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Benjamin von Stuckrad-Barre: "Blackbox" (NZZ)

Aus der Raucherecke

Benjamin von Stuckrad-Barres Textsammlung "Blackbox" (NZZ, 02.09.00)

Und dann kam plötzlich das internetgläubige Dot.com-Jahrtausend, wo es reichte, in seinen Business-Plan einen Terminus technicus aus der Computerwelt zu schreiben, und schon bekam man das benötigte Risikokapital. Für „Blackbox“ hat Benjamin von Stuckrad-Barre seine Schublade geleert oder vielmehr all seine Dokumentenordner ausgedruckt und als strukturelle Klammer über jeden Text eine Vokabel aus dem Index der Hilfsdatei seines PCs geschrieben, wird schon passen. Das erste der 17 Stücke ist eine experimentierende Collage aus Cybervokabular, das eine vage seelische Befindlichkeit einer schemenhaften Personengruppe beschreibt. Windows 98 wird zum Fenster der Seele. Hier sucht Stuckrad-Barre noch nach einer originellen Form.

Der Rest des Buches ist konventioneller Erzählstoff, der durch Titel wie „strg s“, „soundfiles“ oder „dialogfelder“ auf Zeitgeist getrimmt ist. Das Layout verleiht den Texten eine moderne Benutzeroberfläche mit trendy Icons. Vielleicht vergibt Microsoft für so etwas Stadtschreiberposten im Silicon Valley. Als Retro-Gimmick gibt es noch Marginalien in Form eines Daumenkinos. Blättert man das Buch schnell von hinten durch, sieht man ein Flugzeug abstürzen. Blättert man lesend nach vorne, sieht man ein Buch abstürzen. Das Motto des Autors: „Runter kommen sie alle, my art will go on.“ On verra bien. Insgesamt will dieses genialische Gehabe eines trendsetzenden Avantgarde-Dandys nicht so recht zu der zwar flotten, aber marktkonformen Prosa eines turbokapitalistischen Realismus passen. Der grösste formale Mehrwert liegt bei dem Popautor an der Produktoberfläche.

Die Texte sind grösstenteils Kurzgeschichten, geschrieben in jenem lockeren Parlando, das in jedem Lifestyle-Magazin mühelos die redaktionelle Durststrecke zwischen dem Fitness-Programm und den Einkaufs-Tipps überbrücken würde. Das junge, werbewirksame Zielpublikum wird dranbleiben, und folglich gibt es auf Stuckrad-Barres Homepage unter der Rubrik „Einkaufsregal“ auch T-Shirts (Girlie, S). Hier und da liest man ein schönes Bon Mot, doch ein paar schlagfertige Oneliner machen noch kein gutes 15.000-zeiliges Buch. Das ist zwar manchmal amüsant, melancholisch und irgendwie auch süss, aber das waren Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“ auch.

Um es mit Stuckrad-Barres eigener Ästhetik zu formulieren: „... wenn einen Musik nicht mehr ein klein wenig überfordert, verliert sie an Kraft.“ Die Banalität des öffentlichen Geredes und der Tropismen des Medienalltags versucht er durch ihre Abbildung im Massstab 1:1 zu entlarven: Die Geburt der Prosa aus dem Geist der Floskel. Ein paar Instant-Gedichte öffnen kurz das Mikro für O-Ton. Dabei könnte man mit einer seiner Personen einwenden: „Dann kann ich auch mit den Nachbarn reden.“ Stuckrad-Barre geizt nicht mit seiner Meinung, die ein weites Feld beackert, dabei aber vorrangig um die Antipoden Coolness und Peinlichkeit kreist. So sieht die Welt aus der Perspektive der Raucherecke eines progressiven humanistischen Gymnasiums aus.

Die ergiebigste stilistische Ressource dieser Texte sind unerwartete Vergleiche aus der Produktwelt: „Man kommt an den Strand, um sich auszuruhen, und dieses Ausruhen ist anstrengender als ein beim Isostar gewonnener Actionurlaub mit zwei sportbegeisterten Irren aus jedem Bundesland.“ Die ständigen Einschübe zwischen Artikel und Substantiv werden allerdings zum rhetorischen Tick und bremsen den Satzfluss wie eine schlecht aufgebohrte Tomy-Tubenöffnung die in fettigen Kringeln austretende Kräuterremoulade. Was den Romantikern der aufgehende Mond und den Expressionisten die hochtourige Maschine, sind der Popliteratur die Regalbestände der Shopping-Malls.

30 Prozent des Buches bestehen aus einem realsatirisch gemeinten Boulevard-Stück, in dem der „Popautor“ den Medienhype um seine vermeintliche Beziehung mit der „Comedy-Queen“ Anke Engelke karikiert. Saubere Wäsche trägt Stuckrad-Barre in der C&A-Reklame, schmutzige wäscht er in seinem Buch. Auf knapp 100 Seiten wird die Blackbox zur Waschtrommel. In dieser ausufernden Klatschkolumne bekommt jeder sein Fett weg, bis auf Harry Rowohlt, der ist lieb und brummelig, wer kennt ihn nicht. Obwohl man Stuckrad-Barres Talent zu Bandenbildung und strategischen Männerfreundschaften bewundern muss, erledigt Prinz August von Hannover solchen Gossip schneller und interessanter. Am meisten scheint der Autor davon fasziniert zu sein, ähnliche Probleme wie Kurt Cobain zu haben.

Das letzte Stück aus der „Blackbox“ ist sehr gut für seine Altersklasse. Es heisst „Neustart“. Das klingt nach einer vielversprechenden Zukunft. Sicher, the show must go on, doch hoffentlich findet Stuckrad-Barre demnächst bei Erscheinen des Dialogfeldes „Sollen diese Dateien/Ordner wirklich in den Papierkorb verschoben werden?“ etwas öfter den Mut, auf „Ja“ zu klicken. Eine Blackbox ist ein etwas seriöserer Apparat als eine Mailbox. Und ein Buch auch.

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Benjamin von Stuckrad-Barre: Blackbox
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000
Paperback, 350 S., Fr. XX.YY

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