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Eine schwarze Ruhrgebietserzählung (SZ)

Schlafgänger

Aus der SZ-Literaturreihe „Deutsche Landschaften“ (SZ, 04.01.03)

Am 16. Juli 1799 um neun Uhr morgens ging der preußische Bergbaubeamte Alexander von Humboldt in Cumana im heutigen Venezuela an Land, um den Flußlauf des Orinoko zu erkunden. Am 13. Juni 2002 um neun Uhr morgens machten wir uns auf, den Pleßbach zu erkunden, der die nördlichen Ausläufer des Bergischen Landes mit dem südlichen Ruhrgebiet verbindet. Es ist ein kleiner Bach, nirgendwo breiter als eine Schrittlänge, leicht zu durchwaten. Julia hatte Recht gehabt: Es war einfach gewesen, Ecki von der Expedition zu überzeugen. Jeder kannte ein Stück Pleßbach, aber niemand konnte seinen genauen Verlauf oder gar seine Quelle benennen. Und Ecki wollte immer alles genau wissen. Sollte er.

Anthrazithaltiger Schotter trommelte in den Radkästen, als wir auf dem Parkplatz der Burg Blankenstein hielten. „Erst mal Überblick verschaffen“, sagte Ecki. Der viereckige Wehrturm aus Sandsteinquadern ragte aus den südlichen Ruhrhöhen. „Raubritterburg“, sagte Ecki. „Mord und Totschlag“, antwortete ich. „Hellebarde, Morgenstern und Kettenhemd“, rasselte Julia. Vom obersten Wehrgang sah man schon von Weitem Surfgeschwader mit feindlichen Wappen auf ihren Segeln über das Freizeitgebiet des mittleren Ruhrtals nahen. Wo früher Kohlenachen, die Ruhraaken, getreidelt wurden, drehte sich heute das Schaufelrad der Tretboote und förderte nichts als Fun zutage.

Panorama macht geschwätzig. Ecki umfaßte Julias Taille und zeigte nach Norden, über den Stiepeler Berg Richtung Bochum: „Dahinten: Megapole ohne Ende. Alter Hellweg: Handelspfad von Duisburg bis Dortmund und weiter, alles ein Quark. Laboratorium für Stauforscher. Volkreiche Städte, Mittelpunkt der Kultur, des Elends und der Sittenverderbnis. Zusammen die größte Stadt Deutschlands. Nach dem Strukturwechsel hat sich die urgeschichtliche Sumpfmoorlandschaft in ein subventioniertes Spaßbad gewandelt: Tauchabenteuer im gefluteten Gasometer, New Economy-Scheiß in alten Zechen.“ „Beruhig dich. Sieht man nichts von. Alles grün hier. Märklin-Landschaft“, sagte Julia und drehte sich aus Eckis Griff. „Genau. Da unten verläuft die Trasse der ehemaligen Ruhrtalbahn. Heute Museumszug. Direkt neben eurem famosen Pleßbach. Der mündet hier in die Ruhr. Wir gehen erst mal die Schienen entlang. Dann sehen wir schon, wo der Bach lang fließt.“ Neben einem gerade erblindeten Fernrohr erklärte ein Vater seinem Sohn die Landschaft. „Und wo is´ dat blöde Opel-Werk?“ „Da hinterm Bärch.“ Vom Schieferdach eines mittelalterlichen Hauses im Blankensteiner Dorfkern erhob sich keckernd eine Elster und flog über die bewaldeten Ruhrhöhen. Für einen Moment dachte ich, ein kleines Stück Bergisches Fachwerk hätte sich aus dem Gebäude gelöst und schwebte nun über sattem Grün ruhraufwärts.

Wir gingen los. Ein steiler Weg führte von der Festung durch dichten Buchenwald hinab ins Tal. Ein frisch gezimmertes Tannenholzgeländer verströmte einen harzigen Geruch mit betäubender Wirkung. Eine Krähe krächzte, und es hörte sich an, als zöge sie das rostige Uhrwerk des noch jungen Tages auf. Ecki hatte das Kommando der Expedition übernommen und erzählte die Geschichte des Blankensteiner Burgherren, dessen Verwandter den Erzbischof Engelbert von Köln in einem Hohlweg im Bergischen Land erschlagen hatte. „Nicht allzu weit davon müßte auch die Quelle eures Pleßbachs sein. Friedrich von Isenberg von der Hattinger Isenburg hieß der Mörder. Haben ihn in Köln aufs Rad geflochten.“ Julia warf mir einen beunruhigten Blick zu. „Haben wir eigentlich den Kofferraum abgeschlossen?“

Am alten Bahnhof Blankenstein-Burg betraten wir die Gleise der Ruhrtalbahn und wanderten über einem verwucherten Bahndamm durch die sumpfigen Flußauen des Kemnader Felds. Neben uns der Pleßbach. Welche Bäume! Umgestürzte Weiden vermoderten im Erlenbruch. Aus dem Röhricht erhoben sich kaukasische Herkulesstauden und destillierten ihre giftige Sonnenmilch. Alles stand im Saft. Aus den alten Eisenbahnschwellen kochte die Morgenhitze ein narkotisierendes Holzschutzmittel, das uns in beißenden Schwaden in die Nase stieg: Karbolineum. Wir wanderten durch einen Sumpfmoorwald des Karbon-Zeitalters. Königsfarne vermoderten in den mäandernden Seitenarmen der Ruhr. Dieses Urstromtal zog sich von Polen bis zu den Appalachen. Kein Wunder, daß es so stickig war: Wir befanden uns südlich des heißen Erdgürtels. Mückenwolken begleiteten uns. Kontinentalverschiebung kam übermorgen. In den brackigen Äquinoktialwassern gärten abgestorbene Pflanzenteile. Es roch nach Torf. Unter dem miasmenschwirrenden Wasserspiegel wurden Farne, Baumstämme und Schachtelhalme unter Abschluß von Sauerstoff konserviert. Schicht um Schicht spülte die Ruhr Schlamm, Geröll und alte Surfanzüge über die langsam vertorfenden Pflanzenschichten, die sich in den nächsten 300 Millionen Jahren durch den Druck und die Erdwärme in Steinkohle verwandeln würden. In diesem Sumpf mußte ewiges Fieber herrschen. Die zitternde Wasseroberfläche spiegelte das Fragezeichen eines Graureihers.

Wie ein Echo aus uralten Zeiten erklang im Dickicht ein Tuten. „Scheiße, der Museumszug“, sagte Ecki, der auf einem Stück peruanischer Fieberrinde kaute. Wir sprangen vom Bahndamm in den Uferschlamm des Baches. Schnaufend zog die Dampflok vorbei, in deren Kesseln sich zischend die Transsubstantiation von Kohle zu Zuckerwatte vollzog. Kinder mit eisverschmierten Mündern winkten uns zu, und Ecki und Julia schauten hinter den Museumsfamilien her, als bedauerten sie für einen Moment, daß dieser Zug für sie endgültig abgefahren war. „Ich krieg nasse Füße“, sagte Julia, und wir kletterten den Damm hinauf und gingen schweigend bis zu einem Klärbecken. Der Pleßbach machte eine Biege nach Süden, entfernte sich von der Ruhr und führte uns in ein Tal, das sich tief in die Ruhrberge gegraben hatte. Unter einer Aral-Tankstelle verschwand der Flußlauf für einige Meter und schlängelte sich zwischen den unterirdischen Öltanks her. Hier befanden sich die energiehaltigen Mineralien noch im selben Aggregatzustand wie der Bach. Doch von nun an würde er an festen Energieträgern vorbeifließen: immer dichter lagerte die Kohle in den südlichen Ruhrhöhen an der Erdoberfläche.

„Typisches Industrietal“, sagte Ecki. „Heißt ja auch Hammertal. Werden also wohl gehämmert haben hier“, erwiderte Julia. Sollte Ecki vor seinen Schülern dozieren. Dann hatte Julia auch Zeit für mich. Vorausgesetzt, ich mußte nicht vor meinen Schülern dozieren. Aber ich versuchte, mir meinen Unterricht zeitversetzt zu Eckis zuteilen zu lassen. Unsere Stundenpläne griffen ineinander wie Zahnräder, die langsam eine uralte, mineralisierte Liebe zermahlten; mit dem Staub befeuerten Julia und ich unsere junge Leidenschaft. Wir wanderten im Straßengraben, den Bach mit seinem Saum aus Erlen, Weiden und Holundersträuchern immer im Blick. „Ist doch immer schön zu sehen, unser Pißbach. Weiß gar nicht, was ihr wollt. Wenn man sich einmal drauf konzentriert, läßt er sich wunderbar vermessen.“ Ecki schien zufrieden. Genau wie Julia prophezeit hatte. Er würde sich für die Erforschung noch des unscheinbarsten Bächleins begeistern, solange niemand vor ihm auf die Idee gekommen war. Und das war noch niemand. Selbst die regionalen Wanderkarten hatten den Bach im holzfreien Papier versickern lassen, nachdem er unter der Tankstelle verschwunden war. Wir erforschten unbekanntes Land in der am dichtest besiedelten Region Deutschlands. „Tschö, Ballungsraum. Raus aus der versiegelten Landschaft!“ Ecki war begeistert.

Über die Jahrhunderte hatte sich vielfältige Kleinindustrie an dem Bach angesiedelt, ihn aufgestaut, Wasserräder hineingesetzt oder Kühlwasser abgezweigt: Werkzeugfabriken für den Bergbau, Hammerwerke, Gießereien, Schleifkotten. Viele der roten Ziegelbauten zerfielen langsam, wucherten zu und wurden nur noch als Lager benutzt. Julia hatte Durst. Der neue Getränkemarkt war zur Hälfte in einen Schieferrücken hineingehauen, und in dem frisch ausgeschachteten Erdreich zeichnete sich deutlich ein Kohleflöz ab. Vor der Schiebetür stand eine silbern lackierte Kohlelore, die mit Geranien bepflanzt war. „Hier bauen sie Cola ab!“ kreischte Ecki begeistert. Julia verdrehte die Augen. „Ohne Scheiß: Was sind denn Kohle und Cola? Pflanzenextrakte! Und keiner kennt das Rezept.“ Seine Stimmung stieg stetig. „Warum gibt es hier nur so viele Hundepensionen?“ Julia schüttelte ihren schönen Kopf und warf ihre leere Cola-Dose in den Straßengraben neben eine Königslibelle, die den unsichtbaren Windschutzscheibentod gestorben war. Tod, dein Vater war Glaser!

Je weiter wir uns von der Ruhr entfernten und in das Ursprungsland des Bergbaus vordrangen, desto gelöster wurde Julias Mann. Wir unterquerten die A 43. Winzig wirkten Julia und Ecki zwischen den hohen Autobahnpfeilern, die noch die Maserung ihrer Verschalung im Beton trugen wie Abdrücke vorzeitlicher Farnbäume. Ecki blickte voller Respekt auf die bleiche Unterseite der vibrierenden Autobahn, die sich sauriergleich über das Tal wälzte. Die Betonplatten saßen in den schwarzen Dehnungsfugen der Fahrbahn wie die Hornschuppen eines Brustpanzers. „Da sind Sprengkammern in den Pfeilern, jede Wette. Im Kriegsfall sprengen die das ganze Teil weg. Vor Jahren hat eine Entführerbande ihr Opfer in einer dieser Kammern versteckt. Haben ihm nur Klopapier dagelassen. Der hat das Papier aus seinem Loch wehen lassen und von oben hat jemand seine doppellagige Rettungsfahne gesehen hat. Notrufsäule, trallala.“ „Glück gehabt“, murmelte Julia. Kurz hinter der Autobahnbrücke hatte der Sargschreiner Vosskühler Werkstatt und Showroom. Mit den Särgen kam die Natur. Nach einer Stunde hatten wir das Industrietal durchwandert. Der Pleßbach entfernte sich von der Schnellstraße, und mit ihm tauchten wir in kühle Buchenwälder. Das Wasser arbeitete an einem Flußdiagramm der Geologie: am Ufer zeigten sich deutlich Ton-, Mergel- und Schieferschichten. Von nun an wollten wir dem Bach so nahe wie möglich folgen, denn hier war sein Bett nahezu unberührt. Nach wenigen Kilometern konnte niemand mehr sagen, wo genau er verlief. Wir hatten Ecki versprochen, bis zur Quelle hinaufzusteigen.

Die Landschaft wurde buckliger. In den Hügelketten aus Sand- und Schieferstein hatte die Geologie ihre Muskeln spielen lassen, um Torf zu Steinkohle zu pressen. „Bergschädengebiet, Wege nicht verlassen, Einsturzgefahr“, sagten die Schilder. In den zerklüfteten Höhenzügen erblickten wir immer wieder idyllisch gelegene Bauernhöfe, deren Wetterseite mit Schiefer beschlagen war. Ihr Fachwerk schien eine Projektion der unterirdischen Stollen, Gänge und Kohleflöze auf die kalkweiße Fassade. Die Häuser standen in der Landschaft wie dreidimensionale Grubenkarten. Unter uns war alles hohl, jeder Kubikmeter ausgekohlt. „Bergmannskotten“, sagte Ecki. „Das hier oben war noch vorindustrieller Kohleabbau. Man hat einfach Stollen in die Bergwand getrieben und die Kohle rausgeholt. Nebenher haben sie Landwirtschaft betrieben. Ganz anderes Lebensgefühl hier im Süden als in den industriellen Abbaugebieten zwischen Emscher und Ruhr. Da hockten die Bergmänner in kasernenartigen Zechenkolonien des Werkswohnungsbaus aufeinander. Kamen weder auf Schicht noch zuhause zu Luft. Der Wohnungsmangel war so groß, daß die Familien Schlafstätten vermieteten. Praktisch jeder Haushalt nahm einen ledigen Bergmann auf, der in der Wohnung eines Kollegen ein Zimmer mietete. Hießen Schlafgänger.“ Ecki machte eine Pause und schaute uns mit glühenden Augen an: „Wenn nur einer „schwarzes Gold“ sagt, gibt´s auf´s Maul.“ Der Pleßbach rauschte, die Autobahn rauschte und auch das Blut in unseren Ohren. Neben uns lag ein Übungsgelände des Katastrophenschutzes der Deutschen Post. Wozu braucht die Post einen Katastrophenschutz? Aber vielleicht braucht sogar die Glaubenskongregation der katholischen Kirche einen Katastrophenschutz. „Alle Flöze trugen Frauennamen. Auch unter Tage hieß es Cherchez la Femme!“ sagte Ecki und schritt voran. Die Einsturztrichter des oberflächennahen Bergbaus begleiteten uns.

Durch Dickicht war die überwucherte Ruine der Stollenzeche Elisabethen Glück zu sehen. Ein strukturkonservatives Eichhörnchen sprang von der Waschkaue, in der sich die Bergleute den Staub vom Leib geduscht hatten, auf das Dach des Lohnbüros. Ein Eichelhäher schwenkte seine blaue Schwanzfeder und schlug Alarm mit seiner Schalke 04 Fan-Rätsche. Verteidigte sein Revier. Wir wanderten entlang des Gleisverlaufs einer alten Kohlenschleppbahn, die vom Bergischen Land an die Ruhr hinabführte. Wand der Bach sich nicht wie eine Tresse um die Autobahntrasse, folgte er den alten Gleisen. Links und rechts breiteten sich wogende Weizenfelder aus. Wenn die Bauern im Herbst die Felder umpflügten, ernteten sie Kohle. Hier wuchs das westfälische Schwarzbrot gleich in Brikettform auf dem Acker. Erschienen in diesen Feldern mystische Kornkreise, so zeigten sie die chemische Gleichung für den Inkohlungsprozeß. Ein Bussard flog im Sturzflug eine Notrufsäule vor der Autobahnausfahrt Sprockhövel an und bestellte sich eine Mäusepizza. Von der biologischen Mähgutkompostierungsanlage des Autobahnamtes Witten wehte süßlicher Fäulnisdunst herüber.

Je weiter wir in die Höhen kamen, desto kühler wurde das Klima. Der Bach wurde immer schmaler. Von Rehlosung stäubten Fliegen auf. Unsere Expedition gelangte an den Oberlauf. Während sich am Ufer weiterhin die typischen Sumpfpflanzen fanden, wuchsen in den ansteigenden Hängen Buchen, vereinzelte Tannen und das undurchdringliche Gestrüpp des Ilex Aquafolium mit seinen leuchtenden roten Beeren. Zwischen den Notenlinien der Elektrozäune summte die heilige Melodie des unantastbaren Eigentums. Ecki psalmodierte: „In diesen alten Zechenhäusern stehen heute die elektrogesteuerten Fernsehsessel über 300 Meter tief abgeteuften Schachtanlagen. Hier ißt du dein Schinkenbrot auf der Spitze einer methangashaltigen Luftsäule. Übers Grubentelefon kannst du direkt mit der Hölle telefonieren. Die Leute wissen nicht, über was für Abgründen sie leben“. Am Flußufer konzentrierten dichte Brennesselarmeen ihr biochemisches Abschreckungspotential. Stachelstarrende Disteln griffen auf das konventionelle Waffenarsenal zurück. Aristokratisch wedelte der Königsfarn mit seinem Fächer und träumte von schmal geschnittenen Hedi-Slimane-Anzügen. Der Fingerhut war seinem Namen wie auf den Leib geschneidert. Ein gemauertes Rohr führte direkt aus einem Entwässerungsstollen in den Bach. An der Mündung dieses tonnlägigen Erbstollens lag ein alter Arbeitsschuh, den das warme, rostrote Grubenwasser aus dem Berg geschwemmt hatte. „Hier leiden die Najaden an Steinstaublunge“, schnaufte Ecki. Eine Hummel prallte ihm gegen die Wange, und er guckte entsetzt. Wie zur Ablenkung beugt er sich über eine Pflanze und sagte mit lüsternem Unterton: „Drüsiges Springkraut.“ Im Flußbett ruhten große Naturschiefertafeln, über die zahllose Wasserläufer eine kryptische Kalligraphie improvisierten. In Strudeln tanzte Gezweig wie kleine Pirogen. Wir kamen immer schlechter voran.

Oben in den Berghöhen waren die Reste der alten Kohlebahnanlagen noch deutlich zu erkennen. Den Schienendamm säumten hohe Bruchsteinmauern, aus denen verwucherte Verladerampen ragten. Hebe- und Kurbelvorrichtungen rosteten im Unterholz. Der Bach war nur noch ein kleines Rinnsal, das sich aus tröpfelnden Zuflüssen speiste. Wir waren in der Wildnis angekommen, die eine tiefe Schlucht zugewuchert hatte. Die Trasse der Kohlebahn war in den massiven Fels des Sirrenbergs gesprengt worden. Das Rauschen der Autobahn war nicht mehr zu hören. Wir kämpften uns durch bauchhohen Farn über den vermoosten Schienenverlauf. Rechts und links von uns ragten steile Felswände auf: aufgefaltetes Schiefergestein, das von Nord nach Süd strich und hier und da eine Kohleader aufwies. Wir krochen durch eine umgestürzte Buche hindurch, und vor uns tat sich ein Tunnel auf. Der Schlußstein seines gemauerten Bogens zeigte die Jahreszahl 1911. Über den Tunnel führte in dreißig Metern Höhe eine kleine Straße, von der kaum etwas zu sehen war durch das dichte Blätterdach. Vor dem Eingang sammelte sich Zivilisationsdreck, den man von der Straße in die urwaldartige Schlucht geworfen hatte: Kühlschränke, Autobatterien, Eisenfässer, ein Schäferhundkiefer und ein dickes Bündel verschnürter Tageszeitungen aus dem Jahre 1978, von Wind und Wetter zu einem Papierziegel zusammengebacken, der von düsteren Nachrichtensedimenten durchzogen war. Ein implodierter Fernseher stellte sein Inneres zur Schau, aus dem dieser Schauerort entsprungen zu sein schien. Die Schlucht hatte die Aura einer heidnischen Kultstätte. Die Sprungfeder eines Sessels war vor lauter Spannung aus dem Kunstlederbezug geplatzt. In den Buchenzweigen hingen Autofußmatten, von der Tunneldecke baumelten Luftwurzeln. An den Mauern der Unterführung wuchsen dichte Moosfelder, die das Echo von tröpfelndem Wasser schluckten. Wir standen vor dem düsteren, schattigen Reich der Nacktschnecke.

Ich hob einen unförmigen Gegenstand aus dem Königsfarn. Er sah aus wie ein riesiger Stalagmit oder eine in Bierteig gebackene Schaufel. „Pannschüppe“, sagte Ecki. Er stand breitbeinig im Farn wie das Doppelbock-Fördergerüst der Essener Zeche Zollverein, Schacht 12. „Muß aus einem Stollen kommen, der mineralische Gase ausatmet. Da unten setzt alles Ablagerungen an: Leitern, Stützpfeiler, Kohleschaufeln. Nach einem Jahr ist alles doppelt so schwer wie vorher. Stollenchemie, Schlagwetter. Lebensgefährlich.“ Er zog ein Haar aus seiner Nase, das aussah wie ein Spinnenbein. Was nistete bloß in seinem Kopf? Ich blickte in mich und sah nichts als Schwarz. Seit Stunden waren wir der Bewegung der Kohle gefolgt. Vor 300 Millionen Jahren hatte sich hier kohlehaltiges Erdreich zu einem Gebirge aufgefaltet. Erosion hatte die Mergel-, Ton- und Sandsteinschichten abgetragen, so daß die Flöze dicht unter die Oberfläche traten. Die Erde kehrte ihr Innerstes nach außen. Ich spürte den Druck dunkler Meridiane in meinem Brustkasten. Auf meiner Zunge schmeckte ich Kohlestaub. In meinem Kopf war Schlagwetter.

„Lebensgefährlich“, sagte ich. „Argh“, gurgelte Ecki, schloß die Augen wie zum Einfahrtsgebet und sank in den Königsfarn. Er lag neben dem Zeitungsbündel wie eine unerfreuliche Meldung. Seine Stirn berührte den verwitterten Lochstein, der auf die Markscheide der Zechen Walfisch I und Nachtigall IV verwies: Die Bergwerksgrenze verlief mitten durch Eckis Kopf; jede Hirnhälfte ruhte über einem eigenen Grubenfeld. Ich ließ die Stalagmitenschaufel sinken. „Geschafft“, sagte Julia. „Endlich. Dachte schon, das würde eine geologische Themenwanderung bleiben.“ „Besseren Ort als hier findest du nirgendwo. War so abgemacht“, antwortete ich. Gemeinsam schleppten wir den Leichnam in den stumm tropfenden Tunnel. Auf beiden Seiten der Kohlebahnschienen verliefen zwei Kanalrinnen, die mit schweren Ruhrsandsteinplatten abgedeckt waren. Bei starkem Regenfall floß hier der Pleßbach entlang. Jetzt war er nur ein feuchtes Rinnsal, das nicht einmal mehr plätscherte. Wir hoben drei der Steinplatten zur Seite und betteten Ecki in die Rinne. Anschließend deckten wir sein Grab mit den Kanalplatten ab. In Eckis Grabsteine war das älteste Handwerkzeug der Bergleute gemeißelt: ihr Gezäh, Hammer und Schlägel, gekreuzt. Sollte er in den nächsten zehn Millionen Jahren von Kohle eingeschlossen werden, würde er sich in ein spektakuläres Fossil verwandeln. Das Schmuckstück eines jeden Naturalienkabinetts. Besonders die Maserung seiner Cordhose käme gut zur Geltung. Ecki als Leitfossil der Cordära. In manchen Landschaften lernt man, langfristig zu denken. Julia faltete die Hände und stellte ihren Kopf schief. Eine Strähne ihres kastanienbraunen Haares klebte in ihrem rechten Mundwinkel. Sie sah aus wie die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergmänner, nach einem One-Night-Stand mit dem Bergassessor. Ein Vogel tschilpte mit manischer Begeisterung, als hätte er sich eben eine neue Melodie aus dem Internet heruntergeladen. Aus den schwer duftenden Bienenweiden der Robinien erklang leises Brummen.

Trotz Krokodilen, elektrischen Aalen und mehreren Jaguararten konnte der Oberbergrat Alexander von Humboldt seine südamerikanische Expedition beenden, ohne Opfer beklagen zu müssen. Am 13.06.2002 gegen 18 Uhr brach ich mit Julia durch dichtes Gebüsch und fand mich auf einem Parkplatz wieder. Im Schotter glitzerten Anthrazitpartikel. Vor uns verlief eine schlecht geteerte Straße, hinter der sich eine Kuhweide talabwärts neigte. Wir waren an der Wasserscheide angelangt. Irgendwo unter dem Schotter lag die Quelle des Pleßbachs. Er war nur noch mit Hilfe einer mentalen Wünschelrute zu orten. Links lag die ehemalige Tiefbauzeche „Zur kleinen Windmühle“. Die dunklen Kräfte der Erde tarnen sich mit den charmantesten Namen. Vor uns standen drei PKW-Anhänger mit Verkaufsbuden aus Preßspan auf den Ladeflächen. Eine der Jahrmarktbuden war blau, weiß und rot lackiert und trug die Aufschrift „Crêpes - Original französisch.“ „Paris“, sagte Julia und griff nach meiner Hand. Strukturwandel.

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