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"Verräter töten wir" - Interview mit einem Massenmörder

Heute beginnt in Paris der dritte Prozess gegen den einstigen Top-Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, genannt „Carlos“. Anklage: Handgranaten-Attacke in einem Pariser Luxuskaufhaus am 15.09.1974. Opfer: 2 Tote, 34 Verletzte.

Vor Gericht sagte Carlos: „Ich bekenne mich zu allen Verletzten und Toten. Ich bin ein Held des palästinensischen Widerstands, und ich bin der einzige Überlebende seiner europäischen Führungskräfte, denn ich habe immer schneller geschossen.“

Hier ein Interview, das ich 2010 mit Carlos geführt habe (stern.de)

Alzheimer FM

Jetzt hören die Fassadenmaler "Holding Out for a Hero" von Bonnie Tyler. Es gibt keinen Gott. Er wurde auf einem Baugerüst gekreuzigt und ist nie wieder auferstanden. Maria Magdalena weinte und hörte Alzheimer FM.

Pinocchio

Eines Morgens befand Herr Keuner, sein Sohn sei nicht Menschs genug. Klotzartig kegele er durchs Leben, ecke hier und dort allzu grob an, verlange insgesamt nach mehr Schleif & Schmirgel. Keuner schickte ihn zur Fremdenlegion, doch zurück kam ein noch kantigeres Gebilde, das unförmig im Wohnzimmer stand, dem Gesamteindruck kaum zum Schmucke.

Die Keuners wollten schon gar verzweifeln.

Doch da kam ein Herr mit feinen Gesichtszügen des Weges, nahm den Keuner junior bei der Hand und führte ihn in ein Konzert in der Elbphilharmonie. Und siehe, aus Keuner junior ward ein exemplarischer Pinocchio der Kulturnation Deutschland.

FRÜHJAHRSVORSCHAU: "Auf Zebrastreifen durch die Nacht"

0,001 Prozent von Deutschland sind mit Zebrastreifen bepinselt. Kein anderes Land hat solch einen riesigen Schutzraum zu bieten. Chiffre für funktionierenden Sozialstaat, Nanny-Republik und gelebte Orgon-Therapie. Es gibt sage und schreibe vierzig Milliarden Kilometer Zebrastreifen in der Bundesrepublik. Eine Strecke von hier bis zum fernen Planeten "Media Markt“.

Für sein neues Buch ist Stephan Maus ein Jahr lang ausschließlich über deutsche Zebrastreifen gewandert. Vom Darßer Leuchtturm an der Ostsee bis auf den Gipfel der Zugspitze durchmaß er eine Republik im Umbruch. Sie werden ihn sicher nicht gesehen haben, denn der preisgekrönte Wettkampf-Pflüger trug in dieser Zeit Didi Hallervordens alten Streifenpyjama aus dem „Palim, palim“-Sketch. Dergestalt war Maus perfekt getarnt. Unsichtbar durchquerte er die Heimat seiner Vorfahren und die letzte Ruhestatt all seiner verstorbenen Haustiere.

Die Strecken zwischen den Dickstrichketten legte Maus auf dem Rücken des jungen Steppenzebras "Barcode" zurück. Er schlief auf Verkehrsinseln, in Streugut-Kisten und stehend in von Termiten ausgehöhlten Notrufsäulen. Immer wieder begegnete er Menschen, zu denen er sonst keinen Zugang gefunden hätte: Tankwarte, Gelbe Engel, Arschlöcher.

So entstand ein großes Wanderbuch in der Tradition von „Hit the road, Jack“, „Kamasutra“ und „Polaroid-Bildnisse der jungen Susanne Klatten.“ Dieses Buch ist auch eine Antwort auf die brennende Frage: Germany, what the fuck?

(Erscheinungstermin: 23.3.2017)

Mc Fit

ich hätte so gerne

zusammen mit rolf dieter brinkmann

eine franchise-fitness-bude

auf der sonnenallee eröffnet

ganz am ende

grenze treptow

Sasha Waltz eröffnet Lidl Premium-Filiale in Barmbek

Die Tanztheater-Rebellin ließ ihr 36-köpfiges Ensemble „Ratatouille 125.VZ“ in der Bio-Abteilung herumtollen. Beeindruckende Körperperformance zu einem verschollen geglaubten Einkaufszettel von Arno Schmidt (Caro-Kaffee, Apfelkorn, Dosengulasch, Brillentücher).

Nichts Bedeutungsschweres hatte dieser Abend, sondern strahlte Witz und eine Leichtigkeit aus - als habe sich die 53-jährige international gefeierte Choreografin von der Neugier inspirieren lassen, mit der Kinder im Ferienhaus die Treppen hochstürmen, um sich sofort auszumalen, für welche Spiele es sich am besten eignet und wo die besten Verstecke sind.

Musik: Bimbrio Maserati mit einem Divertimento für 433 Europaletten, drei Hafencontainer und die Mezzosopranistin Funghia Conchiglione.

Donald Trump telefoniert mit Pietro Lombardi

"Pietro, Du machst großartige Arbeit! Arbeit, die jeden Tag sichtbar ist. Du hast einen phantastischen Ruf. Du bist ein phantastischer Kerl, Pietro. Wo kommst Du eigentlich her? Dein Name klingt so komisch. Mexiko? Nein? – Karls... what? Ah, KarlsRUHE! Wow, Karlsruhe ist großartig. Karlsruher gehören zu den intelligentesten Menschen überhaupt. Bitte sag der Karlsruher Bevölkerung, dass sie großartig ist und alle Karlsruher, die ich je getroffen habe, außergewöhnliche Menschen waren. Pietro, ich bin bereit, jegliche Rolle zu übernehmen, die Du möchtest, um Lösungen für ungeklärte Probleme zu finden. Es wird mir eine Ehre sein, und ich werde mich persönlich darum kümmern. Grab her by the pussy, man!"

Junge Lyrik aus dem Trump-Tower

Was nur wenige wissen: Der kleine Barron Trump ist ein vielversprechender Nachwuchs-Lyriker. Hier sein letztes Werk (Übersetzung: Shania Tyra Geiss)

CAPO TESTA, OKTOBER 2016

Im Valle di Luna
Träumen Hippies in Tafoni-Höhlen
Hinter wehenden Tagesdecken
– Lindgrün.
Rechenkästchen aus Schildpatt
Schieben sich durch Wollsackverwitterung.

Einfach, des ersten Rätsels Lösung:
Schildkröte.
Das zweite verschwindet raschelnd in der Macchia:
Quadratur des Kreises.

Steinzeitdiät im Selbstversuch: "Bis die Fontanelle platzt"

Ich bin 48, mein Body-Mass-Index ist 25, mein Kung Fu passabel, und eigentlich geht's mir blendend. Aber könnte es mir nicht besser gehen? Wenn ich in mich reinspüre, dürfte mein Geist gern etwas aufgehellter sein, irgendwie pastellfarbener, und mein ganzer Metabolismus gern etwas sanfter schnurren. Wenn ich mein allmorgendliches Oben-Ohne-Selfie schieße, sehe ich Optimierungspotential.

Um mich rum überall Jogger. Mit ihren Kardio-Trackern am Oberarm sehen alle aus, als wären sie gerade aus der Notaufnahme abgehauen. An jeder Salatbar ist die Hölle los. Und ich schaufele immer noch rheinischen Sauerbraten mit Kartoffelbrei in mich hinein, als hätte ich gerade erst eigenhändig das zerbombte Nachkriegsdeutschland wieder aufgebaut. "Sättigungsbeilage!" heißt mein Schlachtruf am Büffet. So kann zeitgemäße Ernährung nicht aussehen.

Fest steht: Ich könnte mehr PS auf die Straße bringen. Und sollten wir das nicht alle in so unsicheren Zeiten wie diesen? Konkurrenzfähig bleiben. Am Nebenmann vorbeiziehen? Besseren Antritt hinlegen? Außerdem fehlt mir ein Glaube. Gott ist möglich. Aber ich spüre ihn nicht richtig. Ein System, die Welt zu ordnen in Gut und Schlecht, wäre schön. Ein klares Weltbild und Vitamin C schützen vor Sommergrippe. Eine Essensreligion wäre wunderbar. Wechseljuicer, Flexitarier, Flexiganer – egal: Irgend ein Foodamentalismus muss her.

Aber originell müsste es sein. Je ausgeklügelter die Lehre, desto interessanter der Adept. Bewusst essen ist das neue Statussymbol. Wer sich gut nährt, erntet Anerkennung, hat was zum Smalltalken und erhöht seine Chancen auf den Dating-Portalen. Außerdem predige ich gern. Weiß aber meist nicht, worüber. Der große Goji Beeren-Sermon wäre ein Ausweg.

Die Essensreligionen sind auf den ersten Blick unübersichtlich. Der Optimierungswahn boomt und treibt schillerndste Blüten. Ich könnte zum Beispiel auf Nachtschattengewächse verzichten. Langweilige Story irgendwie. Dann schon eher Beyoncé-Diät: Mit Reis, Kartoffeln und Nudeln zur Diva. Oder eine von Gwyneth Paltrows Detox-Kuren. Wundermittel Grünkohlsaft! In Kalifornien ist Grünkohl das neue It-Gemüse. Und Detox ist immer gut. Wer fühlt sich nicht vergiftet, schmutzig, unrein? Gerade jetzt im Frühjahr. Oder ist schon Sommer? Sehen Sie: Ein undurchdringlicher Schleier liegt über meinem Bewusstsein.

Leider hat meine spirituelle Nähe zu Gwyneth Paltrow etwas nachgelassen, seit sie die Vagina-Reinigung mit Wermutkraut-Dampf propagiert. Dazu kommt, dass ich langsam in die Midlife Crisis komme. Da ist es wichtig, seine Männlichkeit noch einmal neu zu fokussieren. Bin ich nicht viel zu metrosexuell? Ist mein Lachen nicht genau eine Oktave zu hoch? Sind das vielleicht all die Kälberhormone in der Milch? Ich bin kein Kälbchen! Ich bin ein Stier!

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Ferdinand von Schirach im Gespräch: "Das Dunkle ist in uns allen"

Herr von Schirach, in Ihrem Theaterstück "Terror" kapert ein Terrorist eine Lufthansa-Maschine und steuert sie auf die voll besetzte Allianz Arena. Ein Kampfpilot widerspricht den Befehlen seiner Vorgesetzten und schießt die Passagiermaschine eigenmächtig ab. Der Pilot kommt vor Gericht. Am Ende des Stückes lassen Sie den Zuschauer über das Urteil abstimmen. So wird das auch in der Fernsehadaption des Stückes sein. Wie ist Ihr Urteil?

Es geht nicht um mich, es geht um die Zuschauer. Das Stück ist offen, wir stehen vor einem moralischen Dilemma. Vieles spricht für einen Freispruch. Der Pilot trägt eine ungeheure Last, er ist kein Krimineller, sondern will das Richtige tun. Trotzdem würde ich ihn verurteilen.

Muss er nicht 164 Menschen opfern, um 75.000 zu retten?

Das genau ist die Frage. Können wir zulassen, dass der Staat Leben gegen Leben aufwiegt? Verraten wir damit nicht, was uns ausmacht?

Was verrät derjenige, der wenige Menschen tötet, um viele zu schützen?

Unsere Verfassung beginnt mit dem Satz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Jeder Mensch ist unendlich wertvoll. Es gibt keine Abwägung. Das sind die Prinzipien, nach denen wir leben.

Vollständiges Gespräch auf stern.de