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Neil LaBute: "Wie es so läuft" (Programmheft Theater Bonn)

Was so gespielt wird

Neil LaButes Trompe-l’oeil-Stück "Wie es so läuft" (Programmheft zur deutschen Erstaufführung im Theater Bonn, Spielzeit 2006)

Okay. Das wird hier also gespielt. Schauen wir uns das einmal ein bißchen genauer an. Setzen Sie sich doch mal. Sie machen mich nervös, wenn Sie da dauernd so herumstolzieren. Was wird hier gespielt? Mann und Frau. Kennen Sie, oder? Wer ist eigentlich die Blonde da neben Ihnen? Ihre Frau? Sicher? Egal. Geht mich nichts an. Ich bin hier nur der angeheuerte Programmfuzzi. Sogar die Programmhefte werden heutzutage outgesourcet. Na ja, ich will mich nicht beklagen. Ich hätte eine Menge sein können: Mummy’s Darling, Daddy’s Schande, Rechtsanwalt oder der Liebhaber Ihrer Frau. Okay, noch ist nichts verloren, kann alles noch werden. Immerhin muß ich nicht über Ihrer Garage wohnen. Das Leben kann noch werden. Aber momentan bin ich hier nur das hired gun, und Sie setzen sich jetzt bitte hin.

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Interview mit Daniel Auteuil (stern)

„Lassen wir meiner Eitelkeit freien Lauf!“

Interview mit dem französischen Schauspieler Daniel Auteuil (stern, 15.06.06)

Cannes, Filmfestspiele 2006, VIP-Terrasse des Nobelhotels „Martinez“. Vom Meer her weht starker Wind. Vielleicht kommt er aus Algerien, wo Auteuil geboren ist. Der Wind trägt das Kreischen von Mädchen herüber, die auf der Croisette Penelope Cruz zujubeln. Die Jungs warten stumm darauf, daß der Wind Penelopes Rock lupft. High Glamour. Auteuil ist in seinem Element. Er schaut sich nach jeder schönen Frau um, die vorbeikommt. Es kommen viele schöne Frauen vorbei. Mit Auteuil macht es richtig Spaß, Mann zu sein. Vielleicht verrät er uns, wie er sie alle herumgekriegt hat: Emmanuelle Béart, Marianne Denancour und all die andern. Ganz vorsichtig herantasten.

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Raymond Chandler: "The Big Sleep" (Einführung in die SZ-Krimi-Bibliothek)

Hirn statt Wumme

Die Große Fuge des Kriminalromans: "The Big Sleep" von Raymond Chandler (Einführung zu Band 24 der SZ-Kriminalbibliothek)

Auf den ersten Blick erscheinen Raymond Chandler und sein Held Philip Marlowe als verdammte Profis. Bevor Chandler mit „The Big Sleep“ seinen ersten Roman schrieb, erlernte er als Full-time Writer von Kurzgeschichten für das legendäre Pulp Magazine „The Black Mask“ das harte Handwerk der Genre-Literatur. Nach sechs Jahren hinter der schwarzen Maske kannte er jeden Kniff des Metiers und war mit Plot Point und Cliff Hanger so vertraut wie Phil Marlowe mit allen Raffinessen der Mobster. Chandlers und Marlowes Tagessatz dürften gleich hoch gewesen sein: 25 $ pro Tag plus Spesen.

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Mohan, Menu, Mottin (Hg.): "Im Herzen der Mona Lisa. Dekodierung eines Meisterwerks" (stern)

Mona Lisas Körbchengröße

39 Wissenschaftler haben Leonardo da Vincis Meisterwerk auf Herz und Nieren geprüft (stern, 26/06)

Sie sind die Besten, und sie sind mehr als drei Dutzend. Sie ist die Schönste, und sie ist allein. Sie haben modernste Apparaturen, und sie hat nur ihr Lächeln. Zwischen ihnen liegen Jahrhunderte, und jetzt treten sie zum Duell an. Zum fünfhundertsten Geburtstag der Mona Lisa spendierte der Louvre dem bekanntesten Gemälde der Welt eine neue klimaregulierte Panzerglasvitrine. Zuvor vereinte man 39 Spitzenkräfte aus Natur- und Geisteswissenschaften, um das Meisterwerk einem Generalcheck zu unterziehen und ihm seine letzten Geheimnisse zu entlocken. Ein prächtiger Bildband voller atemberaubender Großformatbilder und kniffeliger Tortendiagramme dokumentiert nun diesen Wissenschaftsthriller: Welche Pigmente hat da Vinci in sein Walnußöl gerührt? Wo hat sich der Meister korrigiert? Aus welchem Holz ist die Mona Lisa geschnitzt? In welchem ihrer Körperteile nagt der Holzwurm am lustvollsten? Wie mag sie unter ihrem vergilbten Firnis aussehen? Welche Krümmung hat ihr Lächeln?

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Dagmar Leupold: "Alphabet zu Fuß. Essays zur Literatur" (SZ)

Der Tag, als Eva Schuster anrief

Dagmar Leupold verwurstet, was von der Tagung übrigblieb: Alphabet zu Fuß. Essays zur Literatur (SZ, 18.05.06)

„Es war in diesem Literaturhaus“, nein, „es war bei einer Lesung“, ach was, war es nicht „bei einem Seminar für (zukünftige) Romanautoren“, halt, ich glaube, es war doch eher „auf einer Reise nach Darmstadt zum Deutschen Literaturfonds“, nein, stimmt ja gar nicht, jetzt hab’ ich’s, es war der Tag, „als mich Eva Schuster vom Kulturreferat anrief.“ Deutschland, deine Evas, deine Kulturreferate, Literaturhäuser, Autorenseminare und Dichterfonds! Darmstadt, endlich Darmstadt...

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Der Mafioso Bernardo Provenzano und seine Olivetti (SZ)

Die Schreibmaschine des Paten

Wie sich der Capo di tutti Capi Bernardo Provenzano als Autor inszenierte (SZ, 15.04.2006)

Mafiosi sind nicht nur Brutalos, sondern auch hoffnungslos pathetische Romantiker. Sie verwenden ebenso viel Konzentration auf den nächsten Territorialkrieg wie auf die sorgfältige Pflege ihrer mythischen Aura, hinter der im kollektiven Bewußtsein oftmals ihre Brutalität zu verschwinden droht. Niemand verbrämt rohe Gewalt so erfolgreich mit pittoresken Inszenierungen wie der Mafioso. Lange vor Francis Ford Coppola waren die Mafiosi ihre eigenen Regisseure, Maskenbildner und Ausstatter. Auch der soeben gefaßte oberste Mafioso Bernardo Provenzano blieb der langen Mafiatradition der mythischen Selbstinszenierung treu. Sein Mythos wird auf ewig mit einer Olivetti Lettera 32 verbunden bleiben.

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Michael Wallner: "April in Paris" (stern)

Im Räderwerk der Nazi-Geisterbahn

Michael Wallners Historienschmonzette April in Paris (stern, HEFT 16, 12.04.2006)

Frankfurt, Buchmesse 2005: Gähnend zogen die internationalen Literaturagenten ihre Hotelzimmertüren ins Schloß, tauschten Anzug gegen Agentenbademantel und begannen, in einer ins Englische übersetzten Textprobe aus einem deutschsprachigen Historienroman zu blättern. Erst glühten ihre Wangen, dann ihre Handys: Der 80-seitige Teaser zu Michael Wallners Roman „April in Paris“ wurde zum heißesten Ding der Messe. Als die Agentenbademäntel wieder in den Koffern verschwunden waren, war der Roman in 13 Länder und 4 Kontinente verkauft. Jetzt ist er hierzulande erschienen.

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Frank Goosen: "Pink Moon" (SZ)

Tresenkost ohne Deko-Petersilie

Via Mond direkt ins Herz: Frank Goosens Vaterroman "Pink Moon" (SZ, 30.03.2006)

Ist die aktuelle Flut von Familienromanen nun eigentlich schon böse neokon oder gehören das rituelle Blättern in Fotoalben und die lustvollen Kletterpartien durch den Stammbaum einfach inzwischen zu den allgemein menschlichen Reflexen gegen zunehmende Unbehaustheit in unserer globalisierten Welt?

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Tanja Dückers: "Der längste Tag des Jahres" (SZ)

Natter im Familienterrarium

Tanja Dückers sucht das Weite: "Der längste Tag des Jahres" (SZ, 24.03.2006)

"Spielzone" hieß Tanja Dückers’ erster Roman aus dem Jahre 1999. Das waren noch Zeiten: Überall standen damals literarische Fräuleinwunder in geblümten Miniröcken auf den Berliner Verkehrsinseln. Umspült von der tosenden Rush Hour der neuen Hauptstadt, ließen sie sich alles Haupthaar, das nicht von einer kecken Sonnenblumenspange zusammengehalten wurde, vom staubteilchengeladenen Metropolenwind zausen und sangen von kurzfristigen Clubabenteuern, von Marios waidwundem Rehblick gestern Nacht an der großen Baßbox und vom sanften Caipi-Blues beim 16.00-Uhr-Brunch in einer Bar, die ein transsexueller Palästinenser oder eine syrische Anarcho-Drag Queen oder ein expatriierter Shaolinmönch in einem ehemaligen Klohäuschen der SS – oder war’s eine ehemalige Stasi-Abhörzentrale? – kurz vor der großen Sonnenfinsternis eingerichtet hatte, weißt du noch?

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Christian Kracht im Dschungel von Paraguay (SZ)

Oh, wie schön ist Paraguay

Deutsche Dekadenzdandys über eine nietzeanische Dschungelutopie von 1887 (SZ, 21.03.2006)

Die Torstraße in Berlin Mitte ist noch eine der wenigen Straßen, in denen sich die hochrenovierte und kulissenhaft zurechtgespachtelte Hauptstadt von ihrer provisorischen Seite zeigt. Ein, zwei Kilometer von Angela Merkels Hauptstadtwohnung entfernt bröselt die Konkursmasse und klaffen die Improvisationsräume. Irgendwo zwischen einem leerstehenden „Cosmetic- und Nail-Art Studio“ und einem Hörgeräte-Shop leuchtet ein nackter Galeriekubus in utopischem Weiß aus der grauen Fassade heraus. Hier entsteht Kunst in inspirierender Nachbarschaft zum Sarg-Discounter.

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