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Franzobel: "Böselkraut und Ferdinand. Ein Bestseller von Karol Alois" (junge Welt)

Manifest der Unwahrscheinlichkeiten

Gott würfelt doch, liebt Rösselhochsprung und bohrt sicher in der Nase: Neues aus dem Paralleluniversum Franzobel (junge Welt, 27.10.98)

Franzobel: „Die Krautflut“ (1995) ist ein erzählerischer Deichbruch, „Der Trottelkongress“ (1998) schickt eine Deppenflut durch Kraut und Rüben, und „Böselkraut“ (1998) ist auch wieder so ein Pflänzchen, gegen das kein Kraut gewachsen ist.

Franzobel erfindet Karol Alois. Der ist Magier, hat einen nabokovianischen Zauberstab, sitzt ein wegen Verführung minderjähriger „Pupperln“, will einen Bestseller und zieht Böselkraut und Ferdinand aus dem Hut. Böselkraut pflanzt sich in einen Blumentopf, will aber nicht so recht Wurzeln schlagen. Der Topf zerspringt, in die Welt springt der Tropf. Dort steht das dicke Kind Ferdinand und streckt seine Hand aus: „-Wollen wir uns wiedersehen? -Ja, warum gar nicht, sagte Böselkraut, der nichts mehr zu verlieren hatte.“ Männerfreundschaften.

Böselkraut, lang, dürr, die „personifizierte Voralpenlandschaft“, ist nicht dumm: „Die kleinsten Lebewesen sind, wenn man dem Alphabet glauben darf, die Ameisen. Die größten sind die Zuwiderlinge“. Aber er ist nicht besonders weltläufig. Der Mann nimmt die Sprache beim Wort und die Welt arg persönlich. Der vernünftige Ferdinand zeigt dem gestörten Erwachsenen, wo´s langgeht. Beide stolpern durch eine ungefähr fünfte Dimension des gekrümmten Sinns und der gestauchten Sprache. Dick & Doof haben einen Sohn, Candide, der hat einen Bruder, Simplicissimus, dessen Kumpel Karlson vom Dach kommt zum Lunch, bei Tisch spaßt Onkel Queneau: „Wetten, Ihr findet die Blaue Blume nicht!“ Opa Beckett steht auf und tritt allen in den Hintern: „Wetten doch! Go!“ Böselkraut & Ferdinand finden. Nämlich Knödel wieder, Böselkrauts Hund. Zwar keine Blaue Blume, aber dafür ein pfeifenrauchender Detektiv mit Mütze.

Es sei denn, alles ist ganz anders. Der Traum eines übermüdeten Polizisten mit problematischer Aussprache? Die Finte eines schablonenhaften Schablonskis? In Franzobel ist Kurzschluß. Der Herr schlägt Funken. In seinem Daumenkino wird erstmals mit der brandaktuellen Fuzzy-Logik als Erzählprinzip experimentiert. In der Fassung des Nonsense leuchtet reine Poesie. Das Buch ist allen Kindsköpfen gewidmet. Franzobel bekommt dieses Jahr den Preis für grotesken Humor in Kassel. Verdientermaßen. Herzlichen Glückwunsch, Franzobel, und viel Spaß in Kassel.

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Franzobel: Böselkraut und Ferdinand. Ein Bestseller von Karol Alois
Zsolnay Verlag, München 1998
224 S., 34 Mark

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