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John Grisham: "Die Bruderschaft" (FAZ)

Die Rezension

John Grishams elfter Top-Seller in Folge (FAZ, 20.03.01)

Die Firma. Die Akte. Der Klient. Der Grisham. Ein Mann, ein Substantiv. Jedes Jahr eins. Seit 1994. John Grisham. Stechender Blick, scharfes Profil. Jedes Jahr, wenn im Februar der neue Grisham kommt, halten sich andere Verlage mit ihren Neuerscheinungen für eine Woche bedeckt, heißt es. Gegen Grisham hätte niemand eine Chance. Eine Woche des deutschen Buchhandels gehört dem Amerikaner. Die Woche. Das Regal. Der streng gläubige Baptist soll der meist gelesene Autor weltweit sein. Der Grisham-Belt zieht sich einmal quer über den Globus. Die Leser-Loge. Das Seller-Kartell.

Der Mann ist ein Profi. Und Profis machen nicht viele Worte. Grishams Sätze sind selten sehr viel länger als seine Buchtitel. Keines dieser Bücher ist je gefloppt. Keines. Nie. Weil Grisham so schreibt: „Soweit man hier wußte, aß Lake nie Zucker. Nie.“ Irgendwo da unten am Mississippi, irgendwo an diesem verdammten, riesigen Fluß sitzt Grisham, sitzt johnnyhaft da draußen und massiert „seine Schläfen. Irgendwo zwischen ihnen, irgendwo tief in seinem Gehirn“ ruht die geheime Rezeptur für solche Sätze.

2001 ist also das Jahr der „Bruderschaft“. Drei ehemalige Richter sitzen im Gefängnis von Trumble ein. Der Vollzug ist locker. Die Richter haben das Privileg, kleinere Streitigkeiten unter den Gefangenen zu schlichten. In der juristischen Gefängnisbibliothek belegen sie ein Kämmerchen. Die Kammer. Von hier aus gelingt es ihnen manchmal, Straferlaß für ihre Mitgefangenen zu erwirken. Gegen Bares. Aber die Zeit ist lang und die kriminelle Energie des Trios unerschöpflich. So erfinden sie zwei knackige Jungs, inserieren in Schwulenmagazinen, bauen mit Hilfe blumiger Prosa Brieffreundschaften mit älteren Herren auf, die nichts mehr fürchten als ihr Coming Out. Ihr Komplize, der Anwalt Trevor, findet den Namen der Herren heraus, die nach zwei, drei freundlichen Köder-Briefen erpreßt werden.

Grishams Plot fährt zweigleisig: Während die Bruderschaft gemütlich die ersten hunderttausend Dollar aus ängstlichen Provinzschwulen herauspreßt, baut der gelähmte CIA-Chef Teddy Maynard mit ein paar Millionen einen neuen Präsidentschaftskandidaten auf. Und mit diesem zweiten Gleis gerät der Roman aus der Spur. Grisham bemüht die alte amerikanischen Verschwörungsmythen: „Abermals wurde Aaron Lake zu dem Raum tief in der Zentrale der CIA geführt.“ Der an den Rollstuhl gefesselte CIA-Chef findet die Welt nach dem kalten Krieg sehr unübersichtlich und sieht die Führungsrolle der USA immer mehr schwinden. Er will ein starkes Pentagon, mehr Waffen und ein Regime der eisernen Hand. Er lanciert in kürzester Zeit den Nobody Aaron Lake als Kandidaten und schickt ihn mit einer einzigen, erstschlagkräftigen Botschaft ins Rennen: Pershing statt Pille Palle.

Teddys Mann denkt global: „Was ist mit den Chinesen?“ Die Rüstungsindustrie ist begeistert und spendet ein paar hundert Millionen, mit denen sich Lake das Präsidentenamt kauft. Der CIA drückt zwei, drei High-Tech-Knöpfe und hilft mit huschender Manpower aus der Welt der Agentenschatten. So weit, so schlicht. Problem: Teddy hat Lakes Faible für knackige Knackis übersehen. Bald wird Aaron Lake von der Bruderschaft erpreßt. Drei ziemlich kleine Nummern ziehen das ganz große Los. Grishams billiger Ghostwriter ist der Zufall.

Der Plot ist ebenso sympathisch wie unglaubwürdig: die nicht besonders hellen Ganoven bringen mit Hilfe eines trunksüchtigen Looser-Anwaltes, zwei anonymen Postfächern und einem knatternden VW-Käfer ohne Klimaanlage die globalen Pläne des allmächtigen CIA durcheinander. Wie ein Minotaurus sitzt das Gehirn Teddy in seinem Rollstuhl im Zentrum seiner Intrigen, über seinen gelähmten Beinen ein Plaid, als wollte er seine Bockshufe verstecken. Lautlos rollt er in seinem CIA-Bunker hin und her, die Hände schwielig vom Antrieb der Räder, während sein Präsidentschaftskandidat mit geleasten Learjets hochoktanige, geheime Muster in den weiten, amerikanischen Himmel fliegt. Testet der Russe einen Jagdbomber, fährt Teddy ein Phantomschmerz in die gelähmten Glieder, die ein mysteriöses Wahrnehmungsorgan für alles Kranke in der Weltpolitik sind: „Wieder dachte er an Teddy Maynard, der mit einer decke über den Knien, mit schmerzverzerrtem Gesicht in Langley in einem abgedunkelten Raum saß und Drähte zog, die nur er ziehen konnte.“ Noch vor seiner Morgenrasur stürzt das Master Mind zwei Regierungen, läßt für seine dunklen Pläne klammheimlich eine Atombombe über den Khyber-Paß kutschieren und könnte selbst Gaddhafi noch zu einer zweiten Karriere als Schönheitskönigin der Philippinen verhelfen. Nur Tick, Trick und Track aus dem gemäßigten Vollzug in Trumble sind eine zu harte Nuß für ihn. Schließlich siegt der Trottel-Trust über das Killer-Kartell.

Der Plot der „Bruderschaft“ ist aberwitzig. Grishams Stil hingegen muß der CIA um die Ecke gebracht haben. Es gibt ihn einfach nicht. Die Schattenrhetorik. So unterlaufen Grisham wenigstens keine Stilblüten. Er leidet nur an kleinen pawlowschen Stilreflexen. Zeigt einer seiner Protagonisten Gefühle, schiebt Grisham zwanghaft nach: „und er schämte sich ihrer nicht.“ Immer wieder. Und schämt sich dessen nicht. Während Aaron Lakes Wahlkampagne erringt vor allem das Wort „Erdrutschsieg“ einen sprachlichen Erdrutschsieg. Doch zwei, drei Sitzungen in Teddys Abteilung für rhetorische Dekonditionierung, und diese Übel dürften schnell behoben sein. Der ehemalige Anwalt Grisham hat einen protokollarischen Stil. Keine Atmosphäre, keine Beschreibung. Lieblos wird die hanebüchene Handlung im luftleeren Raum abgespult. Man weiß nicht mal, ob Teddy über Laminat oder Parkett rollt.

Literarisch muß man nicht viel von einem Grisham erwarten. Ein Kampfhubschrauber muß nicht die Goldberg-Variationen modulieren können. Aber man möchte in einem statthaften Thriller doch wenigstens hin und wieder hyperbolische Sätze lesen dürfen, die eine gewisse, wenn auch machistische Poesie entwickeln. In etwa: „Sanft schimmerte die Morgensonne auf der matt polierten Metalloberfläche des Zielfernrohrs, während sich in seinem Innern die warmen Strahlen zu präzisen, tödlichen Bildern bündelten.“ Doch ob tödlich oder präzise, Grishams Zielfernrohre zeigen keine Bilder.

Die Charaktere der „Bruderschaft“ sind so eindimensional, daß sie problemlos hinter den Flachbildschirm von Grishams Schreibcomputer passen. Die inkonsistenten Schattenmänner werfen keine Schatten. Ihre Mimik kommt aus der Maske des Dr. Caligari: „Quince erschrak entsetzt zusammen. Er erbleichte und sein Gesicht verzerrte sich in Panik.“ Das Schattenkabinett des Dr. Caligari.

Insgesamt thrillt dieser Thriller nicht besonders. Und darf in einem Spannungsroman der Ausdruck „kleine Heinzelmännchen“ vorkommen? Verglichen mit dem USA-Wahlthriller 2000 ist seine Story um den gekauften Präsidenten so schal wie ein stehengebliebenes Glas Champagner von Richard Nixons Wahlparty. Und mit Figuren wie dem Ex-Elf-Manager Alfred Sirven, der bei seiner Festnahme noch schnell die Chip-Karte seines Mobiltelefons schluckt, um seine letzten Gesprächspartner zu schützen, muß man erst einmal konkurrieren. Ist nun der beste Thriller-Autor immer noch die Wirklichkeit? Nein. Aber sie ist ein verdammter Profi, gegen den nur die Allerbesten eine Chance haben.

„Die Bruderschaft“ kann man getrost mit nur einer Hirnhälfte lesen. Mit der anderen läßt sich derweil über Steuertricks brüten. Schließlich fällt die Steuererklärung alljährlich in ungefähr dieselbe Periode wie der neue Grisham. Und die Stimulierung der kriminellen Phantasie kann gerade in dieser Zeit nicht schaden.

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John Grisham: Die Bruderschaft. Roman
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Wilhelm Heyne Verlag, München 2001
448 Seiten, XX,YY DM

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