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Satoshi Nakamoto

Im August 2008 beschloss ich, mich aus dem liederlichen Literaturbetrieb zurückzuziehen und gänzlich mit dem Schreiben aufzuhören.

Die kalkulierte Weichheit kampagnenhafter Bücherfluten voll aufgestocherten Meinungsschlamms widerte mich nur noch an. Sollten sich doch die Hooligans des Firlefanzes draußen am Rande der Stadt fortan allein um Ruhm und Ehre prügeln. Bestseller sind für Idioten, die zu geizig sind, das Abo für DVB-T2 zu zahlen.

Die riesige Serverfarm, die bislang all meine experimentellen Romane errechnet hatte, lag nach meinem mutigen Rückzug plötzlich brach. Stille in meinem Maschinenraum unten im Kellergewölbe. Das Haus kühlte aus, denn für gewöhnlich nutzte ich die Server-Abwärme zum Heizen. Es war ungemütlich.

An einem kalten Herbstabend 2008 schrieb ich bei einer Flasche Corbières die Bitcoin-Software. Es war das Wunderbarste, das jemals meinem Gänsekiel entströmte. 50 Tausend Zeilen strahlender C++-Code. Reine Kryptoschönheit. Pure Avantgarde.

Seit jenem Herbstabend nutze ich die Rechenkraft in meinem Keller, um Kryptowährung zu schürfen; seit jenem Herbstabend steigen die Kurse; seit jenem Herbstabend ist es wieder warm in meinem Haus.

Literaturkritiker interessieren mich nicht mehr. Ich bin jetzt der Alptraum aller Notenbanker.

Theodor W. Adorno: "Über 'Breaking Bad'"

In den US-amerikanischen Fernsehserien liegen Mechanismen, welche in Wahrheit der gesamten gegenwärtigen Ideologie, aller Kulturindustrie angehören, obenauf. Im Buhlen um Quote sind alle Formelemente des TV-Serienspektakels durch die kapitalistische Forderung nach seiner Tauschbarkeit völlig abstrakt vorgeformt. Die bestimmenden Züge an ihm sind die warenhaften. Diese Serien müssen gleichzeitig stets dasselbe sein und stets das Neue vortäuschen.

Leitkultur

Wir werden nun also die Frage zu diskutieren haben, ob eine Ode von Friedrich Hölderlin ganz ohne Kehrwoche, Weihnachtsstollen und Sauerbraten überhaupt denkbar wäre.

Ich sage nein. Gerade der genuin deutsche Sauerbraten ist ja eben jene kulturelle Basismarinade, aus dem eine Hölderlin'sche Ode überhaupt erst emporsteigen kann.

Emmanuel in Hamburg

G20-Ikone

Die Sherpas hatten ihn gelangweilt. Merkel hatte ihn gelangweilt. Alle waren so langweilig. Er war froh, als ihn die Kolonne von den Messehallen zurück ins Mövenpick im Schanzenpark brachte. Allein saß er oben in dem alten Wasserturm. So musste sich Rapunzel gefühlt haben. Verrückte Deutsche mit ihren verdammten Märchen.

Er stahl sich aus dem Schanzenturm. Immer der Musik nach. Es roch nach Feuerwerkskörpern und Döner. Wie es sich wohl anfühlte, jung zu sein? Er hatte das Gefühl, als hätten sie ihn direkt aus dem Kindergarten in den Élysée-Palast gewählt. Er streifte umher. Niemand erkannte ihn.

Plötzlich sah er sie. Sie sass auf einem Autodach. Die Arme erhoben, hinter ihr die Masse. Wie auf dem Revolutionsbild von Eugène Delacroix: "La Liberté guidant le Peuple". Aus dem Lausprecher hinter ihr kam "Get Lucky".

Später, am Bismarck-Denkmal, küssten sie sich. Sie ließen sich die ganze Nacht treiben, die nächste und übernächste auch. In der Roten Flora versorgten sie einen Verletzten und aßen ein veganes Curry. "Vokü", flüsterte Liberté. Und dann nahm man sie ihm. Steckte sie in die Gefangenensammelstelle in Harburg.

Er konnte es nicht ändern. So war das. Als eine Woche später der amerikanische Präsident zu Besuch in Paris war, ließ Emmanuel die Militärkapelle auf den Champs-Elysées "Get Lucky" spielen. Mehr konnte er nicht tun für Liberté. Trump verzog keine Miene.

Es war ihm egal. In seinem Herzen bebten noch die Hamburger Nächte. Er musste lächeln.

DROGENKRIEG IN MARSEILLE: Der Moloch und der Tod (stern)

In den Vorstädten von Marseille tobt der Krieg der Drogenclans. Die Dealer werden immer brutaler, die Opfer immer jünger. Eines von ihnen war Fahad Echata.

Der Mistral treibt Müll über den Parkplatz des Einkaufszentrums in der Hochhaussiedlung "Parc Kallisté". Gleich neben der Zufahrt feiert ein Graffito eine Städtepartnerschaft des internationalen Drogenhandels: Marseille – Bogota – Baltimore – Palermo – Malaga.

"Parc Kallisté", eine der berüchtigten Problemsiedlungen von Marseille: 753 Wohnungen, verteilt auf neun Gebäude. 18 Stockwerke Verwahrlosung. In den Fluren stinkt's nach Katzenpisse. Riesig sind die Katzen hier. Genau wie die Ratten. Verfluchte Cité.

Manche Wohnungen sind vermauert, andere werden besetzt. Viele werden von "Schlaf-Händlern" zu Wucherpreisen untervermietet an Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung. Letzte Station vor der Obdachlosigkeit. In den Hauseingängen warten Dealer auf Kundschaft, Kapuzen tief ins Gesicht gezogen.

Viele Geschäfte haben schon zugemacht. Nur der Drogenhandel boomt. Auf dem Parkplatz fahren Autos aller Klassen vor. Der florierende Cannabismarkt ist umkämpft. Der Clankrieg wird immer brutaler. Und die Opfer werden immer jünger. Der 19-jährige Fahad Echata war eines von ihnen.

Vollständige Reportage auf stern.de

Waffenkunde

Der alte Meister erwies seinen Schülern den Gruß der Umschlossenen Faust und beendete seinen Unterricht mit den Worten: "Danke. Euer Kung Fu war gut."

Da trat der junge Li vor und sagte: "Meister, warum sagt ihr uns die Unwahrheit?"

Tian, kleinster und schmächtigster aller Schüler, sagte sanft: "Du musst der Wahrheit erst würdig sein. Sonst hast du nichts als die Lüge verdient."

Der Meister sah die beiden lang und undurchdringlich an. Dann schritt er zur Drachentruhe, entnahm ihr zwei Schwarzgurte und legte sie den beiden Anfängern um.

Als er sie der Schule verwies, gab er ihnen folgende Worte mit auf den Weg: "Ihr verfügt über schreckliche Waffen. Führt sie mit Bedacht."

Meine Jahre in Oxford

5:15 Uhr in der Früh. Die eisige Gischt spritzt über den Bug und uns ins Gesicht. "Gut gegen Deinen Whiskey-Schädel", sagt der Earl of Wombat. Altschottischer Hochlandadel.

Unser knarzender Zweier zieht an den alten Gemäuern von Oxford vorbei. Mehr Brücken als Duisburg-Süd.

Eigentlich soll ich hier für ein Semester studieren. Aber Earl Wombat hat mich in einen elitären Geheimclub eingeschleust. Die Bibliothek ist noch schöner als die alte SPIEGEL-Kantine.

Scroogeweazel, unser Logen-Ältester, hat uns eine Aufnahmeprüfung auferlegt: Wir müssen Banksy finden. Er soll sich hier irgendwo in eine vergessene Katakombe zurückgezogen haben, um sein künstlerisches Vermächtnis zu schaffen. Denn Banksy leidet an Crocodile-Sucht. Die Todesdroge aus den Underground-Laboren Odessas.

Der geheimnisvolle Sprayer will die alte Katakombe in eine neue Sixtinische Kapelle verwandeln. Das hat Schirrmacher Markwort gesteckt. Es heisst, Banksy wird alles verarbeiten, was er über 9/11 weiss. Scoop!

Aber ich komme einfach nicht zu dem Banksy-Scheiss. Seit einem halben Jahr hat mich Sergei, der kasachische Oligarchen-Spross, in die Cagefight-Szene von Harvard gezogen. Das Kämpfen ist wie ein Rausch.

Ich glaube, jetzt kann mich nur noch Penny retten. Wombats Zimmermädchen. Wir wollen zusammen durchbrennen. Penny hat einen Plan, wie sie Oxford aus meinem Kopf und Penny reinbringt: Ein Jahr ins Shaolin-Kloster. Oder soll ich doch lieber Kieser-Training bei der 'Ndrangheta machen?

Voting morgen ab 17:00 auf SPIEGEL online.

Alain de Botton: Living Architecture

Früher tranken Philosophen wenigstens noch den Schierlingsbecher, erdrosselten ihre Frau, wurden schier verrückt und küssten Pferde während der Passeggiata.

Der Philosoph Alain de Botton lässt Star-Architekten schöne Ferienhäuser bauen.

Interview mit Kabarettist Serdar Somuncu: "Erdogan tut alles dafür, im Knast zu landen" (stern)

Herr Somuncu, erklären Sie uns Recep Tayyip Erdogan.

Beginnen wir mit einer Allegorie. Ich mähe gleich Rasen.

Elektrischer Sitzrasenmäher?

Nein, Benzin-Motor. Es muss laut sein und stinken.

Öl, Benzin, Krach: Das muss das proletarische Erbe des Gastarbeiterkindes sein.

Ich liebe Rasenmähen. Bin ich da nicht urdeutsch? Mein größter Feind ist der Maulwurf. Der Maulwurf symbolisiert Erdogan. Er gräbt sich von unten in den deutschen Rasen. Der Rasen ist die Demokratie. Die gewachsene Demokratie. Und er baut sich so einen Gang unter dem Rasen. Zwischendurch kommt er raus, weil er keine Luft mehr bekommt. Ist aber so ein Schisser, dass er sich sofort wieder versteckt.

Ist Erdogan verrückter Diktator oder kluger Stratege?

Erdogan denkt nicht, dass er Diktator ist. Er denkt, er kämpft gegen eine unsichtbare Staatsmacht. Er ist Revolutionär. Er denkt, er sei gerade aus dem Knast rausgekommen und müsste verhindern, wieder reinzukommen. Aber er tut letztendlich alles dafür, dass er irgendwann wieder dort landet. Auch Erdogans Außenpolitik ist so. Er legt sich an mit Putin, er legt sich an mit den Amerikanern, er legt sich an mit Europa. Und in dem Moment, da er merkt, dass er zu weit gegangen ist, zieht er sich zurück und wartet ab.

Welchen Plan verfolgt Erdogan?

Er befürchtet, dass das Referendum zu seinen Ungunsten ausgeht und er die Macht verliert. Er befürchtet, dass die Eliten in der Türkei aufständisch werden. Das würde einen Bürgerkrieg bedeuten. Deswegen aktiviert er seine stärkste Bürgerwehr außerhalb der Türkei, nämlich die in Deutschland und Europa lebenden Türken, um sie auf seine Seite zu ziehen. Dabei riskiert er einen Bürgerkrieg in Deutschland.

Sie übertreiben.

Stellen Sie sich vor, es stirbt nur ein Türke in Deutschland, ein AKP-Anhänger oder ein Nicht-AKP-Anhänger in einem innertürkischen Zwist. Wir hätten in einer Woche Krieg. Erdogan geht ans Limit. Er provoziert, dass die Situation eskaliert.

Vollständiges Gespräch auf stern.de

Dankesrede für den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik

Danke für diesen Preis. Wurde auch Zeit. Jahrzehntelang habe ich irgendwelche Problemschmonzetten vom Balkan besprochen. Diese Langeweile! Vorteil: Du kannst schreiben, was du willst, weil eh keiner peilt, was das pseudo-avantgardistische Gestammel soll.

Literaturkritik, meine Damen und Herren, das heisst, sich mit Grenzerfahrungen extremster Art konfrontiert zu sehen. Jahrzehntelang auf Verlagsempfängen abhängen und über die besten Regalsysteme fachsimpeln. Jahrzehntelang sich mühselig mit dem Weiterverkauf von Rezensionsexemplaren über Wasser halten.

Der Dank? Hier & da ein Getränkegutschein für die Happy Hour irgendwelcher unabhängigen Verlage. Unabhängig, mein Arsch. Dafür habe ich mir doch nicht 20 Semester Kulturmanagement in Osnabrück gegeben.

Danke, Alfred Kerr. Von den 5000 Euro kaufe ich mir einen Rasenmähroboter. Gibt's was Geileres? Jetzt noch eine Creative-Writing-Professur, und ich kann mich endlich ganz meinen geliebten Ausmalbüchern widmen.

Scheiße, wäre ich bloß Rockstar geworden.