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Tanja Dückers: "Der längste Tag des Jahres" (SZ)

Natter im Familienterrarium

Tanja Dückers sucht das Weite: "Der längste Tag des Jahres" (SZ, 24.03.2006)

"Spielzone" hieß Tanja Dückers’ erster Roman aus dem Jahre 1999. Das waren noch Zeiten: Überall standen damals literarische Fräuleinwunder in geblümten Miniröcken auf den Berliner Verkehrsinseln. Umspült von der tosenden Rush Hour der neuen Hauptstadt, ließen sie sich alles Haupthaar, das nicht von einer kecken Sonnenblumenspange zusammengehalten wurde, vom staubteilchengeladenen Metropolenwind zausen und sangen von kurzfristigen Clubabenteuern, von Marios waidwundem Rehblick gestern Nacht an der großen Baßbox und vom sanften Caipi-Blues beim 16.00-Uhr-Brunch in einer Bar, die ein transsexueller Palästinenser oder eine syrische Anarcho-Drag Queen oder ein expatriierter Shaolinmönch in einem ehemaligen Klohäuschen der SS – oder war’s eine ehemalige Stasi-Abhörzentrale? – kurz vor der großen Sonnenfinsternis eingerichtet hatte, weißt du noch?

Der Spiegel sandte Frontberichterstatter aus, die oben bei den Schaukeln im Prenzlberger Mauerpark die Fräuleinwunder fotografierten. Hoch rutschte der Mini, „quietschgelb“ hieß man die Sonnenblumenspangen, elfenbeinern aber leuchteten die Fräuleinwunderschenkel, über die sich neugierig die riesigen Flutlichter des Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadions beugten. Das waren damals die Spielzonen. Heute schieben die Fräuleinwunder ihre Kinderwagen hoch zu den Schaukeln im Mauerpark. Der Prenzlauer Berg, ehemals größter Sandkasten für den experimentierenden Twen, hat sich zum republikweit größten Kinderhort entwickelt. Solange im Prenzlberg noch ein Barista vor einer Espressomaschine steht, wird Deutschland nicht aussterben.

Familie also. Am besten gleich Großfamilie. Verortung, Wurzeln, Traditionen, Rituale, Bindungen, Individualgeschichte. Fürstenfeldbruck. Paul und Eva Kadereit haben drei Söhne und zwei Töchter. Am längsten Tag des Jahres stirbt der Patriarch Paul. Vor kurzem noch besaß er ein Zoogeschäft, spezialisiert auf Wüstentiere. Nach der Insolvenz seiner Tierhandlung hockte Paul entweder auf seinem abgewetzten Cordsessel im Wohnzimmer und betrachtete seine Echsen im symbolisch überfrachteten Terrarium oder kümmerte sich um seine Wüstenbienen im Garten. Doch der Mensch ist keine Wüstenbiene: mitten im Jahrhundertsommer bekommt Paul einen tödlichen Hitzschlag im Wüstenbienenhaus. Das kann man entweder Ironie des Schicksals oder dramaturgische Schnapsidee nennen.

Nach Pauls Tod setzt sich Tanja Dückers auf den abgewetzten Cordsessel des Familienromans vor ihr Figurenterrarium und beobachtet die Kadereits bei der Trauer. In fünf Kapiteln zeigt sie aus unterschiedlichen Perspektiven, wie die Kinder die Nachricht vom Tod ihres Vaters erhalten und wie sie damit umgehen. Dabei unterläuft ihr der größte Fehler, den ein Autor bei einem multiperspektivisch angelegten Text machen kann: Alle fünf Erzähler haben exakt denselben Tonfall, der sich in nichts vom lockeren Küchen-Parlando einer Prenzlberger WG voller nicht mehr ganz so junger Wilder unterscheidet. Erst ist ein Short „quietschbunt“, dann ein Kaktus „quietschgrün“. Welche Farbe hatten noch gleich die Sonnenblumenhaarspangen unserer Fräuleinwunder?

Dückers Sprache leidet an typischen Angela-Merkel-Adverbialverbarrikadierungen und penetranter Füllselmanie. Es wimmelt nur so von „absolut“, „komplett“, „völlig“ und Co. Wäre nur der Ton einer einzelnen Erzählstimme durchsetzt von solchem Gerümpel, könnte man noch von charakterisierender Figurendrede sprechen. Klingen aber alle Erzählstimmen so, kann dieser Stil nur der Schlampigkeit der Autorin geschuldet sein. Überhaupt: Darf ein Bundesbürger noch den Begriff „quality time“ verwenden, ohne daß Roland Koch ihm illico und brutalstmöglich die deutsche Staatsbürgerschaft aberkennt?

Nur selten gelingt Dückers wirklich szenisches Schreiben, das die Trauer der Kadereit-Kinder in stimmige Gesten oder mehrdeutige Handlungen umsetzt. Seltsamerweise sind solche raren gelungenen Szenen dann meist im Freien angesiedelt. Frischluft scheint dieser Autorin gut zu tun. Meist jedoch wird die Trauer oder ihre gewissenquälende Abwesenheit nur behauptet. Und zwar sehr wortreich und in einem lästigen Psychojargon, als wären die Verständigungstexte der Siebziger noch immer nicht vergriffen. Dückers benetzt ihre Wüstenprosa ausgiebig mit Tränenflüssigkeit, die ihre Spuren mal in frischem Ikea-Lack, mal auf fleckigen Sofalandschaften hinterläßt.

Dieses Familienterrarium ist vor allem eine Spielzone, die Dückers Gelegenheit gibt, unterschiedliche Lebensentwürfe durchzuspielen und sie leider auch gegeneinander auszuspielen: die Autorin etabliert eine klare Coolness-Hierarchie zwischen Benjamin, dem gefeuerten FAZ-Journalisten und Hipster-Galeristen, Sylvia, der bieder-neurotischen Sekretärin, Johanna, der horoskophörigen Therapeutin und David, dem Provinztheaterschauspieler. Dückers gibt sich einer etwas albernen Heroisierung eines unkonventionellen Bohème-Lebensstils hin, bedauert unterschwellig die armen Teufel, die morgens um neun ins Büro müssen, und feiert jene vermeintlichen Freigeister, die gerade als „urbane Penner“ durch die Hauptstadtpresse geistern: frei, kreativ, aber pleite.

Wer morgens um neun ins Büro muß, verliebt sich hier in eiskalte Immobilienmakler, wer erst um elf frühstückt in ätherische Aquarellmalerinnen. Im Fürstenfeldbrucker Familienterrarium haben die Sekretärinnen schon immer die Künstlertypen bei Papi verpetzt. Wieder einmal liest man eins dieser leicht pubertierenden Rollenspiele, in denen die Fiktion unterschiedliche Möglichkeiten durchspielt, endlich aus dem Sandkasten herauszukommen und erwachsen zu werden. Nach einer eher schematischen Erblehre haben die Kadereit-Buben Papas Fernweh im Herzen, während die Frauen Mamas Vermittler-Gene in der DNA-Helix spazieren tragen.

Das will alles nicht so recht in Fahrt kommen, bleibt im Treibsand des Klischees stecken und psychologisiert konfus vor sich hin. In einer recht vorhersehbaren Dramaturgie steuert der Roman langsam auf die Große Weite zu. Auf Seite 53 wettete der Rezensent, den verschollenen jüngsten Sohn der Kadereits, Thomas, gegen Ende irgendwo in der Wüste wiederzufinden. Er gewann die Wette, und Dückers rettete ihren Roman. Im letzen, phantastischen Wüstenkapitel gewinnt die Autorin gehörig an Schwung. Die Romanreise geht vom stickigen Familienterrarium in die Mojave-Wüste. Raus aus Fürstenfeldbruck!

Großvater Kadereit starb in Rommels Wüstenfeldzug, Vater Paul wurde Zoohändler für Wüstentiere, Sohn Thomas verschwindet in der Mojave und Enkel Sami ist nun endgültig der „Wüstensohn“ dieses Romans. Auch wenn diese Wüsten-Genealogie wieder recht konstruiert wirkt, ist die Beschreibung der Mojave-Wüste und all der Desperados, die sie anzieht, sehr gelungen. Dückers hat gut recherchiert und entwirft eine mythische Topographie, in der sich Thomas im Wohnmobil seinen existentiellen Irrfahrten hingeben darf. Wim Wenders-Blues kommt auf, flirrend steigt die Mojave mit ihren Joshua-Trees, ihren militärischen Sperrzonen und Flugzeugfriedhöfen vor dem Leser auf, der nun endlich auch etwas von Pauls Fernweh verspürt und unruhig auf seinem Cordsessel hin- und herrutscht.

Der herrlich melancholische Wüstendesperado Thomas mit seinem phantastischen Sohn Sami und seinem treulosen Eso-Luder Chantal hätte für einen ganzen lesenwerten Roman gereicht. Vielleicht waren Dückers die restlichen Figuren einfach zu langweilig, zu klein in ihrer Familientrauer, zu uncool. Auch der Autorin war das Familienterrarium zu eng. Vielleicht brauchte sie die erhabene Weite der Wüste, um zu ihrer wahren Form aufzulaufen. Wahrscheinlich ist die Mojave einfach eine interessantere Spielzone als das piefige Muffdeutschland mit seiner Heerschar von entlassenen Hauptstadtjournalisten, seinen neurotischen Chefsekretärinnen, horoskopsüchtigen Therapeutinnen und hysterischen Theaterfuzzis, die schon beim Anblick eines Spiralblocks zum Riechfläschchen greifen müssen. Eine fauchende Mojave-Natter hingegen muß man einfach ernst nehmen.

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Tanja Dückers: Der längste Tag des Jahres. Roman.
Aufbau-Verlag, Berlin 2006.
213 S., XX,YY Euro.

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