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Neil LaBute: "Wie es so läuft" (Programmheft Theater Bonn)

Was so gespielt wird

Neil LaButes Trompe-l’oeil-Stück "Wie es so läuft" (Programmheft zur deutschen Erstaufführung im Theater Bonn, Spielzeit 2006)

Okay. Das wird hier also gespielt. Schauen wir uns das einmal ein bißchen genauer an. Setzen Sie sich doch mal. Sie machen mich nervös, wenn Sie da dauernd so herumstolzieren. Was wird hier gespielt? Mann und Frau. Kennen Sie, oder? Wer ist eigentlich die Blonde da neben Ihnen? Ihre Frau? Sicher? Egal. Geht mich nichts an. Ich bin hier nur der angeheuerte Programmfuzzi. Sogar die Programmhefte werden heutzutage outgesourcet. Na ja, ich will mich nicht beklagen. Ich hätte eine Menge sein können: Mummy’s Darling, Daddy’s Schande, Rechtsanwalt oder der Liebhaber Ihrer Frau. Okay, noch ist nichts verloren, kann alles noch werden. Immerhin muß ich nicht über Ihrer Garage wohnen. Das Leben kann noch werden. Aber momentan bin ich hier nur das hired gun, und Sie setzen sich jetzt bitte hin.

Was war eigentlich der letzte Satz, den Sie zu Ihrer Frau gesagt haben? „Komm Schatz, es hat schon drei Mal geklingelt, gleich geht das Stück los“? Was bedeutet das genau? Vielleicht: Beweg endlich deinen fetten Zellulitis-Hintern, dauernd mußt du so herumtrödeln, immer muß ich dich drängen, überhaupt muß ich alles machen, wenn ich nicht wäre, würdest du für einen Euro im Stadtpark Kippen auflesen, ist doch wahr? Ich meine ja nur.

Darf ich mich jetzt bitte mal konzentrieren? Danke. Was wird hier gespielt? Ein Mann. Namenlos, also Prototyp. Alle Männer. Netter Prototyp eigentlich. Lustig irgendwie. Ein Clown. Clowns verzeiht man alles. Oder? Vom ersten Satz an wickelt uns der charmante Bursche um die Finger. Er plappert sympathisch vor sich hin. Er macht nur Spaß. Muß er, steckt so in ihm. Er war der Fettsack auf seiner Highschool. Seitdem kompensiert er seine Häßlichkeit mit Scherzen. Er brachte all die American Beauties zum lachen. Aber eine wirkliche Chance bekam er nie. Nun ist er nicht mehr so fett, und es scheint ganz so, als würde er seine Chance bekommen. So einer wird seine Chance ergreifen, da können Sie Gift drauf nehmen.

Gott, ist das alles harmlos hier! Kommt Ihnen nicht auch schon das Gähnen? Beziehungsdreieck, amerikanische Kleinstadt, der Klassenclown trifft die vergötterte Cheerleader-Schönheit wieder. Versucht, sie ihrem Mann Cody auszuspannen, der schon immer die notorische Sportskanone, der verkniffene Leistungsträger, kurzum: der erbärmliche Sack war. Ach so, kleines Detail noch: Cody ist weit und breit der einzige Schwarze in dieser Kleinstadt. Sagt man das noch so, „Schwarzer“? Wie sagen Sie eigentlich zu denen? Afroamerikaner? Bißchen lang, oder? Klingt außerdem irgendwie nach politisch korrekter Kirchentag-Tussi, die sich weder Beine noch Achseln rasiert. Bei „Afroamerikaner“ muß ich immer an verwilderte Bikinizone denken. Dschungel am Gürteläquator. Egal, bei uns gibt’s sowieso nicht so viele von denen. Afrodingsda meine ich. Sagen Sie mal laut „Jude“. Na los, kann nichts passieren. Wir sind hier im Theater. Da ist alles erlaubt. Jude. Klingt komisch, oder? Obwohl’s so schön kurz ist.

Jedenfalls: Was dieser LaBute-Vogel uns da serviert, sind alles uramerikanische Zutaten einer flinken Broadwaykomödie. Was bitte soll das in einem deutschen Stadttheater? Zahlen wir dafür unsere Steuern? Demnächst spielen sie „Pomp Duck“ in den Kammerspielen und servieren dazu ein leicht verdauliches H5N1-Menü. Gehen Sie am besten gleich mal zum Bürgermeister und heizen Sie dem ein bißchen ein. Hat Bonn überhaupt noch einen Bürgermeister? Oder sitzt der jetzt auch in Berlin? Vielleicht entläßt der Berliner Bürgermeister ja den Bonner Intendanten. Macht man heute so. Kündigungen inspirieren das Team, schaffen kreative Atmosphäre. Erst am Rande des Absturzes läuft die Mittelklasse zu ihrer Höchstform auf. Am Rande des ökonomischen Absturzes, wohlgemerkt. Den emotionalen haben wir schon lange hinter uns. Werden Sie schon sehen. Übrigens: Dieser LaBute ist Mormone. Wußte gar nicht, daß die jetzt schon Theaterstücke in der Fußgängerzone verteilen.

Okay, zugegeben, wenn wir ein bißchen genauer zuhören, ist das ganze Theater hier vielleicht doch nicht sooo harmlos. Irgendwie ist all dieses amüsante Geplapper so, wie soll ich sagen, entlarvend. Dieser seltsame Mormonenvogel will uns offensichtlich zeigen, wie es so läuft im subatomaren Bereich des alltäglichen Geschwätzes. Welche Dramen unter unserem Gestammel wohnen. Aggressivität, Liebessehnsucht, Einsamkeit. Der ganze Bullshit, schon klar. Selten wurde der Kontrast zwischen den großen zwischenmenschlichen Themen und einer ausgedorrter Floskelsprache so eindrucksvoll herausgearbeitet - das sind so die ausgedorrten Floskeln eines angeheuerten Programmfuzzis, die er sich für teuer Steuerkohle abkaufen läßt, damit er nicht über Ihrer Garage einziehen und Ihnen die sexy Blondine ausspannen muß. Also hören Sie auf zu maulen. Ökonomischer Zwang heizt unterschwelliger sprachlicher Aggressivität noch am effektivsten ein. Jesus Christ, haben wir das hier alles nicht schon mal gehört?

Also noch mal ganz langsam für die dösigen Strickliesl aus der letzten Reihe: An der Aldi-Kasse spielen sich Shakespearsche Dramen ab. Die Puppenheime von heute sind all die trostlosen Transiträume, unsere Shopping Malls, Flughafen-Lounges und Garagenwohnungen. Hey, ich meine Garagenwohnungen! Ja, entlarvend, das ist wohl richtige Wort. Auch wenn es nach unausgeschlafenem Deutschlehrer klingt. Im Guerilla-Krieg des Ehebruchs, des Betrugs und der Dauerbrunft verstecken wir uns im Gestrüpp des „Hey“, „Ach so“, „Wow“ und „Na ja“. Selbst die Sprache ist nur noch ein Transitraum geworden. Wie wohnen schon lange nicht mehr in ihr. Aber für ein Date reichen diese Transiträume immer noch. Ein Date mit uns selbst, vielleicht sogar mit unserer Jugendliebe. Wow. Obwohl es regelrecht ein mormonisches Wunder ist, daß wir die Hübsche doch noch an den Wickel bekommen haben. Denn sogar die Orte unserer schönsten Erinnerungen sind zur Shopping Mall mutiert. Menopause-Muttis schieben Einkaufswagen voller Klopapier und Katzenfutter durch unsere Erinnerungen vom ersten Kuß. Scheiße.

Mal ganz ehrlich: Ist das wirklich ein mormonisches Wunder, daß wir unsere Cheerleader-Liebe nach all den Jahren doch noch an den Wickel bekommen haben? Ein Zufall? Oder haben wir das alles arrangiert? Ausspioniert, aufgelauert, zugeschlagen? Egal, jedenfalls sind wir ganz und gar zersiedelt. Alles ist zerfasert. Unsere Sprache, unsere Erinnerungen, die Orte, an denen wir leben. Ist das überhaupt noch ein Leben? Oder nur noch „so was in der Art“? Ist das überhaupt noch Sprache? Oder nur noch, na ja, Sie wissen schon, was ich meine...

Gut, Zwischenstand: Insgesamt ein irgendwie romantisch-moralistisches Stück: Sprachkritik, Entlarvung der Mittelklasse, ihrer Sehnsüchte, Frustrationen und Aggressionen. Das übliche Trallala, der ganze lauwarme Updike-Kram. Muß ich dafür ins Theater? Mir die Schuhe putzen, mühselig Babysitter und Parkplatz suchen und mir dann noch ein verquastes Programmheft antun?

Warte mal, sei mal still eben, mir fällt gerade was auf: Irgendwas stinkt hier plötzlich ganz gewaltig, oder? Irgendwie ist das Geplänkel unseres Burschen recht, wie sagt Ihr da draußen, ergebnisorientiert, nicht wahr? Ziemlich zielführend. Hört sich zwar nach lockerem Geshaker an, ist aber schon irgendwie verdammt raffiniert. Haben Sie nicht auch dieses Gefühl, unter dem losen Geplapper und all den Floskeln schnürte sich ein perfider Plot. So ein typischer amerikanischer Plot. Was führt der sympathische Clown im Schilde? Wo ist hier das Problem? Gut, die zwei, drei rassistischen Stänkereien zwischendurch, das ist in Ordnung, man wird ja wohl mal lachen dürfen. Dieser Cody ist zwar ein Dingsda, ein, äh, Schwarzer, aber man kann ja schwarz sein und trotzdem ein Arschloch. Und das ist Cody ja wohl wirklich. Die paar Scherze auf Codys Kosten sollen unser Problem nicht sein. Kleine Seitenhiebe gegen die politische Korrektheit sorgen für frisches Diskussionsklima. Harald Schmidt hat auch immer ganz geile Polenwitze gemacht.

Aber irgendwie wickelt uns dieser Mann schon ziemlich um die Finger, finden Sie nicht? Der erzählt uns doch, was er will. Überhaupt, was soll das mit diesem Erzähler? Warum spielen die uns nicht einfach was vor, schließlich haben wir uns Babysitter und Parkplatz gesucht. Da wollen wir keinen Erzähler. Da kann man auch gleich zuhause auf dem Sofa bleiben und ein Hörbuch in den MP3-Player mit Babyphone-Funktion schieben.

Anyway, nachdem uns der Bursche zwei Mal unterschiedliche Versionen der Ereignisse serviert hat, können einem schon die Zweifel kommen. Mir jedenfalls. Dieser lustige Clown ist ein richtiger kleiner Diktator. Er läßt Willkür in seinen Erzählungen herrschen. Der schwarze Cody hat die Kohle, der weiße Erzähler das Sagen. Um seine soziale Perspektive sieht es zwar ziemlich übel aus, aber dafür bleibt ihm immer noch die Erzählperspektive. Obwohl ein Teil des Black America zu Geld gekommen ist, behält das White America die Definitionsmacht. Unser weißer Bursche macht mit seiner Geschichte über Cody, was er will. Ist halt Anwalt. So einer manövriert dich genau dahin, wo er dich haben will. Der parkt dich rückwärts aus der Bredouille raus. Oder rein. Pech gehabt, Kumpel. Diese Kerle schwatzen sogar noch O. J. Simpson oder Michael Jackson aus dem Knast. Obwohl das eigentlich deren angestammter Platz ist. Knast oder Busrückbank. Hey, kleiner Scherz, immer schön locker bleiben. Oh, Sie finden diese Schwarzen-Witze gar nicht so skandalös? Wir können auch gerne noch mal über Juden reden. Ich hab Zeit. Wenn ich will, kann ich hier das ganze Programmheft volltexten.

Paß auf, ich sag dir was: Wir müssen verdammt noch mal auf der Hut sein in diesem Stück. Wir sind in den USA. Da wird alles zum Deal. Alles ist Verhandlungsmasse. Auch die Eheprobleme. Da drüben kannst du sogar deine eigene Frau gegen einen Parkplatz eintauschen. Nur zum Beispiel. Und als Dramatiker kannst du in New York City einen Riesen Reibach machen mit einer effektvoll konstruierten Dreiecksgeschichte, die nach allen konventionellen Regeln amerikanischer Dramaturgie-Gurus zusammengeschraubt wurde, und trotzdem mit dem Spektakel die ganze Bühne voller Hollywood-Stars hochgehen lassen.

Ja, es ist noch vertrackter, Compañero: Gerade indem du es auf die konventionelle amerikanische Art machst, kannst du genau diese uramerikanische Art Amok laufen lassen. Wie es so Amok läuft. Du kannst die Strukturen des oberflächlichen Spektakels nutzen, um eine Gesellschaft des oberflächlichen Scheins implodieren zu lassen. „Affirmative Subversion“ sagen wir Programmfuzzis dazu: Sich die Strukturen des Gegners aneignen, um sie zu unterwandern. Du läßt die Zuschauer denken, alles sei nur eine brillante Konstruktionsübung, verführst sie mit konventionellen Konstellationen, und dann löst du allmählich alles auf. Peng.

Und dann sitzen wir in einer schnellen Screwball-Comedy, lachen über einen sympathischen Clown, einen Mann wie du und ich, und nach 45 Minuten ist nichts mehr sicher. Wer ist hier eigentlich der Drecksack? Wer verkauft hier wen? Wer führt hier wen an der Nase herum? Vor allem: Warum waren wir bereit, so lange über diesen ulkigen Burschen zu lachen? Sollten wir uns nicht schämen? Eins steht fest: It’s a boys-game. Und am Schluß ist dieses komische Stück tatsächlich eine profunde Meditation über Wahrheit. Das nenne ich Mehrwert. Dafür zahlen wir dann doch gerne unsere Steuern, oder? Lügner sind Diebe der Wahrheit, sagt Cody. Das ist einer der wenigen Momente, wo unser Clown ihm Recht geben muß. Wer ist der Dieb? Wenn man genau hinschaut, und LaBute schaut genau hin, beruhen hier alle Beziehungen auf Lügen. Wenn das so läuft, ist das nicht in Ordnung. Dann ist das nicht einmal mehr okay.

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