Skip to content

DROGENKRIEG IN MARSEILLE: Der Moloch und der Tod (stern)

In den Vorstädten von Marseille tobt der Krieg der Drogenclans. Die Dealer werden immer brutaler, die Opfer immer jünger. Eines von ihnen war Fahad Echata.

Der Mistral treibt Müll über den Parkplatz des Einkaufszentrums in der Hochhaussiedlung "Parc Kallisté". Gleich neben der Zufahrt feiert ein Graffito eine Städtepartnerschaft des internationalen Drogenhandels: Marseille – Bogota – Baltimore – Palermo – Malaga.

"Parc Kallisté", eine der berüchtigten Problemsiedlungen von Marseille: 753 Wohnungen, verteilt auf neun Gebäude. 18 Stockwerke Verwahrlosung. In den Fluren stinkt's nach Katzenpisse. Riesig sind die Katzen hier. Genau wie die Ratten. Verfluchte Cité.

Manche Wohnungen sind vermauert, andere werden besetzt. Viele werden von "Schlaf-Händlern" zu Wucherpreisen untervermietet an Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung. Letzte Station vor der Obdachlosigkeit. In den Hauseingängen warten Dealer auf Kundschaft, Kapuzen tief ins Gesicht gezogen.

Viele Geschäfte haben schon zugemacht. Nur der Drogenhandel boomt. Auf dem Parkplatz fahren Autos aller Klassen vor. Der florierende Cannabismarkt ist umkämpft. Der Clankrieg wird immer brutaler. Und die Opfer werden immer jünger. Der 19-jährige Fahad Echata war eines von ihnen.

Vollständige Reportage auf stern.de

Alain de Botton: Living Architecture

Früher tranken Philosophen wenigstens noch den Schierlingsbecher, erdrosselten ihre Frau, wurden schier verrückt und küssten Pferde während der Passeggiata.

Der Philosoph Alain de Botton lässt Star-Architekten schöne Ferienhäuser bauen.

Interview mit Kabarettist Serdar Somuncu: "Erdogan tut alles dafür, im Knast zu landen" (stern)

Herr Somuncu, erklären Sie uns Recep Tayyip Erdogan.

Beginnen wir mit einer Allegorie. Ich mähe gleich Rasen.

Elektrischer Sitzrasenmäher?

Nein, Benzin-Motor. Es muss laut sein und stinken.

Öl, Benzin, Krach: Das muss das proletarische Erbe des Gastarbeiterkindes sein.

Ich liebe Rasenmähen. Bin ich da nicht urdeutsch? Mein größter Feind ist der Maulwurf. Der Maulwurf symbolisiert Erdogan. Er gräbt sich von unten in den deutschen Rasen. Der Rasen ist die Demokratie. Die gewachsene Demokratie. Und er baut sich so einen Gang unter dem Rasen. Zwischendurch kommt er raus, weil er keine Luft mehr bekommt. Ist aber so ein Schisser, dass er sich sofort wieder versteckt.

Ist Erdogan verrückter Diktator oder kluger Stratege?

Erdogan denkt nicht, dass er Diktator ist. Er denkt, er kämpft gegen eine unsichtbare Staatsmacht. Er ist Revolutionär. Er denkt, er sei gerade aus dem Knast rausgekommen und müsste verhindern, wieder reinzukommen. Aber er tut letztendlich alles dafür, dass er irgendwann wieder dort landet. Auch Erdogans Außenpolitik ist so. Er legt sich an mit Putin, er legt sich an mit den Amerikanern, er legt sich an mit Europa. Und in dem Moment, da er merkt, dass er zu weit gegangen ist, zieht er sich zurück und wartet ab.

Welchen Plan verfolgt Erdogan?

Er befürchtet, dass das Referendum zu seinen Ungunsten ausgeht und er die Macht verliert. Er befürchtet, dass die Eliten in der Türkei aufständisch werden. Das würde einen Bürgerkrieg bedeuten. Deswegen aktiviert er seine stärkste Bürgerwehr außerhalb der Türkei, nämlich die in Deutschland und Europa lebenden Türken, um sie auf seine Seite zu ziehen. Dabei riskiert er einen Bürgerkrieg in Deutschland.

Sie übertreiben.

Stellen Sie sich vor, es stirbt nur ein Türke in Deutschland, ein AKP-Anhänger oder ein Nicht-AKP-Anhänger in einem innertürkischen Zwist. Wir hätten in einer Woche Krieg. Erdogan geht ans Limit. Er provoziert, dass die Situation eskaliert.

Vollständiges Gespräch auf stern.de

Dankesrede für den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik

Danke für diesen Preis. Wurde auch Zeit. Jahrzehntelang habe ich irgendwelche Problemschmonzetten vom Balkan besprochen. Diese Langeweile! Vorteil: Du kannst schreiben, was du willst, weil eh keiner peilt, was das pseudo-avantgardistische Gestammel soll.

Literaturkritik, meine Damen und Herren, das heisst, sich mit Grenzerfahrungen extremster Art konfrontiert zu sehen. Jahrzehntelang auf Verlagsempfängen abhängen und über die besten Regalsysteme fachsimpeln. Jahrzehntelang sich mühselig mit dem Weiterverkauf von Rezensionsexemplaren über Wasser halten.

Der Dank? Hier & da ein Getränkegutschein für die Happy Hour irgendwelcher unabhängigen Verlage. Unabhängig, mein Arsch. Dafür habe ich mir doch nicht 20 Semester Kulturmanagement in Osnabrück gegeben.

Danke, Alfred Kerr. Von den 5000 Euro kaufe ich mir einen Rasenmähroboter. Gibt's was Geileres? Jetzt noch eine Creative-Writing-Professur, und ich kann mich endlich ganz meinen geliebten Ausmalbüchern widmen.

Scheiße, wäre ich bloß Rockstar geworden.

"Verräter töten wir" - Interview mit einem Massenmörder

Heute beginnt in Paris der dritte Prozess gegen den einstigen Top-Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, genannt „Carlos“. Anklage: Handgranaten-Attacke in einem Pariser Luxuskaufhaus am 15.09.1974. Opfer: 2 Tote, 34 Verletzte.

Vor Gericht sagte Carlos: „Ich bekenne mich zu allen Verletzten und Toten. Ich bin ein Held des palästinensischen Widerstands, und ich bin der einzige Überlebende seiner europäischen Führungskräfte, denn ich habe immer schneller geschossen.“

Hier ein Interview, das ich 2010 mit Carlos geführt habe (stern.de)

Alzheimer FM

Jetzt hören die Fassadenmaler "Holding Out for a Hero" von Bonnie Tyler. Es gibt keinen Gott. Er wurde auf einem Baugerüst gekreuzigt und ist nie wieder auferstanden. Maria Magdalena weinte und hörte Alzheimer FM.

Pinocchio

Eines Morgens befand Herr Keuner, sein Sohn sei nicht Menschs genug. Klotzartig kegele er durchs Leben, ecke hier und dort allzu grob an, verlange insgesamt nach mehr Schleif & Schmirgel. Keuner schickte ihn zur Fremdenlegion, doch zurück kam ein noch kantigeres Gebilde, das unförmig im Wohnzimmer stand, dem Gesamteindruck kaum zum Schmucke.

Die Keuners wollten schon gar verzweifeln.

Doch da kam ein Herr mit feinen Gesichtszügen des Weges, nahm den Keuner junior bei der Hand und führte ihn in ein Konzert in der Elbphilharmonie. Und siehe, aus Keuner junior ward ein exemplarischer Pinocchio der Kulturnation Deutschland.

FRÜHJAHRSVORSCHAU: "Auf Zebrastreifen durch die Nacht"

0,001 Prozent von Deutschland sind mit Zebrastreifen bepinselt. Kein anderes Land hat solch einen riesigen Schutzraum zu bieten. Chiffre für funktionierenden Sozialstaat, Nanny-Republik und gelebte Orgon-Therapie. Es gibt sage und schreibe vierzig Milliarden Kilometer Zebrastreifen in der Bundesrepublik. Eine Strecke von hier bis zum fernen Planeten "Media Markt“.

Für sein neues Buch ist Stephan Maus ein Jahr lang ausschließlich über deutsche Zebrastreifen gewandert. Vom Darßer Leuchtturm an der Ostsee bis auf den Gipfel der Zugspitze durchmaß er eine Republik im Umbruch. Sie werden ihn sicher nicht gesehen haben, denn der preisgekrönte Wettkampf-Pflüger trug in dieser Zeit Didi Hallervordens alten Streifenpyjama aus dem „Palim, palim“-Sketch. Dergestalt war Maus perfekt getarnt. Unsichtbar durchquerte er die Heimat seiner Vorfahren und die letzte Ruhestatt all seiner verstorbenen Haustiere.

Die Strecken zwischen den Dickstrichketten legte Maus auf dem Rücken des jungen Steppenzebras "Barcode" zurück. Er schlief auf Verkehrsinseln, in Streugut-Kisten und stehend in von Termiten ausgehöhlten Notrufsäulen. Immer wieder begegnete er Menschen, zu denen er sonst keinen Zugang gefunden hätte: Tankwarte, Gelbe Engel, Arschlöcher.

So entstand ein großes Wanderbuch in der Tradition von „Hit the road, Jack“, „Kamasutra“ und „Polaroid-Bildnisse der jungen Susanne Klatten.“ Dieses Buch ist auch eine Antwort auf die brennende Frage: Germany, what the fuck?

(Erscheinungstermin: 23.3.2017)

Mc Fit

ich hätte so gerne

zusammen mit rolf dieter brinkmann

eine franchise-fitness-bude

auf der sonnenallee eröffnet

ganz am ende

grenze treptow

Sasha Waltz eröffnet Lidl Premium-Filiale in Barmbek

Die Tanztheater-Rebellin ließ ihr 36-köpfiges Ensemble „Ratatouille 125.VZ“ in der Bio-Abteilung herumtollen. Beeindruckende Körperperformance zu einem verschollen geglaubten Einkaufszettel von Arno Schmidt (Caro-Kaffee, Apfelkorn, Dosengulasch, Brillentücher).

Nichts Bedeutungsschweres hatte dieser Abend, sondern strahlte Witz und eine Leichtigkeit aus - als habe sich die 53-jährige international gefeierte Choreografin von der Neugier inspirieren lassen, mit der Kinder im Ferienhaus die Treppen hochstürmen, um sich sofort auszumalen, für welche Spiele es sich am besten eignet und wo die besten Verstecke sind.

Musik: Bimbrio Maserati mit einem Divertimento für 433 Europaletten, drei Hafencontainer und die Mezzosopranistin Funghia Conchiglione.