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ICH BIN 3000 DATEIEN: Meine Facebook-Sucht, meine Daten und Cambridge Analytica (stern)

Hallo, lieber Leser. Unserem geliebten Facebook geht es nicht gut. Das müssen wir ändern. Poste all Deine sexuellen Vorlieben, Deine schlimmsten Kindheitserinnerungen, Deine bewegendsten Nacktbilder, Deine geheimsten Putschpläne. Jetzt die Facebook-Aktie in die Gewinnzone posten! Tagesziel: 5 Prozent.

Tut auch gar nicht weh. Ist auch gar nicht so schlimm. Ist das T-Shirt erst gefallen, fällt der Striptease erstaunlich leicht. Ich seh's ja an mir selbst. Für einen Like einer meiner 3500 Freunde bin ich inzwischen bereit, praktisch alles zu tun. Neulich hätte ich sogar fast ein Foto von meiner Tochter gepostet. Sie sah so lustig aus in ihrem vereisten Wintermantel mit einem Haufen Schnee auf dem Kopf. Immerhin sah man sie nur von hinten. Trotzdem: das Foto des eigenen Kindes auf Facebook! Wie krank muss man sein?

Ich bin da so reingerutscht. Wie man halt reinrutscht in eine Sucht. Alkohol, Kokain oder die Sucht nach dem bunten Kolibri unserer Träume, dem man im frischen Tau der frühen Morgenstunden hinterherjagt, weil man sehen will, wie der kleine, irrlichternde Federball im transparenten Glast der aufgehenden Sonne schimmert.

Entschuldigung, ich schweife ab. Kann mich grad nicht konzentrieren. Musste eben schnell einen russischen Porno-Bot in meine Freundesliste aufnehmen. Ich liebe diese schüchtern lächelnden Beauty-Queens aus Wolgograd, Kasachstan oder Omsk. Beruhigend flackernde Lichter in meinem düsteren Alltag.

Jetzt, wo die Datenanalysten von Cambridge Analytica unser geliebtes Facebook an den Abgrund bringen, wollte ich mir meine digitale Vergangenheit einmal näher anschauen. Meine Suchtgeschichte hat nämlich gerade 10-jähriges Jubiläum. Guter Anlass, in alten Erinnerungen zu schwelgen und nachzuschauen, was genau von mir eigentlich auf den Servern des Sozialen Netzwerkes alles gespeichert ist. Also habe ich mir alle Daten heruntergeladen, die Facebook von mir besitzt.

Vollständige Geschichte auf stern.de

Werner Herzog: "Bei so einer Frage muss ich auf die Herrentoilette und mich übergeben" (stern)

Filmemacher Werner Herzog spricht über sexuellen Missbrauch, Größenwahn und darüber, wie man in Hollywood überlebt.

(Von Hannes Roß und Stephan Maus)

Herr Herzog, die "Me Too"-Debatte legt die verborgenen Machtstrukturen im Filmgeschäft offen. Sichtbar wird ein düsteres Milieu, in dem narzisstische Männer Frauen erniedrigen und vergewaltigen.

Was wir hier erleben, geht weit über Hollywood und das Filmgeschäft hinaus. Das ist etwas viel Größeres. Ein Verhalten wie das von Kevin Spacey oder Harvey Weinstein beispielsweise ist in absehbarer Zukunft undenkbar. Männer wissen jetzt, dass sie nicht nur aus einem Film entfernt werden, sondern ihre ganze Lebenskarriere riskieren. Endlich kommt die Zäsur, die die feministische Bewegung schon seit den 60er Jahren zu Recht fordert. Was wir im Moment miterleben, ist epochal.

Inzwischen geben sogar Schauspieler aus Woody-Allen-Filmen ihre Gagen zurück und sagen, ich bereue, mit ihm gedreht zu haben.

Bei Woody Allen wusste man schon lange, dass er nicht ganz koscher ist.

Vor Gericht wurde Woody Allen allerdings freigesprochen.

Es spielt keine Rolle, ob er freigesprochen wurde oder nicht. Harvey Weinstein wird vielleicht auch freigesprochen werden.

Im Fall von Jörg Kachelmann konnte man sehen, dass falsche Anschuldigungen drohen, ein ganzes Leben zu zerstören.

Es ist erst einmal nichts Verkehrtes daran, wenn ein Schauspieler ein Zeichen setzt und seine Gage zurückgibt. Der Schauspieler sagt ja nicht, Woody Allen hat sich des Inzests schuldig gemacht. Vielleicht schlägt das Pendel hin und wieder zu weit aus. Auf jeden Fall haben wir eine neue Epochenlinie zu Gesicht bekommen.

2013 offenbarte Pola Kinski in einem "stern"-Interview, dass ihr Vater sie als Minderjährige sexuell missbraucht hatte. Damit wurde Klaus Kinski zu einem der ersten Fälle von restloser Entzauberung einer Film-Ikone. Waren Sie damals überrascht von Pola Kinskis Enthüllung?

Pola hat bei mir Rat gesucht, lange bevor sie an die Öffentlichkeit ging. Was in ihrem Buch stand, wusste ich schon.

Wie haben Sie auf Pola Kinskis Hilferuf reagiert?

Man kann in einem solchen Moment nicht trösten, weil es keine Tröstung gibt. Man kann nur zuhören. Und ich habe mir gesagt: Ich kann nicht wirklich helfen. Aber vielleicht einen Teil der Last übernehmen. Weil ich auch jemand war, der mit Kinski seine Last zu tragen hatte.

Bevor Kinski 1991 verstarb, haben Sie 25 Jahre lang mit ihm zusammen gearbeitet. Haben Sie nie etwas geahnt?

Nein. Die ersten Vermutungen kamen erst 20 Jahre nach unserem letzten gemeinsamen Film "Cobra Verde" aus dem Jahr 1987 auf. Damals haben sich Frauen bei mir gemeldet, die auch unter Kinski gelitten haben.

Sie haben fünf Filme mit Kinski gedreht, und dabei ist Ihnen nie etwas aufgefallen?

Es gab Momente mit Kinski, wo er in düsteren Drohungen gegen mich andeutete, er könne für mich so gefährlich werden wie seinen Töchtern gegenüber. Aber was das wirklich bedeutet hat, habe ich erst durch Polas Erzählungen verstanden. Da hat sich erst spät, ganz spät im Nachhinein, ein anderes Bild von ihm zusammengesetzt.

Vollständiges Interview auf stern.de

DROGENKRIEG IN MARSEILLE: Der Moloch und der Tod (stern)

In den Vorstädten von Marseille tobt der Krieg der Drogenclans. Die Dealer werden immer brutaler, die Opfer immer jünger. Eines von ihnen war Fahad Echata.

Der Mistral treibt Müll über den Parkplatz des Einkaufszentrums in der Hochhaussiedlung "Parc Kallisté". Gleich neben der Zufahrt feiert ein Graffito eine Städtepartnerschaft des internationalen Drogenhandels: Marseille – Bogota – Baltimore – Palermo – Malaga.

"Parc Kallisté", eine der berüchtigten Problemsiedlungen von Marseille: 753 Wohnungen, verteilt auf neun Gebäude. 18 Stockwerke Verwahrlosung. In den Fluren stinkt's nach Katzenpisse. Riesig sind die Katzen hier. Genau wie die Ratten. Verfluchte Cité.

Manche Wohnungen sind vermauert, andere werden besetzt. Viele werden von "Schlaf-Händlern" zu Wucherpreisen untervermietet an Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung. Letzte Station vor der Obdachlosigkeit. In den Hauseingängen warten Dealer auf Kundschaft, Kapuzen tief ins Gesicht gezogen.

Viele Geschäfte haben schon zugemacht. Nur der Drogenhandel boomt. Auf dem Parkplatz fahren Autos aller Klassen vor. Der florierende Cannabismarkt ist umkämpft. Der Clankrieg wird immer brutaler. Und die Opfer werden immer jünger. Der 19-jährige Fahad Echata war eines von ihnen.

Vollständige Reportage auf stern.de

Interview mit Kabarettist Serdar Somuncu: "Erdogan tut alles dafür, im Knast zu landen" (stern)

Herr Somuncu, erklären Sie uns Recep Tayyip Erdogan.

Beginnen wir mit einer Allegorie. Ich mähe gleich Rasen.

Elektrischer Sitzrasenmäher?

Nein, Benzin-Motor. Es muss laut sein und stinken.

Öl, Benzin, Krach: Das muss das proletarische Erbe des Gastarbeiterkindes sein.

Ich liebe Rasenmähen. Bin ich da nicht urdeutsch? Mein größter Feind ist der Maulwurf. Der Maulwurf symbolisiert Erdogan. Er gräbt sich von unten in den deutschen Rasen. Der Rasen ist die Demokratie. Die gewachsene Demokratie. Und er baut sich so einen Gang unter dem Rasen. Zwischendurch kommt er raus, weil er keine Luft mehr bekommt. Ist aber so ein Schisser, dass er sich sofort wieder versteckt.

Ist Erdogan verrückter Diktator oder kluger Stratege?

Erdogan denkt nicht, dass er Diktator ist. Er denkt, er kämpft gegen eine unsichtbare Staatsmacht. Er ist Revolutionär. Er denkt, er sei gerade aus dem Knast rausgekommen und müsste verhindern, wieder reinzukommen. Aber er tut letztendlich alles dafür, dass er irgendwann wieder dort landet. Auch Erdogans Außenpolitik ist so. Er legt sich an mit Putin, er legt sich an mit den Amerikanern, er legt sich an mit Europa. Und in dem Moment, da er merkt, dass er zu weit gegangen ist, zieht er sich zurück und wartet ab.

Welchen Plan verfolgt Erdogan?

Er befürchtet, dass das Referendum zu seinen Ungunsten ausgeht und er die Macht verliert. Er befürchtet, dass die Eliten in der Türkei aufständisch werden. Das würde einen Bürgerkrieg bedeuten. Deswegen aktiviert er seine stärkste Bürgerwehr außerhalb der Türkei, nämlich die in Deutschland und Europa lebenden Türken, um sie auf seine Seite zu ziehen. Dabei riskiert er einen Bürgerkrieg in Deutschland.

Sie übertreiben.

Stellen Sie sich vor, es stirbt nur ein Türke in Deutschland, ein AKP-Anhänger oder ein Nicht-AKP-Anhänger in einem innertürkischen Zwist. Wir hätten in einer Woche Krieg. Erdogan geht ans Limit. Er provoziert, dass die Situation eskaliert.

Vollständiges Gespräch auf stern.de

"Verräter töten wir" - Interview mit einem Massenmörder

Heute beginnt in Paris der dritte Prozess gegen den einstigen Top-Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, genannt „Carlos“. Anklage: Handgranaten-Attacke in einem Pariser Luxuskaufhaus am 15.09.1974. Opfer: 2 Tote, 34 Verletzte.

Vor Gericht sagte Carlos: „Ich bekenne mich zu allen Verletzten und Toten. Ich bin ein Held des palästinensischen Widerstands, und ich bin der einzige Überlebende seiner europäischen Führungskräfte, denn ich habe immer schneller geschossen.“

Hier ein Interview, das ich 2010 mit Carlos geführt habe (stern.de)

Steinzeitdiät im Selbstversuch: "Bis die Fontanelle platzt"

Ich bin 48, mein Body-Mass-Index ist 25, mein Kung Fu passabel, und eigentlich geht's mir blendend. Aber könnte es mir nicht besser gehen? Wenn ich in mich reinspüre, dürfte mein Geist gern etwas aufgehellter sein, irgendwie pastellfarbener, und mein ganzer Metabolismus gern etwas sanfter schnurren. Wenn ich mein allmorgendliches Oben-Ohne-Selfie schieße, sehe ich Optimierungspotential.

Um mich rum überall Jogger. Mit ihren Kardio-Trackern am Oberarm sehen alle aus, als wären sie gerade aus der Notaufnahme abgehauen. An jeder Salatbar ist die Hölle los. Und ich schaufele immer noch rheinischen Sauerbraten mit Kartoffelbrei in mich hinein, als hätte ich gerade erst eigenhändig das zerbombte Nachkriegsdeutschland wieder aufgebaut. "Sättigungsbeilage!" heißt mein Schlachtruf am Büffet. So kann zeitgemäße Ernährung nicht aussehen.

Fest steht: Ich könnte mehr PS auf die Straße bringen. Und sollten wir das nicht alle in so unsicheren Zeiten wie diesen? Konkurrenzfähig bleiben. Am Nebenmann vorbeiziehen? Besseren Antritt hinlegen? Außerdem fehlt mir ein Glaube. Gott ist möglich. Aber ich spüre ihn nicht richtig. Ein System, die Welt zu ordnen in Gut und Schlecht, wäre schön. Ein klares Weltbild und Vitamin C schützen vor Sommergrippe. Eine Essensreligion wäre wunderbar. Wechseljuicer, Flexitarier, Flexiganer – egal: Irgend ein Foodamentalismus muss her.

Aber originell müsste es sein. Je ausgeklügelter die Lehre, desto interessanter der Adept. Bewusst essen ist das neue Statussymbol. Wer sich gut nährt, erntet Anerkennung, hat was zum Smalltalken und erhöht seine Chancen auf den Dating-Portalen. Außerdem predige ich gern. Weiß aber meist nicht, worüber. Der große Goji Beeren-Sermon wäre ein Ausweg.

Die Essensreligionen sind auf den ersten Blick unübersichtlich. Der Optimierungswahn boomt und treibt schillerndste Blüten. Ich könnte zum Beispiel auf Nachtschattengewächse verzichten. Langweilige Story irgendwie. Dann schon eher Beyoncé-Diät: Mit Reis, Kartoffeln und Nudeln zur Diva. Oder eine von Gwyneth Paltrows Detox-Kuren. Wundermittel Grünkohlsaft! In Kalifornien ist Grünkohl das neue It-Gemüse. Und Detox ist immer gut. Wer fühlt sich nicht vergiftet, schmutzig, unrein? Gerade jetzt im Frühjahr. Oder ist schon Sommer? Sehen Sie: Ein undurchdringlicher Schleier liegt über meinem Bewusstsein.

Leider hat meine spirituelle Nähe zu Gwyneth Paltrow etwas nachgelassen, seit sie die Vagina-Reinigung mit Wermutkraut-Dampf propagiert. Dazu kommt, dass ich langsam in die Midlife Crisis komme. Da ist es wichtig, seine Männlichkeit noch einmal neu zu fokussieren. Bin ich nicht viel zu metrosexuell? Ist mein Lachen nicht genau eine Oktave zu hoch? Sind das vielleicht all die Kälberhormone in der Milch? Ich bin kein Kälbchen! Ich bin ein Stier!

Vollständige Geschichte auf stern.de

Ferdinand von Schirach im Gespräch: "Das Dunkle ist in uns allen"

Herr von Schirach, in Ihrem Theaterstück "Terror" kapert ein Terrorist eine Lufthansa-Maschine und steuert sie auf die voll besetzte Allianz Arena. Ein Kampfpilot widerspricht den Befehlen seiner Vorgesetzten und schießt die Passagiermaschine eigenmächtig ab. Der Pilot kommt vor Gericht. Am Ende des Stückes lassen Sie den Zuschauer über das Urteil abstimmen. So wird das auch in der Fernsehadaption des Stückes sein. Wie ist Ihr Urteil?

Es geht nicht um mich, es geht um die Zuschauer. Das Stück ist offen, wir stehen vor einem moralischen Dilemma. Vieles spricht für einen Freispruch. Der Pilot trägt eine ungeheure Last, er ist kein Krimineller, sondern will das Richtige tun. Trotzdem würde ich ihn verurteilen.

Muss er nicht 164 Menschen opfern, um 75.000 zu retten?

Das genau ist die Frage. Können wir zulassen, dass der Staat Leben gegen Leben aufwiegt? Verraten wir damit nicht, was uns ausmacht?

Was verrät derjenige, der wenige Menschen tötet, um viele zu schützen?

Unsere Verfassung beginnt mit dem Satz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Jeder Mensch ist unendlich wertvoll. Es gibt keine Abwägung. Das sind die Prinzipien, nach denen wir leben.

Vollständiges Gespräch auf stern.de

PORTRAIT: Ronald Schill - Vom Hamburger Rathaus in die RTL-Nacktkuppelshow "Adam sucht Eva"

1,95 Meter groß ist der neue Adam und 90 Kilo schwer. Geduckt tigert Ronald Schill über den Kölner Domplatz - ausgerechnet Domplatte. Der Mann, der einmal Hamburger Innensenator und Zweiter Bürgermeister war, lebt eigentlich in einer Favela in Rio de Janeiro. Nun ist er aber in Köln, wo er PR für die RTL-Nacktkuppel-Show "Adam sucht Eva" macht. In Schills Rücken türmen sich über 750 Jahre christliches Abendland, rußschwarz. Hoch oben im Dom leuchtet ein Gerüst. Es sieht aus wie ein anatomisches Stützkorsett.

Der Instinktpolitiker wittert einen Auftritt: "Von diesem Platz gingen Anfang des Jahres Breaking News hinaus in die Welt. In der Silvesternacht wurden zahllose Frauen von Migrantengruppen belästigt. Ich war überrascht, dass die deutschen Medien darüber fast eine Woche kein Wort verloren."

Er schaut maliziös. Man spürt: Manchmal möchte er am liebsten gleich wieder losziehen, von Platz zu Platz, Megaphon in der Hand, auf Stimmenjagd. So wie damals, 2001, als er mit seiner "Partei Rechtstaatlicher Offensive" aus dem Stand 19,4 Prozent geholt hat. Pegida, AfD - in diesen Wassern könnte er mühelos fischen. Würde er nicht gern mitmischen bei Petry & Co? "Im Ernst? Ich bin es gewöhnt, in erster Reihe zu stehen", sagt er. "Ganz oben. In einer Partei, die meinen Namen trägt."

Blaues Wildlederjackett, Jeans, ausgetretene Segelschuhe, Radkuriertasche. Federnder Schritt, müde Augen. Er steuert auf ein Lokal am Rheinufer zu, Blick auf die Hohenzollernbrücke. Früher hat er drüben im Hyatt gewohnt. Fünf Sterne, toller Blick auf Dom und Rhein. Heute, wo er selbst zahlen muss, kommt er am Stadtrand bei einem Freund unter. Schill bestellt Schweinshaxe und eine große Cola.

Herr Schill, Sie waren einmal Zweiter Bürgermeister der stolzen Hansestadt Hamburg. Jetzt treten Sie bei einer Nacktkuppelshow im Trash-TV auf. Was ist passiert?

Vollständiges Porträt auf stern.de

Stephan Maus, Andrea Ritter: "Tour de France. Eine Reise durch Frankreichs Bistrots zum Start der EM"

Frankreich. 246 Käsesorten. Bewohner, deren Widerspenstigkeit weltberu?hmt ist. Gewerkschaften, die regelmäßig den Alltag lahmlegen. Wie kann man so ein Land verstehen? Wie seine Seele zu fassen bekommen? Wenn u?berhaupt, dann im Bistro, wo sich die französische Lebensart am besten erkunden lässt – also Tour de France, von Tresen zu Tresen. Allons-y!

Saint-Denis, L'Escargot, die Schnecke, typisch französische Bar Tabac mit Lottolosverkauf, Mittagessen und Sky-Abo. "Wir sind die Kneipe, die am nächsten am Stadion dran ist", sagt Amar Brahimi stolz, und es stimmt, jenseits der Kreuzung, hinter einem komplizierten Gewirr aus Hochstraßen und Beton, kann man hier am nördlichen Stadtrand von Paris das Stade de France sehen, ein bisschen zumindest, ein Stu?ck der ovalen Dachkonstruktion. Amar arbeitet seit mehr als zehn Jahren im Escargot, eigentlich sollte es nur ein Studentenjob sein, dann blieb er. Auch am 13. November des vergangenen Jahres, dem Tag der Anschläge, stand Amar hinter dem Tresen. "Wir sahen auf dem Bildschirm, was im Stadion passierte, und auf der Straße, wie nach und nach das komplette Viertel abgeriegelt wurde. Überall CRS-Polizei, Soldaten, erst Geru?chte, dann die Gewissheit: Das sind Terroristen."

Drei Kommandos zogen damals mordend durch die Stadt, am Stade de France sprengten sich drei Attentäter in die Luft. Fast jeder in der Bar kannte jemanden, der gerade im Stadion war, man hatte sich ja nach dem Spiel hier treffen wollen. "Die Stimmung war gespenstisch", sagt Amar. Niemand durfte vor die Tu?r, Ausgangssperre. Hatte er Angst? "Damals schon", sagt Amar. "Aber inzwischen nicht mehr. Wenn wieder etwas passiert, dann sicher nicht hier am Stadion." Im Grunde hätten die Sicherheitskräfte hervorragend gearbeitet, da ist man sich am Tresen einig. "Man weiß ja, dass die Bedrohung immer präsent ist. Nicht umsonst haben wir seit Jahren Alarmstufe Rot."

Seit 2014 gelten verschärfte Sicherheitsmaßnahmen wegen "konstanter terroristischer Bedrohung" – und seit dem 13. November herrscht Ausnahmezustand im gesamten Staatsgebiet. Im Escargot braucht man nur aus dem Fenster zu schauen, um zu sehen, was das bedeutet: Samstagabend, die Spezialeinheit CRS fährt in Kolonne vorbei, Militärs patrouillieren durch die Straßen, sie gehören zum staatlichen Terrorabwehrprogramm "Vigipirate".

Vollständige Reportage auf stern.de

CHARLIE HEBDO: Darum ist die Aylan-Karikatur nicht rassistisch

Ein Jahr nach den Attentaten auf "Charlie Hebdo" tobt in den sozialen Medien ein Shitstorm gegen die französische Satirezeitschrift. Grund ist eine Karikatur des Herausgebers und Zeichners Laurent Sourisseau, bekannt als Riss, zu dem Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi. Der dreijährige syrische Kurde ertrank auf der Flucht im Mittelmeer und wurde am 2. September 2015 an der türkischen Küste in der Nähe von Bodrum angespült.

Die Karikatur zeigt nun einen Mann mit Schweinsgesicht, der hinter schreienden Frauen herjagt. Ein kleines Medaillon zeigt noch einmal den ertrunkenen kleinen Aylan. Dieses Bild ging damals um die Welt. Viele Menschen waren tief berührt. Doch ebenso viele fanden es pietätlos, tote Kinder in den Medien zu zeigen.

Die Überschrift des Cartoons fragt: "Was wäre aus dem kleinen Aylan geworden, wenn er erwachsen geworden wäre?" Die Antwort lautet: "Arschgrabscher in Deutschland."

Auf Twitter und Facebook heißt es nun, "Charlie Hebdo" habe die Grenzen der Satire überschritten. Die Karikatur sei geschmacklos. Im Raum steht die Frage: Ist "Charlie Hebdo" rassistisch?

Vollständige Analyse auf stern.de