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Nachdenken über das Buch (junge Welt)

Ein fahriger Herr mit gichtigen Händen gestikulierte vor kurzem bedeutsam im Schutze eines Unterstandes und sagte am Rande des Regens: Bücher sind mir zu sperrig!

Diese Ansicht hätte wohl auch jene junge Frau geteilt, die an einem ereignislosen Mittwoch im flauschigen Teppich ihres Wohnzimmers kniete und mit einer verführerisch runden Bewegung ihres rechten Armes die Ansicht unterstrich, Bücher seien ihr einfach zu eckig.

An all dem ist einiges dran, vorausgesetzt, man ergänzt diese abrupten Annäherungen an das Buch mit der Erwähnung seiner Biegsamkeit.
Sperrig und eckig, aber biegsam. Damit wäre schon viel gesagt über das Buch.
Bedingt artverwandt mit den vorangehenden Ausführungen scheint mir das wütende Schnauben eines Aufsichtsratsmitgliedes aus der Thermopanefenster-Branche zu sein. Dieser schnaubte wie eben erwähnt sehr wütend, als er sich wortreich in meiner Anwesenheit daran erinnerte, wie er einmal in einer scharfen Kurve seiner Existenz, auf einer mühselig ansteigenden Strecke seines Lebens, in einer buschigen und struppigen Gegend, deren Auswüchse in den von ihm gewählten Weg wucherten, bei einem schwierigen Überholmanöver versucht habe, die Über-, Weit- & Klarsicht zu bewahren. Aber ein Buch habe ihm damals den Blick versperrt. Er schnaubte abschließend in einer erschreckend verächtlichen Tonlage und knurrte: Bücher sind mir zu undurchsichtig!

Als ich ihn fragte, ob er denn schon den Butt von Günther Grass gelesen habe, sagte er nur: Papperlapapp!

Hier möchte ich nun eine Anekdote einstreuen: Im Anschluß an meine Recherchen, deren Ergebnisse ich einigen von Ihnen schon vorgetragen habe, und die ich demnächst auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen werde, kam ich an einen Ort, dessen Boden mit Büchern übersät war. Die leisen Krümmungen und zarten Erhebungen dieser Ebene, die sich nach umfangreicher Kartographierung als die Tiefebene von Ulm herausstellen sollte, waren wie geschuppt von den herumliegenden Büchern. Erst in dieser weitläufigen Bodensenke habe ich die Bücher wirklich kennengelernt. Somit muß von dem, was bald in den Protokollen meiner Recherchen zu lesen sein wird, all das mit Vorbehalten betrachtet werden, was von Büchern handelt.

Ich stieß zum Beispiel in einer Furche dieser Bücherlandschaft auf einen Band, dessen Inhalt erstaunlich gut war. Noch nie zuvor hatte ich einen so guten Inhalt gesehen. Hinter einem Busch las ich ein Nachwort, das mir eine bis dahin ungekannte Menge Trost versprach. Verflochten in einem Wildwuchs von Wurzelwerk klemmte eher eine lose Blättersammlung als ein Buch, deren Autor offensichtlich einen ungewöhnlichen Wert auf die Form seines Konvolutes gelegt hatte. Das war eine sehr neue Erfahrung für mich. Wer ernsthaft beschließt, sich in die Geheimnisse der Sensualität und der Erotik eines Frauenkörpers zu vertiefen, wer die aufreizenden Wirkungen der Verdünnung der Frau in ihrer Taillengegend wirklich durchdringen möchte, der muß zu einem Buch greifen, wie ich es im Ulmer Umland in den Ausgang eines Fuchsbaus gepfropft fand. Auf´s höchste erregt zog ich es aus dem Hohlraum, und seitdem reißt der Fuchs wieder Hühner.

Am Ufer eines silbrig glänzenden Baches lernte ich ein Rezept für Ingwerplätzchen auswendig. Und jedesmal, wenn ich seither von solchen Plätzchen abbeiße, ist mir, als durchströmte mich ein feines Rinnsal von zähflüssigem Silber. Viele Bücher waren auf diesem Plateau ineinander verkantet und hatten ihre aufgefächerten Seiten auf eine Weise ineinander verschoben, für die mir auch heute noch kein Begriff einfallen will, die mir aber auch in dem jetzigen Augenblick noch eine wortlose Vorstellung von dem dichten Geflecht unserer Kultur gibt.

Insgesamt gaben sich die Bücher unter einem freundlichen Herbsthimmel erstaunlich zwanglos und traten überhaupt nicht mit der ihnen sonst nachgesagten Steifheit auf. Wie sie sich an die Oberfläche der Landschaft schmiegten, hätte man auch nicht mit Recht von einer Sperrigkeit ihrerseits reden können. An den Ufern der Gewässer machten sie fast sogar schon einen rundlichen, nun, sagen wir einen abgerundeten Eindruck.

Seit ich die Bücher in dieser natürlichen Umgebung kennengelernt habe, gefällt mir heute um so mehr ihr kindlicher Trotz im Fernsehen. Schauen Sie nur einmal genau hin, wenn in einem Film oder einer Show, einem Stadl oder Talk, einem Furz-Live oder einer Bumsparade, einem Late-Weitgewichse oder einer Early-in-the-Morning-Fellatio, einem Frühstücks-Fistfuck, einem Rotzgebrodel, Schleimgeköchel oder Kotzgeröchel, einem Aktuell-Gepfeife oder einem Gibbelmagazin, einem Kollektiv-Gerubbel, einem interaktiven Newsdödel, einem Orchester-Krawumms, einem Pimmel-Gekungel oder einem Fäkaldebakel - ja, schauen Sie einmal genau hin, wenn am Rande oder meinetwegen auch in der Mitte, im gurgelnden Zentrum dieses Gerülpses ein Buch auftaucht.

Ein bißchen arrogant und bildungsbürgerlich, etwas zu kulturkritisch weltabgewandt, unser Buch. Fast bieder schon. Wie ein altkluges Kind, das nie in der Nase popelt, liegt es da. Eckig, sperrig, undurchsichtig. Ein Mahnmal aus einer anderen Zeit, ein von fremden Riten abgegriffener Menhir, ein Mondgestein aus unbekannten Substanzen. Vielleicht ist es ja dann doch nur wieder einer von diesen elenden Stinkeschinken mit billigen Gedichten voller Mondgestein, Mahnmalen und Menhiren. Aber egal. Was für eine Würde und Contenance um dieses alte, aufgesaugte Medium inmitten des neuen saugenden und zutzelnden, blasenden und nuckelnden.

Sperrig, undurchsichtig, eckig: Stimmt alles. Aber biegsam und leise.

Stundenlang liegt das Buch auf einem Tisch, sagt keinen Mucks, nuckelt lautlos an seiner Fadenheftung und läßt uns in Ruhe Fernsehen gucken. Versuchen sie mal mit einem grölenden Fernseher auf dem Tisch an Thomas Manns Fadenheftung zu nuckeln.

Wie starr und kompakt die Kiste. Wie biegsam und luftig-zerblätternd das Buch.

Gibt es eine Alternative zum Buch?

Auf die Langsamkeit des Buches abhebend und an seine Trägheit denkend, sehen immer mehr kritische Beobachter der aktuellen Situation in dem flinken und reaktionsschnellen „Computer“ einen ernsthaften Konkurrenten für das Buch. Ihre Argumentation wird gestützt von einer logischen Arabeske, deren Ursprung wohl in Mainz zu suchen ist, wo man in einem lichten Moment eine fade Abendkonversation mit folgendem sophistischen Schluckauf ausschmückte:

„Außerdem kann man mit dem Computer Bücher machen. Umgekehrtes ist nicht möglich.“

Als die Mainzer These nun nach Ulm kam, nickte man dort kurz, stieg dann auf das dortige Münster, warf einen langen Blick in die Ulmer Tiefebene und verkündete endlich, daß man dafür Bücher essen könne. Behauptete zumindest das Buch der Bücher, das es eigentlich wissen müsse. Und ohne mit der Wimper zu zucken zitierte man auf dem Münster quellengetreu:

„Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iß, was du vor dir hast! Iß diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel.“ (Hesekiel 3.1)

Es gehe hier nachweislich um unseren HErrGOtt höchst selbst, der den Propheten anhalte, zu essen, was auf den Tisch kommt. Und bis auf die leckeren, aber schwer verdaulichen Intel-Chips inside habe Adonai Gates nichts zu knabbern anzubieten. Zumindest nicht in Ulm, wußten die Ulmer und knirschten mit den Zähnen.

Die gutmütigen Münsteraner sahen das Verhältnis zwischen Computer und Buch aus einem wesentlich versöhnlicheren Blickwinkel. So wiesen sie darauf hin, daß man zur fachgerechten und präzisen Bedienung der beiden Medien bei großer Kälte am besten Handschuhe ohne Fingerkuppen tragen sollte.

Die Münsteraner Bibliophilen hatten vielmehr Angst, daß sowohl die Ulmer als auch die Mainzer bald den substantiellen Makel des Buches entdecken würden. Was nicht lange dauern könne, da die Quintessenz aller Bücher schon beim einfachen Durchblättern deutlich werde. In Münster pfiffen es schon alle Pfaffen vom Ulm:

Das Ruchlose am Buch ist seine Geruchlosigkeit!

Nur bei absoluter Windstille, wenn für einen Moment das Weben der Luftzüge im Lesekabinett innehalte, steige aus den Seiten eine Ahnung von Leim.

Und damit sei eigentlich auch schon alles gesagt über das Buch.

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