-Burschen seinen Arm in die Höhe reißt. Ich drehe mich panisch um und sehe, wie er seinen Daumen hochreckt. Mit anerkennendem Nicken ruft er Saviano zu: "Grandissimo Roberto! Grandissimo!" Saviano lächelt höflich, sagt ein klares, entschiedenes "Gracie" und verschwindet mit seinen Leibwächtern im Palazzo. Ich folge dem Tross, ohne dass mir irgend jemand auch nur einen Blick schenkt.

Mein Porträt des untergetauchten Schriftstellers erschien im "stern" (Heft 39/2008) und findet sich auch unter folgender Internetadresse:

Robtero Saviano: Allein gegen die Mafia (stern)

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