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Alexander Terechow: "Rattenjagd" (FR)

It's raining rats

Alexander Terechows Roman "Rattenjagd" (FR 06.12.00)

Ein klassisches Zweiergespann mit etwas ungewöhnlichem Berufsbild: Der Ich-Erzähler und sein Partner, „der Alte“, sind Deratiseure. Die Rattenfänger von Moskau. Im postsowjetischen Rußland laufen die Prosalaboratorien auf Hochtouren. In Alexander Terechows Roman sind die Versuchstiere Ratten. Die Deratiseure haben einen delikaten Ortstermin. Dem Provinznest Swetlojar steht hoher Besuch ins Haus: Der russische Präsident und eine UNO-Delegation haben sich angekündigt. Man will die Herrschaften derart beeindrucken, daß sie Swetlojar zum touristisch wertvollen Ort ernennen. Fördermittel, Devisen, die Kleinstadt hat große Hoffnungen.

Die Stadtoberen versuchen, dem Kaff ohne Wurzeln eine altrussische Vergangenheit anzudichten. Die Stalin-Ansiedlung entwickelt sich zum potemkinschen Dorf. Gefälschte Ausgrabungen sollen Spuren vermeintlich altrussischer Kulturen ans Licht fördern, Bohrungen gar die Quelle des Don freilegen: „Wir werden Rußland retten! Wir haben Quellwasser entdeckt. Wie sich zeigt, haben hier immer Russen gewohnt! Eine ewige Stadt. Rom. Nur noch besser.“ Die Honoratioren haben alle Fassaden im Griff, nur im Mauerwerk und in den Zwischendecken rumort´s. Die Stadt ist Opfer einer Rattenplage. Die „epidemiologische Situation“ ist angespannt. Kein Wunder: „Der Müll steht pfahlhoch bis zur elften Etage. Darüber einzelne Propfen. Na denn, du gute Stadt.“ Hinter den Heizkörpern, im salzigen Herzen eines Räucherschinkens, Ratzen, Ratzen überall. Im Prunksaal des örtlichen Luxushotels fallen sie aus der Decke, einfach so, mitten auf den Bankettisch. Der UNO-Mann wird sich bedanken. Wenigstens für einen rattenfreien Bankettsaal sollen die beiden Deratiseure aus Moskau sorgen. Der Count-Down läuft, sie haben 17 Tage und Kapitel Zeit: „Wir sind Deratiseure. Wir befreien die Quelle russischer Freiheit von Ratten.“

Terechow nimmt dieses denkbar einfache Muster einer satirischen Parabel zum Ausgangspunkt für einen sehr originellen, hochkomplexen Roman. Der Ratten-Wahnsinn hat System und verästelt sich zu einem dichten Prosagestrüpp. Die Plage bleibt nicht nur abstraktes Gleichnis für eine bis in die Fundamente und Kellergewölbe verrottet-verrattete Gesellschaft, sondern ständig hört man es während der Lektüre rascheln, immer im Rücken. Der Kopf des Lesers wird „rattendurchlässig“. Die Rattenjäger fallen in ein halluzinatorisches Jagdfieber, das immer intensiver wird, bis es sich zum handfesten Krankheitsbild mit Darmkrämpfen mausert. Der Bericht des Ich-Erzählers brilliert und changiert mit allen Reflexionen einer stetig steigenden Quecksilbersäule. Die Frauen bleiben für ihn unerreichbar, aber „Genosse Sanitär“ hat ja seine Ratten, mit denen er sich Kopf-an-Kopf-Duelle auf Fußleistenhöhe liefert. Seinen quälenden Hormonstau baut er auf der Jagd ab. Dabei scheint er die Jagdszenen mit zu stenographieren. Seine Sätze sind wie angefressen von den allgegenwärtigen Nagern, hier fehlt ein Verb, da ein Artikel.

Terechow kombiniert eine opulente Bilderwelt mit erzählerischer Lakonie: „Swiridow klemmte sich den Vampirzahn einer Zigarette ins Gebiß, schwenkte einen Arm nach oben, und mit einem Klacken blühte über ihm ein Stückchen des nächtlichen Himmels auf – ein Regenschirm. Mir war so kalt!“ Sein stilistisches Repertoire ist beeindruckend: Machtversessene Monologe der zunehmend sich militarisierenden Stadtverwaltung, Aufblitzen von surrealen Momenten, komische Dialoge im Verwaltungs- und Befehlsidiom, Tom-und-Jerry-Slapstick, Fellini-Feerien. Immer wieder liest man Szenen, so schemenhaft und rätselhaft, als würden sie von einer stark schaukelnden Lampe aus der expressionistischen Requisite ausgeleuchtet. Überhaupt schlägt die stark verknappte, verdichtete Sprache den Ton expressionistischer Endzeitstimmung an, im Abenddämmern Rußlands schnappt die Rattenfalle zu, dem Bürger fliegt der Hut von Kopf.

Der Text beschleunigt oder verlangsamt sein Tempo wie ein Film, der auf einem altersschwachen Projektor abgespult wird. Die Zeit wirkt manchmal seltsam gestaucht, mehrmals wechseln in den 17 Tagen und Kapiteln die Jahreszeiten. Vivaldi würde sich bedanken. Die Dialoge sind oft orakelhaft elliptisch und entwickeln dadurch eine besondere Komik: „Dösen Sie schon? Legen Sie sich hin. Ich meine – eiapopeia. Naja, Bett, Erholung, Matratze. Verstehen Sie?“ Im Grunde schon. Auch formal geht es in dem Roman zu wie in einem wuselnden Rattennest. Spannende Rattenanekdoten garantieren den zoologischen Mehrwert der experimentellen, aber immer amüsanten Fiktion. Die gewieften Nager haben Tricks in ihrem „Ultraschallschädel“ wie ausgekochte Ganoven: „Das Miststück stemmte die Schnauze gegen die Wand und den eingezogenen Schwanz gegen den Safe. Deshalb war unter dem Safe nichts zu sehen gewesen.“ Einzige Lichtblicke bei all der fortschreitenden Zernagung aller Verhältnisse, den Putschs und Gegenputschs, Komplotten und Konterkomplotten, sind poetische Wetterberichte oder ein tröstender Blick in die Natur: „Ich ließ das Lederrollo auf den Mond niederrattern, der wie eine Fischschuppe aussah, blankpoliert vom vorbeistreifenden buschigen Waldrand.“ Trotz stetig wachsender Unübersichtlichkeit schafft es Terechow, im Untergrund seines Textes sorgfältig einen sauberen Handlungsstrang zu flechten. Aus desinfizierten Rattenschwänzen wahrscheinlich.

Thomas Wiedling hat Terechows Text in ein facettenreiches Deutsch übertragen, das gelenkig von temporeichen, schnoddrig-rotzigen Dialogen über die ungehobelten Bretter eines absurd knarzenden Theaters hin zu poetischem Kunstturnen springt: „die Flammen leckten aus ihrem Kleid einen tiefen, bläulichen, verästelten dunklen Schatten, der bei stärkerem Aufflackern rosa und golden schimmerte.“ Für solche Arbeiten wurden Übersetzerpreise ins Leben gerufen. Also bitte.

Eine solch erfreulich neuartige Sprachverbindung ist aus diesem russischen Prosaexperiment hervorgegangen, daß man direkt wieder zum erzähltheoretischen Marxisten werden möchte. Sollten die gesellschaftlichen Verhältnisse etwa doch die Kunstformen bedingen? Auf jeden Fall ist diese „Rattenjagd“ eines weiteren Vertreters der russischen „Generation P“ eine ästhetische Wohltat inmitten all der rundum gefederten Erzählmodelle „Bon Jovi“ unserer wackeldackelnden Generation Golf.

Terechows phantastischer, geheimnisvoller, formal anspruchsvoller Roman ist auf säurefreies, alterungsbeständiges (!) Papier gedruckt - hergestellt aus chlorfrei gebleichtem Zellstoff. Ein gefundenes Fressen für alle Leseratten. Behauptet der Rezensent aus Nagerperspektive. Nur auf der Toilette sollte man „Rattenjagd“ in Deutschland möglichst nicht lesen: „In Deutschland nach dem Krieg kamen sie hochgeschwommen und bissen in ganz unerwartete Körperstellen.“

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Alexander Terechow: Rattenjagd. Roman
Aus dem Russischen von Thomas Wiedling
Verlag C. H. Beck, München 2000
Gebunden, 415 S., XX,YY DM

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