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Horst Ehmke: "Der Euro-Coup" (FAZ)

Die körpersprachlichen Signale der Finanzfachfrauen

Horst Ehmkes Euro-Thriller "Der Euro-Coup" (FAZ, 14.08.99)

Der Bundesfinanzminister a. D. Oskar Lafontaine hat neulich am internationalen Börsenplatz Frankfurt den zweiten Politkrimi des Kanzleramtsministers a. D. Horst Ehmke vorgestellt. Gab es bislang nur SPD-Jazz, gibt es also jetzt auch SPD-Thriller.

Europa 2004. Das Pils kostet 1,5 Euro, und in Frankfurt passiert ein Mord. Dahinter steckt die weltweit organisierte Kriminalität, die eine Spekulationsattacke auf das britische Pfund plant. Die Engländer fahren immer noch links, sind immer noch nicht in der Währungsgemeinschaft und stünden bei einem Angriff auf das Pfund schutzlos in ihrem Nieselregen. Aber Europa muß zusammenstehen gegenüber den Mächten, die auch der Gemeinschaft die Sterntaler vom Banner schütteln könnten. Also ruft der deutsche Präsident der europäischen Kommission, Karl Stockmann, zum gemeinsamen Kampf gegen die globalen Finanzhaie auf, rettet das Pfund und bugsiert en passant Großbritannien noch in die Währungsallianz. So sehen die deutschen Wunderwaffen der Zukunft aus.

Ehmke muß sein ganzes Leben davon geträumt haben, einfach mal Sätze wie diese zu schreiben: „Als (der Wachmann) für einen Moment auf die andere Seite der Schranke trat, stieg der Todesschatten hinten auf die Ladefläche. Im Schutze der Plane baute er sein Präzisionsgewehr zusammen.“ Aber bald stieg auf seine Schreibtischfläche der Todesschatten jener Sprache, die er jahrzehntelang gezwungen war zu sprechen. Und der Privatier wurde wieder zum aktenkundigen Fachmann, der zu jedem Thema ein Memorandum, Dossier oder Protokoll liefert. In denen toben dann treuhänderische Ander- und Sperrkonten, floatende Währungen, intramarginale Stützkäufe, Besitzstandwahrung, Handlungsbedarf und das Angriffspotential der Gangster. Ein Büro ist nicht eng, sondern „räumlich sehr beengt“. Stimmungsumschläge werden ungeschehen gemacht, Themenwechsel forciert. In langen Monologen gerät der Krimi zum Leitartikel, zu ungelenk geklöppelter Brüsseler Bürokratiespitze, erzählerisch nur flüchtig aufbereitet durch kurze Regieanweisungen aus der Welt des Vaudevilles, in der man verlegen hüstelt, lauthals droht oder seinen Gegner mit einem schockgefrorenen Blick in die Schranken weist. Global Ehmke predigt Europa: „Die Anwendung der Begrifflichkeit der nationalstaatlichen Welt auf die post-nationalistische Europäische Union (kann) daher nur zu Fehlkonstruktionen führen.“ Zwischen den Zeilen lagert der Staub der Wirtschaftsarchive, über allem liegt der Charme des VHS-Kurses „Keine Angst vor´m Euro“.

Der Text ist unterwandert von einem düsteren Netzwerk organisierter Stereotypen. Zu jedem Substantiv findet Ehmke mit sicherer Hand das abgegriffenste Adjektiv und plaziert das einmal geschnürte Paket so oft wie möglich. Während sein Held gegen die Abwertung der Währungen kämpft, treibt der Autor die sprachliche Inflation voran und schickt den Leser auf eine internationale Schnitzeljagd über ungezählte Gemeinplätze. Für Ehmkes Erzähltechnik gilt das Gleiche wie für eine seiner Figuren, von der es heißt: „Er schmunzelte vor sich hin und ließ sich Zeit.“ Wer schon immer befürchtete, Europa sei nach ihrer mythischen Nummer mit dem Stier zum langweiligen Mauerblümchen geworden, an dem nur noch manchmal ein leicht verwirrtes BSE-Rind rupft, wird hier bestätigt.

Wirklich auflockernd ist einzig das erotische Unterfutter, das Ehmke seinen Finanzintrigen mit dem sicheren Stich einer Hedwig Courths-Mahler einnäht. Der ehemalige Bundesminister für besondere Aufgaben hat eine neue Herausforderung gefunden. Die Darstellung weiblicher Sinnlichkeit ist Chefsache: „Die mit Rotwein durchtränkte Bluse klebte an Nadines rechter Brust, deren Form sich nun vollends abzeichnete. Er starrte mit offenem Mund und glaubte sogar zu sehen, wie die Brustwarze steif wurde.“ Eros nach Euro-Norm. Neben rotfleckiger Sinnlichkeit bringen die Frauen vor allem Gemütlichkeit ins Leben der europäischen Männer. Stockmann ist Junggeselle: „So sah es in seinem Appartement denn auch aus (...) Chapelle, ein ausgesprochener Familienmann, spürte die fehlende weibliche Hand.“

Hin und wieder erlaubt sich Ehmke jene elegant anzügliche Verschmitztheit, die man gerne bei einem vertraulichen Täßchen Blasentee am Fuße des Treppenlifts durchschimmern läßt: „Das enganliegende Jackett der sinnlichen Brünetten war noch offenherziger, als er es aus der Ferne hatte erkennen können.“ Welcher Kunst der Fuge aber gehorcht diese wohltemperierte Dame: „Der schlanke Hals und ihr schöner Nacken bildeten Kontrapunkte zu den langen, wohlgeformten Beinen“? Die Brüsseler High-Society portraitiert Ehmke mit der stilistischen Treffsicherheit der Glamour-Reporterin von Gala: „Das klassische lange Abendkleid von Nadine LaTour paßte vorzüglich zum klassizistischen Stil des Palais - und hob sich wohltuend von der aufgemotzten Designerklamotte der jungen Gastgeberin ab“; - woran sich Ehmkes unbeholfen auf Feierabend getrimmter Stil mal ein Beispiel nehmen sollte. Schnaufend joggt bei ihm die pensionierte Beamtensprache in Fallschirmseiden-Anzug und Fluo-Luftkissenschuhen; einmal keucht sie: „Mega-Geistlosigkeit.“

Ganze Patronengurte von Lippenstiften malt Ehmke seinem weiblichen Personal ins Gesicht. Während seiner unübersichtlichen Karriere muß er auch Avon-Berater gewesen sein. Aber auch den unterschiedlichsten Tönungen des Haares widmet er sich mit der Detailfreude eines Wella-Vertreters. Bevor eine neue Figur ihre Füße über die Türschwelle bekommt, wirft Ehmke ihr eine Kurzbeschreibung von Alter, Haar- und Augenfarbe zwischen die Beine. Jedesmal, rosenkranzhaft, wobei die Augen selbsttönende Fenster zum Hinterhof der Seele sind: „Nadines sanfte braune Augen hatten eine Härte bekommen, die Karl bei ihr fremd war.“ Was nicht in den Augen geschrieben steht, verrät die Stimme. über die strapazierten Stimmbänder geht eine Orchestersuite der Unter-, Ober- und Zwischentöne. Was hier alles mitschwingt, hört keine Fledermaus mehr.

Dieser ganze bunt getönte, symphonisch gestimmte Personenhaufen verfügt leider nur über das gestische Repertoire einer Playmobil-Gesellschaft. Die verführerische Nadine wirft immerzu den Kopf in ihren Nacken, der nachdenkliche Kommissar Döpfner muß sich fortwährend mit dem Finger über den Nasenrücken fahren, Präsident Stockmann geht sich gestreßt durch die Locken und sondert Angstschweiß ab, durch die Oberlippe oder Stirnpartie, wahlweise. Alle zwanzig Seiten läßt sich jemand in eine Sitzgelegenheit fallen. Zehn Jahre alte Videospiele verfügen über eine facettenreichere Ausdruckskraft. Nur ganz wenige Passagen erreichen expressionistische Schlagschattendramatik: „Seine Gesichtszüge verzerrten sich, die Zigarre in seinem Mundwinkel zuckte gefährlich. Dann erstarrte er. Van Houtten hatte sich zu seiner stattlichen Erscheinung aufgerichtet, ein Bild großer Willensstärke, dessen Wirkung auch die blaue Hausweste nicht schmälern konnte.“ Man stellt sich Horst Tappert unter der Regie von Ed Wood vor.

Keine Figur trägt ein psychisches Wasserzeichen - alles Blüten. Die Kulissen sind aus Pappmaché, nur selten streut Ehmke eine Zeile aus dem städtischen Touristenbüro ein. So erfährt man, daß das Brüsseler Barlaymon-Hochhaus inzwischen asbestsaniert ist. Wurde aber auch Zeit. Eine der wenigen Outdoor-Konzessionen an das Genre ist ein Leichenfund in einem Güterwaggon: neblig der Bahnhof, rostig der Waggon, verwest der Kadaver. Ansonsten spielt der Thriller hinter Schreibtischen. Zwei Quadratmeter Wirklichkeit, die zu einer Typologie des praktischen Möbels führen: für den deutschen Bundeskanzlers den Rosenholzschreibtisch, für den ehrbaren Traditionsbankier den schweren Eichenholztisch, für den Echtzeit-Spekulanten das Designer-Stück mit Glasplatte, passend zu seinen kalten blauen Augen. Und für das „bunt gemischte Völkchen“ der Eurokraten den „aus hellem Holz gezimmerten Kommissionstisch“ - sicher der noch farbbesprenkelte Tapeziertisch aus dem frisch gestrichenen europäischen Haus.

Ehmkes Vertrauen in Integrität und Loyalität dieses buntgesprenkelten Völkchens ist unerschütterlich. Gerade noch rechtzeitig zerren sie unter der sanften, aber bestimmten Führung ihres deutschen Präsidenten Europa aus der zuschnappenden Globalisierungsfalle. Den bettlägrigen, weil oberschenkeldurchschossenen Stockmann zieht es nach einem erotischen Intermezzo mit einer französischen Finanzfachfrau wieder zurück zu seiner langjährigen deutschen Geliebten Chichi. Mais oui, Chichi: „Neben seinem Bett stand ein Sträußchen blauer Feldblumen, die inmitten der ganzen Blumenpracht seltsam bescheiden wirkten. Sie waren von Chichi und machten ihn glücklich.“ Mit Chichi macht er dann wohlverdienten Urlaub in einer Holzhütte. In den Ardennen. Inmitten von Feldblumen. Europa, Europa, fünfzehnblättriges Mauerblümchen. Seit dem Schengener Abkommen kennt auch die Biederkeit keine Grenzen mehr.

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Horst Ehmke: Der Euro-Coup. Kriminalroman
Eichborn Verlag, Frankfurt 1999
304 Seiten, 39,80 DM

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