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David Flusfeder: "Alles Plastik" (junge Welt)

Dann heirat doch Dein Büro

Bei David Flusfeder ist "Alles Plastik" (junge Welt, 21.10.1998)

Mißtraue Omas mit dicken Fotoalben und Büchern mit buschigen Familienstammbäumen. Dieses hier hat gleich zwei, einen vorne, einen hinten. Aufstieg und Fall, Denver-Clan, Dallas, Lindenstraße, Fußbrooks, Buddenbroichs. Der Trick an Familien und Familienromanen: Irgendwann hat man dann doch alle Mann irgendwie lieb und will alle Geschichten hören; is´ zwar eigentlich langweilig, aber der Ohrensessel ist gerade so bequem, der Kaffee so lecker, und gleich kommt Onkel Ernst mit dem Heringssalat und dem Schnaps, und dann guck ich meinetwegen auch noch den Musikantenstadl.

England. Wir sind zu Gast in der dritten Generation einer jüdischen Unternehmerfamilie, die in Plaste macht: „´Was stellt man hier eigentlich her?´ ´Plastiksachen.´ ´Ich wußte ja, das wird langweilig.´“ Knöpfe und unzerbrechliche Universalkämme. Der Firmengründer war ein verschrobener Kerl, wuscheliges Haar trotz Universalkämmen, leicht angetrottelt, zu weite Hosen, trotz Knöpfen. Aber das Hirn sitzt wie angegossen. Der Herr ist ein Genie: „aber da ist auch ein Drang in ihm, ein Trieb, Idiotie oder vielleicht auch Genialität.“ Das hat er nicht vom Papa, denn in Jacob Levy ist was anderes: „Es war eine Schüchternheit in ihm, eine Traurigkeit.“ In mir jedoch ist schon auf Seite 40 eine genialisch-traurige Belustigung, die nicht von Pappe ist.

Der Sohn tüftelt von morgens bis abends an Maschinen und schenkt seine obsessive Freizeit so lange rothaarigen Frauen, bis er mit einer davon im Hotel verbrennt: „Doch als die Feuerwehr endlich die Flammen niederkämpfte und mit den Äxten in das ausgebrannte Mietzimmer eindrang, fand sie nur zwei Leichen, unkenntlich verschmort, an Hüften und Mund zusammengeschmolzen.“ Zusammengeschmolzen? Ach so, Universalplastikhüften. Und die Münder? Silikonlippen? Beide? Egal, auf alle Fälle traurig, so was. Wahrscheinlich hat sich die Bettdecke an den roten Haaren entzündet. Asche sind jetzt auch die guten Zeiten der Company, denn das Gegenteil von oben ist unten, bzw. Erbfolge ist seit Jakob und Esau ein Linsengericht, das nicht so heiß gegessen wird wie es geköchelt wurde. Also auch hier wieder zwei Männer, Cousins, die sich um die Klitsche kloppen, du kriegst die Produktion, ich mach das Marketing, oder willst du lieber die PR, aber dazu fehlt dir das entscheidende Aktienpaket. Gähn. Hoffentlich kommt Onkel Ernst gleich mit dem Schnaps.

Der eine Erbe ist hauptberuflich ein schremppsches Fulltime-Arschloch und nebenberuflich konsequenterweise ein Dirigent: „Charlie wachte furzend auf. (...) Eine Schließmuskelsymphonie mit Charlie als dem Dirigenten, der mit leidenschaftlich zusammengebissenen Zähnen und zugekniffenen Augen gegen ein rebellisches Orchester kämpft.“ Der andere ist hauptberuflich in der Midlife-Crisis und nebenberuflich eine Zwiebel: „Howard, die Zwiebel, hat zugesehen, wie seine Ichs sich wie Häute abgelöst haben. Weg waren sie, abgelegt, oft ließen sie ihm Tränen in die Augen steigen.“

Der Arsch und die Zwiebel ziehen und zerren an der Plastik-Firma, und plötzlich ist die ganze Company in der Midlife-Crisis. Der Arsch kommt dabei ziemlich weit, denn er hat ein Rezept: „Denk an deinen Schwanz, den unbezähmbaren.“ Hin und wieder wird der Familienstammbaum geschüttelt, wobei ein paar Anekdoten und Charakterstudien abfallen, zwischendurch haut Zwiebelchen Sensibelchen mal ab, zerreißt symbolisch seine Mitglieds- und Visitenkarten, bumst sich die Seele gesund oder wund, doch kommt dann wieder Heim zu Mami, denkt viel und verschenkt zum Schluß die Company an seinen gierigen Cousin. Der hat die ganze Zeit sein Haifischhirn vollgekokst. Haie vertragen kein Koks, der Cousin mit der unbezähmbaren Schwanzflosse geht tot und die Firma an einen guten Freund der Familie, der vielleicht nächsten Montag einen Puff draus macht oder eine gothische Kathedrale, ich weiß es nicht, mir doch scheißegal.

Flusfeder meditiert über Tradition und Fortschritt, Individuum und Geschichte, Judentum im Allgemeinen und Besonderen. Lieben, Leben und Sterben kommen auch vor. Nur die E-Mail-Adresse von Kl@us Kinkel habe ich nicht gefunden.

Wen Aktiengemauschel, Zwei-Prozent-Klauseln, Erbschaftstricksereien, klötendraller Manager-Machiavellismus und Mobbing auf ganzer Linie interessiert, der ist hier richtig. Die Personen sind aus dem prallen Leben gegriffen; wobei man sich fragen kann, warum dann lesen und nicht einfach leben.

Der Schinken ist in jenem Stil geschrieben, für den es mittlerweile sicher die übersetzungsfreundliche EG-Norm 0815 gibt. Nur wenn der Tod oder ein ähnlich imposantes Phänomen zu Besuch in das Buch kommt, dann kriegt die Syntax Angst und ihre Glieder schrumpeln zusammen: „Sie hat Angst. Sie hat schon aufgegeben. Er sieht es. Er erkennt es.“ Hugh! „Sie wird gleich sterben. Sie weiß es. Sie will es.“ Winnetou will ein Eis. Ein Wassereis. Kein Milchspeiseeis. Ein Wassereis. Er will es. Er leckt es.

Kennst Du dieses Gefühl, Apache: „Seine Stirn war feucht vom kalten Druck einer undurchschaubaren Zukunft“? Dann hattest Du sicher auch schon mal folgenden Eindruck: „Und ganz gleich, was nun geschah, es konnte nie mehr sein wie zuvor.“ Und warst plötzlich nahezu überwältigt von den Frauen: „Howard Astaire, ein Mann voll neugeborener Sinnlichkeit, mußte schlucken vor Liebe zu den Frauen auf der Straße.“ Gegen Schluckauf empfiehlt mein Qi-Gong-Meister Wang, einen Punkt an der Daumenaußenseite zu drücken, direkt unter dem Nagel. Gegen neugeborene Sinnlichkeit hat er nichts. Ich aber. Eine Maxime: Es gibt keine Worte für die Freuden des Fleisches. Alle erotische Literatur ist Humbug.

Sex-Passagen sind albern: „Und sie widerstand ihm, schob ihn weg, ein verzweifelter Kampf, bis er aufschrie und sich wegwarf von ihr und mit seinem Leib gegen den Boden zuckte und seinen Samen in die ungeschützte Erde von Hampstead pulsieren ließ.“ Keine Widerworte, sonst gibt´s gleich noch eine: „und o so glatt gleitet sein Schwanz in ihre herrliche Möse.“ Roman, Roman, Du bist ein Vielfraß und schluckst einfach jeden Scheiß. Apropos: „überkosmetisierte Mädchen, deren unaufrichtige Lippen Fellatio verhießen.“ Eine weitere Maxime, die Flusfeder nicht kennt: Asch mir nicht in den Arsch, ich scheiß ja auch nicht in deinen Ascher: „Mark sticht mit der Zigarettenglut zu, zuerst gegen die rechte Backe, dann die linke, es scheint, als überlege er sich, ob er sie in dem Anusaschenbecher dazwischen ausdrücken soll.“

Man könnte die handwerkliche Geschicklichkeit, die 3-D-Präsenz der Charaktere, die sichere dramaturgische Schienenführung und eine Handvoll guter Bilder und Witze loben: „dieses häßliche östliche Vokabular, das dazu geschaffen schien, Penisse und Gurken in all ihren verschiedenen Stadien zu beschreiben. Sie hatte das obsessive Interesse dieser Sprache an Gurken nie begriffen.“ Mache ich aber nicht! Aufklärung ist Flurbereinigung.

Diese Dönekes aus dem Familienalbum des Mittelstandes sind erzreaktionär, konterrevolutionär, systemfestigend und werden eh automatisch so prima laufen wie der gesamte süffig aus der onkelhaften Märchendrüse massierte Hokuspokus, all dies Tschingderassabumm der unkomplizierten Erzählfreude, die sorglos anschwellenden Schwallkörper, dieses Heissassa à la 1860. Als schöbe Balzac seinen Fettwanst immer noch über die Place Vendôme. Und die ollen Haudegen, die ca. bei Thomas Mann die Schotten dicht gemacht haben, tanzen zu all dem Ringelrein. Der Verleger Gespür für Schnee, der auf Zedern fällt. Glutamatprosa für laue Sommer- oder knisternde Kaminabende, die Zehen vergraben im Eisbärenfell, im Rücken das Ziehen eines anstrengenden Arbeitstages. Schade, nur bügeln kann man dabei nicht.

Außerdem, S. Fischer in Frankfurt a.M.! Das Buch nicht in der Nähe der polnischen Grenze verkaufen. So Polen können ungemein nachtragend sein: „Nicht gerade eine Schönheit, die Züge waren zu grob (genetische Erinnerung an eine polnische Grenzstadt).“ Am besten einfach schnell alle Rechte verscheuern und Film draus machen lassen. Dann kriegt Ihr und der Autor Eure Kohle und wir brauchen den Kram nicht zu lesen.

Es gibt herrliche Freizeitbeschäftigungen. Hat man eine Frau zur Hand, kann man z.B. „den Kanal ihres Arsches besegeln“, wie Flusfeder es formuliert. Analkanal. Kafka hatte´s auch mit Wasser, aber gefrorenem. Wassereis. Wie Winnetou: „ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Ich habe nicht einmal einen Haarriß in einen überfrorenen Siel meines Binnenmeeres mit diesem Roman kloppen können. Man kurvt hier nur ein bißchen auf den Weihern erfundener Torfnasen herum. Mit einem Paar Fisher-Price-Schlittschuhen. Alles Plaste!

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David Flusfeder: Alles Plastik. Roman
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1998
461 S., ca. 39,80 DM

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